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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 68
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Plutus. Wenn du es beym rechten Lichte besiehest, Jupiter, wirst du finden, daß ich in beyden Fällen Recht habe. Daß Timons gleichgültiges und sorgloses Betragen gegen mich einen gänzlichen Mangel an Zuneigung voraussetze, kann gar keine Frage seyn. Was aber die andern betrifft, die mich einschließen, und deren einzige Sorge ist mich immer fetter und dickleibiger zu machen, ohne mich weder selbst anzurühren, noch an das Tageslicht hervorzuführen, damit ich ja von niemand gesehen werde: so habe ich wohl gute Ursache sie für Thoren und mich von ihnen beleidiget zu halten, da sie mich unschuldiger Weise unter so vielen Fesseln verfaulen lassen, ohne zu bedenken wie bald sie aus der Welt gehen, und mich irgend einem andern, der meiner nicht bedarf, überlassen werden. Ich kann also weder diese, die mich gar nicht zu gebrauchen wissen, noch jene, die mich immer zwischen den Fingern haben, loben: sondern nur den, der mit Maße zu Werke geht, was denn auch in allen Dingen das Beste ist. Um die Sache durch ein Gleichnis vollends ins Klare zu setzen, o Jupiter, so überlege einmal beym JupiterDas Schwören beym Jupiter indem man mit Jupitern selbst spricht, mußte für die Griechen was sehr lustiges haben, weil es in den Lukianischen Dialogen so oft vorkommt. selber – wenn einer sich ein hübsches junges Mädchen zur Frau nähme, und ließe sie dann, ohne sie zu Hause zu behalten und im mindesten eifersüchtig über sie zu seyn, nach freyem Belieben Tag und Nacht herumschwärmen und sich die Zeit vertreiben mit wem sie wollte; ja, wenn er sie sogar selber ihren Galanen zuführte, sein Haus immer offen hielte, selbst den Kuppler spielte, und jedermann auf sie zu Gaste bäte: könnte man sagen daß er seine Frau liebe? Wahrlich, Jupiter, du, der du in Liebesangelegenheiten so erfahren bist, wirst das nicht sagen wollen! Auf der andern Seite, wenn einer eine schöne vollblühende Jungfrau, in der löblichen Absicht Kinder mit ihr zu erzielen, geheurathet hätte, und er sperrte sie vor aller Menschen Augen in das Innerste seines Hauses ein, fütterte sie da ihr ganzes Leben lang wie eine Priesterin der Ceres, und ließe, statt sich der ehlichen Rechte zu bedienen, das schöne liebliche Geschöpf in ewiger kinderloser Jungferschaft dahin welken, versicherte aber gleichwohl daß er vor Liebe zu ihr brenne, und bewiese es auch wirklich durch die gelbliche Blässe seiner Gesichtsfarbe, seine stündlich zunehmende Magerkeit, und seine holen eingefallnen Augen: würde man einen solchen Menschen nicht für wahnwitzig halten? – Nun ist aber immer das eine oder das andere mein Fall; entweder ich muß mich auf die unwürdigste Art zum Hause hinauswerfen, verprassen und erschöpfen lassen, oder sie stigmatisirenMan pflegte bey den Griechen und Römern den Sclaven, denen man nicht traute, ein Zeichen aufzubrennen, woran man sie und ihren Eigenthums-Herren erkennen konnte, wenn sie davon liefen. und binden mich wie einen Sclaven; und das ist es eben was mich so toll auf die Leute macht!

Jupiter Du ereiferst dich ganz unnöthiger Weise. Sind nicht beyde gestraft genug dafür? die einen schnappen, wie eben so viele Tantalusse, mit ewig offnen aber ewig dürren und lechzenden Lippen nach ihrem Golde ohne es jemals habhaft zu werden: den andern wird ihre Nahrung, wie dem Phineus, von Harpyen bis aus dem Gaumen herausgehohlt. Aber wozu alle das Geschwätze?Lukian scheint diese Frage seinen Lesern vor dem Munde wegzunehmen; denn wirklich hat dieser Dialog mehr als viele andere von der wortreichen Schwatzhaftigkeit der Rhetoren und Sophisten seiner Zeit. Geh einmal, sag' ich dir! du wirst einen ganz andern Mann an Timon finden als den Thoren, der er ehmals war.

Plutus. Wie? du meynst er werde jemals aufhören können, mich vorsetzlicher Weise mit einem durchlöcherten Korbe zu schöpfen, aus Furcht er möchte in lauter Reichthum ersaufen, wenn er mich ganz und auf einmal einlaufen ließe? Ich bin versichert es wird mir gerade so mit ihm ergehen als ob ich Wasser in das Faß der Danaiden schütten wollte. Das Loch ist zu groß; ich werde gießen und gießen, das Faß wird doch immer leer bleiben, weil es geschwinder wieder ausgelaufen seyn wird als ich nachgießen kann.

Jupiter. Er mag selbst zusehen wie er das Loch stopfen will! Läßt er dich wieder ausfließen, so wird er wenigstens seinen Schafpelz und sein Grabscheit im Bodensatze wieder finden. – Aber geht endlich einmal, sag' ich, thut was ich euch heisse! Und du, Merkur, hörst du? Bringe mir wenn du zurückkommst die Cyklopen vom Ätna mit; sie sollen mir meinen Blitz wieder zurechte schmieden und spitzen, denn ich werde ihn nächstens so scharf als möglich vonnöthen haben.

Merkur. Nun, Plutus, mache dich auf die Füße! – Aber wie? was soll das? du hinkst, mein edler Herr? Ich wußte wohl daß du blind bist: aber daß du auch lahm seyst, war mir unbekannt.

Plutus. Auch bin ich es nicht immer, Merkur, sondern nur wenn ich von Jupitern zu jemand geschickt werde. Da weiß ich nicht wie es zugeht, aber es ist als ob ich auf einmal keine Knochen mehr in den Beinen habe; ich hinke an beyden Füßen, und es geht so langsam, daß der Mann der mich erwartet gemeiniglich schon ein Greis ist, eh ich an Ort und Stelle angelangt bin. Kommt es aber darauf an, mich wegzubegeben, so dächtest du ich hätte Flügel bekommen, und es geht so schnell daß mich kein Vogel einhohlen könnte. Die Laufbahn ist kaum eröffnetIm Original. das Seil ist kaum gefallen, nehmlich das vor die Rennbahn gezogene Seil, durch dessen Niederlassung den Wettläufern das Zeichen zum Rennen gegeben wurde. Pausan. in Eliacis. L. VI. c. 20., so ruft mich der Herold schon zum Sieger aus; so schnell hab' ich, ehe die Zuschauer mir mit den Augen folgen können, das ganze Stadium übersprungen.

Merkur. Was du da sagst, Plutus, ist wohl nicht so ganz wahr. Denn ich könnte dir viele nennen, die gestern nicht soviel hatten um sich einen Strick zu kaufen, und heute auf einmal reich sind, großen Aufwand machen, und mit einem schneeweißen Zug Pferde daher gefahren kommen, wiewohl sie in ihrem ganzen Leben nicht einen Esel im Stalle hatten. Ich denke solche Leute haben Mühe sich selbst zu überreden daß ihr Reichthum kein Traum sey; und das mag wohl die Ursache seyn, warum sie immer in Purpurkleidern und mit so viel goldenen Ringen an den FingernMan setzte nicht zu Timons, aber wohl zu Lukians Zeiten, einen besondern Staat darin, beynahe an allen Fingern beyder Hände goldne Ringe zu tragen. Lukian erlaubt sich (wie schon bemerkt worden) mehr dergleichen Anachronismen in diesem Stücke. einherstolziren.

Plutus. Das ist ganz was anders, Merkur! Bey solchen Gelegenheiten gehe ich nicht auf meinen eigenen Füßen; auch schickt mich dann nicht Jupiter sondern der Höllengott Pluto, in so fern auch er ein Geber des Reichthums ist, wie es denn, anderer Beywörter zu geschweigen, sein bloßer Nahme schon mit sich bringt. Wenn ich also von Plutons wegen, von einem Herrn zum andern wandern soll, geht es damit so zu. Erst werfen sie mich in eine Wachstafel, dann siegeln sie mich mit großer Sorgfalt zu, und tragen mich in Ceremonie zum Hause hinaus. Der Todte liegt inzwischen in irgend einem finstern Winkel des Hauses, mit einem alten Hader um die Knie, den Katzen, die sich um ihn balgen, preisgegeben: mich hingegen erwarten die hoffenden Erben auf dem Gerichtshofe mit aufgesperrten Mäulern, wie die zwitschernden Jungen die herbeyfliegende SchwalbeLukian hat gewisse Lieblingsbilder, die öfters in seinen Werken vorkommen. Dies ist eines davon, und es thut in der That im komischen Styl einen sehr guten Effect.. Wenn denn nun das Siegel abgerissen, der Bindfaden zerschnitten, das Testament eröffnet, und der neue Eigenthümer öffentlich ausgerufen ist, es sey nun ein Anverwandter oder ein ehmaligen Schmeichler des Erblassers oder einer von seinen Kammerleuten, ein gewesener Liebling, der sich durch die Gefälligkeiten und Liebesdienste aller Art, die er seinem Herrn zu leisten sichs sauer genug werden lassen mußte,Das Original erklärt sich hier mit einer Deutlichkeit die unsere Sitten nicht ertragen könnten. einen solchen Vorzug vor seinen Mitknechten und eine so reichliche Belohnung seiner edeln Willfährigkeit allerdings wohl verdient hatDaß dies Ironisch gesagt werde, brauchte man griechischen Lesern nicht zu sagen. – dann hat dieser glückliche, wer er auch sey, nichts weiter zu thun, als das Testament und mich eilends in den Schubsack zu stecken, nach seinem nunmehr eigenthümlichen Hause zu laufen, und da er zuvor etwa Pyrrhius oder Dromo oder TibiusGewöhnliche Sclavennahmen, so wie Megakles, Megabyzus oder Protarchus Nahmen waren, die sich nur für Personen von hohem Stande schickten. geheissen, sich nun auf einmal Megakles oder Megabyzus oder Protarchus schelten zu lassen; während die andern, die ihre Schnäbel vergebens aufgesperrt hatten, einander mit ungeheuchelter Traurigkeit anstarren, und sichs, wie billig, von Herzen leid seyn lassen, daß ihnen ein so großer Meerfisch aus dem Innersten des Netzes entwischt ist, ohne ihnen für die viele Lockspeise die er auf ihre Kosten verschlungen, einen Ersatz zu lassenBeynahe sollte man glauben, daß Lukian (wiewohl er nirgends merken läßt daß ihm die Existenz des Horaz bekannt gewesen sey) dieses ganze Bild aus der 5ten Satyre (des 2ten Buches) dieses römischen Dichters kopirt habe. Die Ähnlichkeit ist gar zu auffallend.. Was Wunder, wenn ein Mensch, der so auf einmal in mich hineinplumpt, so ein dickhäutiger pöbelhafter Kerl, ohne Erziehung und feineres Gefühl, der, wenn ein Vorbeygehender von ungefehr mit der Peitsche schnalzt, gleich die Ohren reckt und zusammenfährt, und vor dem Mahlgewölbeμυλών, pistrinum, der Ort, wo die Handmühle stand, zu welcher gewöhnlich nur die geringste Art von Sclaven, die andern aber nur zur Strafe wenn sie sich übel aufführten, oder sich sonst die Ungnade des Herrn zugezogen hatten, gebraucht wurden. wie vor einem Tempel mit heiligem Schauder vorbeygeht, kurz, dem noch immer von Fußeisen und Handmühlen träumt, – was Wunder, sage ich, wenn ein solcher Mensch allen die mit ihm zu schaffen haben unerträglich, grob und übermüthig gegen diejenigen die er nun für seines gleichen ansieht, und grausam gegen seine ehmaligen Mitsclaven ist, die er geißeln läßt, blos um zu probiren ob ihm auch das nunmehr erlaubt sey: bis er endlich irgend einer listigen kleinen Hure in die Klauen fällt, oder sich einfallen läßt, schöne Pferde zu halten, oder sich einem Pack Schmarotzer Preis giebt, die ihm zuschwören daß er schöner sey als NireusNireus, der schönste Mann der gegen Ilion auszog unter den Griechen, nächst dem untadelichen Achilles. Ilias B. II. v. 673. 74., edler als Cekrops oder KodrusJener der erste Stifter von Athen dieser der letzte unter den attischen Königen. , verschlagener als Ulysses, und reicher als sechzehn Krösusse; da dann der schlechte Kerl auf diese Art in einem Augenblicke wieder verschwendet, was von seinem Erblasser mit so vielen falschen Eiden, Ungerechtigkeiten und losen Künsten nach und nach zusammengekratzt worden war.

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