Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lukian von Samosata >

Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 70
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Plutus. So wäre wohl das sicherste uns auf die Seite zu machen, Merkur? An einem Manne, der von einer solchen Leibwache bedeckt wird, werden wir nicht viel Ehre einlegen.

Merkur. Jupiter ist anderer Meynung. Wir wollen den Muth noch nicht sinken lassen.

Penia. Wo führst du diesen Blinden hin, Merkur?

Merkur. Jupiter hat uns zum Timon dort abgeschickt.

Penia. Wie? Plutus wird dem Timon zugeschickt, und das, nachdem ich ihn in den elenden Umständen, worein ihn die Üppigkeit gebracht hatte, übernommen, und mit Hülfe meiner beyden Kinder, Sophia und PonosWeisheit und Arbeit., einen wackern und tüchtigen Mann aus ihm gemacht habe? Ihr denkt also, die arme Penia sey gut genug sich so verächtlich und unbillig mitspielen zu lassen als euch beliebt? Ich besitze auf der Welt nichts als diesen Timon, und nachdem ich mir alle Mühe gegeben habe ihn zu einem tugendhaften Mann umzubilden, kommt ihr und reißt ihn wieder von mir weg, um ihn mir, wenn Plutus und seine Gesellen wieder den Weichling und Thoren und Taugenichts, der er war, aus ihm gemacht haben werden, am Ende als einen Lumpen zurückzugeben?

Merkur. So beliebt es dem Jupiter, gute Penia.

Penia. Ich habe also hier weiter nichts zu thun. Du, Sophia, und du, Ponos, folget mir! Er wird bald genug inne werden, was für eine nützliche Mitarbeiterin und Lehrmeisterin alles Guten er an mir verlohren hat. So lange er sich zu mir hielt, verschaffte ich ihm Gesundheit an Leib und Gemüthe; er lebte das Leben eines Mannes, lernte sich selbst achten und das übrige alles als überflüßig und ihn nichts angehend ansehen, wie es auch nicht anders ist. – Es wird sich zeigen was er beym Tausche gewinnen wird!

Merkur. Sie gehen davon, Plutus: nun wollen wir auf ihn zugehen.

Timon. Was für verwünschte Figuren sind das? Was wollt ihr? Was führt euch hieher, einen ehrlichen Taglöhner in seiner Arbeit zu stören? Aber ihr sollt mirs nicht umsonst gethan haben, ihr Schurken die ihr alle seyd! Ich will euch mit Erdschollen und Steinen so zusammenwerfen, daß kein Gebein von euch ganz bleiben soll.

Merkur. Das laß bleiben, Timon! Wir sind keine Menschen, wie du meynst: ich bin Merkur, und dieser hier ist der Gott des Reichthums. Jupiter hat dein Gebet gehört, und schickt uns zu dir. Empfang' also zur guten Stunde Glück und Wohlstand aus unsrer Hand, und höre auf dich mit dieser sauren Arbeit zu placken!

Timon. Es soll euch darum nicht besser ergehen, wenn ihr die Götter seyd wofür ihr euch ausgebt; ich hasse Götter und Menschen, die einen wie die andern, und diesem Blinden hier, wer er auch sey, werd' ich mit meinem Grabscheit den Schädel einschlagen.

Plutus. Um Jupiters willen, Merkur, laß uns gehen! Ich sehe der Mensch ist wahnsinnig, und sein Wahnsinn ist von der tollen Art. Ich gehe, es möchte mir sonst übel bekommen.

Merkur. Übereile dich nicht, Timon! Laß dieses wilde und rasche Verfahren; lange mit beyden Händen nach deinem guten Glücke, sey wieder reich und der erste unter den Atheniensern; aber sey nun glücklich für dich selbst, und sieh jene Undankbaren mit Verachtung an!

Timon. Ich brauche nichts von euch! Laßt mich ungeplagt! Mein Grabscheit ist mir Reichthums genug. Was das übrige betrift, wenn mir nur jedermann vom Leibe bliebe, so wäre ich so glücklich als ich zu seyn wünsche.

Merkur. So unleutselig, Freund? Soll ich diese harsche rauhtönende Antwort Jupitern überbringen? Ich begreife daß du ein Menschenfeind bist, nachdem du so vieles und ungeheures Unrecht von ihnen erlitten hast: aber das begreif' ich nicht, wie du ein Götterfeind seyn kannst, da sie doch so gütig für dich sorgen.

Timon. Dir, Merkur, und Jupitern bin ich für die Fürsorge herzlich dankbar: aber mit diesem Plutus hier will ich nichts zu schaffen haben.

Merkur. Und warum das?

Timon. Weil er mir ehedem unzählich viel Böses zugezogen hat. Denn ist er es nicht, der mich Schmeichlern und Schmarotzern Preis gab? der mir hinterlistige Freunde zuführte, mir Hasser und Neider erweckte, mich durch Üppigkeit und Wollust verderbte, und am Ende mich in der Noth, wie ein treuloser Verräther, der er ist, sitzen lies? Wie edel hat hingegen die gutherzige Penia an mir gehandelt! Sie hat mich durch männliche Arbeit und tüchtige Leibesübung wieder hergestellt. Ihr Umgang war immer mit Wahrheit und Freymüthigkeit vergesellschaftet. Sie verschaffte mir durch Arbeit das Unentbehrliche, und lehrte mich alles übrige, was Wollust und Thorheit den Reichen zum Bedürfnis machen, verachten; ließ alle Hofnungen meines Lebens von mir selbst abhangen, und zeigte mir, was der Reichthum sey, den ich in Wahrheit als den meinigen zu betrachten habe, weil er mir von keinem Fuchsschwänzer abgeschmeichelt, von keinem Sykophanten abgetrotzt, kurz, weder von einem aufgehetzten Pöbel, noch von einem redseligen Demagogen, noch von einem auf mein Verderben erpichten Tyrannen entrissen werden kann. Und nun, da ich mit einer durch Arbeit gestärkten Gesundheit unverdrossen dieses Feld baue, wo keines von den Übeln, wovon die Stadt so voll ist, meine Augen beleidiget, nun bin ich zufrieden; denn mein Grabscheit verschafft mir zureichenden und sichern Unterhalt. Also, Merkur, mache dich je bälder je lieber auf den Rückweg, und bringe den Plutus zu Jupitern zurück. Will er mir ja einen Gefallen erweisen, so soll er alles was Mensch heißt, junge und alte, sammt und sonders – an den Galgen schicken!Die in solchen Fällen gewöhnliche griechische Redensart, οιμώζειν ποιη̃σαι, läßt sich im Teutschen nicht wohl anders ausdrücken, um eben dieselbe Wirkung zu thun.

Merkur. Darauf möchten sich nun wohl nicht alle eingerichtet haben. Aber, höre einmal mit solchen feindseligen und unbesonnenen Reden auf, guter Timon, und nimm den Plutus zu dir! denn die Gaben, die uns Jupiter sendet, so von sich zu stoßen ziemt sich nicht.

Plutus. Wenn du es zufrieden bist, will ich mich gegen deine Beschuldigungen verantworten. Oder ist es dir auch zuwider, mich reden zu hören?

Timon. Rede meinetwegen; nur mach es kurz, und keinen weitläuftigen Eingang, wie eure verwünschten Volksredner! dem Merkur hier zu Gefallen will ich mich überwinden ein paar Worte von dir anzuhören.

Plutus. Billig hätte mir erlaubt seyn sollen mich weitläuftig zu verantworten, da du mir so vieles zur Last gelegt hast. Indessen urtheile selbst, ob ich dir, wie du sagst, übel mitgespielt habe; ich, der ich dir alles was den Menschen das Angenehmste ist, Würde, Rang, öffentliche Belohnungen und Ehrenzeichen, kurz, alles was nur immer zum höchsten Wohlstand und Wohlleben gerechnet wird, zugetheilt habe? Um meinetwillen warst du angesehen und berühmt, jedermann beeiferte sich dir seine Achtung zu zeigen und dir Dienste zu leisten. Wenn dir von Fuchsschwänzern Leids geschehen ist, so bin ich ausser Schuld; im Gegentheil, ich habe mich über dich zu beschweren, daß du mich mit so wenig Achtung den schlechtesten Menschen Preis gegeben hast, deren verstellte hinterlistige Freundschaft eine bloße Falle war, worein sie dich und mich zu ziehen suchten. Ich hätte dich verrathen, sagtest du: mit besseren Rechte könnte ich dir die Beschuldigung zurückgeben, da du alles mögliche, um meiner los zu werden, gethan, und mich, im eigentlichsten Verstande, den Kopf zu unterst zum Hause hinausgeworfen hast. Wofür dich denn auch, statt des feinen prächtigen Staatsrockes, deine hochgeehrte Penia mit diesem Ziegenpelz ausstaffiert hat! – Übrigens kann Merkur hier bezeugen, wie inständig ich Jupitern gebeten habe, mich nicht wieder zu einem Manne zu schicken, der so übel mit mir umgegangen war.

Merkur. Du siehst aber nun, Plutus, wie er sich geändert hat, und hast alle Ursache einen bessern Muth zu ihm zu fassen. Also, zur Sache! – Du, Timon, grabe zu! – Und du, befiel dem Thesaurus sich unter sein Grabscheit zu legen; denn er wird dir unfehlbar gehorchen, wenn du laut genug schreyst.

Timon. Nun, weil denn kein ander Mittel ist als zu gehorchen und wieder reich zu werden, so sey es dann! Was ist zu machen wenn die Götter Gewalt wider einen brauchen? Bedenke indessen, Merkur, in was für Umstände du mich armen Mann stürzest, mich, der kurz zuvor noch so glücklich war, und nun, ohne mein Verschulden, einen solchen Haufen Goldes, und mit ihm so viel Sorgen, übernehmen soll!

Merkur. Ertrag es mir zu lieb, Timon, wie verdrieslich und unwillkommen es dir auch seyn mag; wenigstens wirst du das Vergnügen haben, deine Fuchsschwänzer vor Neid bersten zu sehen. Ich fliege jetzt über den Ätna in den Himmel zurück.

Plutus. Der ist also fort; denn mich däucht ich höre seine Flügel rauschen. Du, Timon, bleibe hier! Ich will gehen und dir den Thesaurus an meiner Stelle schicken. Schlage nur ein wenig tiefer in den Boden! – Und du, goldner Thesaurus, erkenne diesen Timon für deinen Herrn, und liefere dich in seine Hände! – Grabe zu, Timon! schlage tiefer ein! Ich will euch nun Platz machen.

Timon. Wohlan denn, mein liebes Grabscheit, verdopple deine Kraft, und werde mir nicht müde, bis du den Schatz aus der Tiefe an das Tageslicht gebracht hastEs ist ein sehr wahrer Zug, und ein Zeichen, daß Lukian das menschliche Herz kannte, daß er seinen Timon, ungeachtet er kaum noch so abgeneigt davon war, unvermerkt wieder Lust zum reich werden bekommen läßt, wiewohl er keinen Gebrauch von seinem Schatze zu machen gedenkt. – O wunderthätiger Jupiter mit allen deinen Korybanten! Und du, o gewinngebender Merkur, woher alle diese Menge Goldes? – Oder ist es nur ein Traum, und werd' ich beym Erwachen den Schatz in Kohlen verwandelt finden? – Doch nein! Es ist wirkliches, ausgeprägtes, glänzendes, wichtiges Gold! Welch ein lieblicher Anblick!

O Gold, du schönste Augenlust der Sterblichen!Ein Vers aus dem Bellerophon des Euripides.
Gleich dem lodernden Feuer
Glänzest du bey Nacht und bey TageAus Pindars erstem Olympischen Siegesgesang.
 << Kapitel 69  Kapitel 71 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.