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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 75
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Prometheus.Prometheus. Dieses Stück scheint mir einer von den ersten Versuchen unsers Autors in der dialogistischen Schreibart zu seyn, und zwischen dem eigentlichen Lukianischen Dialog, und den Reden über Sujets aus der Fabel oder poetischen Geschichte, womit die Sophisten dieser Zeiten, aus Mangel interessanterer Gegenstände und Veranlassungen, sich öfters hören zu lassen pflegten, gleichsam in der Mitte zu schweben. Denn der Hauptinhalt ist eine Art von gerichtlicher Rechtfertigung, welche der auf Jupiters Befehl an den Kaukasus geschmiedete Prometheus gegen die angeblichen Verbrechen führt, die ihm von seinem tyrannischen Richter zur Last gelegt wurden. Da in dieser ganzen Sache Vernunft und Billigkeit offenbar auf Prometheus Seite sind, der Großsultan der Götter und Menschen hingegen eine sehr schlechte Rolle dabey spielt, so kann man sich leicht vorstellen, wie Lukians feinschalkhafter Satyr eine so schöne Gelegenheit den Göttern ihre Wahrheiten zu sagen, benutzt haben werde: zumal da ihm der gefesselte Prometheus des Äschylus (worin sich Jupiter von öffentlicher Schaubühne herab als ein Tyrann und Usurpateur des Götterthrones tractiren lassen mußte) zu einem Freybriefe diente, und überdieß die dem Prometheus in den Mund gelegte gerichtliche Selbstvertheidigung es dem Verfasser sogar zur Pflicht machte, ihn alles sagen zu lassen, was er zum Behuf seiner Unschuld und zur Beschämung seiner Feinde nur immer aufzubringen vermochte. Ein Umstand, der ihm hiebey noch besonders zu statten kam, ist, daß Prometheus selbst ein Gott und Jupiters naher Anverwandter war, und sich daher auf Unkosten seines durch eine bloße Usurpation regierenden Vetters Freyheiten herausnehmen konnte, die im Munde eines Sterblichen ungebührlich gewesen wären. Das Sujet ist also in jeder Betrachtung eines der glücklichsten zu Lukians Absichten, und einige Wiederholungen und eine gewisse rhetorische Geschwätzigkeit des Prometheus abgerechnet, muß man gestehen, daß er es mit Geist und Laune zu behandeln gewußt habe.

Merkur, Vulcan, Prometheus.

Merkur. Das ist also der Kaukasus, Vulcan, an welchen dieser unglückselige Titan angenagelt werden soll. Wir wollen uns umsehen, ob wir irgend einen abschüssigen Felsen finden können, der von Schnee leer ist, damit die Bande desto fester halten, und damit auch der Angefesselte gehörig in die Augen falle.

Vulkan. Das wollen wir! Denn an einer niedrigen und der Erde zu nahe liegenden Stelle darf er nicht gekreuziget werden, damit ihm die Menschen, die sein Machwerk sind, nicht zu Hülfe kommen; aber auch nicht zu hoch, weil er sonst von unten auf nicht gesehen werden könnte. Wenn dirs recht ist, soll er hier, ungefehr in der Mitte, über diesem Abgrunde, die Arme zu beyden Seiten ausgestreckt, angenagelt werden.

Merkur. Gut! die Felsen sind hier abgebrochen, unzugangbar, und von allen Seiten so abschüssig, daß man Mühe haben würde eine Stelle zu finden, wo sich einer nur auf den Fußspitzen festhalten könnte. Hier wird der beste Platz zur Kreuzigung seyn. Also nicht lange gezaudert, Prometheus! Steige hinauf und laß dich an den Felsen annageln!

Prometheus. So habt doch Erbarmen mit mir, Vulcan und Merkur, da ihr selbst wißt, daß ich ohne mein Verschulden unglücklich bin!

Merkur. Mein guter Prometheus, es ist bald gesagt, erbarmt euch! daß wir uns etwa, wenn wir unsern Auftrag nicht ausrichteten, auf der Stelle mit kreuzigen ließen! Oder meinst du, der Kaukasus habe nicht Raum genug, daß noch ein paar andere angeschmiedet werden? Frisch, die rechte Hand her! du, Vulcan, schließe sie und nagle das Band mit tüchtigen Hammerschlägen fest! – Nun auch die andere Hand! – Nur recht fest! – Gut! Bald wird auch der Adler herbeyfliegen, der dir die Leber abweiden soll, damit du deinen vollständigen Lohn für deine schöne wohl ausgesonnene Bildnerey bekommest!

Prometheus. O Saturn, und Iapetus, und du, o Mutter ErdePrometheus richtet seine Anrufung an drey Götter vom alten Hofe: an den Saturn, um dadurch zu zeigen daß er nur ihn, nicht seinen Sohn Jupiter, für den rechtmäßigen Götterkönig erkenne; an den Iapetus seinen eignen Vater und Saturns Bruder, und an die Erde, als die allgemeine Mutter der Götter, und seine Großmutter., was muß ich Unglücklicher leiden, wiewohl ich nichts böses gethan habe!

Merkur. Du nichts böses gethan? du? Der du fürs erste, als du die Fleischaustheilung zu besorgen hattest, so unbillig und betrüglich dabey zu Werke giengst, daß du die besten Stücke für dich behieltest, den Jupiter hingegen mit den Knochen anführtest. Ich erinnere mich, zum Jupiter, recht gut, daß HesiodusIn der Theogonie, V. 535. seq. Ein burlesker Anachronismus, dergleichen Lukian seine Götter öfters machen läßt, weil sie in dem Munde von Wesen, die aus Inconsequenz und Widersprüchen gleichsam zusammengesetzt sind, eine eigene Grazie haben. Hier wird der Effect noch komischer, weil es so herauskommt als ob Merkur diese schöne Geschichte nur aus seinem Hesiodus und gleichsam von der Schule her wisse; denn Homer und Hesiodus wurden den Kindern in der Schule erklärt. die Sache so erzählt! Zweytens hast du die Menschen, – eine Art von Thieren, die auf alle mögliche Ränke abgerichtet und alles zu unternehmen fähig sind, – und, was noch schlimmer ist, die Weiber gemacht. Endlich hast du den Göttern sogar das kostbarste ihrer Güter, das Feuer gestohlen und den Menschen geschenkt. Und einer, der so ungeheure Dinge begangen hat, darf noch sagen, er leide unschuldig?

Prometheus. Ich sehe wohl, Merkur, daß auch du dir wenig daraus machst, einen Unschuldigen zu beschuldigen (wie sich der Dichterαναίτιον αιτιάασθαι. Iliad. XIII. 775. ausdrückt), da du mir Dinge zum Vorwurf machst, um derentwillen ich mich, wenn mir Gerechtigkeit widerfahren sollte, sogar einer öffentlichen ehrenvollen BelohnungIm Texte: des Freytisches im Prytaneon. Dieß letztere war der Nahme eines Platzes in Athen, wo verschiedene öffentliche Gebäude beysammen standen, und besonders diejenigen worin die Prytanen, oder der Senat ihre Zusammenkünfte hielten. Ein großer Saal in diesem letztern, θόλος genannt, war der Speisesaal, wo die 50 Prytanen, welche alljährlich in Function waren, nebst allen denjenigen, welche die Republik auf eine ausgezeichnete Art belohnen wollte, auf Unkosten des Staats, gespeiset wurden. Lange Zeit war dieß eine so ehrenvolle Belohnung, daß sie nur Siegern in den Olympischen Spielen, oder andern Männern von ausserordentlichen Verdiensten zugestanden wurde. Zuweilen erstreckte sich diese Distinction bis auf die Nachkommenschaft eines großen Mannes. So wurde z. B. jedem Ältesten von den Abkömmlingen des Demosthenes, so lange noch einer von seinem Blute vorhanden seyn würde, dieses Recht im Prytaneon zu essen, zuerkannt. Hier scheint Lukian ein Wort im Auge gehabt zu haben, das Plato dem Sokrates in seiner für denselben geschriebenen Apologie in den Mund legt, und das mit dem, was Prometheus sagt, völlig gleichlautend ist. würdig halte. Wenn du Zeit hättest, wünschte ich wohl mich über diese Beschuldigungen gegen dich zu verantworten und dir zu beweisen, daß Jupiter ein ungerechtes Urtheil über mich ergehen ließ: du hingegen, der für einen Schönsprecher und schlauen Advocaten bekannt bist, könntest seine Rechtfertigung übernehmen, und beweisen, er habe recht daran gethan, mich hier, nicht weit vom Caspischen Passe, zum jämmerlichen Schauspiel für alle Scythen, an den Kaukasus kreuzigen zu lassen.

Merkur. Der Streit wozu du mich herausfoderst, Prometheus, kann dir zwar nichts helfen; indessen rede immer wenn du Lust hast; ich muß ohnehin noch ein wenig hier verweilen, bis der Adler kommt, der deine Leber zu besorgen hat. Wir können doch aus der Zwischenzeit nichts bessers machen, als sie zu Anhörung einer sophistischen Declamation zu verwenden, wie man sie von einem so feinen Meister in der Kunst wie du erwarten kann.

Prometheus. Rede du also zuerst, und daß du ja meiner in der Anklage nicht schonst, und deinem Vater nichts von seinem Rechte vergiebst! Dich, Vulcan, erbitte ich, für meinen Theil, zum Richter.

Vulcan. Zum Jupiter! anstatt dein Richter zu seyn, werd' ich vielleicht als zweyter Kläger gegen dich auftreten, weil du Schuld warst, daß meine Esse kalt wurde, als du uns das Feuer entwandtest.

Prometheus. Auch gut; so theilt euch in die Anklage: du sprichst vom Diebstahl, und Merkur von der Menschenmacherey und der Fleischaustheilung. Denn ihr seyd beyde Virtuosen und habt mir die Miene starke Redner zu seyn.

Vulcan. Merkur mag zugleich für mich sprechen; Rechtshändel sind meine Sache nicht. Meine Geschäffte werden vor dem Schmiedofen abgethan. Aber der da ist ein Redner und giebt sich stark mit solchen Dingen ab.

Prometheus. Ich bildete mir nur ein, Merkur würde nicht gerne von Diebstahl reden, und mir ein Verbrechen aus etwas machen wollen, worin ich blos sein Kunstverwandter bin. Doch, wenn du auch das auf dich nehmen willst, o Sohn der Maja, so wär' es endlich Zeit, die Klage anzubringen.

Merkur deklamirend. Es würde zwar allerdings, o Prometheus, eine große und vorbereitete Rede erfodern, wenn ich von deinen Übelthaten nach Verdiensten sprechen sollte: indessen mag es für dießmal genug seyn sie nur summarisch anzuzeigen: daß du nehmlich Erstens, da dir die Fleischaustheilung oblag, die schönsten Stücke für dich behalten, und den König hintergangen; Zweytens, unnöthiger Weise und gegen alle Gebühr die Menschen gebildet, und Drittens uns das Feuer gestohlen hast, um es ihnen zuzutragen; lauter Verbrechen von solcher Grösse, daß du, anstatt dich zu beklagen, vielmehr Ursache hättest, die ausnehmende Menschenliebe Jupiters in der Gelindigkeit deiner Bestrafung zu erkennen. Solltest du nun läugnen wollen, daß du alles das begangen habest, so würde ich genöthiget seyn, dich durch eine umständliche Rede zu überweisen, und die Wahrheit in ihr möglichstes Licht zu setzen: gestehest du aber die besagten drey Punkte ein, so bin ich mit meiner Anklage fertig, und würde die Zeit mit Possen verderben, wenn ich weitläuftiger seyn wollte.

Prometheus. Ob nicht auch das Possenwerk ist, was du so eben vorgebracht hast, Merkur, wird sich in kurzem ausweisen: ich, meines Orts, will also, wenn dieß (wie du sagst) zu meiner Anklage hinlänglich ist, mein möglichstes thun, zu versuchen, ob ich diese Beschuldigungen werde vernichten könnenIm Original wiederhohlt hier Merkur (um die Formalitäten des Atheniensischen Gerichts-Styls nachzuahmen) die Klagpuncte von Wort zu Wort; eine Genauigkeit die unsre Leser uns sehr gern erlassen werden; zumal da wir die Anklage aus Merkurs eigenem Munde schon zweymal gehört haben.. Zuerst also höre was ich wegen der Fleischaustheilung zu sagen habe. Und hier, so wahr mir Uranus helfe! schäme ich mich in Jupiters Seele, daß er einer so kleinlichen Denkart und eines so kindischen Neides fähig ist, wegen eines kleinen Knochens, den er in seinem Antheile gefunden, einen so alten Gott wie mich ans Kreuz schlagen zu lassen, ohne sich der wichtigen Dienste zu erinnern, die ich ihm geleistet, und ohne zu bedenken, daß es nur einem kleinen Knaben zukomme, sich zu erzürnen und ungebehrdig zu thun, wenn er nicht das größte Stück bekommt. Mich däucht, Merkur, für dergleichen unbedeutende Neckereyen, die bey einem Gastmahle vorfallen, müsse man gar kein Gedächtnis haben, sondern, gesetzt auch, daß einer von den Gästen sich in fröhlichem Muthe vergangen hätte, es für Scherz aufnehmen, und, ehe man noch von Tische aufgestanden ist, alles schon wieder vergessen haben: aber den Groll noch bis auf den folgenden Tag aufbewahren, und sich eines arglosen Muthwillens als einer Beleidigung zu erinnern, die man einem nachträgt und auf eine künftige Gelegenheit zur Rache aufspart, – Pfui! das schickt sich nicht für Götter und ist überhaupt nicht königlich. Was würde aus einem Gastmahle werden, wenn man dergleichen Fröhlichkeit und Scherze daraus verbannen wollte, und es nicht mehr erlaubt wäre, einander aufzuziehen, auszulachen, und kleine Possen zu spielen? was würde übrig bleiben als stillschweigend dazusitzen, Gesichter zu machen, und vor lauter Langerweile sich zu überessen und voll zu trinken, wobey die Unterhaltung schwerlich viel gewinnen würde. Ich hätte mir daher nichts weniger versehen, als daß Jupiter nur den andern Morgen noch an diese Posse denken, geschweige daß er sich so mächtig darüber entrüsten und es für eine so schreckliche Beleidigung aufnehmen sollte, wenn einer beym Austheilen des Bratens ein Spiel daraus machen wollte, ob der andere, dem er die Wahl ließe, nach dem besten Stücke greifen würde. Setze nun aber auch den Fall, Merkur, ich hätte dem Jupiter nicht bloß das schlechtere Theil vorgelegt, sondern das Ganze weggeschnappt: wär' es wohl der Mühe werth gewesen, Himmel und Erde deßwegen unter einander zu werfen, Ketten, Kreuze und den ganzen Kaukasus ins Spiel zu ziehen, und Adler herabzuschicken, die mir die Leber ausfressen sollen? Frage dich selbst, ob eine solche Rache nicht einen kleinen unedel denkenden Geist verräth, der keine Gewalt über seine Leidenschaften hat? Denn wer um etliche Stückchen Fleisch in einen so ungeheuren Zorn gerathen kann, was will er machen, wenn er um einen ganzen Ochsen gekommen ist? Wie viel verständiger führen sich in solchen Fällen die Menschen auf, denen es doch weniger übel anstände sich vom Zorn übereilen zu lassen als den Göttern! Gleichwohl ist kein einziger unter ihnen, der seinen Koch kreuzigen ließe, wenn er den Finger in den Fleischtopf gesteckt und die Brühe gekostetAbermals eine Stelle woraus man schließen sollte, daß Horaz unserm Autor nicht unbekannt gewesen. S. dessen 3te Satyre im Iten Buche v. 80. u. f., oder ein Stückchen von einem Braten abgeschnitten und verschluckt hätte: man verzeiht es ihm, oder, wenn's hoch kommt, so ists mit einer Ohrfeige oder einem Backenstreich abgethan. Daß jemand um eines solchen Verbrechens willen bey ihnen wäre gekreuziget worden, ist etwas unerhörtes. Und soviel von dem ersten Punkt! Ich schäme mich auf eine solche Anklage antworten zu müssen: aber gewiß, der hat sich noch mehr zu schämen, der sie vorbrachte!

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