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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 60
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Käufer. Wie? es soll mir nicht weh thun wenn ich gepeitscht werde? Meynst du denn ich habe eine Haut von Schildpatt oder von Krebsschalen?

Diogenes. Du wirst es, mit einer kleinen Veränderung, machen wie jener beym Euripides.

Käufer. Wie so?

Diogenes.

Die Seele wird dich schmerzen, nicht die Zunge.Parodie eines berühmten Verses im Hippolytus (v. 12.) des Euripides. Lukians Diogenes will damit sagen: du wirst so viel Gewalt über dich selbst haben nicht zu schreyen, wiewohl du die Schmerzen so gut als ein anderer fühlst.

Die wesentlichsten Eigenschaften aber, die du besitzen mußt, sind diese: du mußt frech und trotzig seyn, und einem jeden ohne Ausnahme, vom Fürsten bis zum gemeinsten Manne, Grobheiten ins Gesicht sagen. Denn das wird aller Augen auf dich ziehen und dir den Nahmen eines großherzigen Mannes verschaffen. Deine Sprache muß etwas fremdes und der Ton deiner Stimme etwas knurriges und hündisches haben; dein Gesicht muß in die Länge gezogen seyn, und dein Gang wie sichs zu einem solchen Gesichte schickt: mit Einem Worte, alles wild und thierisch. Aller Schaam, Anständigkeit und Bescheidenheit mußt du auf immer den Abschied geben, und keinen Begriff davon haben wie man über etwas erröthen kann. Du erscheinst überall wo die meisten Menschen beysammen sind, aber thust immer als ob du mitten unter ihnen allein seyest, und erkennest niemand, weder einheimischen noch fremden, für deinen Freund; denn dieß würde deiner königlichen Unabhänglichkeit auf einmal ein Ende machen. Verrichte ungescheut vor aller Welt Augen was niemand im Verborgenen thun möchte, und wenn du der Venus opferst, so gescheh es immer auf die widersinnigste und lächerlichste Art. Endlich, wenn du des Possenspiels müde bist, so iß einen rohen Polypus oder einen Tintenfisch aufSo soll sich Menippus (und, nach einer vermuthlich fabelhaften Tradition, auch Diogenes) aus der Welt geholfen haben. und stirb. Dieß ist die Glückseligkeit die ich dir garantiren kann!

Käufer. Pfuy! das nenn' ich eine schändliche und viehische Glückseligkeit!

Diogenes. Dafür aber ist sie auch ohne alle Mühe zu erhalten, und steht zu allen Zeiten in eines jeden Gewalt. Denn du brauchst dazu weder Gelehrsamkeit noch Räsonnement, noch andere solche Possen, sondern gehst unter allen Wegen die zum Ruhme führen den kürzesten. Du kannst der gemeinste Kerl, ohne alle Erziehung und Kenntnisse, ein Gerber, ein Pökelhändler, ein Grobschmidt, oder ein Geldmäkler seyn, das wird dich nicht hindern ein Wundermann in den Augen des Volkes zu werden, wenn du nur unverschämt und frech genug bist, und tapfer schimpfen gelernt hast.

Käufer. Höre, Bursche, zu dem allen kann ich dich nicht brauchen; aber du hast tüchtige Schultern, um am Ruder oder im Garten zu arbeiten, und dazu will ich dich kaufen; aber mehr als zwey Pfennige laß ich mirs nicht kosten.

Merkur. Sollst ihn dafür haben! Wir sind froh daß wir des lästigen Schreyers loß sind, der allen Leuten ohne Unterschied nichts als unartige und beleidigende Dinge sagt.

Jupiter. Rufe nun den Cyrenäer dort im Purpurkleide und mit dem Kranz um die Stirne her.Den Aristippus, der hier eben so ungerecht behandelt wird als die andern alle, aber auch nicht erwarten konnte, besser als ein Pythagoras und Sokrates wegzukommen. Billiger und richtiger kann man ihn aus dem Agathon (III. Th. 9. Cap.) und meinen Anmerkungen zu Horazens Briefen kennen lernen.

Merkur. Nun, ihr Herren allerseits, gebt wohl acht! das ist ein kostbares Stück, das nur reiche Leute kaufen können. Wer hat Lust, sich das angenehmste das glückseligste Leben zu verschaffen? Wer ist Liebhaber von Üppigkeit und Wollust? wer kauft mir diesen Weichling ab?

Käufer. Komm näher, du, und sage was du kannst; ich möchte dich wohl kaufen, wenn du zu was nütze bist.

Merkur. Beunruhige ihn nicht mit Fragen, wenn ich bitten darf; du siehst ja, daß er dir mit dieser wackelnden Zunge nicht wohl antworten könnte; er ist betrunken.

Käufer. Aber welcher vernünftige Mensch wird einen so liederlichen unenthaltsamen Sclaven kaufen wollen? Nach wie vielen Riechwassern er stinkt! Wie er daher schlottert und keinen festen Tritt thun kann! – Und was soll dann an ihm seyn, Merkur? was ist seine Sache?

Merkur. Überhaupt ist er ein treflicher Gesellschafter, ein großer Weinkenner, und bey einem Nachtschmaus eines jungen Taugenichts mit einer Tänzerin den dritten Mann zu machen, darin thut es ihm keiner so leicht zuvor. Überdieß versteht er sich sehr gut aufs Kuchenbacken und ist einer der geschicktestem Köche die man finden kannDie Billigkeit erfordert, zu erinnern daß Lukian alle diese Vorwürfe und Sarkasmen nicht aus dem Ermel schüttelte sondern mit Zeugnissen zu belegen im Stande war; wie man aus dem Diogenes Laertius sehen kann, der alles was er von den Philosophen geschrieben fand, wahres und fabelhaftes, ohne Wahl und Urtheil in sein Werk zusammengeschleppt hat.: mit Einem Worte, ich geb' ihn für einen ausgelernten Meister in der Kunst die Wollust zu raffiniren! Seine Lehrjahre brachte er zu Athen zu; darauf trat er in die Dienste gewisser Sicilianischen Fürsten, und stand in ausserordentlichen Gnaden bey ihnen. Übrigens kann ich dir mit drey Worten sagen, worauf sein System hinausläuft. Es besteht darin: alles zu persifliren, sich in alles schicken zu können, und überall das Angenehme heraus zu finden.

Käufer. Da wirst du dich um einen Käufer umsehen müssen, der das Geld wegzuwerfen hat; ich bin nicht reich genug einen so lockern Zeisig zu erstehen.

Merkur zu Jupiter.Der scheint nicht verkäuflich zu seyn, Jupiter; er wird uns wohl bleibenAnspielung auf den Umstand, daß Aristippus eigentlich keine Secte gestiftet hat, wiewohl er einige unbedeutende Schüler hinterließ..

Jupiter. Heiß' ihn auf die Seite treten, und laß einen andern kommen – oder lieber dort den lachenden Abderiten, und den weinenden Ephesier; denn die beyden müssen mit einander weggehen.

Merkur. So tretet hervor! Da biete ich ein paar herrliche Charakter aus! Ich gebe sie für die zwey weisesten in meinem ganzen Magazine.

Käufer. Großer Jupiter! welch ein Contrast! der eine lacht ohne Aufhören, und dem andern muß was sehr liebes gestorben seyn, denn er weint an Einem Stücke. – Hey da, guter Freund, worüber lachst du so?Das: perpetuo risu pulmonem agitare solebat Democritus, dieses platte Mährchen, das Lukian, um auch über den Demokritus lachen zu können, im buchstäblichen Verstande für wahr annimmt, hatte vermuthlich keinen andern Grund, als daß Demokritus so oft lachte als seine lieben Mitbürger, die Abderiten, etwas albernes sagten oder thaten, und etwas sehr kluges damit gesagt oder gethan zu haben glaubten. War es seine Schuld, wenn dieß so oft geschah, daß er endlich um nicht immer zu lachen, sich ganz von ihnen zurückziehen muste?

Demokritus. Du kannst noch fragen? Weil ich alle eure Dinge und euch selbst lächerlich finde.

Käufer. Wie? du lachst uns alle aus, und siehest alle menschliche Dinge für nichts bedeutend an.

Demokritus. So ists; es ist überall nichts gescheidtes daran, alles ist ungefehrer Atomentanz im unendlichen Leeren.

Käufer. Du magst mir wohl selbst ein leerer Kopf und ein großer Windbeutel seyn. Was für eine Insolenz das ist! Wird das Lachen kein Ende nehmen? – Aber du, ehrlicher Mann, (denn mit dir, hoff' ich, wird sich doch noch ein vernünftiges Wort reden lassen) warum weinst du?Wenn man ja den Heraklitus zum Haupt einer eigenen Secte machen will, so war er doch kein Stifter einer besondern fortdaurenden Schule. Lukian scheint ihm also die Ehre, unter den Fürsten der Griechischen Philosophie zu paradiren, bloß darum erwiesen zu haben, weil das Mährchen von seinem beständigen Weinen, und die berufene räthselhafte Dunkelheit seines Buches über die Natur, die erwünschte Gelegenheit gab, ihm eben so übel als den übrigen mitzuspielen, wiewohl er es eben so wenig verdiente. Sokrates soll von dem gedachten Buche gesagt haben: das wenige was ich davon verstehe, macht mich glauben, daß auch das übrige vortreflich ist; und in der That beweisen die noch vorhandenen Bruchstücke seines Systems, daß er tiefere Blicke in die Natur gethan als die meisten Physiker seiner Nation.

Heraklitus. Weil ich das Loos der Menschen jämmerlich und beweinenswürdig finde. Alles, vom Kleinsten bis zum Größten, ist der Hinfälligkeit und dem Tod unterworfen. Das menschliche Leben ist in meinen Augen ein immerwährender Leichenzug und die Erde ein immer offnes Grab. Das Gegenwärtige möchte noch hingehen: aber was in der Zukunft bevorsteht ist äußerst traurig; ich meine den allgemeinen Brand, der das Ganze zerstören wird. Das ist's, was ich bejammere; und daß nichts beständiges in der Natur ist, sondern alles in einem ewigen Mischmasch durch einander geht; daß Vergnügen und Schmerz, Wissenschaft und Unwissenheit, Großes und Kleines, das Oberste und das Unterste im Grunde ebendasselbe ist, kurz, daß in dem Kinderspiele der Zeit alle Dinge ohne Plan und EndzweckVon diesem letztern Satze lehrte Heraklitus gerade das Gegentheil. Aber speculative Philosophie war Lukians Sache nicht, und es war freylich leichter über einen Heraklit zu spotten als ihn verstehen zu lernen. wechseln.

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