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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 67
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jupiter aus dem Himmel herabschauend, zu Merkur. Merkur, wer ist denn da unten in Attica am Fuße des Hymettus der lumpichte schmutzige Kerl mit Ziegenfellen um die Lenden, der so zu uns herauf schreyt? – Jetzt krümmt er sich nieder, und gräbt, däucht mich, in die Erde. Ein geschwätziger dreister Bursche! vermuthlich ein Philosoph! denn sonst hätte er wohl nicht so gottlose Reden gegen uns ausgestoßen.

Merkur. Wie, mein Vater? Kennst du den Timon, des Echekratides Sohn von KolyttosKolyttos war der Nahme einer von den Abtheilungen der Atheniensischen Bürger, welche sie Demos nannten, und die sich auf die Flecken oder Dörfer bezogen, in welchen die Einwohner von Attica zerstreut gewohnt hatten, ehe sie Theseus alle in der Hauptstadt vereinigte. nicht mehr, der uns so oft mit festlichen Opfern tractirte? den kürzlich noch so reichen Mann, der uns ganze HekatombenEine Hekatombe war ein sollennes Opfer von hundert (oder, wie einige behaupten fünf und zwanzig) Stück Opferthieren, als Stieren, Schafen, Schweinen, u. s. w. S.  Jul. Capitolin. in Balbino. auf einmal darbrachte, und bey dem wir die DiasiaSo hieß das Fest des Jupiter Meilichius, eines der vornehmsten Feste der Athenienser. S.  Thucyd. B. I. cap. 126. so herrlich zu begehen pflegten?

Jupiter. Ey! mit dem hat sichs garstig verändert! Was? der ansehnliche reiche Mann, der immer einen solchen Hof von Freunden um sich hatte? Was ist ihm denn begegnet, daß er in diesen armseligen Zustand gerathen ist? Denn nach dem schweren Grabscheit, das er führt, zu urtheilen, kann er nichts bessere seyn als ein Gräber der um Taglohn arbeitet.

Merkur. Ich könnte sagen, seine Güte und Menschenliebe und sein Mitleiden mit allen Dürftigen habe den armen Mann zu Grunde gerichtet: aber die reine Wahrheit ist, daß es seine Thorheit, übermäßige Gefälligkeit und Unvorsichtigkeit in der Wahl seiner Freunde gethan hat. Der einfältige Mensch merkte nicht, daß er seine Gefälligkeiten an Raben und Wölfe verschwende, und hielt alle die Wespen, die ihm seine Leber auffraßen, für Freunde, die sich aus Wohlwollen und gutem Herzen zu ihm gesellten, da sie doch nur des Fraßes wegen kamen. Es ergieng ihm also wie man sichs vorstellen kann. Nachdem sie ihm gar säuberlich alles Fleisch rings um die Knochen abgenagt, und, wo etwa noch ein wenig Mark darin war, auch dieses ganz und gar ausgezogen hatten, flogen sie davon, und ließen ihn als ein dürres GerippeIm Original: dürr und bis an die Wurzel abgehauen – ein Bild das zum vorigen nicht paßt. liegen, ohne ihn mehr zu kennen noch anzusehen, (denn was hätten sie davon gehabt?) geschweige ihm beyzustehen oder nur einen kleinen Theil des empfangenen zurückzugeben. Dies hat ihn nun dahin gebracht, daß er, mit dem einzigen was ihm von seinem Vermögen übrig blieb, mit einem paar Ziegenfellen um die Schultern und einem Grabscheit in der Hand der Stadt aus Schaam den Rücken kehrte, und sich um Taglohn zu Feldarbeiten hieher verdingte, wo er seinem Elende nachhängt, und schwarzes Blut dabey macht, wenn die Leute, die durch ihn reich wurden, mit der Nase in der Luft vorbeygehen, und sich nicht einmal mehr erinnern können daß er Timon heißt.

Jupiter. Der Mann darf keinesweges länger übersehen und vernachläßiget werden, oder er könnt' es uns billig übel nehmen, wenn wir es eben so machten wie jene schurkischen Schmeichler, und eines Menschen vergäßen, der uns die vielen fetten Hinterviertel von Rindern und Ziegen auf unsern Altären verbrannte, wovon ich den angenehmen Geruch noch immer in der Nase habe. Übrigens muß ich gestehen, daß ich, – aus Mangel an Muße wegen der ungeheuern Menge von Meineidigen und Straßenräubern, und besonders aus Furcht vor den häufigen Tempeldieben, die ich, um mich ihrer zu erwehren, keinen Augenblick aus den Augen lassen darf, – seit langer Zeit nicht auf Attica herabgesehen habe; zumal seit dem die Philosophie und das Argumentiren gegen einander dort im Schwange geht. Denn die Leute verführen ein solches Krähengeschrey dabey, daß unser einer nicht einmal die Gebete der Andächtigen davor hören kann: so daß man entweder mit den Fingern in den Ohren da sitzen, oder sich die abscheulichste Langeweile machen lassen muß, wenn die Kerls von ich weiß nicht was für einem Dinge das sie TugendMan ärgere sich nicht an dieser Art von der Tugend zu reden, die noch öfters bey unserm Autor vorkommen wird. Der verächtliche Ton gilt nicht der Tugend, sondern dem schimärischen Hirngespenste, worüber sich die Sophisten und Philosophen unter diesem Nahmen zankten. Denn nicht die Sachen, sondern Nahmen, dunkle Begriffe und Worte ohne Sinn sind von jeher das wichtige Objekt gewesen, um dessentwillen die Menschen einander am wüthendsten angefochten, verketzert und verfolgt haben. nennen, und von unkörperlichen WesenEin Stich auf die Philosophen Anaxagoras und Plato., und andern solchen Schnurrpfeiffereyen aus vollem Halse daher declamiren. Über dem allen ist uns dann begegnet, daß wir diesen wackern Mann wirklich ganz aus den Augen gelassen haben. Um also keine Zeit zu verlieren, Merkur, so nimm den PlutusDen Gott des Reichthums. zu dir, und begebt euch unverzüglich zu ihm. Plutus soll den ThesaurusDiese Personification des Thesaurus oder Schatzes (welchen Timon in der Erde finden sollte) ist eine humoristische Nachahmung des Aristophanes, welcher die Wolken, die Armuth (Penia) den Krieg und den Aufruhr personificiert. Jedoch stellt Lukians Thesaurus nur eine stumme Person vor. mit sich nehmen, und beyde sollen ihre Wohnung bey Timon aufschlagen und nicht so leicht wieder davon gehen, wenn er sie gleich vermöge seiner bekannten Gutherzigkeit, selbst wieder zum Hause hinauswerfen wollte. Was seine Schmeichler und ihre an ihm bewiesene Undankbarkeit betritt, darüber behalte ich mir vor das Weitere zu verfügen. Ungenossen soll es ihnen nicht hingehen, sobald mein Blitz ausgebessert seyn wird. Denn die zwey größten Stralen daran sind zerbrochen und haben sich ganz abgestumpft, als ich ihn neulich ein wenig zu hitzig auf den Sophisten AnaxagorasAnaxagoras war eigentlich was man heut zu Tage einen Deisten nennt, und dachte also von den populären Göttern ziemlich heterodox. Nach dem Diogenes Laertius wurde er von den Atheniensern wegen seines Glaubens an Einen Gott um fünf Talente gestraft und aus Athen verbannt. Plutarch hingegen sagt: Perikles habe den Philosophen, dessen Freund und Beschützer er immer gewesen, noch in Zeiten aus der Stadt gebracht, ohne den Ausbruch des Ungewitters abzuwarten: und auf diesen Umstand scheint Lukians Timon hier anzuspielen. schleuderte, der seine Schüler bereden wollte, wir andern Götter wären gar nicht in der Welt. Ich verfehlte ihn zwar – denn Perikles hielt seine Hand über ihn – aber der Blitz schlug zum Unglück in den Tempel der Dioskurendes Kastor und Pollux. Lukian zielt hier vermuthlich auf eine wirkliche Begebenheit., und brannte ihn nieder, wäre aber selbst an einem Quaderstein beynahe in Stücken gegangen. Inzwischen wird es eine hinlängliche Strafe für die Schurken seyn, wenn sie den Timon wieder reicher als jemals sehen werden.

Merkur vor sich, indem er den Plutus hohlt. Was es einem doch hilft, recht laut zu schreyen, und grob und trotzig zu seyn! Wie ich sehe, befinden sich nicht nur die Partheyen in einem Rechtshandel, sondern auch die Leute, die etwas von den Göttern wollen, wohl dabey. Timon wird nun in einem Augenblick aus einem Bettler ein steinreicher Mann, bloß weil er das Maul weit aufriß und Jupitern die derbsten Grobheiten ins Gesichte warf. Hätte er mit duldsam gebogenem Rücken stillschweigend fortgegraben, er grübe noch, und könnte noch lange graben bis man sich um ihn bekümmerte.

Plutus. Was mich betrifft, Jupiter, ich bin fest entschlossen nicht zu ihm zu gehen.

Jupiter. Warum denn aber, mein bester Plutus?Man bemerke diese Höflichkeit des sonst so leicht auffahrenden Jupiters gegen den Gott des Reichthums. Sie ist einer von den feinen satyrischen Zügen, die dem Lukian eigen sind, und wovon dieses Stück voll ist. und zwar, da ich dirs befohlen habe?

Plutus. I, zum Jupiter! weil er mich insultirt hat! Weil er mich – nicht etwa mit einer Heugabel zum Hause hinausgejagt, oder wie etwas das ihn auf der Hand brannte auf einmal von sich geworfen, sondern recht mit kaltem Blute in unzähliche Stückchen zerschnitten, und dann so brockenweise weggeschmissen und verzettelt hat, und das ungeachtet ich schon vom Vater her ein Freund seines Hauses war. Und ich sollte nun wieder zu ihm gehen, um mich Schmarotzern, Schmeichlern und Buhlschwestern preisgeben zu lassen? Schicke mich lieber zu Leuten, die deine Gaben zu schätzen wissen und nach mir verlangen, die mich mit offnen Armen aufnehmen und in Ehren halten. Solche dumme Kybitze, wie dieser Timon, mögen bey ihrer geliebten Penia aushalten, weil sie ihr doch einmal den Vorzug vor mir gegeben haben! mögen mit dem Schafpelz und dem Grabscheit, dem einzigen, was sie ihnen zu geben hat, und mit vier Obolen des Tages vorlieb nehmen; die Tröpfe, die das Geld so sorglos Zentnerweise weggeschleudert haben!

Jupiter. Du hast künftig nichts dergleichen mehr von Timon zu besorgen. Das Grabscheit hat ihm unfehlbar deine Vorzüge vor der Armuth begreiflich gemacht, oder seine Hüften müßten nur gar nicht wissen was Schmerz ist. Übrigens scheinst du auf einmal sehr übellaunig geworden zu seyn, da du dich über den Timon beschwerest, daß er dir seine Thüren geöffnet und dir Erlaubnis gegeben herum zu schweifen, anstatt dich, wie ein eifersüchtiger Liebhaber, zu Hause eingeschlossen zu halten. Ehmals war es just das Gegentheil. Da zürntest du über die Reichen, die dich hinter Riegel und Schlösser einsperreten, ja dich sogar einsiegelten, so daß du nicht einmal durch irgend eine Ritze ins Tageslicht hinausblicken konntest. Über das alles beklagtest du dich sonst bitterlich bey mir, und jammertest, daß man dich in dumpfer Finsternis ersticken ließe; sahest bleich und bekümmert aus, hattest von dem unaufhörlichen Zählen und Rechnen steife Finger, und drohtest sogar, bey der ersten besten Gelegenheit, die du finden würdest, davon zu laufen. Kurz, es kam dir entsetzlich vor, ewig in einem eisernen oder ehernen Kämmerchen, unberührt, wie eine andere DanaeEine angenehme Anspielung auf den eisernen Thurm, worin (nach der Fabel) Akrisius seine Tochter Danae eingesperrt hielt, um allen Mannspersonen den Zugang zu ihr zu verwehren., eingeschlossen zu seyn, und von so harten Pädagogen als der Wucher und das Einmaleins in der Zucht gehalten zu werden. Es könnte doch nichts ungereimteres seyn, sagtest du, als Leute, die dich rasend lieb hätten, und sich doch nicht getrauten deiner zu genießen, wiewohl es ihnen niemand wehrte noch wehren durfte, da sie deine Herren wären; sondern, im Gegentheil, die Augen keinen Augenblick von dem Siegel und den Riegeln, worunter sie dich verschlossen hielten, abgewandt, die ganze Nacht durch bey dir aufsäßen, und das schon für hinlänglichen Genuß hielten, wenn sie deinen Genuß jedem andern verwehren könnten: wie der Hund in der Krippe, der zwar den aufgeschütteten Haber unangerührt läßt, aber auch dem hungrigen Pferde nicht gestatten will davon zu fressen.Eine Anspielung auf eine damals bekannte Äsopische Fabel, die sich aber in der Sammlung, die auf uns gekommen ist, nicht befindet. Zuweilen lachtest du auch über alle diese Albernheiten deiner Liebhaber, und nichts kam dir lustiger vor, als daß sie, nicht zufrieden eifersüchtig über andere zu seyn, es sogar über sich selbst wären, ohne sich davon träumen zu lassen, daß, – während der arme Teufel von Hausherrn, bey dem sichtbaren Dunkel einer enghalsigen und öldurstigen Lampe, sich den Schlaf versagt um seine Zinsen auszurechnen, – irgend ein schurkischer Sclave, Hausverwalter oder Kinderwärter indessen Mittel finden werde ihm über seinen Schatz zu kommen, und des verhaßten Knausers hinter seinem Rücken zu spotten. Alles dies, o Plutus, pflegtest du sonst den Reichen aufzumutzen: mit welcher Billigkeit kannst du jetzt dem Timon das Gegentheil zum Verbrechen machen?

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