Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lukian von Samosata >

Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 65
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Cyniker. Aber es ist doch nicht dazu gemacht.Hier wird der Cyniker zu spitzfindig. Die Purpurschnecke ist nicht mehr dazu gemacht gegessen zu werden als zum färben zu dienen: sie ist da um da zu seyn, d. i. weil in der Kette der Wesen kein Glied fehlen kann; und der Mensch braucht sie (wie Alles andere in der Natur, was er erfassen kann) wozu er sie zu gebrauchen weiß. Denn so könnte einer auch seinem Becher Gewalt anthun und ihn statt eines Topfes brauchen:Warum nicht, wenn er just keinen Topf hat, und der Becher im Nothfall ungefähr dieselben Dienste thut? aber der Becher ist doch nicht dazu gemacht. – Doch wer könnte alle diese Dinge herrechnen, woraus die Menschen sich unnöthiger Weise würkliches oder eingebildetes Elend erkünstelt haben? Und du kommst und machst mir noch einen Vorwurf daraus, daß ich keinen Theil daran haben mag? Gleichwohl lebe ich gerade wie der wackre Mann, von dem vorhin die Rede war; ich lasse mir belieben was vor mir steht und am wenigsten kostet, und verlange nichts von allen euern leckerhaften und kostbaren Schüsseln. Wenn ich dir aber darum wie ein Thier zu leben scheine weil ich wenig bedarf und wenig genieße, so müssen wohl nach deiner Rechnung die Götter noch schlimmer daran seyn als die Thiere: denn sie bedürfen gar nichts. Um dich aber genauer zu belehren was es mit dem mehr oder weniger bedürfen für eine Bewandtnis hat, so erwäge nur daß Kinder mehr bedürfen als Erwachsene, Weiber mehr als Männer, Kranke mehr als Gesunde; überhaupt, daß das unvollkommnere immer mehr Bedürfnisse hat als das vollkommnere. Daher bedürfen die Götter gar nichts, und diejenigen, die ihnen am nächsten sind, am wenigsten. Oder meynst du etwa, der bravste unter allen Menschen, der göttliche und mit so vielem Recht unter die Götter gezählte Herkules, sey aus Noth und Elend mit einer Löwenhaut auf dem bloßen Leibe in der Welt herumgezogen, ohne etwas von allen euern Glückseligkeiten zu verlangen? Wahrlich der Mann litt keine Noth, dessen stetes Geschäfte war andern aus der Noth zu helfen; und der konnte nicht arm seyn der zu Wasser und zu Lande überall Meister war. Denn überall wohin ihn sein Muth trieb, überwand er alle, und so lange er unter den Menschen lebte, fand er nirgends seines gleichen, geschweige einen bessern Mann als er. Denkst du so ein Mann habe nackt und baarfuß herumwandern müssen weil es ihm an Kleidung und Schuhen gefehlt habe? Und nicht vielmehr, er habe aller dieser Dinge freywillig entbehrt, weil er enthaltsam und tapfer war, keinen Herren über sich haben wollte, und die Wollüste verachtete? Und Theseus, sein Schüler und Nachahmer, war er nicht König über ganz Attika, nicht ein Sohn Neptuns, wie die Sage geht, und der erste aller Männer seiner Zeit? Gleichwohl gefiel es auch ihm, unbeschuht und nackend einher zu gehen und Bart und Haare wachsen zu lassen: und das that nicht etwan er allein; alle jene Helden des Alterthums thaten das nehmliche, und waren doch wohl ganz andere Männer als ihr. Wahrlich man hätte eben so leicht versuchen können einem Löwen seine Mähne, als einem von ihnen seinen Bart abscheren zu wollen. Ein glattes Kinn und eine weiche Haut schickte sich ihrer Meynung nach nur für die Weiber: Sie waren Männer, und wollten auch wie Männer aussehen. Sie hielten den Bart für eine Zierde des Mannes, und glaubten, die Natur habe ihn eben so damit schmücken wollen, wie sie den edelsten Thieren, dem Rosse und dem Löwen, die Mähne als eine Zierde beygelegt hat. Diese Alten sind es, die ich bewundere und beneide; ihnen will ich nachahmen; die Leute der jetzigen Zeit sind nicht meine Leute. Immerhin mögen sie eine große Glückseligkeit darin setzen kostbar zu essen, reiche Kleider zu tragen, sich alle Haare auszuraufen, die Haut mit Bimsstein zu polieren, und kurz an ihrem ganzen Leibe nichts zu lassen wie es ihnen gewachsen ist, ich werde sie gewiß um diese Herrlichkeiten nicht beneiden! Was ich mir wünsche ist, daß meine Füße so hart werden mögen bis zwischen ihnen und dem Huf eines Centauren kein Unterschied mehr ist, und daß ich Madratzen und Decken so wenig als ein Löwe, und eines köstlichen Tisches so wenig als ein Hund nöthig habe. Möge ich nie ein anderes Lager, als was ich überall auf der bloßen Erde finde, verlangen, und mit jeder Kost, die ich unter meinen Händen oder Füßen finde, zufrieden seyn! Gold und Silber aber möge weder ich noch jemand den ich liebe jemals unter unsre Bedürfnisse zählen! Denn alles Elend das die Menschheit drückt, Empörungen, Krieg, Untreue, Verschwörungen und Meuchelmord entspringen aus der Begierde nach diesem unseligen Metall und dem Durst immer mehr zu haben. Ferne sey diese Krankheit der Seele von mir! Nie möge ich mehr als ich habe begehren, und immer gefaßt darauf seyn noch weniger zu haben! Hier hast du mit wenig Worten meine Art zu denken und zu leben. Sie ist, wie du siehest, von der gewöhnlichen sehr verschieden. Was Wunder also, wenn ich mich auch in meinem äusserlichen von denen unterscheide, denen ich in Grundsätzen so unähnlich bin? Übrigens begreife ich nicht, wie einer, der es schicklich finden kann, daß ein Sänger, ein Flötenspieler, ein Komödiant seinen besondern Habit habe, nicht auch dem Manne, der Profession davon macht ein wahrer und guter Mensch zu seyn, etwas eigenes in seinem Äusserlichen erlauben will, sondern darauf besteht, er müsse schlechterdings aussehen wie die Meisten, wiewohl die Meisten sehr schlechte Menschen sind. Wenn es aber schicklich ist, daß die Guten etwas ausgezeichnetes im Äusserlichen haben, was taugt besser dazu als ein Aufzug, der unter allen möglichen der ist worin die Weichlinge sich am wenigsten sehen lassen möchten? Und gerade so ist der meinige beschaffen. Denn worin besteht er anders als daß ich zotticht und schmutzig aussehe, einen abgeschabenen Kaput trage, meine Haare wachsen lasse und baarfuß gehe? Hingegen ist zwischen dem Aufzug eines CinädenDie schändliche Art von Mann-Weibern, die dieses unübersetzbare Wort bezeichnet, machte schon lange unter den Griechen und Römern, ungefähr eben so wie die Hetären, (oder die schönen Mädchen, die ihre Gesellschaft bey Tag und Nacht um einen ihrer Jugend und ihren Reizungen proportionierten Preis vermietheten) eine eigene ausgezeichnete Classe aus, die zwar allen gesitteten Leuten verächtlich war, aber doch geduldet wurde. Ehmals waren diese Elenden an ihrer weichlichen und üppigen Kleidung, an der Art wie sie ihre Haare trugen, an ihrer Affectation sich auf eine weibische Art herauszuputzen, an dem Dunstkreise von Wohlgeruche, in den sie eingehüllt waren, beym ersten Anblick zu erkennen gewesen: aber seitdem der Luxus alle diese Dinge zur allgemeinen Mode gemacht hatte, hatten die Cinäden im äusserlichen nichts besonders mehr; sie sahen nun aus wie die ehrlichen Leute, weil die ehrlichen Leute sich nicht schämten wie Cinäden auszusehen. und dem eurigen nicht den geringste Unterschied; Farbe der Kleidung, Feinheit des Zeugs, Menge der Unterkleider, Schlafröcke, Schuhe, Kopfputz, Parfümirung, Alles ist bey euch wie bey ihnen; denn würklich riecht ihr auch bereits so gut wie sie, wenigstens diejenigen von euch, die den ersten Rang unter den Glücklichen behaupten. Was möchte aber wohl jemand um einen Mann geben der wie ein Cinäde riecht? Daher kommt es denn auch, daß ihr euch vor Arbeit und Anstrengung nicht weniger scheut als sie, und allen Wollüsten eben so unmäßig ergeben seyd wie sie. Ihr esset wie sie, schlafet wie sie, und geht wie sie, oder vielmehr ihr geht gar nicht, sondern laßt euch, wie Lasten, bald von Menschen, bald von lastbaren Thieren tragen. Mich hingegen tragen meine eignen Füße wohin ich will; auch kann ich Kälte und Hitze gleich gut aushalten, und komme nie in den Fall, über den lieben Gott und seine Einrichtungen zu murren, weil ich selbst ein armer Schwächling bin, der nichts ertragen kann. Ihr hingegen seyd vor lauter Glückseligkeit nie mit der Natur zufrieden, tadelt alles, könnt das Gegenwärtige nie ertragen, und sehnt euch immer nach dem Vergangenen oder Zukünftigen: im Winter wünscht ihr den Sommer, im Sommer den Winter zurück; ist es kalt, so hättet ihrs gern warm, ist es warm, so sollt' es kalt seyn; kurz, ihr seyd wie kranke Leute, denen man's nie recht machen kann und die immer klagen; nur mit dem Unterschiede, daß bey ihnen die Krankheit, bey euch die ganze Lebensart daran Schuld ist. Und ihr könnt noch von uns verlangen, daß wir die unsrige abändern und verbessern sollen? als ob wir unser eigenes Bestes nicht verstanden und nach falschen Grundsätzen handelten: da ihr doch in euren eigenen Angelegenheiten so wenig Überlegung zeigt, und nichts deßwegen, weil ihr es geprüft und für das Beste befunden habt, sondern alles bloß aus Gewohnheit und Leidenschaft thut. Aber dafür müßt ihr auch, gleich einem der in einen reißenden Strom gefallen ist, euch fortwälzen lassen, wohin euch euere Leidenschaften führen. Es geht euch gerade wie jenem, der ein kolleriges Pferd ritt, und da es auf einmal mit ihm durchgieng, nicht wieder herunter konnte, sondern sich der Willkühr seines Pferdes überlassen mußte. Wo hinaus? fragte ihn einer der ihm begegnete: wohin dieser will, war seine Antwort, indem er auf seinen Gaul wieß. Wenn Euch jemand fragte, wo hinaus? und ihr wollet die Wahrheit sagen, was könntet ihr anders antworten, als: wohin unsre Leidenschaften, oder, wenn jeder für sich spräche, wohin die Wollust, die Ruhmbegier, die Gewinnsucht wollen? Mit unter scheint auch bald der Zorn, bald die Furcht, bald eine andere Passion dieser Art mit euch durchzugehen; denn ihr reitet nicht immer eben dasselbe tolle Pferd, sondern nach und nach eine Menge anderer, nur daß sie zum Unglück alle den Koller haben, und über Stock und Stein mit euch davon rennen, bis sie euch in Abgründe stürzen, die ihr nicht eher gewahr werdet als wenn der Sturz geschehen ist. – Übrigens hat dieser abgetragne Kittel, über den ihr euch lustig macht, und dieses struppichte Haar, und überhaupt mein ganzes Aussehen die große Kraft in sich, daß sie mir ein stilles sorgenfreyes Leben verschaffen und die Glückseligkeit zu thun was ich will und mit keinen andern Personen umzugehen als solchen die mir angenehm sind. Denn gerade um dieses Aufzugs willen macht sich nicht leicht ein Mensch von gemeiner Erziehung und Denkart an mich. Die eleganten Herren gehen mir sogar schon von ferne aus dem Wege. Nur Leute von vorzüglichem Verstand und guter Lebensart, nur solche die noch einen Werth auf Tugend legen, lassen sich mit mir ein, suchen mich sogar, und machen mir durch ihren Umgang Vergnügen. Die Thüren eurer sogenannten Glücklichen hingegen sind sehr sicher vor mir; ihr Purpur und ihre goldnen Kronen sind Dunst, und sie selbst lächerliche Geschöpfe in meinen Augen.

Um dich aber zu überführen, daß mein Costum nicht nur guten Menschen sondern Göttern selbst wohl geziemt,Den Schmutz abgerechnet, der weder Götter noch Menschen ziert, und doch, seinem eigenen Geständniß nach, zum cynischen Costum gehörte. so betrachte, ehe du wieder darüber spottest, die Bilder der letztern, und siehe wem sie ähnlicher sind, euch oder mir! durchgehe alle Tempel der Griechen und der übrigen Völker, und erkundige dich ob die Götter Haar und Bart tragen wie ich, oder ob sie nach eurer Mode mit glattgeschornem Kopf und Kinn gebildet und gemahlt werden. Du wirst sogar finden daß sie größtentheils auch ohne Unterkleider sind, wie ich. Wie könntest du dich also unterstehen von meinem Aufzug noch länger verächtlich zu sprechen, da sichs findet, daß er sogar den Göttern anständig ist?

 << Kapitel 64  Kapitel 66 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.