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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das ist noch nichts so ausserordentliches, sagte Antigonus. Ich selbst kenne jemand, der nach dem zwanzigsten Tage seines Begräbnisses wieder auferstand, und kenne ihn sehr gut, da er vor und nach seinem Tode mein Patient gewesen ist.

Aber, fragte ich, wie ist es möglich, daß der Mann, wenn er wirklich todt war, in zwanzig Tagen nicht in Verwesung gegangen, oder, wenn er im Grabe noch lebte, nicht Hungers gestorben wäre? Dein Patient müßte nur ein zweyter Epimenidesd. i. in einem übernatürlichen Schlaf gelegen seyn . gewesen seyn.

Indem wir noch sprachen, kamen die Söhne des Eukrates vom Fechtboden zurück. Der eine von ihnen war schon über die ersten Jünglingsjahre hinaus, der andere mochte ungefähr fünfzehn Jahre haben. Nachdem sie uns ihren Reverenz gemacht hatten, nahmen sie auf dem Ruhebette ihres Vaters Platz, und mir wurde ein Lehnstuhl gebracht. Auf einmal fieng Eukrates, als ob ihm der Anblick seiner Söhne eine neue Wundergeschichte ins Gedächtnis bringe, wieder an: so möge mich der Himmel Freude an diesen beyden erleben lassen, als das wahr ist was ich dir erzählen will, Tychiades! Wie sehr ich meine selige Frau, ihre Mutter, geliebt habe, ist jedermann bekannt; ich habe es durch alles, was ich sowohl in ihrem Leben als nach ihrem Tode für sie gethan, deutlich genug zu Tage gelegt, indem ich ihren ganzen Schmuck, und das Kleid das sie am liebsten trug, mit ihr verbrennen ließ. Am siebenten Tage nach ihrem Hintritt lag ich auf diesem nehmlichen Ruhebette, und las, um Trost in meinem Leide zu suchen, Platons Buch von der Seele. Alles war still und einsam um mich her. Auf einmal sehe ich meine Demäneta, die sich auf dem nehmlichen Platze, wo hier Eukratides sitzt, zu mir setzt. – Er deutete bey diesem Worte auf seinen jüngern Sohn, der, wie man sich von einem Knaben seines Alters vorstellen kann, dabey zusammenfuhr, da er vorhin schon beym Anfang der Erzählung leichenblaß geworden war. – Sobald ich sie sah, fuhr Eukrates fort, umarmte ich sie und weinte wie ein Kind. Sie verwehrte mir zu schreyen, beklagte sich aber, daß ich, da ich ihr sonst alles zu Gefallen gethan, den einen von ihren goldenen Schuhen nicht mit verbrannt hätte. Er sey, sagte sie, unter den Kleiderschrank gefallen – und dies war die Ursache, warum wir ihn nicht finden konnten, und also nur den einen verbrannt hatten. Indem wir noch zusammen sprachen, fieng mein vertracktes Milesisches Schoos-Hündchen, das unter dem Bette lag, an zu bellen, und sogleich verschwand sie wieder: der Schuh aber wurde hernach unter dem Kleiderschranke gefunden, und am folgenden Tage verbrannt. Nun, Tychiades, ist dirs möglich, solchen offenbaren Thatsachen, und die, so zu sagen, alle Tage begegnen, deinen Glauben länger zu verweigern?

Behüte Gott! rief ich: die verdienten wahrlich, daß man sie mit einem goldnen Schuh – wie kleine Jungen züchtigteIm Griech., »daß man ihnen – den H*t*rn zerklopfte.« Lukian nennt immer alles mit dem rechten Nahmen, wie Voltaire., die nun nicht glauben, und der Wahrheit so unverschämt ins Gesicht lachen wollten!

Wie wir so sprachen, trat Arignotus, der Pythagoräer, herein, der Mann mit dem schönen volllockichten HaareDas volllockichte Haar gehörte zum Costum eines Pythagoräers, weil sich ihr heiliger Vater Pythagoras dadurch ausgezeichnet hatte. Sie hatten eine Art von Vorrang unter den übrigen philosophischen Orden, besonders seitdem Apollonius von Tyana dem Pythagorischen einen neuen Schwung gegeben hatte. und der feyerlichen Ehrfurchtgebietenden Miene, der seiner Weisheit wegen so berühmt ist, und von vielen der heilige Arignotus genannt wird. Sobald ich ihn erblickte, wurde mir leichter um die Brust: Der hätte mir, dacht' ich, nicht gelegner zum Beystand kommen können! denn unfehlbar wird ein so weiser Mann diesen windichten Wunderkrämern den Mund stopfen! Kurz, ich glaubte nicht anders als daß er mir vom Glücke wie ein Gott aus den Wolken zugeschickt worden sey, um mir aus der Noth zu helfen, da ich bereits alle Hofnung aufgegeben hatte. Kleodemus stand sogleich auf um ihm Platz zu machen, und sobald er sich gesetzt, und auf seine Erkundigung nach der Krankheit vernommen hatte, daß Eukrates sich um viel leichter befinde, fieng er an: Haben die Herren nicht zusammen philosophiert? Ich hörte so was im Hereintreten, und die Conversation schien mir etwas sehr unterhaltendes zum Gegenstand zu haben.

Nichts Geringers, sagte Eukrates, als diesen felsenharten Mann hier (auf mich weisend) zu überzeugen, daß es Geister und Erscheinungen gebe, und Gespenster, und daß die Seelen der Todten auf der Erde herumwandern und sichtbar werden wem sie wollen. Ich erröthete bey diesen Worten und schlug aus Ehrfurcht vor Arignotus die Augen nieder.

Vielleicht, erwiederte er, ist die Meynung des Tychiades, daß nur die Seelen derjenigen herumirren, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind, z. B. derer die sich selbst erhängt haben, oder enthauptet, gekreuziget, oder auf eine andere ähnliche Art aus der Welt geschaft worden sind; diejenigen hingegen nicht, die des natürlichen Todes starben. Wenn er dies behauptete, so möchte er wohl so unrecht nicht haben.

Nein, beym Jupiter, rief Dinomachus, er läugnet alle diese Dinge durch die Bank, und meynt daß gar nichts dergleichen möglich sey.

Wie? sagte Arignotus, indem er zugleich einen scharfen Blick auf mich warf, du leugnest die Wirklichkeit von etwas, wovon, so zu sagen, das ganze menschliche Geschlecht Augenzeuge ist?

Die Anklage meines Unglaubens ist zugleich meine Rechtfertigung, versetzte ich: ich glaube nicht, weil ich der einzige bin der nichts sieht: Hätte ich was gesehen, so glaubte ich ohne Zweifel so gut wie ihr.

Wenn du also jemals nach Korinth kommst, sagte Arignotus, so erkundige dich nach dem Hause des Eubatides; und wenn es dir unweit des Kraneions gewiesen wird, so geh hinein, und sage dem Thürhüter Tibius, du möchtest den Ort gerne sehen, wo der Pythagoräer Arignotus habe aufgraben lassen, und woraus er den Dämon vertrieben, und von selbiger Zeit an das Haus wieder bewohnbar gemacht habeDie Geschichte, die uns Arignotus hier vorlügt, kommt in allen wesentlichen Umständen mit derjenigen überein, die der jüngere Plinius (nur als einer, der an dergleichen Dinge glaubte, viel lebhafter) in einem seiner Briefe erzählt. (L. VII. ep. 27.) Bloß der Nahme der Stadt und des Philosophen sind verschieden. Beym Plinius ist Athen der Schauplatz, und der Geisterbanner heißt Athenodorus. .

Was war denn das, Arignotus? fragte Eukrates.

Es wollte, versetzte jener, schon seit geraumer Zeit niemand mehr in diesem Hause wohnen: denn, wer es versucht hatte, war von einem fürchterlichen und höchst unruhigen Gespenste hinausgetrieben worden. Es fieng also bereits an zusammen zu fallen, und das Dach war beynahe abgedeckt; denn es wollte kein Mensch mehr einen Fuß darein setzen. Sobald ich Nachricht davon bekam, nahm ich meine Bücher (ich besitze sehr viele Egyptische, die von solchen Dingen handeln) und begab mich eine Stunde vor Mitternacht in das Haus, wiewohl der Herr desselben mich sehr davon abmahnte, und beynahe Gewalt brauchte mich zurückzuhalten, wie er hörte, daß ich etwas unternehmen wollte, das seiner Meynung nach mein unvermeidliches Verderben seyn würde. Ich beharrete aber bey meinem Vorhaben, begab mich mit einer Lampe ganz allein in das Haus, stellte mein Licht in dem größten Saale nieder, setzte mich auf den Boden, und fieng an ganz stille vor mich hin zu lesen. Der Dämon, in der Meynung daß er einen Mann vor sich habe, der sich wie alle andern schrecken lassen werde, erscheint in einem scheußlichen Aufzug, ganz behaart, und schwärzer als die Finsterniß. Er kommt mir immer näher, und versucht es auf allerley Weise mir beyzukommen und mich aus meinem Vortheil zu setzen: bald wird er ein Hund, bald ein Stier, bald ein Löwe. Ich aber nehme eine der schrecklichsten Formeln vor die Hand, rede ihn damit in Egyptischer Sprache an, und treibe ihn endlich durch die Gewalt meiner Beschwörungen in den dunkelsten Winkel des Hauses. Ich merke mir die Stelle wo er verschwand, und schlafe die übrige Nacht ganz ruhig. Des Morgens, da mich jedermann verlohren gab und gewiß glaubte, daß mir der Dämon, wie meinen Vorgängern, den Hals umgedreht haben werde, komme ich, gegen aller Menschen Erwartung, hervor, gehe zum Eubatides, und bringe ihm die gute Zeitung, daß er nun fürs künftige sein Haus frey und ohne alle Furcht bewohnen könne. Ich führte ihn selbst, in Begleitung vieler anderer die das Unglaubliche der Sache herbeyzog, an den Ort wo ich den Dämon hatte versinken sehen, und befahl den Boden aufzugraben. Wie man ungefehr eine Klafter tief gegraben hatte, fand man ein altes Todtengerippe, dessen ganzer Knochenbau, in seiner natürlichen Verbindung, noch erhalten war. Dieses gruben wir aus und bestatteten es auf die gehörige Weise wieder; und von dieser Zeit an ist das Haus von Gespenstern frey geblieben.

Als Arignotus, ein Mann der an Weisheit beynahe ein Gott schien und von aller Welt mit Ehrfurcht angesehen wurde, mit dieser Erzählung fertig war, fand sich keiner unter den Anwesenden, der mich nicht für einen ausgemachten Thoren hielt, wenn ich noch fähig wäre, einer solchen, von einem Mann wie Arignotus erzählten Thatsache meinen Glauben zu versagen. Aber, ohne mich weder von seinem Pythagorischen Haarkopfe noch von seinem Ruf aus der Fassung bringen zu lassen, – ists möglich, rief ich, Arignotus, auch Du, auf den die Wahrheit ihre ganze Hofnung gesetzt hatte, auch du bist mit Dunst und Hirngespenstern angefüllt? So beweisest auch Du die Wahrheit des alten Sprüchworts, daß nicht alles was gleißt Gold ist! –

Aber du, erwiederte mir Arignotus, weil denn weder ich noch Dinomachus noch Kleodemus, noch Eukrates selbst Glauben bey dir verdienen, nenne uns denn, wenn du kannst, den Mann, der glaubwürdiger ist als wir, und das Gegentheil behauptet!

Den will ich euch nennen, beym Jupiter! und gewiß einen großen und allgemein bewunderten Mann, mit Einem Worte, den berühmten Demokritus von Abdera, der so fest überzeugt war, daß nichts dergleichen möglich sey, daß, – als er sich, um ungestörter denken zu können, in ein altes Grabmal vor der Stadt einschloß, wo er Tag und Nacht mit schreiben und meditieren zubrachte, und einige muthwillige Jünglinge, um ihm Furcht einzujagen, in schwarze Leichentücher eingewickelt und mit Larven, die wie Todtenköpfe aussahen, vor ihm erschienen und mit gewaltigen Sprüngen um ihn herum tanzten; – er sich so wenig durch diese Maskerade beunruhigen ließ, daß er nicht einmal aufsah, sondern im fortschreiben endlich bloß sagte: nun macht einmal dem Spaß ein Ende! – So gewiß glaubte er, daß Seelen, die ihre Leiber einmal verlassen haben, nichts mehr sind.

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