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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 84
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII.

Minervens Geburt aus Jupiters Haupt.

Vulcan und Jupiter.

Vulcan. Wozu begehrst du meiner Dienste, Jupiter? Ich bringe dir, wie du befohlen hast, eine so scharfe Axt mit, daß ich Steine auf Einem Hieb damit durchhauen wollte.

Jupiter. Sehr wohl, Vulcan: so haue mir nur gleich den Kopf entzwey.

Vulcan. Du willst mich probieren ob es in dem meinigen noch richtig sey? Sprich im Ernst und sage mir was ich thun soll.

Jupiter. Mir den Hirnschädel aufspalten, sag ich dir; gehorche, oder du wirst mich böse machen. Es wäre nicht zum erstenmale. Laß es also nicht darauf ankommen, haue aus allen Kräften zu und zaudere nicht länger. Denn ich kann die Wehen nicht länger ausstehen, die mir das Gehirn zerreissenEs gieng sehr natürlich mit dieser Schwangerschaft Jupiters zu, sagen die Dichter und Mythologen. Metis, eine der Töchter des Oceanus, war Jupiters erste Gemahlin, die nicht wenig dazu beytrug, daß ihr Gemahl zur Regierung der Welt gelangte. Denn sie brachte dem alten Saturnus ein Brechmittel bey, welches ihn nöthigte seine mit Rhea erzeugten Söhne, die er verschluckt hatte, wieder von sich zu geben, da diese sich dann mit Jupitern vereinigten um den Vater vom Throne zu stoßen. Nach einiger Zeit wurde Metis schwanger, und Jupiter, der sich bey den Parzen nach dem Erfolge erkundigte, erfuhr von ihnen, daß er durch den Sohn, den sie ihm gebähren sollte, seinen Thron verlieren würde. Diesem ErfoIge zuvorzukommen wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er seine Gemahlin, auf gut Saturnisch mit Haut und Haar verschluckte. Wie den Göttern alles möglich ist, so fand er auf die eine oder andre Art ein Mittel, den Sohn, mit welchem Metis schwanger gieng, in eine Tochter zu verwandeln, und sie in seinem Hirnschädel vollends auszubrüten; bis endlich zu gehöriger Zeit, mit Hülfe der Axt des Vulkans, Minerva zum Vorschein kam..

Vulcan. Siehe zu, Jupiter, daß wir kein Unheil anrichten! Die Axt ist scharf; sie wird dir, wenn hier was zu gebähren ist, keine so sanfte Hebammendienste thun wie Lucina.

Jupiter. Haue nur herzhaft zu; ich weiß daß es mir wohl bekommen wird.

Vulcan. Ich gehorche, so schwer es mich auch ankommt; denn was will einer machen wenn du befiehlst? Er – haut Jupitern den Kopf auf. Ha! was ist das? ein Mädchen in vollständiger Rüstung! Nun wundert es mich nicht länger, daß du so greuliches Kopfweh hattest, und eine Zeit her so böser Laune warst! Es ist kein Spaß, eine so große Prinzessin, und von Fuß auf gewaffnet, unter der Hirnhaut auszubrüten! – Wie? Sie tanzt schon den Waffentanz ohne ihn gelernt zu haben? Wie sie sich dreht und aufhüpft und den Schild schüttelt und den Speer schwingt, und von ihrer eigenen Gottheit zusehends immer stärker begeistert wird! Aber das vornehmste ist, daß sie so schön, und in so wenig Augenblicken schon mannbar geworden ist. Sie hat zwar blaugrünlichte Katzenaugen aber zum Helme steht es ihr nicht übel. Ich bitte dich, Jupiter, laß meinen Hebammenlohn seyn, gieb sie mir zur Gemahlin!

Jupiter. Du verlangst was unmögliches, Vulcan! Sie will ewig Jungfer bleiben. Ich für meinen Theil wollte dir nicht entgegen seyn.

Vulcan. Das ist alles was ich will; fürs übrige laß mich sorgen; ich will schon mit ihr fertig werden.

Jupiter weggehend. Wenn dirs so leicht scheint, so mache was du kannst; ich weiß aber, daß du nicht viel Freude davon haben wirstDer Versuch lief wirklich so übel ab, daß wir genöthigt sind, diejenigen die mehr davon wissen wollen, an den Apollodorus (Biblioth. L. III. §. 6.) oder auch allenfalls an Hrn. Benjamin Hederich zu verweisen, der ihn in seiner eigenen unnachahmlichen Manier jenem nacherzählt. .

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