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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ikaromenippus
oder
die Luftreise.Ikaromenippus. Unter allen Lukianischen Stücken scheint mir der Geist des Aristophanes am reichlichsten über dieses ausgegossen zu seyn. Es ist, nach meinem Geschmack (wenige Stellen abgerechnet) ein Meisterstück von der urbansten Dicacität und dem witzigsten Persifflage, und unterscheidet sich von den meisten übrigen besonders dadurch, daß er sich beynahe lauter popularer Begriffe bedient, um Philosophen, und Götter, und zwar diese letztern, indem er sie an jenen zu rächen scheint, zum Besten zu haben. Mit dem Menippus, den er diese possierliche Luftreise thun läßt, werden wir in den Todtengesprächen noch mehr Bekanntschaft machen. Man weiß so wenig von ihm, daß sogar der Umstand, daß er ein Schüler des Diogenes von Sinope gewesen, nur eine Muthmassung ist: aber dieß weiß man, daß ihm seine Laune, alles was die meisten Menschen mit dem größten Ernst und Eifer treiben in einem lächerlichen Lichte zu sehen, den Beynahmen σπουδογέλοιος zugezogen habe. Es giengen ehemals verschiedene Schriften unter seinem Nahmen herum, die der gelehrteste und schreibseligste aller Römer, Terentius Varro in seinen Menippeischen Satyren (wie er sie nannte) zum Muster nahm. Da aber alles dies verloren gegangen, so ist der Gebrauch, welchen Lukian von diesem philosophischen Harlekin macht, das einzige wodurch sich sein Charakter und Andenken bey der Nachwelt erhalten hat.

Menippus und sein Freund.

Menippus. (Mit sich selbst redend.) Drey tausend Stadien von der Erde bis zum Mond. Die erste Station. – Von da bis zur Sonne ungefähr fünfhundert ParasangenPersische Meilen (Farsang) deren damals fünf und zwanzig auf einen Grad gerechnet wurden.. Von der Sonne bis in den Himmel zur Jupitersburg geht zwar kein gebahnter Weg, aber ein rüstiger Adler kann doch wohl in einem Tage damit fertig werden.

Der Freund. Was, bey allen Grazien! astronomisierst und überrechnest du da so zwischen den Zähnen, Menippus? Ich höre dir schon eine gute Weile zu, wie du weiß der Himmel was für ein seltsames Reisegespräch von Sonnen und Monden und Stationen und Parasangen mit dir selber hältst.

Menippus. Laß dichs nicht wundern, Camerad, wenn ich dir überirdische und luftige Dinge zu reden scheine: denn, kurz und gut, ich überrechne die Reise die ich neulich gemacht habe.

Der Freund. Wie? hast du denn, wie die Phönizischen Seefahrer, die Gestirne zu Wegweisern genommen?Der Scherz wird deutlich, wenn man voraus setzt, daß der Freund aus den Parasangen und Stationen schliessen mußte, die Rede sey von einer Landreise.

Menippus. Das nicht; aber ich bin in den Gestirnen selbst gereist.

Der Freund. Zum Herkules! da hast du einen langen Traum geträumt, wenn du ganze Parasangen weggeschlafen hast!

Menippus. Du meynst ich spreche von einem Traume, mein guter Herr; aber da irrest du dich weit: ich komme gerades Weges vom Jupiter her.

Der Freund. Das wäre!

Menippus. Nicht anders; wie gesagt, unmittelbar von jenem Weltberühmten Jupiter, und zwar nachdem ich sehr wunderbare Dinge gesehen und gehört habe. Wenn du mirs nicht glaubst, desto besser! daß mir so unglaubliche Dinge begegnet sind! Das ists eben was mich am meisten an der Sache freut.

Der Freund. Wie sollte ich, o hochwürdigster und Olympischer Menippus, ich armer Erdenkloß, mich unterfangen, meinen Glauben einem Manne zu versagen, der unmittelbar aus den Wolken kommt? Aber sage mir doch, wenn du so gut seyn willst, wie du es angefangen hast, um so hoch hinauf zu kommen, und wo du eine so ungeheure Leiter dazu hergenommen hast? denn daß ich mir einbilden sollte, du wärest von einem Adler entführt worden, um den Ganymed im Mundschenken-Amt abzulösen, dazu bist du mir, mit deiner Erlaubniß, nicht schön genug.Dieser einzige Umstand ist hinlänglich den Irthum des Scholiasten zu beweisen, der den Lukianischen Menippus mit einem andern vermengt, dessen Philostratus im Leben des Apollonius Meldung thut. Dieser um mehr als 400 Jahre spätere Menippus, aus Lycien gebürtig, war so schön, daß sich eine Empuse (eine Art von Gespenstern oder bösen Geistern in der Rocken-Philosophie der Griechen) in ihn verliebte, und auch von ihm (als dem sie sich in Gestalt einer schönen und reichen Dame zeigte) aufs heftigste geliebt wurde. Die ganze Geschichte und wie der große Geisterseher und Geisterbanner Apollonius die Sache zwischen dem schönen Menippus und seiner phantastischen Dulcinea bis zur Hochzeit getrieben, und wie er die Empuse genöthigt sich noch zu rechter Zeit in ihrem wahren Charakter zu zeigen, ist so erbaulich, daß sie im 25sten Cap. des IV. Buchs des Leb. Apollon. mit allen Umständen nachgelesen zu werden verdient.

Menippus. Du spottest noch immer wie ich sehe, und es ist auch kein Wunder, wenn dir eine so unbegreifliche Erzählung ein Mährchen zu seyn scheint. Aber ich war zu meinem Aufsteigen weder einer Leiter noch eines in mich verliebten Adlers benöthigt: ich hatte meine eigene Flügel.

Der Freund. Nun, das geht noch über den Dädalus! Du bist also, ohne daß wir andern was davon gewahr wurden, wohl gar in einen Habicht oder in eine Dohle verwandelt worden?

Menippus. Du kömmst der Sache immer näher, Nachbar! In der That hab' ich das berühmte Kunststück des Dädalus wieder versucht, und mir selbst Flügel gemacht.

Der Freund. Wie, du verwegenster aller Sterblichen? Und du fürchtetest dich nicht, daß du das Schicksal seines Sohnes haben und irgend ein Menippisches Meer, wie dieser das Ikarische, mit deinem Nahmen bezeichnen würdest?

Menippus. Keinesweges. Ikarus, der sich sein Gefieder mit Wachs zusammenklebte, hätte freylich voraussehen können, daß es in der Sonne schmelzen würde: ich nahm kein Wachs zu meinem Flügelwerke.

Der Freund. Nun, wie machtest du es denn? denn bald fange ich an zu glauben daß es würklich Ernst mit deiner Luftreise seyn könnte.

Menippus. Ich fieng einen sehr großen Adler und einen tüchtigen Lämmergeyer; ich schnitt ihnen die Flügel ab, und – doch, wenn du Zeit hast, will ich dir lieber meinen ganzen Plan von seinem ersten Anfang an erzählen.

Der Freund. Sehr gerne; denn würklich mir ist bey deiner Erzählung als ob ich selbst in den Wolken schwebe, oder vielmehr, als ob ich, seitdem du zu reden angefangen, am Ausgang aller dieser Vorbereitungen bey den Ohren aufgehangen sey.

Menippus. Höre also!Die ganze folgende Erzählung des Menippus scheint mir die eigene Sinnes- und Vorstellungsart darzustellen, die diesem Cyniker den Beynahmen σπουδογέλοιος, d. i. Belacher alles dessen was andere Menschen ernsthaft behandeln, zugezogen hatte. Man muß, um gerecht zu seyn, nicht alles was Menippus in dieser Geschichte seines philosophischen Schul-Curses vorbringt, auf Lukians Rechnung setzen. Unstreitig bediente sich dieser der Gelegenheit, manches, das er nicht geradezu in seiner eigenen Person hätte sagen mögen, dem Menippus in den Mund zu legen: aber manches mußte er ihn doch auch wohl blos darum sagen lassen, um seinem bekannten Charakter getreu zu bleiben. Lukian ist in vielen seiner Dialogen dramatischer Dichter, und an das Gesetz »servetur ad imum qualis ab incepto processerit, et sibi constet« eben so gut gebunden als ein Anderer. Seitdem ich das menschliche Leben genauer zu beobachten anfieng, und in allem worauf die Menschen den meisten Werth legen, und worin ihre Habsucht, ihr Ehrgeiz und ihre Neigung zum herrschen sich zu befriedigen sucht, so viel lächerliches, kleines und unsichres wahrnahm, seitdem wurden mir diese Dinge verächtlich. Ich betrachtete die Bemühungen um sie als eben so viel verlohrne Zeit für das was wahrhaftig der Mühe werth ist, und versuchte also meinem Geist eine höhere Richtung zu geben, und alle meine Aufmerksamkeit auf die Betrachtung des Ganzen zu wenden. Aber hier befand ich mich gleich anfangs in keiner kleinen Verlegenheit, was ich mir von dem, was in der Sprache der Weisen die Welt oder das All heißt, für einen Begriff zu machen hätte. Denn ich konnte unmöglich herausbringen, weder wie dieß besagte All entstanden, noch wer dessen Baumeister, noch was der Anfang noch was das Ende davon seyn könnte. Aber wie ich es erst im Detail zu untersuchen anfieng, wurde meine Verlegenheit immer größer; denn je mehr ich, z. B. die Sterne, die so ohne Ordnung wie es scheint, durch den Himmel hingestreut sind, und die Sonne selbst ansah, je weniger Möglichkeit sah ich, zu ergründen was diese Dinge eigentlich wären. Am meisten aber machte mir der Mond zu schaffen, dessen Eigenheiten mir ganz seltsam und unerklärbar vorkamen, und dessen abwechselnde Gestalten, däuchte mir, irgend eine geheimnisvolle und unergründliche Ursache haben müßten. Aber auch der alles durchdringende Blitz und der plötzlich ausbrechende Donner, der Regen, der Schnee und der Hagel, alle diese Dinge schienen mir so sonderbar beschaffen zu seyn, daß ich nicht wußte was ich daraus machen sollte. Da ich mir nun selbst nicht helfen konnte, hielt ich für das Beste, mich von unsern Philosophen über alle diese Dinge Stück für Stück unterrichten zu lassen. Denn ich zweifelte nicht, daß es nur auf ihren Willen ankomme, mir über das alles die lautere Wahrheit zu sagen. Ich sah mich also nach den vornehmsten unter ihnen um, d. i. nach denen die sich durch das finsterste Gesicht, die blasseste Farbe und den zottigsten Bart auszeichneten: es könnte nicht anders seyn, dachte ich,nehmlich mit dem großen Haufen, dem dieser verdeckte satyrische Zug eigentlich gilt. als daß Männer, deren Aussehen und Sprache so sehr von den gemeinen Erdebewohnern absteche, mehr als andere Leute von den Angelegenheiten des Himmels wissen müßten. Und so gab ich mich diesen Leuten in die Lehre, zahlte schweres Geld zum voraus, machte mich verbindlich noch eben soviel nachzuzahlen, wenn ich den Gipfel der Weisheit erstiegen hätte, und erwartete die Theorie der überirdischen Dinge und die ganze Einrichtung des Weltgebäudes aus dem Grunde kennen zu lernen. Allein es fehlte so viel, daß mir die Herren von meiner vorigen Unwissenheit geholfen hätten, daß sie mich vielmehr durch alle die Causalitäten und Finalitäten, Atomen und leere Räume und Materien und Formen und Ideen, und wie alle die Wörter heissen womit sie mich täglich überströmten, in weit größere Zweifel und Verwirrung warfen als zuvor. Aber was mir bey dem allen das beschwerlichste schien war dies, daß, ungeachtet sie in keinem einzigen Punkte übereinkamen, sondern über alles in ewigem Streit und Widerspruch untereinander waren, ein jeder doch bey mir Recht haben wollte, und mich unter den Gehorsam seines Systems zu bringen suchte.

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