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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 72
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Demeas. Sey mir gegrüßt, o Timon, du große Zierde deines Stammes, du Stütze von Athen und Vormauer des ganzen Griechenlandes! Schon lange warten beyde Raths-CollegienNehmlich, der Areopagus und der Senat der Fünfhundert. und die ganze versammelte Stadtgemeine auf deine Zurückkunft. Zuvor aber erlaube mir, dir das Decret vorzulegen, das ich deinetwegen abgefaßt habe:

»Demnach Timon, des Echekratides Sohn, aus der Gemeine Kolyttos, ein Mann, der sowohl an Rechtschaffenheit und guten Sitten als an Weisheit im ganzen Griechenlande schwerlich seines gleichen findet, sich diese ganze Zeit her auf mancherley Art und Weise um das gemeine Wesen besonders wohl verdient gemacht; gestalten denn derselbe in Einem Tage zu Olympia im Faustkampfe, im Ringen, im Wettlauf, und im Rennen mit zwey- und vierspännigen Wagen den Preis davon getragen; –«

Timon. Ich? der ich Olympia in meinem ganzen Leben nie gesehen habe?

Demeas. Was schadet das? So wirst du es künftig sehen! Je mehr dergleichen in einem Decret steht, je besser! –

»desgleichen in abgewichnem Jahre sich gegen die Akarnenser für die Republik sehr tapfer gehalten, und zwey Bataillons Peloponnesische Truppen in die Pfanne gehauen; –«

Timon. Wie hätt' ich das gemacht, da ich, aus Mangel an Gewehr, nicht einmal auf die Musterrolle kam?

Demeas. Es ist bloße Bescheidenheit daß du so von dir selber sprichst: wir hingegen würden mit Recht für undankbar gehalten, wenn wir's vergessen hätten »nicht weniger auch auf viele andere Weise durch Rath und That, in Kriegs- und Friedenszeiten der Republik ungemeine Dienste geleistet hat: als ist, in Erwägung alles dessen, von dem Rath und der Gemeine, sowohl dem größern Ausschuß als allen Zünften, sammt und sonders gemeinschaftlich für gut befunden und beschlossen worden, Eingangs ersagtem Timon eine goldene BildsäuleSo pflegten die Griechen, des Wohlklangs wegen, die vergoldeten zu nennen. neben der Minerva auf der AkropolisDer Burg von Athen, welche ehmals Cekropia hieß. setzen zu lassen, mit Stralen ums Haupt, und einen Donnerkeil in der rechten haltend; ferner, ihn mit sieben goldnen Kronen zu krönen, und diese ihm zuerkannte Belohnung an den DionysienDas Fest des Bacchus, an welchem gewöhnlich neue Tragödien oder wenigstens neue Schauspiele zum Besten gegeben wurden. Ein ausserordentliches Bacchusfest ausdrücklich dem Timon zu Ehren anzuordnen, war die höchste Ehre, die ihm nur immer angethan werden konnte, und ohne Zweifel in den Zeiten, wo Timon lebte, ohne Beyspiel., welche an heutigem Tage ihm zu Ehren mit neuen Tragödien gefeyert werden sollen, öffentlich ausrufen zu lassen. Dieses Decret hat in Vorschlag gebracht Demeas, der Rhetor, Timons nächster Verwandter und Lehrjünger; denn Timon ist auch der erste unter den Rednern, so wie alles andere was er will.« – So lautet also das Decret. Übrigens gedachte ich dir auch meinen Sohn vorzustellen, den ich nach deinem Nahmen Timon genannt habe.

Timon. Wie das, Demeas, da du meines Wissens nie verheurathet gewesen bist?

Demeas. Ich hoffe aber, mit Gottes Hülfe, aufs neue Jahr eine Frau zu nehmen, und Kinder zu zeugen; und da dies schon so gut als geschehen ist, und das erste unfehlbar ein Knabe seyn wird, so nenn' ich ihn jetzt schon Timon.

Timon indem er nach ihm schlägt. Ob dieser Schlag nicht etwa ein Loch in deine Heurath machen wird, mein feiner Herr, dafür steh ich dir nicht gut.

Demeas. Au Weh! Was soll das heissen? Glaubst du hier Herr zu seyn, daß du dich unterstehst freye Leute zu schlagen, du, dessen freye Geburt und Bürgerrecht noch zweifelhaft ist? Aber es soll dir nicht ungenossen hingehen! Du sollst mir nicht ungestraft Feuer in der Burg angelegt haben!

Timon. Wenn hat denn die Burg gebrannt, du Sykophante?

Demeas. Wenigstens kömmt dein Reichthum bloß daher, daß du einen Einbruch in die Schatzkammer gethan hast.

Timon. Damit wirst du nicht weit kommen; jedermann weiß daß die Schatzkammer nicht erbrochen worden ist.

Demeas. Dazu soll schon Rath werden! Genug daß man den ganzen Schatz bey dir finden wird.

Timon schlägt ihn wieder. Dafür mußt du noch Eins haben!

Demeas. O weh, mein Rücken!

Timon. Krähe nicht so, oder du kriegst noch einen dritten. Das müßte doch närrisch zugehen, wenn ein Mann, der zwey Bataillons Lacedämonier in die Pfanne hauen konnte, mit einem einzigen Schurken nicht fertig werden könnte! Was hälfe mirs auch, zu Olympia im Faustkampf und im Ringen obgesiegt zu haben? Demeas entfernt sich. Immer besser! Seh ich nicht dort den Philosophen Thrasykles kommen? Es kann kein andrer seyn. Wie der Mensch mit vorgestrecktem Bart und aufgezogenen Augenbraunen in stolzer Selbstgefälligkeit einherschreitet, mit dem trotzigen Blick eines Titanen, und mit krausem aufgebüftem Stirnhaar, ein leibhafter Boreas oder Triton, wie sie Zeuxis zu mahlen pflegte! Das ist der Mann der an Einem Tage immer zwey so verschiedene Personen spielt. Früh Morgens kündigt sein ganzes Anstand, sein Gang und seine Kleidung den sittsamsten und nüchternsten Weisen an. Wie es ihm da vom Munde geht, wenn er von der Tugend spricht! Wie scharf er auf die Freunde der Wollust loßzieht! Was für schöne Dinge er von der Begnügsamkeit auskramt und von der Glückseligkeit wenig zu bedürfen! Aber sobald er aus dem Bade zu einem Gastmal kommt, und (was immer seine erste Sorge ist) sich einen größern Becher von dem Bedienten hat geben lassen, dächte man er trinke, wiewohl er nichts als puren Wein trinkt, lauter Wasser aus dem Lethe, so gänzlich thut er nun von allem was er in seinen Morgenlectionen gepredigt hatte das Gegentheil. Da fällt er wie ein Stoßvogel über die Gerichte her, reißt alles zu sich, entfernt seinen Nachbar mit dem Ellenbogen, bückt sich über die Schüssel her als ob er das höchste Gut herausfinden möchte, und stopft sich mit so hündischer Gefräßigkeit voll, daß ihm die Brühe über das Kinn herabtrieft, streicht was am Teller klebt noch mit dem Zeigefinger zusammen, und klagt noch immer daß er zu kurz komme, damit ihm eine Pastete oder ein Wildbraten oder sonst irgend eine leckere und ergiebige Schüssel allein abgetreten werde. Dazu trinkt er nun, nicht etwa bloß bis er vor ausgelassener Fröhlichkeit singt und springt: er säuft so lange bis er grob wird und Händel anfängt; oder er fängt gar mit dem Becher in der Hand zu declamiren an, und ist unverschämt genug mit schwerem Kopf und lallender Zunge das Lob der Mäßigkeit und der sittlichen Grazie anzustimmen, bis er etwa durch eine nicht sehr anmuthige Operation seines überfüllten Magens unterbrochen wird. Das Ende davon ist, daß ihn ein paar Sclaven zu packen kriegen, und ihn, wiewohl er sich mit beyden Händen an die FlötenspielerinEine Person, die bey einem griechischen Gastmale nicht fehlen durfte. anklammert, mit Gewalt zum Saale hinaustragenDaß dieses ganze Gemählde, welches nur ein Hogarth unserm Autor nachmahlen könnte, den Afterphilosophen aus Lukians Zeiten galt, ist wohl keinem Zweifel unterworfen. In dem Zeitalter des Perikles und Sokrates hatten auch die verächtlichsten unter den Sophisten mehr Lebensart als die Pedanten und philosophischen Marktschreyer des Lukianischen. . Übrigens läßt er sich, auch nüchtern, von keinem leicht den Vorzug im Lügen, im Pralen und in der Geldgierigkeit nehmen; im Fuchsschwänzen sucht er seinesgleichen, und wer einen falschen Eid geschworen haben will, findet ihn immer bereit: Heucheley und Betrug gehen vor ihm her, und die Unverschämtheit hängt ihm zur Seite: kurz, der Mann ist ein ausgemachter und mit allen Arten der Vollkommenheit ausgerüsteter Meister in seiner Kunst. Nur herbey, vortreflicher Mann! Auch du sollst deinen Lohn bekommen! Zu Thrasykles, der inzwischen herangekommen ist: Was seh ich? Ey! da kommt mir ja Thrasykles wie gerufen!

Thrasykles in einem declamirenden Tone. Aber nicht aus dem eigennützigen Beweggrunde, o Timon, nicht mit dem lüsternen Seitenblick auf dein Gold und Silber und deine köstliche Tafel, womit dir alle diese Leute auf den Hals gekommen sind, die sich in deinen Reichthum verliebt haben, und durch ihre Schmeichlerkünste von einem so arglosen und freygebigen Manne Alles zu erhalten hoffen. Für mich ist, wie du weißt, ein Stück Brodt eine hinlängliche Mahlzeit, Aschlauch und Kresse die liebsten Gerichte, ein bischen Salz der leckerhafteste Nachtisch. Mein Getränke reicht mir der öffentliche Brunnen, und dieser alte Mantel ist mir lieber als das schönste Purpurkleid. Was sollte ich also mit dem Golde machen, das in meinen Augen nicht mehr Werth hat als die Kieselsteine die dort am Ufer liegen? Ich komme bloß um deinetwillen, und um, wo möglich, zu verhüten, daß dieses schlimmste und gefährlichste aller Dinge, der Reichthum, der schon so vielen die Ursache des größten Unglücks und Elends geworden ist, nicht auch dich ins Verderben stürze. Wenn du also gutem Rathe folgen willst, so wirf unverzüglich all dein Gold ins Meer, als etwas, das einem rechtschaffnen Manne, dem alle Schätze der Weisheit offen stehen, zu gar nichts helfen kann. Es ist eben nicht nöthig, daß du es sogar weit ins Meer hinaus schleuderst; du brauchst nur bis über die Knie ins Wasser zu steigen, und es ein wenig über die Brandung hinauszuwerfen, wenn niemand zugegen ist als ich allein. Solltest du aber dazu keine Lust haben, so giebt es noch einen andern und beynahe noch bessern Weg, deines Goldes bis auf den letzten Heller loß zu werden. Verschenk es an die Armen; gieb diesem einen Gulden, jenem zwanzig Thaler, einem andern fünfhundert. Ein Philosoph kann billig zwey oder dreymal so viel erwarten. Ich meines Orts, da ich nichts für mich selbst sondern blos für meine armen Freunde verlange, will zufrieden seyn, wenn du mir diesen Schnappsack füllest, der nicht mehr als zwey Äginetische Scheffel hält. Denn es geziemt einem Philosophen wenig zu bedürfen und mäßig in seinen Begierden zu seyn, und nicht über seinen Schnappsack hinaus zu sorgen.

Timon. Ich lobe diese Denkart an dir, Thrasykles; aber eh' es an den Schnappsack kommt, will ich dir zuvor mit meinem Grabscheit eine gute Anzahl Kopfnüsse zumessen. Er giebt ihm Schläge.

Thrasykles. O Demokratie! O Gesetze! Was ist aus euch geworden? Wie? In einem freyen Staate müssen wir uns von einem solchen Bösewicht mit Schlägen mißhandeln lassen?

Thrasykles. Was ereiferst du dich so, guter Thrasykles? Hab' ich dir etwa nicht voll genug gemessen? Nun, so will ich noch vier Metzen oben drein geben. Er schlägt wieder zu. Thrasykles läuft davon. Aber was soll das? Ich sehe eine Menge Volks herbeygelaufen kommen. – Der edle Blepsias, Laches, und Gniphon, kurz, ein ganzes Regiment Schurken denen der Buckel juckt. – Das Beste wird hier seyn, mein Grabscheit, das schon viel gearbeitet hat, ein wenig ausruhen zu lassen, auf diese Felsenspitze zu steigen, einen Haufen Steine zusammen zu tragen, und auf die wackern Leute, sowie sie sich nähern, herunter zu hageln.

Blepsias. Halt ein, Timon! Wir wollen ja gerne wieder gehen.

Timon indem er mit Steinen nach ihnen wirft. Ihr sollt mir doch wenigstens blutige Köpfe nach Hause bringen!

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