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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 96
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XX.

Das Urtheil des Paris.

Jupiter, Merkur, Juno, Pallas, Venus, Paris, auch Alexander genannt.

Jupiter. Merkur, nimm diesen Apfel da, und begieb dich damit nach Phrygien zu dem Sohne des Priamus, der die Kühe auf dem Ida weidetIm Original ist noch des Gargarus erwähnt, der mittelste der drey Berge aus welchen der Ida bestand. Zu Strabons Zeiten zeigte man noch die Scene dieses berühmten Urtheils des Paris auf einem Berge, der damals Alexandria genannt wurde., und sage ihm von Meinetwegen, weil er selbst schön sey und sich auf Liebessachen besonders gut verstehe, so befehle ich ihm den Ausspruch zu thun welche unter diesen Göttinnen die schönste sey; und die Siegerin in diesem Streite soll den Apfel aus seiner Hand empfangen! – Zu den drey Göttinnen. Es ist nun Zeit, daß ihr euch zu euerm Richter verfüget; ich für meine Person mag mit der Entscheidung nichts zu thun haben, da ihr mir gleich lieb seyd, und ich euch, wenn es nur angienge, recht gern alle drey siegen sähe. Aber auch ausserdem ist es eine Unmöglichkeit, Einer den Preis der Schönheit zu geben ohne sich bey den übrigen äusserst verhaßt zu machen. Aus allen diesen Ursachen tauge ich ganz und gar nicht dazu euer Richter zu seyn. Dieser Phrygische Jüngling hingegen, zu welchem ihr gehen werdet, ist von königlichem Blute, und ein Verwandter des Ganymedes hier, übrigens ein ungekünstelter Sohn der Natur, und den niemand eines solchen Schauspiels unwürdig halten kann.

Venus. Ich, für meinen Theil, würde mich dem Augenschein getrost unterwerfen, wenn du uns auch den tadelsüchtigen Momus selbst zum Richter setztest. Denn was wollte er an mir zu tadeln finden? Aber diese beyden müssen sich den Menschen auch gefallen lassen.

Juno. Auch wir fürchten uns nicht, Aphrodite, wenn gleich dein Mars selbst den Ausspruch thun müßte; wer also dieser Paris auch seyn mag, wir haben nichts gegen ihn einzuwenden.

Jupiter zu Minerven. Ist dieß deine Meinung auch, meine Tochter? was sagst du? du wendest dich und wirst roth? Das ist so was eigenes bey euch Jungfrauen über dergleichen Dinge roth zu werden: aber du giebst doch dein Ja durch einen Wink zu verstehen. Geht also; aber daß ihr mir ja nicht über euern Richter ungehalten werdet, oder dem armen Jungen was zu Leide thut! Denn am Ende ist es doch nicht wohl möglich, daß alle gleich schön seyn könnten.

Merkur. Wir gehen also nun geraden Weges nach Phrygien; ich zeige euch den Weg, und ihr folget mir ganz gemächlich. Habt nur guten Muth! Ich kenne den Paris, es ist ein schöner junger Bursche, und eine verliebte Seele obendrein; er schickt sich unvergleichlich zum Richter in solchen Sachen. Er wird ganz gewiß keinen falschen Ausspruch thun.

Venus. Desto besser für mich, wenn unser Richter so gerecht ist als du sagst. – Ist er noch unverheurathet, oder hat er schon eine Frau?

Merkur. So ganz unverheurathet ist er wohl nicht, Aphrodite.

Venus. Was willst du damit sagen?

Merkur. So viel ich weiß, hat er eine Idäische DirneMerkur spricht von Önone, die er (nach seiner unpoetischen Vorstellungsart) aus einer Nymphe und Tochter des Flusses Xanthus, wie billig, zu einer frischen derben Kühmelkerin macht. bey sich, ein tüchtiges Mädel, wiewohl etwas plump, und – wie sie auf solchen Bergen zu wachsen pflegen. Er scheint eben nicht sehr stark an ihr zu hangen. Aber weßwegen thust du diese Frage an mich?

Venus. Ich fragte nur so, um was zu reden.

Pallas zu Merkur. Das ist wohl nicht in deiner Instruction, du da, daß du dich mit ihr in ein besonderes Gespräch einlassen sollst?

Merkur. Es hat gar nichts zu bedeuten, Minerva, und ist nichts gegen euch; sie fragte mich bloß, ob Paris noch ledig sey.

Pallas. Was geht denn das Sie an?

Merkur. Das weiß ich nicht. Sie sagt, sie habe ohne alle Absicht gefragt, blos weil es ihr so in den Sinn gekommen sey.

Pallas. Und ist er denn ledig?

Merkur. Ich glaube nicht.

Pallas. Aber hat er kriegerische Neigungen? Ist er ruhmbegierig, oder nichts als ein gewöhlicher Kühhirt?

Merkur. So genau kann ich das nicht sagen: aber da er noch jung ist, so läßt sich vermuthen, daß er nicht ohne solche Leidenschaften seyn wird, und daß es ihn wohl nicht verdrießen sollte, ein großer Kriegsheld zu seyn.

Venus zu Merkur. Du siehst, ich beschreye dich nicht darüber, daß du mit ihr besonders sprichst: so was überläßt Aphrodite gewissen Personen, die immer einen Vorwand finden ihre üble Laune auszulassen.

Merkur. Sie fragte mich beynahe das nehmliche. Du hast also keine Ursache es übel zu nehmen, oder zu denken, daß etwas zu deinem Nachtheil vorgefallen sey; ich habe ihr eben so unschuldig geantwortet als dir. Aber, während wir so schwatzen, haben wir schon ein tüchtiges Stück Weges vorwärts gemacht und die Sterne weit hinter uns zurück gelassen. Was hier vor uns liegt, ist Phrygien; denn ich erkenne bereits den Ida, und den ganzen Gargarus, und, wo mir recht ist, sehe ich auch unsern Richter Paris in eigener Person.

Juno. Wo dann? Ich seh' ihn noch nicht.

Merkur. Schaue dort hin, Juno, linker Hand; nicht auf die Spitze des Berges, auf die Seite, wo du die Höle und die Heerde siehest.

Juno. Ich sehe aber keine Heerde.

Merkur. Wie? du siehst die kleinen Kühe nicht, nur so groß, (er mißt ihre scheinbare Kleinheit an seinem Finger) die dort mitten aus den Felsen hervorkommen; und einen, mit einem krummen Stecken in der Hand, der von der Anhöhe herabläuft und sie zurücktreibt, damit sich die Heerde nicht zu sehr zerstreue?

Juno. Nun seh' ich ihn, wenn es der ist.

Merkur. Er ists. Weil wir also der Erde so nahe sind, wollen wir uns, wenn es euch gefällig ist, vollends herunter lassen und zu Fuße gehen, damit wir ihn nicht erschrecken, wenn wir so auf einmal aus der Höhe vor ihm herabfielen.

Juno. Du hast recht, machen wirs so! – Nun da wir auf festem Boden sind, wirst du, Aphrodite, uns wohl am besten den Weg zeigen können; denn du mußt in dieser Gegend überall Bescheid wissen, da du, wie es heißt, öfters hier beym AnchisesAnchises stammte mit Priamus in gleichem Grade von Tros, König von Troja ab. Wie diese ganze königliche Familie bukolisch war, so machte auch Anchises in seiner Jugend den Kühhirten auf dem Ida, und in einem der Besuche, die er in den anmuthigen Wildnissen dieses Berges von der Liebesgöttin erhielt, soll der Held der Äneide sein Daseyn empfangen haben. zum Besuche gewesen bist.

Venus. Du betrügst dich, Juno, wenn du dir einbildest, daß mich dergleichen Spottreden mächtig verdrießen werden.

Merkur. Folget nur mir: ich bin in den Zeiten, da Jupiter seine Neigung auf Ganymeden warf, mit dem Ida sehr bekannt worden; ich mußte oft genug herabsteigen, um nach dem Knaben zu sehen; und als er sich in den Adler verwandelte, flog ich neben ihm her, und half ihm seinen Liebling tragen. Wenn ich mich recht erinnere, entführte er ihn von diesem nehmlichen Felsen, wo er eben unter seinen Schafen saß, und auf der Rohrpfeiffe bließ. Auf einmal flog Jupiter auf ihn zu, schlug so sanft als möglich die Klauen um ihn herum, biß mit dem Schnabel in seinen Turban, und hob den Knaben in die Höhe, der mit schreckenvollem Erstaunen, den Nacken zurückgebogen zu seinem Räuber emporsah; indessen ich die Rohrpfeiffe aufhob, die er vor Schrecken hatte fallen lassenAuch diese Beschreibung scheint wie mehrere andere die in unserm Autor vorkommen, nach einem Gemählde gemacht zu seyn. . – Aber nun sind wir unserm Schiedsmanne so nahe, daß wir ihn anreden wollen – Guten Tag, Kühhirt!

Paris. Dir auch so viel, junger Mann! was bringt dich zu uns hieher? Und was für Frauensleute hast du da bey dir? Sie sehen mir nicht so aus als ob sie in diesem Gebürge zu Hause wären; dazu sind sie zu hübsch!

Merkur. Es sind freylich keine gemeine Frauensleute, mein guter Paris. Du siehest hier die Juno, die Pallas, und die Venus vor dir, und in mir den Merkur, vom Jupiter abgeschickt. Was zitterst du so und erblassest? Fürchte dich nicht, es soll dir kein Leid wiederfahren! Er befiehlt dir nur, über ihre Schönheit den Ausspruch zu thun. Denn da du selbst so schön seyst, sagt er, und für einen Kenner in Liebessachen passirest, so überlasse er dir den Ausspruch. Was der Preis dieses Kampfes ist, wirst du auf diesem Apfel lesen.

Paris. Nur her, laß doch sehen was er sagt – er lieset: Die Schöne soll ihn haben! – Aber, gnädiger Herr Merkurius, wie sollte ein bloßer Sterblicher und ein Bauer oben drein, wie ich, Richter in einer solchen Sache seyn können? Das geht über den Verstand eines Kühhirten: solche Dinge gehören für die hübschen Herren aus der Stadt. Ja, wenn die Frage, von drey Ziegen oder jungen Kühen wäre, da wollte ich nach der Kunst entscheiden, welche die schönste sey! Aber mit diesen Frauen hier ist es ganz ein anders; die sind alle gleich schön, und ich weiß nicht wie's einer machen soll, um die Augen von der einen auf die andere zu kehren. Man muß sie recht mit Gewalt abreissen, sie wollen nicht fort, was sie zuerst ansehen, daran bleiben sie kleben, und das däucht ihnen das schönste: wenden sie sich auf eine andere, so geht es eben so; das nächste ist da so gut, daß man daran genug hat, und nichts bessers verlangt. Ich weiß nicht wie ich es sagen soll, aber mir ist, ich sey von ihrer Schönheit über und über umflossen und umfangen, und es schmerzt mich ordentlich, daß ich nicht wie Argus lauter Auge bin, und sie nicht aus meinem ganzen Leibe anschauen kann. Ich glaube also, ich werde mein Richteramt am besten verwalten, wenn ich den Apfel allen dreyen gebe. Zudem muß es sich just treffen, daß die eine Jupiters Schwester und Gemahlin, und die beyden andern seine Töchter sind; wie sollte das die Wahl nicht noch schwerer machen?

Merkur. Ich weiß nicht; aber das weiß ich, daß du dich dem Befehl Jupiters nicht entziehen kannst.

Paris. So bitt' ich nur um das einzige, Merkur, bringe sie dazu, daß die beyden, die dabey zu kurz kommen, nicht böse auf mich werden, sondern glauben, die Schuld liege bloß an meinen Augen.

Merkur. Das versprechen sie dir; mache also nur, daß du zum Urtheil schreitest.

Paris. Ich will mein Bestes thun, weil es doch nun einmal seyn muß. Aber vorher möcht' ich doch wissen, ob es wohl genug ist sie zu sehen wie sie da sind: oder ob sie sich nicht ausziehen sollten, damit die Untersuchung desto gründlicher ausfallen könnte?

Merkur. Das kommt bloß auf den Richter an; du hast zu befehlen, wie du es haben willst.

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