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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 62
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jupiter. Ruf einem andern – dem bis auf die Haut abgeschornen dort, dem Sauertopf aus der Stoa.

Merkur. Gut! Ich merke schon eine Weile, daß viele Lust zu ihm haben und blos auf Ihn warten. Hier, meine Herren, biet' ich die Tugend selbst aus – einen Mann an dem gar nichts auszusetzen ist. Wer hat Lust alles allein zu wissen?

Käufer. Wie meinst du das?

Merkur. Das will sagen, daß der Mann hier allein weise, allein schön, allein gerecht, allein tapfer, reich, König, Redner, Gesetzgeber, kurz, alles was man seyn kann, ist.

Käufer. Also, mit Erlaubniß, auch allein ein Koch, und, so Gott will, der einzige Gerber, Zimmermann, Schmidt, u. s. w.S. die dritte von Horazens Satyren, v. 124. seq..

Merkur. Wahrscheinlich.

Käufer. Hola, komm näher, guter Freund! ich habe Lust dich zu kaufen; sage mir wer du bist, und vornehmlich, ob es dich nicht verdriest verkauft zu werden und ein Knecht zu seyn?

Chrysippus. Keinesweges; denn solche Dinge stehen nicht bey uns, und was nicht bey uns stehet, geht uns nichts an.

Käufer. Ich verstehe dich nicht.

Chrysippus. Wie? du kennest den Unterschied zwischen den mitnehmlichen und abweislichen Dingen nichtπροηγμένα und αποπροηγμένα übersetzt Cicero (de Finib. III. et IV.) praeposita oder praecipua, und rejecta oder rejectanea, und fügt die Erklärung bey: »Gesundheit, Vermögen, Freyheit von körperlichen Schmerzen nennt der Stoiker nicht gute Dinge, sondern proëgmena mitnehmliche, hingegen Armuth, Krankheit, Schmerz, nicht böse, sondern abweisliche Dinge. Von jenen sagt er nicht, er wünsche oder begehre sie, sondern er erlese oder nehme sie; von diesen nicht, er fliehe sie, sondern er mertze sie aus.?

Käufer. Das versteh ich noch weniger.

Chrysippus. Kein Wunder, da du unsrer Kunstwörter nicht gewohnt bist, und keine kataleptischeWieder eines der gewöhnlichsten logischen Kunstwörter der Stoiker, Cicero giebt κατάληψις durch comprehensio oder perceptio. Eine kataleptische Einbildungskraft ist also die Fertigkeit sich schnell einen klaren Begriff von dem, was uns gesagt wird, zu machen. Einbildungskraft hast. Wer sich Mühe gegeben hat unsre Logik aus dem Grunde zu erlernen, weiß nicht nur das, sondern auch was für ein großer und viel bedeutender Unterschied zwischen Symbama und Parasymbama ist.

Käufer. Um aller Philosophie willen, sey so gut und erkläre mir, was das für Dinge sind. Schon dem blossen Klange der Worte nach muß es was sonderbares seyn!

Chrysippus. Herzlich gern. Gesetzt jemand, der einen lahmen Fuß hätte, stieße mit eben diesem lahmen Fuße an einen Stein und verwundete sich, so wäre seine Lahmheit ein Symbama, und die Wunde am lahmen Fuße hätte er als ein Parasymbama dazu bekommenAsymbama und parasymbama sind grammatische Kunstwörter der Stoiker, um eine eben so subtile als unnütze Distinction zu bezeichnen, deren Erklärung wer Lust hat vom Priscianus oder Apollonius Dyskolus lernen kann. Die Erklärung, die der lukianische Chrysippus davon giebt, ist bloßer Scherz..

Käufer. Das nenn' ich scharfsinnig seyn! Aber was kannst du noch mehr?

Chrysippus. Ich weiß gewisse Redeschlingen zu machen, worin ich diejenigen, die mit mir reden, fange, und ihnen den Mund so gut zuschließe, als ob ich ihnen einen Maulkorb umgethan hätte. Dieses Kunststück, mein Freund, ist der weltberühmte Syllogismus.

Käufer. Beym großen Herkules, das muß ein fürchterliches Kunststück seyn!

Chrysippus. Du sollst gleich eine Probe davon sehen. Hast du einen jungen Sohn?

Käufer. Und wenn nun?

Chrysippus. Gesetzt ein Krokodil hätte den Knaben, da er nahe am Ufer des Nils herumlief, ergriffen, und nun verspreche er dir dein Kind wiederzugeben, wenn du errathen könnest, ob er es dir wiedergeben werde oder nicht: was wolltest du ihm sagen?

Käufer. Das ist eine schwere Frage! Ich fürchte den Knaben nicht wieder zu bekommen, ich mag ja oder nein sagen. Um's Himmels willen, antworte du für mich und rette mir den Jungen eh' ihn der Krokodil aufgefressen hat.

Chrysippus. Sey deswegen unbekümmert; ich will dich noch viel wunderbarere Dinge lehren.

Käufer. Als zum Exempel?

Chrysippus. Den Schnitter und den Gehörnten, und vor allen die Elektra und den VerhülltenChrysippus soll wirklich mehrere Bücher über diese verschiedene Gattungen und Formen von Vexierschlüssen, von welchen schon mehrmals in diesen Dialogen und in meinen Anmerkungen die Rede war, geschrieben haben. Daß er aber einen so großen Werth darauf gelegt habe, wie unser Spötter seinen Leser glauben machen will, läßt sich nicht wohl von dem Manne denken, von welchem die Stoiker zu sagen pflegten: wäre Chrysippus nicht, so wäre keine Stoa..

Käufer. Und was soll das für ein Verhüllter und für eine Elektra seyn?

Chrysippus. Die Elektra ist keine andere als jene berühmte Tochter Agamemnons, die eben dasselbe zu gleicher Zeit wußte und nicht wußte. Denn wie ihr Bruder Orest noch unerkannt vor ihr stand, so wußte sie zwar, daß Orest ihr Bruder sey, aber sie wußte nicht, daß der Mann, der vor ihr stand, Orest war. Nun will ich dich auch den Verhüllten kennen lehren; es ist einer der bewundernswürdigsten Syllogismen. Antworte mir einmal: kennst du deinen Vater?

Käufer. Das sollt' ich denken.

Chrysippus. Wenn ich dir nun einen verhüllten Menschen vorführte und dich fragte, kennst du den? – was wolltest du antworten?

Käufer. Daß ich ihn nicht kenne.

Chrysippus. Ausgelacht! der Verhüllte war eben dein Vater; da du ihn nun nicht kanntest, so ist klar, daß du deinen eigenen Vater nicht kennst.

Käufer. Ich brauch' ihn also nur aufzudecken, so weiß ich gleich, woran ich bin. Aber lassen wir das gut seyn, und sage du mir davor was das letzte Ziel der Weisheit ist? Oder, was du dann thun willst, wenn du den Gipfel der Tugend erstiegen hast?

Chrysippus. Dann werde ich im ruhigen Besitz der höchsten Naturgüter seyn; ich meine damit Reichthum, Gesundheit, und was dazu gehört. Es ist aber keine leichte Sache so weit zu kommen. Da muß man sich vorher keine Arbeit dauern lassen, seine Augen an einer Menge klein geschriebener Bücher abnutzen, Glossen und Erklärungen zusammentragen, sich den Kopf mit Solöcismen und unverständlichen Wörtern anfüllen, und, was der Hauptpunkt ist, es ist keinem erlaubt ein Weiser zu werden, der sich nicht vorher einige Tage hinter einanderwörtlich nach dem Texte, dreymal. , – Mit einer guten Dosis Niesewurz gereiniget hat.

Käufer. Das laß' ich gelten! Dazu gehört eine herzhafte Entschließung. Aber wie passen Geitz und Wucher – ein paar Dinge, womit du mir sehr genau bekannt scheinst, zu einem Manne, der die Niesekur bereits überstanden und den Gipfel der Tugend erstiegen hat?

Chrysippus. Sehr wohl; im Gegentheil, wem könnte es besser geziemen sein Geld wuchern zu lassen als dem Weisen? Schlüsse zusammenrechnen oder Zinsen zusammenrechnen, beydes läuft auf rechnen hinaus: da nun jenes dem Weisen ausschließlich zukommt, so behaupte ich eben dasselbe auch von diesem. Ja noch mehr: er braucht sich nicht, wie andere gemeine Leute, auf bloße Zinsen einzuschränken, sondern er zieht Zinsen von Zinsen, so gut wie er Schlüsse aus Schlüssen zieht. Oder weißt du etwa nicht, daß es zweyerley Zinsen giebt, erste, und zweyte, die gleichsam die Kinder der ersten sind? Nun höre, was der Syllogismus sagt: »Wenn der Weise den ersten Zins nimmt, so nimmt er auch den andern: er nimmt aber den ersten: ergo nimmt er auch den andern.«

Käufer. Das nehmliche gilt also auch vermuthlich vom Lohne, den du für deine Weisheit von jungen Leuten nimmst, und es ist klar, daß nur allein der vollkommne Weise die Tugend um Geld verkauft?

Chrysippus. Du hast die Sache, wie ich sehe, wohl begriffen; denn ich nehme das Geld nicht meinetwegen, sondern dessentwegen der mirs giebt, und am Ende läuft die ganze Sache darauf hinaus: der eine gießt aus, der andere faßt auf. Ich nehme die Rolle des letztern auf mich, und überlasse meinem Schüler das erste.

Käufer. Aus dem, was du vorhin sagtest, sollte gerade das Gegentheil folgen: der junge Mensch wäre der auffassende, und du, der allein reich ist, der ausgießende Theil.

Chrysippus. Du spottest, guter Freund; nimm dich in Acht, daß ich dir nicht einen unauflößlichen Syllogismus in den Leib schieße!

Käufer. Was wird mir das Übels thun?

Chrysippus. O genug! Es wird dich verlegen machen und zum Schweigen bringen, und eine greuliche Verwüstung in deinem Kopfe anrichten; ja, was noch ärger ist, es kommt bloß auf mich an, dich auf der Stelle in einen Stein zu verwandeln.

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