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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es lagen, sagte er, eine Menge Obolen zu den Füßen des Bildes; auch waren etliche Silbermünzen mit Wachs an seine Schenkel geklebt, nebst verschiedenen andern Silberbleche, die vermuthlich von Leuten, denen die Statue vom Fieber geholfen hatteHier haben wir also ein wahres heidnisches Gnadenbild, eine Statue, die das Fieber curirt, und dafür reichlich mit silbernen und wächsernen ex voto beklebt und behangen ist. Übrigens war dieser Pelichus nicht das einzige wunderthätige Bild in seiner Art. Auch die Bildsäule des Athleten Theagenes zu Thasos hatte die Gabe diejenigen, die das Vertrauen zu ihr hatten, vom Fieber und andern Krankheiten zu curiren. Paus. in Eliac. c. II. Das nehmliche sagt unser Autor an einem Orte seiner Götterversammlung von der Statue des Polydamas, eines andern berühmten Athleten, zu Olympia., zur Dankbarkeit gestiftet worden waren.

Nun hatten wir einen Reitknecht im Hause, einen ruchlosen Kerl aus Africa; der erfrechte sich das alles einsmals bey Nacht und Nebel wegzustehlen, indem er die Zeit abwartete da das Bild seinen gewöhnlichen Umgang hielt. Sobald aber Pelichus zurückkam und merkte, daß er beraubt worden war, – gebt wohl Acht, wie er den Africaner zu erwischen wußte! Der arme Teufel mußte die ganze Nacht an einem fort im Kreise herumlaufen, und konnte so wenig aus dem Hofe heraus als ob er in den Labyrinth gerathen wäre, bis er des Morgens mit den gestohlnen Sachen erwischt und tüchtig dafür abgegerbt wurde. Aber dabey blieb es nicht: denn, seinem eigenen Geständnisse nach, wurde er alle Nächte von einer unsichtbaren Hand dermaßen gepeitscht, daß er des folgenden Tages die Striemen davon zeigen konnte; so daß er es nicht lange mehr trieb, und, zu seinem verdienten Lohne, jämmerlich um sein Leben kam. Nun, Tychiades, spotte noch über den Pelichus, wenn du darfst, und glaube noch, daß ich radottiere als ob ich schon so alt wie König Minos sey!

Mit allem dem, edler Eukrates, erwiederte ich, so lange Erzt Erzt bleibt, und dieses Bild ein Werk des Demetrius von Alopözien ist, der kein Göttermacher, sondern ein Statüenmacher war, werde ich mir wahrlich nicht vor der Bildsäule des Pelichus grauen lassen, den ich nicht einmal fürchten würde, wenn er noch lebte und mir drohen wollte.

Hier wandte sich der Arzt Antigonus an Eukrates und sagte: auch ich, Eukrates, habe einen zwey Spangen hohen Hippokrates von Bronze zu Hause, der, so oft der Docht der vor ihm brennenden Lampe ausgeht, mit großem Gepolter im ganzen Hause herumfährt, die Thüren aufstößt, die Büchsen umwirft, und die Arzneyen unter einander mengt. Besonders macht er uns diesen Spuck, wenn etwa das Opfer übergangen worden ist, das wir ihm alle Jahre auf einen gewissen Tag zu schlachten pflegen.

Wie? rief ich: verlangt nun auch sogar der Arzt Hippokrates daß man ihm Opferthiere schlachte, und wird böse, wenn er nicht zur gesetzten Zeit wie ein Gott vom ersten Rang schmausen kann? Ich dächte er sollte noch froh seyn, wenn man ihn höchstens mit einem schwarzen Hahn oder einer Libation von Honigwein, oder auch mit einem blossen Blumenkranz um den Kopf, abfände.

Höre nun, sagte Eukrates, und das mit Zeugen die ich aufstellen kann, was ich vor fünf Jahren gesehen habe. Es war um die Zeit der Weinlese. Gegen Mittag verließ ich die Winzer bey ihrer Arbeit, und begab mich ganz allein in den Wald, in dem ich so was mit mir selbst überdachte. Sobald ich tiefer hinein gekommen war, höre ich ein Gebell von Hunden. Ich denke, mein Sohn Mnason treibt sein gewöhnliches Spiel, und jagt mit andern Jünglingen seines Alters im dichtesten Revier des Waldes. Aber das war es nicht: denn bald darauf fieng die Erde an zu beben, ich hörte ein Getöse als ob es donnerte, und indem sehe ich eine fürchterliche Frau, beynahe ein halbes Stadiumdreihundert Fuß. hoch, auf mich zu gehen. In der linken Hand trug sie eine Fackel und in der rechten einen Dolch, ungefehr zwanzig Ellen lang. Von unten hatte sie Drachen statt der Füsse, und von oben sah sie einer wahren Meduse gleich, so was gräßliches und schauderliches hatte sie in ihren Augen und in ihrem ganzen Aussehen; und statt der Haare hatte sie Schlangen theils in Zöpfen um den Hals herumhangen, theils rollten sie ihr in wallenden Kreisen über die Schultern herab. Noch jetzt läuft mirs bey der blassen Erzählung kalt durch alle Glieder. Sehet selbst, meine Freunde, sagte er, und zeigte uns wie alle Haare an seinem Arme vor Schrecken emporstrebten.Eukrates hat, wie man sieht, ein wahres Talent Wundergeschichten zu erzählen, angehende Geisterseher können sich nach keinem bessern Muster bilden.

Ion, Dinomachus und Kleodemus, nebst verschiedenen andern die um sie herumstanden, lauter bejahrte Männer, starrten ihn mit halb ofnem Munde hoch aufhorchend an, und verrichteten innerlich ihre Andacht zu dem unglaublichen Koloß einer Frau die ein halbes Stadium hoch war, und mit der man einem Riesen hätte Angst machen können. Ich meines Ortes dachte bey mir selbst, was das für Leute wären, denen man die Jugend zum Unterricht in der Weisheit anvertraut, und die der gemeine Mann mit Ehrfurcht anstaunt, da sie doch, ihren grauen Kopf und Bart abgerechnet, wahre Kinder am Verstande sind, und würklich sich durch solche Lügen noch leichter anködern lassen als die kleinsten Kinder.

Ich bitte dich, Eukrates, sagte Dinomachus, wie groß waren die Hunde der Göttin?Diese Frage wird mit vieler Proprietät dem Stoiker Dinomachus in den Mund gelegt; denn die Stoiker piquierten sich große Dogmatiker in der vulgaren Theologie zu seyn, und er glaubte nichts geringes gewonnen zu haben, wenn er seine Kenntnis von der eigentlichen Größe der Hunde der Hekate aus dem Munde eines so glaubwürdigen Augenzeugen berichtigen könnte.

Größer als die Elefanten aus Ostindien, schwarz, und voll langer, struppichter und schmutziger Zotteln. Ich blieb beym Anblick dieser Erscheinung stehen, und drehte in aller Stille den Ring, den ich von dem Araber habe, gegen das Innere der Hand. Sogleich stampfte Hekate mit ihrem Drachenfuße auf den Boden, und es entstand eine Kluft von so ungeheurer Größe, daß sich der ganze Tartarus aufgedeckt zu haben schien. Sie sprang hinein, und schwand nach und nach aus meinen Augen. Ich aber faßte ein Herz, und schaute mit vorgebogenem Kopfe in den Abgrund hinunter, indem ich den einen Arm um einen zunächststehenden Baum herumschlang, um nicht hinabzustürzen, wenn mich etwa ein Schwindel ankäme: und da erblickte ich alles was im Tartarus zu sehen ist, den feuerstrudelnden Phlegeton, den stygischen See, den Cerberus, die Seelen der Abgeschiedenen, und so deutlich, daß ich einige darunter erkannte. Meinen Vater z. B. erkannte ich ganz genau, weil er noch in eben dieselbe Tücher eingehüllt war, worin wir ihn begraben hatten.

Aber was machten die Seelen, lieber Eukrates? – fragte Ion.Der Platoniker, vermuthlich um seinen Phädo zu ergänzen.

Was sollten sie machen? erwiederte jener: sie liegen nach ihren Stämmen und Zünftenwie die Athenienser bey einer Siegesmahlzeit. – Die Asphodilblumen hat er dem Homer abgesehen. auf Asphodilblumen, und vertreiben sich die Zeit mit ihren Freunden und Anverwandten.

Nun, sagte Ion, sollen die Epikuräer kommen, und dem göttlichen Plato und seiner Lehre noch länger widersprechen! Aber hast du nicht auch den Sokrates selbst und den Plato unter den Todten gesehen?

Den Sokrates, ja, aber doch nicht deutlich; ich vermuthe es nur an seiner Glatze und an seinem vorhängenden Bauche. Aber den Plato konnte ich nicht erkennen, denn ich möchte meinen Freunden nicht gerne mehr sagen als die lautre Wahrheit ist.Wieder ein Zug, der zum Beweise dient, daß Lukian seinen Eukrates nach dem Leben schilderte. Diese Gewissenhaftigkeit im Lügen bezeichnet einen großen Meister. Wie glaubwürdig wird, in den Augen solcher Zuhörer wie Eukrates hatte, ein Mann, der einer so schönen Gelegenheit und so starken Versuchung noch mehr zu lügen, widerstehen kann, weil er seinen Freunden nicht mehr sagen will als die lautere Wahrheit ist! Er ist wie ein schelmischer Geldmäkler, der mir falsche Ducaten gegen Münze verwechselt, aber das Agio mit der größten Genauigkeit zehnmal ausrechnet, aus Furcht mir um einen Dreyer Unrecht zu thun. Wie ich nun so stand und alles sorgfältig betrachtete, schloß sich die Kluft wieder, und indem fanden sich einige meiner Bedienten, die mich suchten, unter andern auch dieser gegenwärtige Pyrrhias bey mir ein, da die Kluft noch nicht völlig geschlossen war. Rede, Pyrrhias, ob ich nicht die Wahrheit sage!

Beym Jupiter, sagte der Bediente, ich hörte noch ein Gebell aus der Kluft herauf, und es war mir als ob ich eine Feuerflamme, wie von einer geschwungenen Fackel, auflodern sehe.

Ich mußte lachen, daß der Zeuge so dienstfertig war, noch das Gebell und die Flammen, als eine Zugabe, ungebeten zuzumessen. Hierüber fieng Kleodemus an: Das Gesichte, das du da gesehen hast, ist nichts so ungewöhnliches, daß es nicht auch andern schon zu Theil worden wäre; wie ich denn selbst in meiner letzten Krankheit was ähnliches gesehen habe. Der hier gegenwärtige Antigonus war mein Arzt. Es war der siebente Tag, und das Fieber war so heftig, daß ich wie in lauter Feuer lag. Ich war ganz allein: denn Antigonus hatte alle meine Leute aus dem Zimmer geschaft und die Thür abgeschlossen, um zu versuchen, ob ich ein wenig schlummern könnte. Auf einmal, da ich noch völlig wachte, stand ein wunderschöner Jüngling in weissem Gewande vor mir, hieß mich aufstehen, und führte mich durch eben so eine Kluft in die Unterwelt, wo ich gleich auf den ersten Blick den Tantalus, Tityus und Sisyphus erkannte. Unvermerkt kam ich bis an den Gerichtsstuhl, wo ich einen der wie ein König aussah (den Pluto ohnezweifel) von Äakus und Charon, und von den Parzen und Furien umgeben, sitzen sah, um die Nahmen derjenigen zu nennen, welche ohne längern Aufschub sterben sollten, weil sie ihre bestimmte Lebenszeit bereits überschritten hatten und, so zu sagen, überständig waren. Der Jüngling stellte mich vor: aber Pluto wurde unwillig darüber, und sagte zu meinem Führer: sein Faden ist noch nicht abgesponnen, er kann wieder gehen; aber du, hohle den Kupferschmid Damylus, der schon über seine Spindel hinaus lebt. Ich lief also voller Freuden wieder zurück, und befand mich ohne Fieber, sagte aber meinen Leuten, der Nachbar Damylus werde nächstens sterben. Man meldete mir er sey unpäßlich, und bald darauf hörten wir ein Klaggeschrey, das uns seinen wirklichen Tod ankündigte.

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