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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 71
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Willkommen du liebstes und lieblichstes aller Dinge! Nun kann ich glauben, daß Jupiter einst zum goldnen Regen worden sey. Welches Mädchen wollte einem so schönen, durch die Ziegel herabrinnenden Liebhaber nicht mit Freuden ihren Schoos öffnen? O Midas, o Krösus, o Schatz des Delphischen Tempels, wie nichts seyd ihr gegen Timon und Timons Reichthum! Der Persische König selbst kann nicht mit ihm zu vergleichen seyn. Mein gutes Grabscheit, und du, einst so geliebter Ziegenpelz, ihr sollt vor allen Dingen an diesem Pand. i. an dieser Bildsäule des Pan, des Beschützers der Felder und Heerden bey den Griechen. als Opfer aufgehängt werden. Dann will ich diese ganze Landspitze kaufen, und einen ThurmPausanias in seiner Beschreibung von Attica erwähnt dieses Thurms, als eines Denkmals, das noch zu seinen, und also auch zu Lukians Zeiten gestanden. Attic. L. I. c. 30. über meinen Schatz bauen, der gerade nicht mehr Gelaß haben soll als ich für mich allein brauche, dies soll meine Wohnung, und, ich denke, auch meine Grabstätte seyn. Für all mein übriges Leben aber setze und verordne ich hiemit zum Grundgesetze: mit keinem Menschen Umgang zu haben, keinen zu kennen, über alle wegzugehen. – Die Wörter, Freund, Gast, Camerad, und Altar der BarmherzigkeitDieser Altar, der der Menschlichkeit der Athenienser Ehre macht, stand auf dem neuen Markte. Seine Stiftung verlohr sich in dem grauesten Alterthum, und er erhielt sich bis zum Tode des Kaiser Julians. Meursius unterscheidet ihn ohne allen Grund von einem Altar der Menschlichkeit, der sein Daseyn bloß der Flüchtigkeit, womit dieser arbeitsame Compilator zu lesen pflegte, zu danken hat. S. dessen Ceramicus geminus c. 16. sollen ohne Bedeutung in meiner Sprache, und Mitleiden mit einem Weinenden zu tragen oder einem Dürftigen zu helfen, soll Verbrechen und Umsturz der guten Sitten seyn. Ich will einzeln und für mich allein leben wie die Wölfe,Man hat unsern Autor dieser Stelle wegen ohne Grund angefochten. Der scharfsinnige und beredte Geschichtschreiber der Natur (Büffon) bekräftiget in seiner Beschreibung des Wolfes, was Lukian seinen Timon hier von der Ungeselligkeit dieses Raubthiers sagen läßt. und keinen andern Freund in der Welt haben als den Timon. Alle andere will ich für Feinde, Diebe und Meuchelmörder halten, und mit einem von ihnen zu sprechen, soll mir Verunreinigung seyn. Der Tag, an dem ich einen Menschen nur erblickt habe, soll als ein unglücklicher Tag angezeichnet werden. Es soll mir nicht erlaubt seyn, weder einen Gesandten von ihnen anzunehmen, noch mich in irgend ein Bündnis mit ihnen einzulassen: kurz es soll so wenig Gemeinschaft zwischen mir und ihnen seyn als ob sie steinerne oder eherne Bildsäulen wären. Diese Wüste soll die Grenze gegen sie seyn. Zunft- und Gemeindegenossen, Mitzünfter, MitbürgerDie hier vorkommenden Benennungen, φυλέται, φράτορες und δημόται, die sich auf die Atheniensische Stadtverfassung beziehen, lassen keine genauere Übersetzung zu., und Vaterland selbst, lauter schaale Nahmen, die nur bey sinnlosen Menschen in Achtung stehen! Timon sey für sich allein reich, lasse sich allein mit sich selbst wohl seyn, weit von allen Schmeichlern und pausbackichten Lobrednern entfernt; allein, auch wenn er den Göttern opfert und das festliche Opfermahl begeht, weil er keinen andern Haus- und Feldnachbar hat als sich selbst, und alle übrige von sich abgeschüttelt hat. Ja, sogar im Tode soll er von keinem andern Menschen als von sich selbst Abschied nehmen, und sich mit eigener Hand den Kranz aufsetzen, der einem Verstorbenen von seinen Freunden aufgesetzt zu werden pflegt. Ich will stolz darauf seyn den schönen Nahmen Menschenfeind zu führen, und mürrisches Wesen, Grobheit, Brutalität und Unmenschlichkeit sollen die Kennzeichen meines Charakters seyn. Wenn ich einen Menschen in Gefahr sähe im Feuer umzukommen, und er flehte mich an, die Flamme zu löschen, so will ich aus allen Kräften mit – Pech und Öl löschen, und wenn ein reissender Winterstrom einen vor meinen Augen daher wälzt, und er mich mit emporgestreckten Armen um Hülfe anruft, so soll es mir Pflicht seyn, ihn mit dem Kopf hinabzustoßen, und mit Gewalt zu verhindern daß er nicht wieder auftauchen könne.Plutarch führt in seinem Leben des M. Antonius einige Züge an, die unsern Autor berechtigen konnten, dem Timon diesen entsetzlichen Grad von Menschenhaß beyzulegen. z. B. der junge Alcibiades war um diese Zeit der große Günstling des Volkes zu Athen; und eben dieser Alcibiades war auch das einzige menschliche Wesen, gegen welches Timon eine Art von Zuneigung blicken ließ. Man fand diese Ausnahme so sonderbar, daß ihn endlich ein gewisser Apemantus um die Ursache derselben fragte. Ich bin diesem jungen Menschen gut antwortete Timon, weil ichs voraussehen daß er die Athenienser in großes Unglück bringen wird. Ein andermal erschien Timon in der allgemeinen Volksversammlung, und bestieg die Rednerkanzel, als ob er dem Volke etwas vorzutragen hätte. Jedermann erwartete in größter Stille und Verwunderung was herauskommen würde. Männer von Athen, sagte Timon, in einem kleinen Bauplatz an meiner Wohnung steht ein alter Feigenbaum, an dem sich schon viele Bürger erhängt haben. Da ich nun diesen Platz zu überbauen willens bin, so habe ich das Publicum davon benachrichtigen wollen, damit diejenigen die etwa Lust dazu haben, sich noch aufhängen können, ehe der Feigenbaum umgehauen wird. Denn nur auf diese Weise werde ich ihnen wiedergeben was ich von ihnen empfangen habe. Dieses Gesetz hat Timon, des Echekratides Sohn, aus dem Kolyttischen Districte, in Vortrag gebracht, und besagter Timon, da er den Präsidenten und die Gemeine in seiner Person vereinigt hat es auch bestätiget. Und dabey soll es nun bleiben, und es soll hiemit die volle Kraft eines unwiderruflichen Gesetzes empfangen, und wir werden männlich darüber zu halten wissen! Übrigens sollte mir's jetzt sehr angenehm seyn, wenn ich allen Atheniensern bekannt machen könnte, daß ich wieder unmäßig reich worden bin; denn ich bin gewiß, es würde ihnen die Hälse zuschnüren. – Aber wie? Was bedeutet das? Da seh' ich sie ja schon von allen Seiten, ganz mit Staube bedeckt und ausser Athem, herbeygelaufen kommen! Sie müssen Wind von meinem Golde bekommen haben, wie es auch damit zugegangen seyn mag. – Was ist nun zu thun? Soll ich auf die Anhöhe dort hinaufklettern, und sie aus diesem festen Posten mit einem Steinhagel bewillkommen? Oder wollen wir diesen einzigen Bruch in unser Gesetz machen, und noch Einmal mit ihnen reden, um sie durch die schmähliche Art wie wir sie behandeln wollen desto empfindlicher zu kränken? Das letztere wird doch wohl das Beste seyn. Ich will also stehen bleiben und sie anrücken lassen. – Laß doch sehen, wer der wackere Mann ist der allen andern zuvorläuft? Wahrlich der nehmliche Gnathonides, der mir neulich, da ich ihn um eine kleine Beyhülfe ansprach, einen Strick reichte, wiewohl der Schurke ehedem ganze Fässer Wein bey mir – gespieen hat. Er thut wohl daß er kömmt, dafür soll er auch die schwere Noth zuerst kriegen!

Gnathonides. Sagt' ichs nicht immer, die Götter würden einen so guten Mann wie Timon nicht verlassen? Guten Tag, schönster, liebster Timon! Wie steht's, altes Zechbrüderchen?

Timon. Guten Tag auch, Gnathonides, du – aller Geyer gefräßigster und aller Menschen nichtswürdigster!

Gnathonides. Du bist noch immer der alte Spaßvogel, höre ich. Aber warum seh' ich hier den Tisch nicht gedeckt? Wo ist das Gastmal? Ich bringe dir ein ganz neu gelerntes Trinklied mit, so frisch wie es aus des Dichters Hirnpfanne gekommen ist.

Timon. Mein Grabscheit da soll dich eine Elegie singen lehren, und das eine sehr klägliche! Er prügelt ihn.

Gnathonides. Was soll das seyn, Timon? du schlägst mich? Ich werde Zeugen herbeyrufen – o Herkules! Au Weh! Weh! Ich werde dich beym Areopagus verklagen, daß du mir ein Loch in den Kopf geschlagen hast.

Timon. Wenn du noch eine kleine Weile verziehest, sollst du mich verklagen daß ich dich todt geschlagen habe.

Gnathonides. So weit wollen wirs nicht kommen lassen. Meine Wunde soll bald geheilt seyn, wenn du ein wenig Gold darauf legen willst; Gold ist ein gar herrliches Mittel das Blut zu stillen.

Timon. Bist du noch da? Er schlägt auf ihn zu.

Gnathonides. Nun ja doch, ich will ja gehen; aber es soll dir wenig Freude bringen, daß du aus dem guten Manne der du warst, ein so ungeschlachter Grobian geworden bist. Er geht ab.

Timon. Wer ist der Glatzkopf, der sich da heranmacht? – Ach, nun erkenn' ich ihn; es ist Philiades, der schamloseste unter allen mein ehmaligen Tellerleckern. Das ist der Schurke, der ein ganzes Landgut, und zwey tausend Thaler zu Ausstattung seiner Tochter noch oben drein von mir empfing, bloß um ihn dafür zu belohnen, daß er mein Singen, während alle andern stillschwiegen, bis an den Himmel erhob, und seine arme Seele verschwor, kein sterbender Schwan singe so lieblich: und wie ich neulich krank und elend zu ihm kam und ihn um Hülfe ansprach, wies mich der edle Mann sogar mit Schlägen ab.

Philiades. O des unverschämten Volks! So? Nun kennt ihr den Timon wieder? Nun ist Gnathonides wieder sein Freund, und bereit ihm seinen Wein wieder auszutrinken! Es ist ihm Recht geschehen, dem Undankbaren! Wir, Timons alte Bekannte und Jugendfreunde und Zunftgenossen, wiewohl wir ein näheres Recht hätten, halten gleichwohl an uns, und möchten ihm, um alles in der Welt, nicht so unbescheiden auf den Leib rücken. – Viel Glücks, Geehrtester Herr! Aber laß dich zugleich vor diesen verdammten Schmarotzern warnen, diesem Rabengesindel, die blos deine Freunde sind so lang es was zu schmausen giebt. Man darf doch heutiges Tages keinem Menschen mehr trauen! Es ist lauter undankbares heilloses Schelmenpack! – Ich kam eben hieher, dir tausend Thaler zu Bestreitung der nothwendigsten Bedürfnisse zu bringen, als mir nicht weit von hier gesagt wurde, du wärest wieder zu unermeßlichem Reichthum gelangt; und so wußte ich dir meinen guten Willen durch nichts anders als diese freundschaftliche Warnung zu beweisen, wiewohl ein so kluger Mann wie du, ein Mann von dem Nestor selbst im Nothfalle noch lernen könnte, keine Erinnerungen von meinesgleichen bedarf.

Timon. Das wollen wir gut seyn lassen, Philiades. Tritt ein wenig näher herbey, damit ich dir meine Ergebenheit – ebenfalls mit meinem Grabscheit bezeugen kann. Er schlägt ihn vor den Kopf.

Philiades. Zu Hülfe, liebe Leute! Der undankbare Mensch hat mir für meinen wohlgemeynten Rath die Hirnschale entzwey geschlagen!

Timon. I, da kommt ja noch ein dritter, der Redner Demeas, mit einem Decret in der Hand. Der wird nun wieder mein Vetter seyn wollen! Er war einmal der Republik sechzehn tausend Thaler schuldig, und sollte, weil er nicht bezahlen konnte, geschlossen ins Gefängnis geführt werden. Aus Mitleiden bezahlte ich diese Summe auf Einem Brete für ihn. Neulich, da die Reihe an ihn kam der Zunft der Erechthiden das Schauspielgeldθεωρικόν hieß eine Gabe von zwey oder drey Obolen, die an den großen jährlichen Festen, den armen Bürgern zu Athen aus dem öffentlichen Schatze gereicht wurde, um einen Platz im Theater bezahlen zu können. auszuzahlen, und ich hinzugieng, meinen gebührenden Antheil zu empfangen, hat der Kerl nicht die Unverschämtheit, mir ins Gesicht zu sagen: er wisse nichts davon daß ich ein Bürger sey!

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