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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 66
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Timon.Timon. Ich vermuthe, dieser Dialog, den man eben so wohl ein kleines prosaisches Drama nennen könnte, sey eines von den ersten Werken welche Lucian während seinem Aufenthalt zu Athen ausgearbeitet hat. Daß er eines seiner schönsten sey, ist die einstimmige Meynung aller Kenner. Le Beau, der jüngere, hat in seiner Abhandlung über den Plutus des Aristophanes eine Vergleichung zwischen dieser Komödie und dem Lukianischen Timon angestellt, (s. den 51sten Theil der Memoir. de l'Acad. des Inscript.) woraus, wie er selbst sehr wohl anmerkt, mehr die Ähnlichkeit des Genies der Verfasser, als der beyden Werke erhellet. Immerhin mag Aristophanes in Lukian den ersten Gedanken, seinen Timon zu schreiben veranlaßt haben: Timon bleibt nichts desto weniger, in Erfindung, Composition, Zweck und Ausführung, ein Originalwerk; und mich dünkt daß man ihm, ohne ungerecht gegen Aristophanes zu seyn, den Vorzug eines größern Interesse für heutige Leser zugestehen könne; Lukian hat einen weit größern Hauptzweck und verbindet mehr Nebenzwecke mit demselben als Aristophanes. Die Satyre die im Timon herrscht, ist von weiterm Umfang, trift mehrere Gattungen von Menschen, und geht, wie der gröste und wichtigste Theil der Lukianischen Schriften, auf nichts geringeres aus, als den Nebel, der die Menschen verhindert, in ihren wesentlichsten Angelegenheiten richtig zu sehen, zu zerstreuen, die Betrüger zu entlarven, den Betrognen die Augen zu öfnen, und besonders die Götter und die Philosophen seiner Zeit, in ihrer Blöße darzustellen. Der berüchtigte Menschenfeind Timon war ein zu glückliches Sujet, und enthielt einen zu reichhaltigen Stoff für die Lukianische Satyre, als daß es unserm Autor, der (wie es scheint) während seines Aufenthalts zu Athen auf die Jagd solcher Sujets ausgieng, unbenutzt hätte entgehen können. Übrigens stimmt das Wenige, was uns andere griechische Schriftsteller, (als, Aristophanes, Plutarch, Diogenes Laertius und Pausanias) von diesem sonderbaren Menschen sagen, sehr wohl mit den Zügen überein, mit welchen er uns in dieser sinnreichen Composition dargestellt wird; nur der Umstand, daß Timon, nachdem er durch Leichtsinn und Gutherzigkeit große Reichthümer durchgebracht, in der Folge durch irgend einen Zufall wieder zu Vermögen gekommen sey, scheint mir keineswegs so eine ausgemachte Wahrheit als der Abbé du Resnel in seinen Recherches sur Timon le Misanthrope aus sehr schwachen Gründen annimmt. Auch bedurfte Lukian dessen nicht, um zu der Dichtung berechtiget zu seyn welche die Grundlage seines Timons ausmacht.

Timon, Jupiter, Merkur, Plutus, Penia, Gnathonides, Philiades, Demeas, Thrasykles.

Timon. O Jupiter, Schutzgott der Freundschaft, der Geselligkeit und des häuslichen Glückes, Schirmer der Fremdlinge, Rächer des Meineids, Wolkenversammler, BlitzeschleudererAlle diese Nahmen und Beywörter, die hier und im Verfolge dieser Apostrophe an den Jupiter mit kursiven Lettern gedruckt worden, sind aus Homer und andern Dichtern genommen., oder mit welchem andern Nahmen die angedonnerten hirnwüthigen Dichter – zumal wenn sie um Ausfüllung eines Verses verlegen sind – dich begrüßen: wo bleibt dein mächtigkrachender Blitz, dein weitbrummender Donner, und dein flammenzückender, allblendender, schrecklichschmetternder Wetterstral? – Augenscheinlich sind alle diese Dinge, das Geprassel der Worte abgerechnet, lauter Possenwerk und poetischer Dampf. Dein so viel besungenes weittreffendes, immerfertiges Geschoß ist, ich weiß nicht wie, gänzlich erloschen und erkaltet, und hat auch nicht den kleinsten Funken von Zorn gegen die Lasterhaften mehr in sich. Ein Bösewicht, der im Begriff ist einen falschen Eid zu schwören, würde sich eher vor einer gestrigen Lichtschnuppe, als vor deines allbezwingenden Blitzes Flamme fürchten. Kurz, du scheinst ihnen, anstatt des Donnerkeils, einen Löschbrand zu schleudern, von dem sie weder Feuer noch Rauch befürchten; das ärgste was ihnen begegnen kann, wenn er sie trifft, ist mit Kohlstaub bedeckt zu werden. Ist es bey solcher Bewandtnis wohl zu verwundern, daß ein SalmoneusEin König von Elis, aus den heroischen Zeiten, der den Jupiter spielte und Donner und Blitz durch ein Getöse mit kupfernen Töpfen und emporgeschleuderten FackeIn nachahmte, bis ihn Jupiter mit einem wahren Blitz in den Tartarus hinabdonnerte. Apollodor. B. I. Cap. IX. §. 7. sich unterstand dir entgegen zu donnern? ein Unternehmen, womit ein so stolzer und hitziger Mann gegen einen so kaltlebrichten Jupiter noch wohl zu Rande zu kommen hoffen durfte. Denn warum sollte er das nicht, da du so hart schläfst als ob du einen Schlaftrunk bekommen hättest, und weder Ohren für falsche Schwüre noch Augen für die andern Übelthäter der Menschen hast? Wie kann man anders denken, als daß deine Augen vor Alter endlich blöde und deine Ohren dickhäutig geworden seyn müssen? denn in deinen jungen Jahren ließ sich freylich nicht mit dir scherzen; da warst du leicht aufzubringen, und dein Zorn war schrecklich in seinen Ausbrüchen. Da vergönntest du den Lasterhaften und Gewaltthätigen keinen Waffenstillstand. Dein Keil war noch in seiner vollen Kraft, deine ÄgideÄgis, oder wie wir mit den Franzosen zu schreiben pflegen, Ägide, heist der Schild des Jupiters, der aus dem Felle einer ungeheuern Ziege gemacht war, mit deren Milch er in seiner Kindheit von der Amalthea aufgezogen worden war. Doch führte diesen Nahmen auch der Brustharnisch der Minerva, von einem feuerspeienden Ungeheuer dieses Nahmens, welches diese Göttin erlegt haben soll. Diodor. Bibliothek B. III. Cap. 69. immer in Bewegung; immer hörte man das Brüllen deines Donners, und deine Blitze fuhren hin und her, wie die Wurfpfeile in einem Scharmützel. Die Erde bebte noch als ob sie in einem Siebe geschüttelt würde, der Schnee fiel klumpenweise, es hagelte Felsenstücke, und, um mich recht tragisch auszudrücken, reissend und gewaltig platzten damals die Regengüsse herunter, jeder Tropfe ein Strom! – dergestalt, daß unter Deukalions Regierung, ehe man die Hand umkehren konnte, eine so entsetzliche Überschwemmung entstand, daß alle Fahrzeuge, auf die sich die Menschen geflüchtet hatten, untergiengen, und mit Noth ein einziger Nachen auf dem Lykorischen Berge sitzen blieb, worin ein lebendiger Funke sich erhielt, um einer neuen noch schlimmern Menschen-Rasse das Daseyn zu geben. Dafür aber geben sie dir auch den verdienten Lohn für deine schläfrige Unthätigkeit. Denn wer opfert dir wohl heut zu Tage noch, oder bringt dir Kränze, wenn es nicht etwa irgend ein Anwohner des Olympus ist, der es gleichwohl nicht als etwas, wozu er sich verbunden glaubte, sondern, ohne was dabey zu denken, aus bloßer alter Sitte und Gewohnheit so mitmacht? Kurz, sie machen so wenig Ceremonie mehr mit dir, daß du, o Edelster aller Götter, unvermerkt die Rolle eines zweyten Saturnusd. i. der Weltregierung, wie Saturn, entsetzt werden wirst. spielen wirst. Ich sage nichts davon, wie oft sie dir deine Tempel ausgeraubt: haben sie sich doch unterstanden, zu Olympia sogar an dich selbst Hand anzulegen! Und du, der sich den Hochbrausendenυψιβρεμέτης, ein Beywort, das Homer dem Jupiter häufig giebt. schelten läßt, wecktest nicht einmal die Hunde, oder riefst die Nachbarn auf, damit sie zusammenlaufen und der Räuber, ehe sie noch mit ihrer Beute davon gegangen, sich bemächtigen könnten: sondern der großmächtige Gigantenwürger und Titanenbändiger saß, mit einem zehnellenlangen Blitz in der Hand da, und ließ sich in aller Gelassenheit von den Dieben die goldnen Locken abscheerenOhne Zweifel bezieht sich dieser spöttische Vorwurf auf eine zu Lukians Zeiten geschehene Beraubung der herrlichen und reichen Bildsäule des Jupiters zu Olympia, an welcher die Haare, der Bart, der Mantel und die Bekleidung der Füße von gediegenem Golde waren. Der Anachronismus ist stark, aber Lukian bedient sich darin eines Rechtes, das man komischen Dichtern (sie mögen in Versen oder Prosa schreiben) nicht absprechen kann.. – Wenn wird denn einmal die Zeit kommen, mein vortreflicher Herr, wo du aufhören wirst alle diese Dinge so sorglos zu übersehen? Wenn wirst du endlich einmal allem diesem Unfug Einhalt thun? Wie oft müßtest du wohl die Welt verbrennen oder ersäufenIm Original: Wie viele Phaetonen und Deukalionen bedürfte es u. s. w., um die Menschen für ihren überschwänglichen Übermuth nach Verdienst zu züchtigen?

Ich will, um jetzt nichts von andern zu sagen, nur dabey stehen bleiben wie mir mitgespielt worden ist, mir, der ich so vielen Atheniensern aufhalf, so manchen armen Tropf zum reichen Manne machte, allen die meiner Hülfe bedurften unter die Arme griff, ja, wie ich wohl sagen kann, unermeßliche Reichthümer bloß durch die Leidenschaft meinen Freunden Gutes zu thun verschwendete. Seitdem ich durch dies alles arm geworden bin, will mich niemand mehr kennen, und eben dieselben Leute, die ehmals die Augen aus Ehrfurcht vor mir niederschlugen, sich beynahe auf den Bauch vor mir legten und an meinem Winke hiengen, würdigen mich jetzt keines Anblicks mehr. Begegne ich ihnen von ungefehr auf der Straße, so gehen sie bey mir vorbey, wie man vor einem durch die Länge der Zeit zusammengefallnen Denkmal eines längst vergeßnen Todten vorübergeht, ohne daß einem einfällt die Überschrift lesen zu wollen; ja manche nehmen, wenn sie mich von fern erblicken, einen andern Weg, als ob sie einem scheußlichen und unglückbedeutenden Gegenstande zu begegnen fürchteten, wenn sie mir begegneten, mir, den sie noch vor so kurzer Zeit ihren Wohlthäter und Beschützer nannten. Und so hat mich denn die Noth an diese äusserste Spitze des Attischen Ufers getrieben, wo ich in dieser armseligen Kleidung, um ein Taglohn von acht KreuzernVier Obolen. Ein Obolus betrug, als der sechste Theil einer Drachme (welche Eisenschmidt auf vier Groschen berechnet) acht Pfenninge. die Erde grabe, und so nebenher mit meinem Grabscheit und diesen öden Felsen hier philosophiere. Ich gewinne doch wenigstens das dabey, daß ich die Menge Schurken nicht vor Augen sehen muß, denen es wider ihr Verdienen wohl geht. Denn ich gestehe, das ist mir unerträglich. Wie wäre es denn nun, o Sohn des Kronus und der Rhea, wenn du endlich einmal aus diesem langen tiefen Schlummer, womit du den Epimenides selbstEpimenides aus Kreta passirte bey den Griechen für einen Propheten und großen Heiligen, und eines der geringsten Wunder, die seine Legende von ihm erzählte, war, er habe in seiner Jugend in einer gewissen HöIe sieben und funfzig Jahre an einem fort geschlafen. Diogen. Laert. L. I. s. 109. überschlafen hast, erwachtest, deinen erloschnen Donnerkeil wieder anbliesest, oder im Ätna anzündetest, und durch ein gewaltiges Zornfeuer uns wieder den ehmaligen kraftvollen und jugendlich raschen Jupiter zeigtest, – wenn man anders nicht glauben soll, was die Kretenser von dir fabeln, sie, die den Fremden sogar dein Grab auf ihrer Insel zeigen?

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