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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 61
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Käufer. Was ist also die Zeit?

Heraklitus. Ein Kind, das mit Steinchen spielt, und ohne Absicht hin und wieder läuft.

Käufer. Und was sind die Menschen?

Heraklitus. Sterbliche Götter.

Käufer. Und die Götter?

Heraklitus. Unsterbliche MenschenHeraklit liebte diese Art von Räthsel, wo Subject und Prädicat einander aufzuheben scheinen. Diejenigen, die ihm Lukian hier in den Mund legt, kamen wirklich in seinen Schriften vor. Von ähnlicher Art waren die Ausdrücke: den Tod leben, das Leben (oder, ins Leben) sterben; wir sind und sind nicht, u. dergl. mehr. Auct. allegor. Homericar. cit. Menagio in Diog. IX. 6..

Käufer. Du sprichst ja lauter Räthsel, guter Freund; man wird aus deinen Reden nicht klüger als aus den Orakeln der Pythia.

Heraklitus. Das macht weil ich mich nichts um euch bekümmere.

Käufer. So wird dich auch kein vernünftiger Mensch kaufen.

Heraklitus. Ihr könnt meinetwegen alle, so viel eurer sind, Käufer und Nichtkäufer, zum Henker gehenAuch dieser Zug bezieht sich auf die Misanthropie, die dem Heraklitus nachgesagt wird, und wozu ihm seine Mitbürger, die Ephesier, mehr als hinlängliche Ursache gegeben haben sollen.!

Käufer. Der arme Mann hat die Milzsucht schon in einem hohen Grade. Ich für meinen Theil kann keinen von beyden brauchen.

Merkur. Die werden also auch unverkauft bleiben.

Jupiter. Ruf einen andern aus.

Merkur. Etwa den Athenienser dort, den Schwätzer?

Jupiter. Meinetwegen.

Merkur. So komm her! Hier, meine Herren, biete ich euch einen tugendhaften, weisen und unsträflichen Charakter aus.

Käufer. Worauf verstehst du dich denn am besten?

Sokrates. Ich bin ein Knabenliebhaber, und überhaupt ein Meister in der Kunst zu lieben.

Käufer. So bist du gleich kein Mann für mich, denn ich brauche einen Aufseher für einen hübschen Jungen, den ich zu Hause habe.

Sokrates. Und wo wolltest du einen tauglichern Mann zur Aufsicht über deinen schönen Sohn finden können? Denn du mußt wissen, daß meine Liebe nicht aufs Körperliche geht; ich finde nur die Seele schön. Es hat nichts zu sagen wenn sie auch unter Einer Decke bey mir liegen: du wirst aus ihrem eigenen Munde hören, daß ich ihnen nichts Leides thueDa Lukian den Sokrates hier überhaupt in der Manier des Aristophanes behandelt, wie hätte er sich diese boshafte Anspielung auf eine bekannte Stelle in Platons Gastmale nicht erlauben sollen?.

Käufer. Wie? Ein Liebhaber von Profession, wofür du dich ausgiebst, sollte, wenn er unter Einer Decke mit dem Geliebten läge, es blos mit seiner Seele zu thun haben? Das mache du einem andern weiß!

Sokrates. Ich schwöre dir beym Hund und beym AhornbaumSokrates pflegte beym Hund und beym Platanus zu schwören; und so erinnere ich mich, in meiner Jugend die vortreflichsten und gelehrtesten Männer in Zürch, beym Ketzer und beym Kätzli (oder nach ihrer Mundart beym Chatzer und Chatzli) viele hundertmal, selbst bey den ernsthaftesten Gelegenheiten, schwören gehört zu haben. Sokrates dachte vermuthlich bey seinem Hunde nicht mehr als Bodmer bey seinem Chatzli., daß es so ist, wie ich dir sage.

Käufer. Das sind mir sonderbare Götter!

Sokrates. Wie? Du hältst den Hund für keinen Gott? Weist du nicht, wie viel Anubis in Ägypten, der große Hund am Himmel, und der Cerberus in der Unterwelt zu bedeuten haben?

Käufer. Da hast du recht; ich habe gefehlt. Aber wie bringst du dein Leben zu?

Sokrates. Ich lebe in einer Republik, die ich selbst geschaffen habe, und bin mein eigener GesetzgeberSokrates war an Platons Republik, und an der Gemeinschaft der Weiber in derselben, wohl so unschuldig als Zoroaster und Confucius: aber Lukian, dem es in dieser Aristophanischen Posse bloß darum zu thun ist, den Philosophen nach Art der römischen Gassenjungen zu Horazens Zeit, Schwänze aufzuheften, macht sich aus dergleichen quiproquo's kein Gewissen. Dummodo risum excutiat sibi, non hic cuiquam parcet..

Käufer. Ich möchte wohl eines von deinen Gesetzen hören,

Sokrates. So höre nur gleich das vornehmste, nemlich was ich der Weiber halben verordnet habe. In meiner Republik gehört keine Frau einem einzigen Mann allein, sondern wenn sie einmal verheurathet ist, kann Antheil an ihr haben wer will.

Käufer. Das wäre! Du hättest also die Gesetze gegen den Ehebruch abgeschafft?

Sokrates. Zum Jupiter, das hab' ich! alle die Kinderpossen über eine so unbedeutende Sache sind bey mir rein abgestellt.

Käufer. Aber wie hältst du es in deiner Republik mit den schönen Knaben?

Sokrates. Mit diesen belohne ich die Verdienste. Wer irgend eine edle oder tapfere That gethan hat, erhält den Kuß eines schönen Knaben zur Belohnung.

Käufer. Das heisse ich Verdienste belohnen! – Nun noch ein Wörtchen von deiner Philosophie! Was ist eigentlich die Substanz davon?

Sokrates. Die Ideen, oder die Urbilder der Dinge. Denn von allem was du siehest, von Himmel, Erde, und Meer und von allem was darin ist, stehen gewisse unkörperliche Urbilder ausserhalb der WeltAuch hier muß sich Sokrates auf eine sehr unbillige Art mit Plato vermengen lassen. Wie konnte dem Lukian der große Unterschied zwischen dem wirklichen Sokrates und dem Sokrates der Platonischen Dialogen unbekannt seyn? Hatte er den Xenophon nie gelesen? oder konnte er den Xenophontischen Sokrates nur darum nicht brauchen, weil es schwer gewesen wäre ihn lächerlich zu machen?.

Käufer. Wo stehen sie also?

Sokrates. Nirgendwo; denn wenn sie irgend wo wären, so wären sie gar nicht.

Käufer. Es ist doch sonderbar, daß ich diese Urbilder nicht sehen kann.

Sokrates. Das geht sehr natürlich zu; du bist blind an deinem Seelenauge. Ich hingegen sehe sie sehr gut; ich sehe dich, und mich selbst, und, mit Einem Wort, Alles doppelt, körperlich und unkörperlich.

Käufer. Den Mann muß ich kaufen, der so weise und scharfsichtig ist. Zu Merkur. Was verlangst du für ihn?

Merkur. Um zwey Talente sollst du ihn haben.

Käufer. Ich kaufe ihn darum; die Zahlung will ich nächstens richtig machen.

Merkur. Wie ist dein Name?

Käufer. Dio von SyrakusDer vornehmste unter Platons Freunden und Anhängern. S. Plutarch in dessen Leben..

Merkur. Nimm ihn hin und viel Glück dazu! – Die Reihe ist nun an dir, Epikurus. Wer hat Lust, den da zu kaufen? Er ist zwar ein Schüler des Lachers dort, und des Zechbruders, den wir vorhin feil geboten haben: aber das eine hat er wenigstens vor ihnen voraus, daß er noch ein bischen gottloser ist; übrigens ein gutlaunigen Bursche und ein Erzleckermaul.

Käufer. Wie hoch haltet ihr ihn?

Merkur. Zwey Minen.

Käufer. Da sind sie. Aber ich möchte doch noch wissen, was eigentlich seine Leibspeisen sind.

Merkur. Er ist ein großer Liebhaber von allem was süß ist, besonders von trocknen Feigen.

Käufer. Das läßt sich hören; ich will ihn mit FeigenzeltenDa nichts gemeineres in Griechenland war als Feigen, so wurden aus zusammengestampften trocknen Feigen eine Art viereckigter Zelten oder Brodte gemacht, womit man gewöhnlich die Sclaven fütterte. füttern bis er genug hat.

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