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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 80
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.

Ganymed.

Jupiter und Ganymed.

Jupiter. Nun, mein lieber Ganymed, sind wir an Ort und Stelle angekommen. Küsse mich, mein Püppchen, damit du siehest daß ich keinen krummen Schnabel, keine scharfen Klauen und keine Flügel mehr habe, wie es dir vorkam, da ich ein Vogel zu seyn schien.

Ganymed. Wie, Mann? du warst doch nicht der Adler, der vor einer kleinen Weile herabgeflogen kam und mich mitten aus meiner Herde davon führte? wo wären denn deine Flügel hingekommen? und warum siehst du denn jetzt ganz anders aus?

Jupiter. Das kommt daher, mein Kind, weil ich weder ein Mensch noch ein Adler, sondern der König der Götter bin, der die Adlersgestalt nur annahm, weil sie ihm zu seiner Absicht bequem war.

Ganymed. Was du sagst! du bist also der Pan, von dem ich schon soviel gehört habe? Aber wo ist denn deine Pfeife? und warum hast du keine Hörner und keine Bocksfüße?

Jupiter. Meynst du denn es gebe sonst keinen Gott als ihn?

Ganymed. In unserm Dorfe weiß man von keinem andern; darum opfern wir ihm auch einen ganzen Bock vor der Höle wo sein Bild steht. Du magst mir wohl einer von den garstigen Leuten seyn, die die Menschen stehlen und dann für Sclaven verkaufen!

Jupiter. Sage mir einmal, hast du den Jupiter nie nennen hören, und auf der Spitze des IdaGargarus genannt. S. den XXsten Dialog. nie den Altar des Gottes gesehen, der Regen, Blitz und Donner schickt?

Ganymed. Du wärst also der feine Herr,Das σύ, ω̃ βέλτιστε (du, Liebster), hat etwas komisches welches sich in unsrer Sprache schwerlich anders als durch diese Wendung ausdrücken läßt. der uns neulich das entsetzliche Hagelwetter auf den Hals schickte? der, wie sie sagen, da oben wohnt und das Krachen in den Wolken macht, und dem mein Vater neulich den Schafbock opferte? – Aber was hab ich denn begangen, daß du mich so davongeführt hast, o König der Götter? Nun werden meine Schafe indessen in die Wildnis gerathen seyn, und sind vielleicht schon von den Wölfen aufgefressen worden.

Jupiter. Was kümmern dich die Schafe? du bist nun unsterblich und bleibst bey uns.

Ganymed. Wie? du willst mich nicht heute noch nach dem Ida zurückbringen?

Jupiter. Gewiß nicht! wofür wär ich aus einem Gott ein Adler geworden?

Ganymed. Aber da wird mein Vater böse auf mich werden, wenn er mich nirgends finden kann, und ich werde Schläge dafür kriegen, daß ich meine Herde im Stiche gelassen habe!

Jupiter. Er soll dich nicht wieder zu sehen bekommen.

Ganymed. Nein, nein! ich will wieder zu meinem Vater! – Schmeichelnd. Wenn du mich wieder zurückbringst, so versprech' ich dir, er soll dir noch einen Widder dafür opfern; den großen dreyjährigen, der immer vor der Herde hergeht, wenn ich sie auf die Weide treibe.

Jupiter vor sich. Wie offen und unschuldig der Junge noch ist! noch ein völliges Kind! – Mein lieber Ganymed, du mußt dir alle diese Dinge aus dem Sinne schlagen, und gar nicht mehr an den Ida und deine Herde denken. Du bist nun ein Himmelsbewohner, und wirst von hier aus deinem Vater und Vaterlande viel Gutes thun können. Statt Milch und Käse wirst du Ambrosia essen und Nektar trinken. Du sollst mein Mundschenk werden, und, was das vornehmste ist, kein Mensch mehr seyn, sondern ein Unsterblicher; und es soll ein Gestirn deines Nahmens am Himmel funkeln; kurz, es soll dir recht wohl gehen!

Ganymed. Aber wenn ich nun spielen will, wer wird mit mir spielen? auf dem Ida hatte ich gar viele Knaben meines Alters.

Jupiter. Daran soll es dir hier auch nicht fehlen; ich will dir eine Menge schöner Käulchen geben, und Amor soll dein Spielgesell seyn. Fasse nur ein Herz, mein Kind! mach' ein fröhliches Gesicht, und laß dich nichts mehr anfechten was da unten ist!

Ganymed. Aber was kann ich euch denn hier nütze seyn? muß ich hier etwan auch die Schafe hüten?

Jupiter. Bey Leibe nicht. Du wirst uns den Nektar einschenken und bey der Tafel aufwarten.

Ganymed. Das ist eben keine Kunst; ich verstehe mich recht gut darauf Milch einzuschenken und den Epheubecher hinzureichen.

Jupiter. Daß du doch den Hirtenjungen nicht vergessen kannst! du bist hier im Himmel, sag ich dir, und wir Götter trinken nichts als Nektar.

Ganymed. Schmeckt das besser als Milch?

Jupiter. Wenn du nur einen Tropfen davon gekostet hast, wirst du keine Milch mehr verlangen.

Ganymed. Aber wo werd' ich denn bey Nacht schlafen? Etwa bey meinem Cameraden Amor?

Jupiter. Närrchen, deßwegen hab ich dich ja entführt daß du bey mir schlafen sollst.

Ganymed. Du kannst's also nicht allein, und bildest dir ein, du werdest besser schlafen können, wenn du bey mir liegst?

Jupiter. Bey einem so hübschen Knaben wie du, allerdings!

Ganymed. Was kann die Schönheit zum schlafen helfen?

Jupiter. O sie führt etwas gar angenehm einschläferndes bey sich, und macht einen viel sanftern Schlaf!

Ganymed. Mein Vater sprach ganz anders. Er wurde immer ungehalten auf mich wenn ich bey ihm lag, und klagte des Morgens, daß ich mich immer hin und her gewälzt und ihn gestoßen, oder im Schlaf aufgeschrien, so daß er gar keine Ruhe vor mir haben können; und deßwegen schickte er mich meistens zur Mutter schlafen. Wenn du mich also nur dazu geraubt hast, so kannst du mich immer wieder auf die Erde tragen; denn ich werde dir sehr überlästig seyn weil ich mich so oft umkehre.

Jupiter. Das wird mir eben das angenehmste seyn, wenn ich recht viel bey dir wachen und dich nach Herzenslust küssen und drücken kann.

Ganymed. Das magst du! ich werde schlafen und dich küssen lassen.

Jupiter. Das wird sich schon geben. Zu Merkur. Jetzt führe du ihn weg, und laß ihn den Trank der Unsterblichkeit trinken. Dann zeige ihm, wie er den Becher mit Anstand reichen muß, und bring' ihn zurück, damit er sein Amt bey Tafel antreten kann.

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