Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lukian von Samosata >

Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 63
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Käufer. In einen Stein? Du siehst mir gleichwohl keinem Perseusder mit dem abgehauenen Haupte der Medusa alle, die es ansahen, in Stein verwandeln konnte. gleich, sollt' ich denken.

Chrysippus. So will ich dir den Beweis in die Hände geben. Ein Stein ist doch ein Körper, nicht wahr?

Käufer. Allerdings.

Chrysippus. Ein lebendiges Wesen ist auch ein Körper?

Käufer. Ja.

Chrysippus. Und du bist ein lebendiges Wesen?

Käufer. Das dächt' ich.

Chrysippus. Also bist du ein Stein – weil du ein Körper bist.

Käufer. Ganz und gar nicht. Indessen würdest du mir gleichwohl einen Gefallen thun, wenn du die Bezauberung auflösen und mich wieder zum Menschen machen wolltest.

Chrysippus. Das wird nicht schwer seyn. Antworte mir also: ist jeder Körper ein lebendiges Wesen?

Käufer. Nein.

Chrysippus. Ist ein Stein ein lebendiges Wesen?

Käufer. Nein.

Chrysippus. Aber du bist ein Körper?

Käufer. Ja.

Chrysippus. Und ein lebendiges Wesen, wiewohl du ein Körper bist?

Käufer. Freylich.

Chrysippus. Also bist du kein Stein – weil du ein lebendiges Wesen bist.

Käufer. Ich bedanke mich schönstens. Es war hohe Zeit; denn ich fühlte schon, wie mir, gleich der Niobe, die Beine zu erkalten und hart zu werden anfiengen. Gut! ich will dich kaufen. Zu Merkur. Was ist für ihn zu bezahlen?

Merkur. Zwölf Minen.

Käufer. Hier ist das Geld.

Merkur. Hast du ihn für dich allein gekauft?

Käufer. Nein, beym Jupiter! sondern wir alle zusammen, die du hier siehest, sind die Käufer.

Merkur. Eine hübsche Anzahl, und mit derben Schultern! die können den Schnitter schon auf ihren Rücken nehmen!

Jupiter. Halte uns nicht auf! Ruf einen andern her.

Merkur. Hey da, mein schöner Peripatetiker, tritt hervor! – Meine Herren, den kauft! der hat Verstand! Mit Einem Wort, er weiß alles, ohne Ausnahme Alles.

Käufer. Was ist sein Charakter?

Merkur. Er ist ein gesetzter Mann, der immer weiß was sich schickt, der nie zuviel noch zu wenig thut, kurz, der zu leben weißAnspielung auf die Hauptbegriffe und Grundsätze der Aristotelischen Moral-Philosophie., und was das vornehmste ist, er ist doppelt.

Käufer. Wie soll ich das verstehen?

Merkur. Das heißt, er ist ein anderer Mann von aussen, und ein anderer von innen. Wenn du ihn also kaufst, so merke dir, daß jener der exoterische und dieser der esoterische heist.

Käufer. Was sind denn eigentlich seine hauptsächlichsten Grundsätze?

Merkur. Er sagt, es gebe dreyerley Güter; die ersten haben ihren Sitz in der Seele, die andern im Leibe, die dritten in den äusserlichen Umständen.

Käufer. Das nenne ich doch Menschenverstand! Was soll er kosten?

Merkur. Zwanzig Minen.

Käufer. Das ist viel Geld!

Merkur. Ganz und gar nicht, mein lieber Mann; denn wir haben Ursache zu glauben, daß er sich ein Stück Geld zusammengespart hat; du wirst keinen schlimmen Kauf thun. Überdieß kann er dir aus dem Stegreife sagen, wie lang eine Mücke lebt, wie tief die Sonnenstralen ins Meer eindringen, und was die Austern für eine Seele haben.

Käufer. Zum Herkules, das muß ein grundgelehrter Mann seyn!

Merkur. Was wirst du erst sagen, wenn du noch viel subtilere Dinge von ihm hören wirst, zum Exempel, was er über den Saamen und die Zeugung sagt, und wie die Kinder in Mutterleibe gebildet werden, und daß der Mensch ein lachendes Thier, der Esel hingegen weder ein lachendes, noch zimmerndes noch ruderndes ist.

Käufer. Das sind in der That wichtige und erspriesliche Wissenschaften! So ist er freylich schon seine zwanzig Minen werth!

Merkur. Es bleibt dabey. – Wer ist denn noch übrig? Aha! PyrrhiasPyrrhias war ein gewöhnlicher Sclavennahme. Lukian benennt also zum Scherz, den Skeptiker damit, weil der Stifter dieser Secte Pyrrho hieß., der Zweifler – Hervor! Wir müssen dich noch geschwinde los werden; die Menge hat sich schon verlaufen, wer weiß ob sich unter den wenigen, die noch da sind, ein Liebhaber für dich finden wird. – He, meine Herren! will uns jemand auch diesen noch abnehmen?

Käufer. Der bin ich. Aber sag mir erst was du weist?

Pyrrhonist. Nichts.

Käufer. Wie soll das gemeint seyn?

Pyrrhonist. Daß ich nicht weiß ob überall etwas da ist.

Käufer. Wie? also wären auch wir nicht da?

Pyrrhonist. Wenigstens nicht daß ichs wüßte.

Käufer. Du weißt also auch nicht ob du selbst da bist?

Pyrrhonist. Das ist gerade was ich am wenigsten weiß.Das wäre freylich lustig genug; aber so weit hat doch wohl kein Zweifler die Sache nie getrieben! Vermuthlich will unser Spötter damit sagen, der Pyrrhonist, der nichts auf das Zeugniß der äussern Sinne für wahr gelten lassen will, müsse also, um consequent zu seyn, auch den innern Sinn, der uns unsers eigenen Daseyns versichert, für betrüglich halten. Das ganze Persifflage gründet sich, dem Charakter und Ton dieses Dialogs gemäß, auf einen vorsetzlichen Mißverstand des Pyrrhonistischen Lehrbegriffs.

Käufer. Das heißt die Ungewißheit weit getrieben! Was willst du denn mit dieser Wage?

Pyrrhonist. Ich wäge die Gründe für und wider so genau darauf ab als mir möglich ist, und wenn ich sehe daß sie einander die Wage halten, dann – weiß ich nicht in welcher Schale die Wahrheit liegt.

Käufer. Aber was im gemeinen Leben zu thun ist, das wirst du doch hoffentlich ausrichten können?

Pyrrhonist. Alles, nur keinen Entlaufenen einholen.

Käufer. Und warum das nicht?

Pyrrhonist. Weil ich nichts fasse.

Käufer. Das begreift sich; du scheinst in der That ein langsamer schwerfälliger Bursche zu seyn. Aber was ist denn das Ultimatum deines Philosophirens?

Pyrrhonist. Die Unwissenheit, und weder zu sehen noch zu hören.

Käufer. Du bist also, wie ich höre, auch blind und taub?

Pyrrhonist. Auch ohne Urtheilskraft, ohne Geschmack, mit Einem Wort, um nichts besser daran als ein Regenwurm.

Käufer. Das macht mir Lust dich zu kaufen. Was soll er gelten?

Merkur. Um eine attische Mine ist er dein.

Käufer. Hier! – Nun, was meinst du, guter Freund, hab ich dich gekauft?

Pyrrhonist. Das ist mir nichts ausgemachtes.

Käufer. O das ist sehr ausgemacht! denn ich habe mein baares Geld für dich bezahlt.

Pyrrhonist. Ich halte mein Urtheil noch zurück, bis ich die Sache näher untersucht habe.

Käufer. Folge du mir unterdessen wie es die Schuldigkeit meines Sclaven ist.

Pyrrhonist. Wer kann wissen ob du die Wahrheit sagst?

Käufer. Der Ausrufer, mein Geld und die Umstehenden.

Pyrrhonist. Sind denn noch mehr Leute da?

Käufer. Die Mühle, in die ich dich werfen lassen will, soll dich bald auf eine sehr fühlbare Art überzeugen, daß ich dein Herr bin.

Pyrrhonist. Ich halte mein Urtheil zurück.

Käufer. Zum Jupiter, ich hoffe mich deutlich genug erklärt zu haben.

Merkur zum Pyrrhonist. Hör' einmal auf dich zu sträuben und folge deinem Käufer. Euch aber, meine Herren, laden wir auf Morgen wieder ein, wo wir Ungelehrte, Handarbeiter und Bauern feil bieten werden.

 << Kapitel 62  Kapitel 64 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.