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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 73
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vorrede
zu den Göttergesprächen.

Das Vergnügen, das alle Arten von Leser – die einzigen, die keinen Scherz vertragen können, ausgenommen – noch heut zu Tage an den Lukianischen Göttergesprächen finden, wiewohl sie für uns kaum ein anderes Interesse haben, als alte Gemmen oder Herkulanische Gemählde, läßt uns auf den ungemeinen Reiz schließen, den sie für den feinern Theil von Lukians Zeitgenossen, wo der große noch an diese Götter glaubte, haben mußten. Es war ein eben so glücklicher als neuer und kühner Gedanke, die Götter, so zu sagen, in ihrem Hauswesen und im Neglischee, in Augenblicken von Schwäche, Verlegenheit und Zusammenstoß ihrer einander so oft entgegenstehenden Forderungen und Leidenschaften, kurz, in solchen Lagen und Gemüthsstellungen mit einander reden zu lassen, wo sie (unwissend daß sie Menschen zu heimlichen Zuhörern hätten) sich selbst gleichsam entgöttern und ihren bethörten Anbetern in ihrer ganzen Blöße darstellen mußten. Lukian hätte dem Aberglauben seiner Zeit keinen schlimmern Streich spielen können, und er war um so gewisser seinen Endzweck nicht zu verfehlen, weil seine eigene Person dabey gar nicht zum Vorschein kommt. Denn, da in allen diesen dramatischen Scenen das Daseyn der darin auftretenden Götter und die historische Wahrheit ihrer abenteuerlichen Legenden treuherzig vorausgesetzt wurde: so sind es immer die Götter, die sich selbst lächerlich machen, und, wider Wissen und Willen, mit dem besten Erfolge von der Welt an der Zerstöhrung ihres eigenen Ansehens arbeiten, indem sie sich durch ihre Unarten, Thorheiten, Ausschweifungen und Laster aller Achtung und alles Zutrauens der Menschen unwürdig zeigen.

Die Griechische Göttergeschichte versah unsern Autor hiezu mit einem unerschöpflichen Vorrathe von Ungereimtheiten, Widersprüchen, und albernen Mährchen; er hatte bloß die Mühe des Auslesens; aber er schränkte sich weislich auf die bekanntesten, und auf lauter solche Züge der Götterlegende ein, die entweder durch die Werke der berühmtesten Dichter und Künstler, oder den allgemeinen Volksglauben, oder durch besondere religiöse Denkmähler, Feste, oder Gebräuche einzelner Orte und Gegenden eine gewisse Sanction erhalten hatten.

Es verdient zu Lukians Ehre bemerkt zu werden, daß er bey einem so kitzlichten Unternehmen, und bey so vielen Versuchungen zum Muthwillen (denen wohl nicht leicht einer unsrer heutigen Witzlinge hätte widerstehen können) seinen Witz und seine Einbildungskraft ziemlich scharf im Zügel gehalten hat. Er thut seinen Göttern nie Unrecht; er sagt ihnen nichts nach, was er nicht mit guten Zeugnissen aus ihren GeschichtschreibernIhrer war, wie den Gelehrten bekannt ist, eine große Menge. Unter den wenigen, die auf uns gekommen sind, ist die sogenannte Bibliothek des Apollodorus beynahe Allein hinlänglich, unsern Autor, wenn es nöthig wäre, mit Belegen zu versehen., oder aus den von ihnen selbst begeisterten Sängern, einem Homer, Hesiodus, ÄschylusDieser große Dichter hat in seinen Tragödien eine beträchtliche Anzahl Mythologischer Sujets, als Alkmene, Danae, Europa, Ixion, Kallisto, Nereus, Semele, Sisyphus, u. a. m. bearbeitet, wovon sich leider, nur der gebundene Prometheus erhalten hat. , und andern, hätte belegen können. Er hängt ihnen keine Ungereimtheiten an, die nicht unmittelbar aus dem Contrast ihres persönlichen Charakters mit dem Decorum ihrer Würde, oder ihrer Abentheuer und Thaten mit Natur, Vernunft und Sittlichkeit, entspringen, und also auf ihre eigene, nicht auf ihres Mahlers Rechnung kommen. Endlich hält er sich sogar in Erdichtung der kleinen Züge und Umstände, wozu ihn die dramatische Darstellung hie und da nöthigte, so genau an die Gesetze der Analogie und an sein großes Vorbild, den göttlichen Homer, daß ich nicht sehe, was ihm die ganze Klerisey aller zwölf obern Götter, in dieser Rücksicht, mit Grund hätte zur Last legen können. Seine Götter reden immer so ganz in ihrer eigenen Laune und Manier, so unbefangen, naiv, und ihrer Lage oder ihren Leidenschaften so gemäß, daß es nirgends Lukians Schuld scheint, wenn man über sie lachen muß. Nur sehr selten, z. B. bey Jupiters Niederkunft mit dem Sohne der Semele, entschlüpft ihm ein Aristophanischer Zug; aber auch diese wenigen, wie unschuldig und züchtig sind sie gegen die unartigen Zoten, die der attische Scurra seinem Bacchus in den Mund legt, um die Hefen des cekropischen Pöbels in wieherndes Gelächter aufbrausen zu machen!

Die Göttergeschichte der Griechen ist bekanntermaßen ein wahres Chaos, worin alles wider einander fährt und nichts zusammenhängt. Nicht ein einziges Abentheuer, nicht eine einzige That ihrer Götter und Götterkinder, die nicht von Verschiedenen auf ganz verschiedene Weise erzählt wurde; alles, sogar ihre Genealogie, ist mit Dunkelheit, Verwirrung und Widersprüchen angefüllt. Indessen war doch in allem diesem Manches, was man für die gemeine oder gewöhnlichste Tradition gelten lassen konnte; und diese ist es, die in den Lukianischen Göttergesprächen überall zum Grunde liegt. Um den Ursprung dieser Tradition, um den Grund, den die griechischen Götterfabeln in der Geographie, Physik und Astronomie, oder in der ursprünglichen Bildersprache, oder auch, (wie ich, aller Einwendungen und Gründe des neuesten Auslegers dieser Räthsel ungeachtet, zu glauben geneigt bin) in der ältesten Geschichte dieser aus so vielerley verschiedenen Völkerstämmen zusammen gewachsenen, und durch Einpfropfung phönicischer und ägyptischer Colonien so vielfach modifizirten Nation haben mögen – um die Absonderung dieses wenigen historischen Goldes von dem unächten Metalle, womit es durch die Zeit und vornehmlich durch die Dichter vermischt worden – am allerwenigsten aber um die physikalischen, politischen und moralischen Wahrheiten, die man (nach dem Beyspiele des Plato und anderer Philosophen) in spätern Zeiten aus diesem Schlamme auszuwaschen sich Mühe gab, – um alles dieß bekümmert sich in diesen Göttergesprächen Lukian und sein Dollmetscher eben so wenig als der große Haufe der Griechen, der die Tradition von seinen Göttern und Heroen, und alles was Homer von ihnen fabelt, im buchstäblichen Sinne nahm, und den Allegorischen, als den angeblichen Kern dieser Schalen, den Gelehrten herauszuknacken überließ. Diese mystische Auslegung der Göttergeschichte gehörte nicht wesentlich zur Volksreligion; sie wurde aber freylich, je mehr die Aufklärung zunahm, desto nöthiger für diejenigen, denen daran gelegen war, das unter der Last seiner Ungereimtheit einsinkende Heidenthum zu unterstützen, und seinen gänzlichen Umsturz so lange als möglich aufzuhalten: und man kann mit gutem Grunde annehmen, daß unser Autor selbst, durch das komische Licht, worein er die Vernunftwidrigkeit der buchstäblich genommenen Götterlegende setzte, indirecte mehr als irgend ein Anderer dazu beygetragen habe, die allegorischen und mystischen Erklärungen, die nach seiner Zeit so sehr Mode wurden, zu befördern.

Wenn wir, um desto billiger gegen das griechische Volk seyn zu können, in unsern eigenen Busen greifen wollen, so werden wir ihnen eine Schwachheit zu gut halten, die sie mit allen andern Völkern des Erdbodens gemein hatten. Wo ist das Volk, in dessen Augen das Unglaublichste nicht glaublich, das Ungereimteste nicht ehrwürdig würde, sobald es mit dem Stempel der Religion, oder (was in der Wirkung einerley ist) eines von Voreltern abgestammten religiösen Aberglaubens, bezeichnet ist? Und wie lange hat es nicht von jeher, selbst bey den aufgeklärtesten Nationen, gedauert, bis sie einsehen lernten, daß religioser Unsinn darum nicht weniger Unsinn ist als anderer?

Wie abgeschmackt es uns also auch vorkommen mag, daß das Griechische Volk jemals an die wundervolle Geburt der Minerva oder des Bacchus, oder an irgend eines der kindischen Mährchen, über welche Lukian in seinen Göttergesprächen spottet, buchstäblich geglaubt haben sollte: so können wir dieß doch eben so wenig läugnen, als daß eine Zeit war, wo beynahe die ganze Christenheit an das Mährchen vom großen Christoffel, und an hundert andere eben so glaubwürdige Geschichten, buchstäblich glaubte. Lukian that also etwas einem weisen Mann sehr anständiges, wenn er der Göttermährchen seiner Nation spottete. Daß er es ungestraft thun dürfte, beweiset freylich, daß ihr Ansehen damals schon sehr gesunken war: aber wenn nicht noch immer viel Glauben an diese Dinge unter dem unaufgeklärtern Theile aller Stände geherrschet hätte, würde er sich gewiß nicht ein so angelegenes Geschäfte daraus gemacht haben, der gesunden Vernunft einen völligen und entschiednen Sieg über diesen Aberglauben zu verschaffen.

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