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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 64
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der
Cyniker.Der Cyniker. Unser Autor, der in so vielen seiner Schriften die unächten Jünger oder vielmehr Affen eines Krates und Diogenes ohne alle Schonung züchtigte, wollte vermuthlich durch diese Darstellung eines wahren Cynikers gleichsam die Manes der Stifter dieses Ordens beruhigen, und einen Beweis geben, daß er von ihnen und ihren ächten Jüngern eben so groß denke, als er diejenigen, die das cynische Costum als einen Freybrief für Unwissenheit, Unverschämtheit und zügellose Sitten ansahen, verachte. Sein Cyniker ist zwar ein Ideal, das weder dazu gemacht ist, ohne Einschränkung zum Muster genommen noch so leicht erreicht zu werden: aber es ist doch, seinen wesentlichen Zügen nach, ein Ideal menschlicher Naturvollkommenheit, welchem so viel als Verhältnisse und Umstände zulassen, nahe kommen zu können, jeder, der sein wahres Interesse kennt, wünschen muß. Lukian, der immer mehr als Einen Nebenzweck zugleich mit seiner Hauptabsicht zu verbinden gewohnt ist, hat sich dieser Gelegenheit bedient, die Lebensart und Sitten der höhern Classen einer durch Macht, Reichthum, Verfeinerung und Üppigkeit verderbten Nation (über die er schon im Nigrinus [in dieser Auswahl nicht enthalten] eine so scharfe Censur ergehen ließ) mit der Lebensweise seines philosophischen Naturmenschen, zum Nachtheil der erstern, contrastieren zu lassen. J. J. Rousseau hat dieß in verschiedenen seiner Schriften auch gethan: aber die Sokratische Simplicität, und der ungeschminkte unaufgestutzte Bonsens, womit Lukian seinen Cyniker sprechen Iäßt, ist nicht nur dem Charakter desselben gemäßer, sondern hat auch (nach meinem Geschmacke wenigstens) mehr Anmuth, als der emphatische Ton und die Witz- und Antithesenvollen Declamationen jenes neuern Cynikers, dem man's nur gar zu sehr ansieht, daß er es mehr aus böser Laune und Mißmuth über die Welt, als aus freyer Wahl und Neigung war.

Ein Cyniker. Lycinus.

Lycinus. Hör' einmal Du, was mag wohl die Ursache seyn, warum du Haar und Bart wachsen lässest, hingegen kein Hemde trägst, und mit deinem groben Kaputrock auf dem bloßen Leibe baarfuß einhergehst, in deiner ganzen Lebensweise das Gegentheil von allen andern Leuten bist, kurz, das Leben eines Wald-Thiers lebst, von einem Orte zum andern herumschweifest und dein Nachtlager auf dem harten Boden nimmst? – Daher denn auch dein Kittel so schmutzig aussieht, ausserdem daß er weder leicht noch weich noch fein ist, und allem Ansehn nach nie keine Farbe gehabt hat.

Cyniker. Das braucht es auch nicht: so wie er da ist, ist er für mich eben recht; er kostet mich nicht viel, und macht mir die wenigste Ungelegenheit. Aber du, meynst du etwa daß in Pracht und Üppigkeit nichts böses sey?

Lycinus. Das meyn' ich nicht.

Cyniker. Oder hältst du die Genügsamkeit für keine Tugend?

Lycinus. O gewiß halt' ich sie dafür!

Cyniker. Warum tadelst du denn mich, den du genügsamer leben siehst als die meisten, und nicht vielmehr jene, die großen Aufwand machen?

Lycinus. Ich tadle dich nicht weil du genügsamer lebst als andere Leute, sondern weil du armselig, dürftig, und elend lebst. Denn ich sehe nicht worin du besser daran wärest als ein Bettler der sein tägliches Brodt auf den Straßen heischt.

Cyniker. Willst du also, weil wir doch einmal auf diesen Discurs gekommen sind, daß wir ein wenig nachsehen was Mangel und was Genug ist?

Lycinus. Wie du willst.

Cyniker. Wer gerade so viel hat als für seine Bedürfnisse zureicht, hat der genug oder nicht?

Lycinus. Er hat genug.

Cyniker. Und er leidet Mangel, wenn er weniger hat als er bedarf, und also mit dem was er hat nicht ausreicht?

Lycinus. Richtig!

Cyniker. Mir mangelt also nichts; denn ich habe gerade nicht mehr und nicht weniger als mein Bedürfniß erfodert.

Lycinus. Das ists eben was ich nicht begreife.

Cyniker. So laß einmal sehen, wozu eine jede Sache deren wir bedürfen da ist! Fangen wir bey der Wohnung an! Wozu brauchst du ein Haus als um bedeckt zu seyn? Und wozu einen Rock, als abermal um bedeckt zu seyn?

Lycinus. So ist's!

Cyniker. Und wofür haben wir nöthig bedeckt zu seyn als damit sich das Bedeckte desto besser befinde?

Lycinus. Das dünkt mich auch.

Cyniker. Um was befinden sich nun, deiner Meynung nach, meine Füße schlechter als andrer Leute ihre?

Lycinus. Das weiß ich nicht.

Cyniker. So will ich dichs lehren. Wozu braucht man die Füße?

Lycinus. Zum Gehen.

Cyniker. Findest du daß die meinigen schlechter gehen als andrer Leute Füße?

Lycinus. Es scheint nicht.

Cyniker. Wenn sie also ihre Schuldigkeit nicht schlechter thun, so befinden sie sich auch nicht schlechter?

Lycinus. Das sollte man denken.

Cyniker. Mit den Füßen hätte es also seine Richtigkeit. Aber ists mit meinem ganzen Körper nicht eben so? Der Leib befindet sich übel wenn er schwächlich ist, denn seine Vollkommenheit besteht in seiner Kräftigkeit. Kannst du nun sagen, mein Körper sey schwächer als andere?

Lycinus. Dem Ansehen nach, nicht.

Cyniker. Du siehst also daß weder meine Füße noch mein Leib an Bedeckung Mangel leiden müssen; denn sonst würden sie sich übel befinden, weil der Mangel dessen was zu Hebung eines Bedürfnisses unentbehrlich ist, immer ein Übel bleibt, wobey man sich nicht wohl befinden kann. Du siehst aber auch daß mein Leib nicht schlimmer daran ist, weil er mit schlechten Speisen genährt wird.

Lycinus. Das zeigt der Augenschein.

Cyniker. Er könnte unmöglich stark seyn wenn er übel genährt wäre; denn schlimme Nahrung verderbt den Körper.

Lycinus. Es ist nicht zu läugnen.

Cyniker. Wenn es also diese Bewandtniß hat, so möcht' ich wohl wissen, wie du sagen kannst meine Lebensart tauge nichts und sey elend?

Lycinus. Das will ich dir gleich sagen. Du kannst doch nicht läugnen, daß die Natur, die so viel bey dir gilt, und die Götter uns Menschen in den Besitz der Erde, aus welcher so vielerley Gutes hervorgeht, gesetzt haben, damit wir uns nicht bloß auf das Unentbehrliche einschränken, sondern auch im Genuß einer unendlichen Menge von Dingen, die bloß zu unserm Vergnügen da sind, leben sollen. Von allem diesem aber wird dir nichts zu Theil, und du genießest nicht mehr davon als das liebe Vieh. Du trinkst Wasser wie alle andere Thiere, issest was du findest wie die Hunde, hast auch kein besseres Lager als die Hunde; denn ein wenig Heu oder Stroh ist dir und ihnen gut genug; und zwischen deinem Rock und einem Bettlermantel ist ein schlechter Unterschied. Wenn du nun recht daran thust dich mit so wenigem zu begnügen, so hätte der liebe Gott übel daran gethan, daß er die Schafe mit feiner Wolle versehen, und Reben die so köstliche Weine geben und eine so wundervolle Mannichfaltigkeit anderer Dinge hervorgebracht hat, die zur Verschönerung und Annehmlichkeit des Lebens dienen; kurz, er hätte Unrecht gehabt, dafür zu sorgen daß wir so vielerley Arten von wohlschmeckenden Nahrungsmitteln und angenehmen Getränken, so mancherley Bequemlichkeiten, weiche Betten, schöne Wohnungen, mit Einem Worte, eine so unzähliche Menge aller Arten von angenehmen und künstlichen Sachen haben möchten; denn auch die Werke der Kunst sind als Geschenke der Götter anzusehen. Ein Leben das aller dieser Dinge beraubt ist, ist ein elendes Leben. Schlimm genug wenn uns andere dessen berauben! aber ungleich schlimmer, wenn ein Mensch sich alles schönen und angenehmen selbst beraubt. Wie kann man das anders nennen als offenbare Tollheit?

Cyniker. Was du da sagtest mag so unrecht nicht seyn. Aber antworte mir nur auf Eine Frage. Wenn ein reicher und menschenfreundlicher Mann einer grossen Anzahl von allerley Personen, Gesunden und Kranken, Starken und Schwachen, ein großes herrliches Gastmal gäbe, wo er alle diese Gäste aufs reichlichste und mit mancherley köstlichen Schüsseln bewirthete; und einer von den Gästen zöge alle Schüsseln auf der ganzen Tafel an seinen Ort, und fräße alles – auch die Speisen die für die Schwachen und Kränklichen aufgesetzt worden wären – allein auf, da er sich doch vollkommen wohl befände, und übrigens nur Einen Magen hat, der nur einen kleinen Theil aller dieser Speisen brauchen kann, und von dem was zu viel ist nothwendig gedrückt und krank werden muß; was würdest du von dem Verstande und der Mäßigkeit dieses Menschen für eine Meynung haben?

Lycinus. Eine sehr schlechte.

Cyniker. Und würdest du nicht einen andern, der an dieser nehmlichen Tafel säße, und ohne sich um die vielerley Schüsseln zu bekümmern, von einer einzigen, die zunächst vor ihm stände und zu Stillung seines Hungers zureichte, mit Anständigkeit äße, sich daran genügen ließe und alle übrigen nur nicht ansähe, – würdest du diesen nicht für den verständigem und bessern Mann unter beyden halten?

Lycinus. Das sollt' ich meynen.

Cyniker. Verstehst du mich nun, oder muß ich dir noch mehr sagen?

Lycinus. Was denn?

Cyniker. Daß Gott dieser edle wohlthätige Wirth ist, der uns so viel und so vielerley, damit jeder etwas finde das für ihn taugt, in Überfluß auftischt, das eine für gesunde, ein anderes für kranke, dieß für stärkere, jenes für schwächere Personen; nicht daß wir Alle alles genießen sollen, sondern jeder nur was zunächst vor ihm liegt, und so viel er davon bedarf. Ihr andern aber gleichet dem unersättlichen Vielfraß, der alle Schüsseln zu sich zieht, und eignet euch Alles allenthalben her zu; weder euer Land noch euer Meer ist euch hinreichend, sondern ihr kauft aus den fernsten Enden der Erde Wollüste zusammen, zieht immer das ausländische dem einheimischen, das theuerste dem wohlfeilern, das seltenste dem was leicht zu haben ist, vor; und kurz, ehe ihr ohne so viele Umstände leben wolltet lebt ihr lieber mit großem Aufwand übel. Denn wie theuer bezahlt ihr nicht die Mittel und Anstalten zu dieser mühsamen Glückseligkeit auf die ihr euch so viel zu gute thut? Dieses so hochgeschätzte Gold und Silber, diese prächtigen Paläste, diese reichen und aufs künstlichste gearbeiteten Kleider, mit wie vieler Gefahr und Mühe muß euch das alles angeschafft werden! Wie viele tausend Menschen büßen darüber ihre Gesundheit, ihre Glieder, und selbst ihr Leben ein! Nicht nur weil um dieser Dinge willen so viele Seefahrer zu Grunde gehen, oder weil die armen Leute, die euch jene kostbaren Erzte und Steine aus der Erde holen und bearbeiten müssen, unsäglich viel dabey ausstehen und fast immer ihr Leben daran wagen müssen- sondern auch weil diese Dinge die Veranlassung zu so vielem Hader unter den Menschen und die Ursache sind, warum Freunde ihren Freunden, Kinder ihren Ältern, Ehefrauen ihren Männern nach dem Leben stellen. Oder war es nicht um ein goldenes Halsband daß Eriphyle ihren Gemahl verrieth? Gleichwohl steht der würkliche Nutzen den ihr von diesen Dingen zieht, mit dem hohen Preise um den sie erkauft werden, in keiner Proportion. Gestickte Kleider wärmen, vergoldete Dächer decken euch nicht besser als gemeine; der Wein schmeckt nicht besser aus goldnen und silbernen Trinkgefäßen, und der Schlaf nicht süßer auf Bettgestellen von Elfenbein: im Gegentheil, gerade diese Glücklichen sind es die in ihren weichen und prächtigen Betten am wenigsten schlafen können. Und wozu helfen diese mit so großem Aufwand und Überfluß besetzte Tafeln als den Körper zu beschweren und zu schwächen, und anstatt gesunder Säfte den Saamen von allerhand Krankheiten in die Adern zu bringen? Ich übergehe, wie viele Geschäfte und Plagen die Menschen sich der Vergnügungen der Venus wegen machen, da es doch so leicht ist, dieser Begierde loß zu werden, wenn man sie nicht vorsetzlich zu einem Werkzeug der Üppigkeit machen will. Aber nicht nur in den Opfern die sie dieser Göttin bringen, treiben es die Menschen bis zu den unsinnigsten Ausschweifungen.- auch in tausend andern Dingen verkehren sie den natürlichen Gebrauch der Dinge; wie, z. B. wenn man sich statt eines Wagens seines Bettes so bedient als ob es ein Wagen wäre.Die Rede ist von einer Art Palankinen, die um diese Zeit unter den ausgearteten Römern und Griechen so sehr als unter den Morgenländern, wo das heiße Klima diese Bequemlichkeit einheimisch macht, Mode geworden waren.

Lycinus. Wer thut denn das?

Cyniker. Ihr andern, die ihr aus Menschen Lastthiere und Pferde macht, und sie nöthigt sich an eure Tragbetten wie an Wagen spannen zu lassen, indessen ihr selbst auf diesen prächtigen Thronen wollüstig ausgestreckt liegt, und die Zügel in den Händen habt, um die Träger, wie Esel, nach euerm Belieben auf diese oder jene Seite gehen zu machen. Und gleichwohl ist dieß eine von den großen Glückseligkeiten, die der Pöbel an den Reichen so beneidenswürdig findet!Der Pöbel ist hierein nicht zu tadeln: er fühlt bloß daß es besser ist getragen zu werden, als zu tragen, und daran hat er Recht. Und kann man nicht auch von denen, die z. E. die Schnecken nicht nur zur Speise sondern auch zum färben brauchen (wie die Purpurfärber thun) mit Recht sagen, daß sie einen widernatürlichen Gebrauch von der Gabe Gottes machen?

Lycinus. Das dächte ich nicht! Denn das Fleisch der Purpurschnecke kann eben so gut zur Farbe als zur Speise dienen.

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