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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Damit, sagte Eukrates, hast du nichts bewiesen, als daß auch Demokritus ein Thor war, wofern er das glaubte. Ich will euch aber was anders erzählen, das ich nicht von Hörensagen habe, sondern das mir selbst begegnet ist. Vielleicht, Tychiades, wirst sogar du dich gezwungen sehen, der Wahrheit die Ehre zu geben, wenn du diese Geschichte hörest. – Als ich mich in Egypten aufhielt, wohin ich noch sehr jung Studierens wegen von meinem Vater geschickt worden war, kam mich die Lust an, den Nil hinauf nach Koptos zu gehen, um den Memnon zu hörenDie Statue des Memnons, von welcher hier die Rede ist, sah Pausanias, seiner eigenen Versicherung nach nicht zu Koptos, sondern weiter hinauf zu Theba, wohin sie auch von allen andern Schriftstellern, die ihrer erwähnen, gesetzt wird. Das Bild war ein Koloß von schwarzem Marmor, und gab, der Sage gemäs, alle Morgen beym ersten Sonnenstral, der es berührte, einen Ton von sich, wie eine überspannte Sayte wenn sie springt. Zu Lukians und Pausanias Zeiten lag der obere Theil dieser Bildsäule, als Trümmer, zu den Füßen des noch stehenden Rumpfes, gerade in dem Zustande worein sie auf Befehl des Cambyses soll versetzt worden seyn., der bey Sonnenaufgang einen so wunderbaren Ton von sich giebt. Ich hörte ihn auch, aber nicht, wie der große Haufe, einen bloßen Schall ohne Sinn, sondern ein wirkliches Orakel aus Memnons eigenem Munde, in sieben Versen, die ich euch noch hersagen könnte, wenn es uns nicht zu weit von der Hauptsache abführte. Auf der Rückreise trug es sich zu, daß ein Mann aus Memphis mit uns fuhr, ein Mann von erstaunlicher Weisheit, und ein wahrer Adept in allen Egyptischen Wissenschaften. Man sagte von ihm, er habe ganzer drey und zwanzig Jahre unter der Erde gelebt, und sey während dieser Zeit von der Isis selbst in der Magie unterrichtet worden.

Du sprichst, unterbrach ihn Arignotus, von meinem ehmaligen Lehrer Pankrates? war es nicht ein Mann vom Priester-Orden, mit abgeschornen Haaren, der keine andere als leinene Kleider trug – immer in tiefen Gedanken – sprach sehr rein Griechisch – ein langgestreckter Mann, mit herabhängender Unterlippe, und etwas dünnen Beinen?

Von diesem nehmlichen Pankrates, versetzte jener. Anfangs wußte ich nicht wer er war. Wie ich ihn aber, so oft wir ans Land stiegen, unter andern wunderbaren Dingen, auf Krokodillen reiten, und mitten unter diesen und andern Seethieren herumschwimmen sah, und sah wie sie Respect vor ihm hatten und ihm mit dem Schwanze zuwedelten: da merkte ich daß der Mann was ausserordentliches seyn mußte, und nun suchte ich mich durch ein aufmerksames und gefälliges Betragen bey ihm in Gunst zu setzen. Es gelang mir auch so gut, daß er mich bald wie einen alten Freund behandelte und an allen seinen Geheimnissen Theil nehmen ließ. Endlich überredete er mich, meine Leute zu Memphis zu lassen, und ihn ganz allein zu begleiten; es würde uns an Bedienung niemals fehlen, sagte er. Ich gehorchte, und seitdem lebten wir folgendermaßen. Sobald wir in ein Wirthshaus kamen, nahm er einen hölzernen Thürriegel, oder einen Besen, oder den Stößel aus einem hölzernen Mörser, legte ihm Kleider an und sprach ein paar magische Worte dazu. Sogleich wurde der Besen, oder was es sonst war, von allen Leuten für einen Menschen wie sie selbst gehalten; er gieng hinaus, schöpfte Wasser, besorgte unsre Mahlzeit, und wartete uns in allen Stücken so gut auf als der beste Bediente. Sobald wir seiner Dienste nicht mehr nöthig hatten, sprach mein Mann ein paar andere Worte, und der Besen wurde wieder Besen, der Stößel wieder Stößel, wie zuvor.Es giebt der Dinge viel im Himmel und auf Erden wovon sich unsere Philosophie nichts träumen läßt! Hamlet. Ich wandte alles mögliche an, daß er mich das Kunststück lehren möchte: aber mit diesem einzigen hielt er hinterm Berge, wiewohl er in allem andern der gefälligste Mann von der Welt war. Endlich fand ich doch einmal Gelegenheit, mich in einem dunkeln Winkel verborgen zu halten, und die Zauber-Formel, die er dazu gebrauchte aufzuschnappen, indem sie nur aus drey Sylben bestand. Er gieng darauf ohne mich gewahr zu werden, auf den Marktplatz, nachdem er dem Stößel befohlen hatte was zu thun sey. Den folgenden Tag, da er Geschäfte halber ausgegangen war, nehm' ich den Stößel, kleide ihn an, spreche die besagten drey Sylben, und befehle ihm Wasser zu hohlen. Sogleich bringt er mir einen großen Krug voll. Gut, sprach ich, ich brauche kein Wasser mehr, werde wieder zum Stößel! Aber er kehrte sich nicht an meine Reden, sondern fuhr fort Wasser zu tragen, und trug so lange, daß endlich das ganze Haus damit angefüllt war. Mir fieng an bange zu werden, Pankrates, wenn er zurück käme, möcht' es übel nehmen (wie es denn auch geschah) und weil ich mir nicht anders zu helfen wußte, nahm ich eine Axt, und hieb den Stößel mitten entzwey. Aber da hatte ich es übel getroffen; denn nun packte jede Hälfte einen Krug an und hohlte Wasser, so daß ich für Einen Wasserträger nun ihrer zwey hatte. Immittelst kommt mein Pankrates zurück, und wie er sieht was passiert war, giebt er ihnen ihre vorige Gestalt wieder; er selbst aber machte sich heimlich aus dem Staube, und ich habe ihn nie wieder gesehen.

Du kannst also, sagte Dinomachus, vermuthlich das Kunststück noch jetzt, aus einer Mörserkeule einen Menschen zu machen?

Beym Jupiter! aus der Hälfte sogar, antwortete Eukrates: aber da ich ihm, wenn er einmal Wasserträger worden ist, seine vorige Gestalt nicht wieder geben kann, so würde er uns mit seiner ungebetenen Emsigkeit das ganze Haus unter Wasser setzen.und, natürlicher Weise, zuletzt die ganze Stadt und das ganze Land, ja den ganzen Erdboden; so daß wir dem gutherzigen Eukrates noch den grösten Dank für seine Mässigung schuldig sind! Denn wie leicht hätte ihn die Begierde den unglaubigen Tychiades zu überweisen, über alle diese Rücksichten hinaus führen können?

Hier fieng mir die Geduld an auszugehen. Werdet ihr nicht endlich aufhören, rief ich, so unvernünftiges Zeug zu reden, das Männern von euern Jahren so übel ansteht? Und wenn ihr ja so wenig Achtung vor euch selber traget, so solltet ihr wenigstens dieser jungen Leute schonen, und euch ein Gewissen daraus machen ihnen dergleichen ungereimte und schauderliche Mährchen in den Kopf zu setzen, die, wenn sie sich ihrer Einbildungskraft einmal bemächtiget haben, sie auf ihr ganzes Leben beunruhigen, vor jedem rauschenden Laube zittern machen, und allen Arten von Aberglauben und Geisterfurcht preis geben.

O! da bringst du mich eben auf den rechten Punct, sagte Eukrates, da du von Geisterfurcht sprichst. Was sagst du denn zu den Augurien und Orakeln und Weissagungen künftiger Dinge, die entweder aus heiligen Grüften hervorschallen, oder aus göttlichem Antrieb von begeisterten Personen mit übermenschlicher Stimme verkündigt werden, oder aus der keuchenden Brust einer prophetischen Jungfrau in Versen ertönen? Ohne Zweifel wird auch dieß alles keinen Glauben bey dir finden? Und gleichwohl – daß ich selbst einen talismanischen Ring mit dem Bildnis des Delfischen Apollo besitze, welches mich von Zeit zu Zeit gewisse prophetische Laute hören läßt, davon will ich nichts gesagt haben, damit du nicht denkest, ich gebe so etwas ausserordentliches aus Ruhmredigkeit vor: was ich aber zu Mallus in dem Tempel des AmphilochusDieser Amphilochus stammte aus einer prophetischen Familie; denn sein Vater war der Wahrsager Amphiaraus, und sein Großvater Apollo selbst. Er war einer von den dreyßig Freyern der Helena, half Troja erobern, und legte nach seiner Zurückkunft die Stadt Amphilochium in Epirus an. Vater und Sohn wurden nach ihrem Tode unter die Götter aufgenommen, und der Sohn hatte zu Mallus ein Orakel, von welchem der glaubenreiche Pausanias (in Attic. c. 34) rühmt, daß es unter allen Orakeln seiner Zeit das unbetrüglichste sey. Mallus war damals eine nahe an der Seeküste gelegene Stadt in Cilicia Campestris., wo dieser Halbgott in Person mit mir sprach, und mir seinen Rath über meine Angelegenheiten ertheilte, gehört und gesehen, ungleichem was ich hernach zu Pergamus gesehen und zu Patarä gehört habe, will ich euch ohne Bedenken erzählen. Als ich nehmlich aus Egypten wieder nach Hause reisete, und unterweges hörte, daß das Orakel zu Mallus eines der berühmtesten und wahrhaftesten sey, und alle Fragen, die man dem Propheten schriftlich vorlege, von Wort zu Wort beantworte: so wußte ich nichts bessers zu thun, als im Vorbeyfahren dieses Orakel selbst zu probieren, und mich bey dem Gotte über gewisse künftige Dinge Rathes zu erhohlen. –

Eukrates war, wie du aus diesem Anfang siehest, auf einem schönen Wege, eine lange Tragödie von Orakeln anzufangen, von der ich das Ende abzuwarten keine Lust hatte. Da ich also sahe was für einen neuen Schwung die Unterhaltung nahm, und es nicht für allzu anständig hielt, der einzige zu seyn der allen übrigen immer ins Gesichte widerspräche, auch deutlich genug merken konnte, daß ihnen meine Gegenwart lästig war: fand ich für gut, ihn seine Reise aus Egypten nach Mallus ohne mich fortsetzen zu lassen, und sagte: ich, meines Ortes, gehe den Leontichus aufzusuchen, mit dem ich etwas nöthiges zu sprechen habe: ihr Herren aber, weil ihr doch an den menschlichen Dingen nicht genug zu haben glaubt, nehmt nun die Götter selbst zu Hülfe, um euch mit neuem Stoffe zu Wundermährchen zu versehen. – Hiemit gieng ich meines Weges, und ließ ihnen, zu ihrer großen Freude, volle Freyheit, einander wechselweise mit Lügen zu tractiren, und bis an die Kehle vollzupfropfen.

Und so hättest du also, lieber Philokles, eine kleine Probe der schönen Geschichten, die mir mein Besuch bey Eukrates eingetragen hat. Ich gestehe daß mir nicht anders dabey zu Muthe ist als einem der zuviel neuen Most getrunken, und daß ich ein gutes Brechmittel eben so nöthig hätte. Ich wollte viel Geld darum geben, wenn ich eine Arzney bekommen könnte, die alles, was ich diesen Morgen gehört, rein aus meinem Gedächtnisse wegspülte, um nicht auf eine oder andere Art dadurch zu Schaden zu kommen. Denn mir ist immer noch, als ob ich lauter Zeichen und Wunder, Nachtgespenster und sechzigellen lange Höllengöttinnen vor den Augen habe.

Philokles. Deine bloße Wiedererzählung hat auf mich eine ähnliche Wirkung gethan. Bekanntermaßen sagt man von Leuten die von wüthigen Hunden gebissen worden, daß sie nicht nur selbst wüthend und Wasserscheu werden, sondern daß auch der Biß eines Gebissenen eben dieselben Folgen habe, wie der Biß des wüthenden Hundes selbst.Lukian macht sich kein Bedenken, dergleichen Gleichnisse mehr als einmal aufzutragen. Dieses hier ist im Nigrinus schon da gewesen. Wir beyde, däucht mich befinden uns gerade in diesem Falle, da du in Eukrates Hause von einer solchen Menge von Lügen gebissen worden bist; und deine Erzählung muß mir etwas von dem Gifte mitgetheilt haben, so sehr hast du mir die ganze Seele mit Dämonen angefüllt.

Tychiades. Darüber wollen wir uns keinen Kummer machen. Wir haben an der Wahrheit und gesunden Vernunft ein kräftiges Gegengift, bey dessen Gebrauch uns keines von diesen hohlen und windichten Hirngespenstern beunruhigen wird.

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