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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 57
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Tychiades. Noch verstehe ich nicht was du damit sagen willst; aber laß sehen!

Simon. Ich meyne den großen Markt, die Gerichtshöfe, die Ringeplätze und Gymnasien, die Jagden und die Gastmale. Was also den Markt und die Gerichtsstätten betrifft, so überläßt der Parasit dieser Schauplätze der Leidenschaften und der Schicane den Sykophanten, die dort eigentlich zu Hause sind. Die Ringeplätze, die Gymnasien und die Gastmale hingegen besucht er desto fleißiger, und macht freylich da eine ganz andere Figur als eure Philosophen oder Redner. Denn wo hat man jemals gesehen daß einer von diesen letztern, wenn er sich zum Ringen entkleidete, sich neben einem Parasiten hätte sehen lassen dürfen? Oder welcher von ihnen kann sich im Gymnasium zeigen ohne dem Orte Schande zu machen? Aber auch in einem Walde hätte keiner von ihnen das Herz einem auf ihn loß rennenden Stück Wild Stand zu halten: der Parasit hingegen bleibt stehen und läßt sie anlaufen, weil er bey Tafel zu bekannt mit ihres gleichen worden ist um sie zu fürchten. Ihn erschreckt kein Hirsch, kein borstiger Hauer; und wenn dieser die Zähne gegen ihn wetzt, so wetzt der Parasit die seinigen wieder gegen ihn. Bey der Mahlzeit aber, wer wollte sich da mit dem Parasiten, es sey im Scherzen oder im Essen, in einen Wettstreit wagen? Wer wird mehr zur Belustigung der Tischgesellschaft beytragen, er, der immer ein Liedchen oder einen witzigen Einfall in Bereitschaft hat? oder der Pedant, der gar nicht weiß was lachen ist, und in seinem abgeschabten Mantel dasitzt und auf den Boden sieht, als ob er zu einem Leichenbegängnis, nicht zu einem Schmause, gekommen sey? In meinen Augen ist ein Philosoph bey einem Gastmale gerade so viel nütze als ein Hund in einem Bade. Doch, lassen wir das alles an seinen Ort gestellt seyn, um den innern Gemüthszustand des Parasiten zu betrachten und mit jenen zu vergleichen. Das erste, was dir dabey in die Augen leuchtet, ist, daß der Parasit den Ruhm verachtet, und sich nichts darum bekümmert was die Leute von ihm denken: bey den Philosophen und Rednern hingegen wird man finden, daß nicht nur etwa dieser und jener, sondern Alle so viel ihrer sind von Eitelkeit und Ruhmsucht, ja was noch schändlicher ist, sogar von Geldsucht aufgerieben werden. Der Parasit achtet das Geld so wenig, daß niemand die Kieselsteine an den Ufern weniger achten kann, und er macht zwischen dem Glanz des Goldes und des Feuers keinen Unterschied.Nehmlich, das eine ist ihm so angenehm als das andere. Diesem seltsamen Gedanken scheint eine Anspielung auf den bekannten Anfang der ersten Olympischen Ode Pindars zum Grunde zu liegen. Jene hingegen sind mit einem so unseligen Durst nach Golde behaftet, daß man berühmte Philosophen unsrer Zeit kennt (von den Rednern will ich lieber gar nichts sagen) wovon der eine überwiesen wurde daß er sich bestechen lassen in einer Sache, worin er Richter war, einen ungerechten Spruch zu thun; ein anderer sich für seine Sophistereyen von seinen Schülern bezahlen läßt; noch ein anderer unverschämt genug ist von dem Kayser bloß dafür daß er sich an seinem Hofe aufhält, einen Lohn zu fodern: ja, wir kennen sogar einen, der noch in seinen alten Tagen in der Welt herumzieht, und, seine Weisheit um Taglohn vermiethet, wie ein Indianischer oder Scythischer Kriegsgefangner seine Handarbeit, sich sogar des Nahmens nicht schämt, und selbst gesteht, daß das was er dafür empfängt Liedlohn sey. Doch diese Geldsucht ist nicht ihre einzige Schwachheit: du wirst finden, daß sie noch von andern Leidenschaften, böser Laune, Zorn, Mißgunst, und allen Arten von Begierden, wie die gemeinsten Menschen beherrschet werden. Der Parasit hingegen ist über das alles weg. Er erzürnt sich über nichts, weil er das unangenehme zu ertragen weiß, und – weil er niemand hat über den er böse werden könnte; oder wenn ihm auch etwas über die Leber läuft, so ist sein Zorn nicht heftig, und endet sich, anstatt verdrieslicher Folgen, zum Vergnügen aller Anwesenden, mit Lachen. Von Traurigkeit aber weiß niemand weniger als er, da ihm seine Kunst den besondern Vortheil gewährt, nichts zu haben worüber er traurig seyn könnte. Denn er hat weder Güter, noch Haus, noch Gesinde, weder Weib noch Kinder, Dinge deren Verlust denjenigen, der sie besaß, nothwendig betrüben muß. Endlich kann man doch wohl sagen, daß derjenige von Begierden frey sey, der gegen Ehre und Reichthum, ja gegen die Schönheit selbst, gleichgültig ist.

Tychiades. Man sollte doch denken, Simon, daß ihn die Nahrungssorgen zuweilen in seiner guten Laune stören müßten.

Simon. Du vergissest, Tychiades, daß derjenige schon kein Parasit wäre, der über sein Mittagessen verlegen seyn müßte: so wie ein tapfrer Mann, sobald es ihm an Tapferkeit gebracht, nicht tapfer, und ein Kluger, den seine Klugheit auf dem Sande sitzen läßt, nicht klug ist. Wir haben es aber hier mit dem Parasiten, der es ist, zu thun, nicht mit dem der es nicht ist. Denn wenn der Tapfre es nur durch die wirkliche Tapferkeit, und der Kluge nur durch die wirkliche Klugheit ist: so ist auch der Parasit nur durch wirkliches parasitiren Parasit; wollen wir ihm das nicht zugestehen, so thäten wir besser von jedem andern Gegenstande zu sprechen als vom Parasiten.Auch hier wird die indirecte Verspottung des Plato, dessen Art zu argumentiren der Parasit mit lächerlichem Ernst parodirt, einem jeden in die Augen fallen, der nur einige Bekanntschaft mit ihm hat.

Tychiades. Es kann also, deiner Meynung nach, dem Parasiten nie an einem gedeckten Tische fehlen?

Simon. Allerdings bin ich dieser Meynung: er kann über diesen Punct, wie über alle andere, ganz ruhig seyn. Dagegen leben die Philosophen, eben so wohl als die Redner, in beständiger Furcht, und man sieht sie daher größtentheils nie anders als mit einem Stecken in der Hand auf der Straße. Würden sie wohl bewafnet gehen, wenn sie sich nicht fürchteten? Oder würden sie ihre Thüren so sorgfältig verriegeln, wenn ihnen nicht vor einem nächtlichen Einbruch bange wäre? Wenn der Parasit seine Kammerthür zuschließt, so hat er wohl keinen andern Beweggrund als damit sie der Wind nicht aufmache; ein nächtlicher Lerm verursacht ihm nicht die geringste Unruhe, und er reiset unbewafnet durch den ödesten Wald, weil er unbesorgt ist, daß ihm etwas geraubt werden könnte. Hingegen hab' ich schon oft Philosophen bewafnet gesehen, wo nichts zu fürchten war, und ihren Prügel führen sie bey sich, sogar wenn sie ins Bad oder zu Gaste gehen. Endlich ist niemand, der den Parasiten Ehebruchs, gewaltsamen Überfalls, Raubes, oder irgend eines andern Bubenstückes beschuldigen könnte: denn ein solcher Verbrecher wäre eben darum kein Parasit, oder (was auf Eins hinausläuft) wenn der Parasit einen Ehebruch begienge, so bekäme er durch die That selbst auch die Benennung derselben, und hieße ein Ehebrecher. Denn so wie ein Bösewicht eben darum nicht ein guter sondern ein böser Mensch heißt: so, denke ich, verliert auch der Parasit, wenn er etwas schändliches begeht, das wodurch er Parasit ist, und nimmt den Nahmen der Übelthat auf sich die er begangen hat. Wie viele Verbrechen die Philosophen und Redner sich zu Schulden kommen lassen, wissen wir nicht nur selbst aus unzählichen Beyspielen die vor unsern Augen geschehen sind, sondern können auch in Büchern lesen, daß es die ehmaligen nicht besser machten. Man hat Apologien für den Sokrates, den Äschines, den Hyperides, den Demosthenes, und beynahe für alle Redner und Weise: aber man wird keine Apologie für einen Parasiten nennen können, und niemand kann sagen daß er jemals ein Klaglibell gegen einen Parasiten gesehen habe.

Tychiades. Nun, beym Jupiter, ich will dir gelten lassen daß dein Parasit im Leben den Vortheil über die Philosophen und Redner habe: dafür aber mag wohl sein Tod desto schlimmer seyn?

Simon. Gerade das Gegentheil, ohne alle Vergleichung glücklicher! von den Philosophen allen, oder doch von den meisten, wissen wir daß es ein böses Ende mit ihnen genommen hat: einige wurden der größten Verbrechen wegen zum Giftbecher verdammt; andere verbrannten bey lebendigem Leibe; andre giengen am Harnzwang drauf, andere starben im Elende. Dem Parasiten kann niemand eine solche Todesart nachsagen; er stirbt sanft und süß unter vollen Schüsseln und Bechern, und sollte ja einer von uns eines gewaltsamen Todes gestorben seyn, so war es gewiß nur an einer Unverdaulichkeit.

Tychiades. Du hast die Sache der Parasiten gegen die Philosophen tapfer durchgefochten. Nun hättest du nur, wo möglich, noch zu beweisen, daß die Schmarotzerey eine ehrbare Kunst und demjenigen nützlich sey, auf dessen Unkosten der Parasit lebt. Ich meines Ortes finde etwas sehr demüthigendes darin, seinen Unterhalt von reichen Leuten als eine Wohlthat anzunehmen.

Simon. So einfältig wirst du doch nicht seyn, Tychiades, um nicht einzusehen, daß ein reicher Mann, wenn er auch so viel Gold hätte als GygesDie Geschichte oder vielmehr das Mährchen von dem unsichtbarmachenden Ringe dieses Gyges, und das eben so seltsame Mährchen, wie er zur Lydischen Krone gekommen, das Herodot so treuherzig erzählt, sind bekannte Sachen. Aber hievon ist hier nicht die Rede, sondern von seinen Reichthümern, worüber wir aus Dichtern und Geschichtschreibern eine Menge Zeugnisse anführen könnten. wenn es nöthig wäre. Strabo erwähnt (L. I. c. 14.) gewisser Gold- und Silberbergwerke zwischen Atarne und Pergamus, als der hauptsächlichsten Quellen, woraus Gyges die Schätze gezogen, die ihn zu einem der reichsten asiatischen Fürsten seiner Zeit machten. Es bedarf also der von Moses du Soul vorgeschlagenen Veränderung des Gyges in Midas oder Krösus ganz und gar nicht., nur ein armer Teufel wäre wenn er allein essen müßte; und daß er sich ohne einen Parasiten an seiner Seite auf der Straße schlecht ausnehmen, und von andern die nichts haben wenig unterscheiden würde. Ein Reicher ohne einen Parasiten ist wie ein Soldat ohne Waffen, ein Rock ohne Purpur, ein Pferd ohne Schmuck; kurz, der Parasit macht dem Reichen Ehre, nicht der Reiche dem Parasiten. Das beschämende, das du darin zu finden glaubst, sich von einem Reichen auf den Fuß eines Clienten ernähren zu lassen, fällt also gänzlich weg, wenn du bedenkest, daß der Reiche wirklich Nutzen daraus zieht, indem diese Art von Leibwache, ausser dem Zuwachs von Ansehen so sie ihm giebt, seine Sicherheit nicht wenig vermehrt. Denn niemand wird so leicht einen Angriff auf ihn wagen, wenn er ihm einen solchen Beschützer zur Seite sieht. Auch wird keiner, der einen Parasiten hat, so leicht an Gifte sterben: denn wer wird es wagen ihn vergiften zu wollen, da der Parasit alle Speisen und Getränke zuerst kostet? der Reiche hat also nicht nur Ehre von seinem Parasiten, sondern betrachtet ihn billig als den Mann dem er die Sicherheit seines Lebens zu danken hat. Der Parasit nimmt aus Liebe zu seinem Ernährer alle Gefahr auf sich, und hält nicht nur im Essen treulich und bis auf den letzten Bissen bey ihm aus, sondern ist auch bereit sich für ihn zu Tode zu essen.

Tychiades. Ich muß gestehen, Simon, du hast alles mögliche gethan deine Kunst herauszustreichen, und sie kann sich nicht beklagen daß du ihr das geringste vergeben habest: kurz, du hast nicht gesprochen als ob du der Sache niemals nachgedacht (wie du mich glauben machen wolltest) sondern alles geleistet was man von dem geübtesten Kopf erwarten könnte.Ich bin genöthigt gewesen hier eine kleine Stelle wegzulassen, an welcher die Leser nichts verlieren. Sie ist, als ein bloßes und ziemlich plattes Spiel mit der Etymologie des Wortes παρασιτει̃ν, unübersetzlich; und ich begreiffe nicht recht, wie Lukian sich entschließen konnte, den Schluß eines so witzigen Aufsatzes mit einem so frostigen Einfall zu verunzieren; zumal da er ein wahres hors d'oeuvre ist, und durch seine Weglassung keine Lücke im Text entsteht. – Dafür hast du mir aber auch eine solche Lust zu deiner Kunst gemacht, daß ich, wie die Schulknaben, vor und nach Tische zu dir kommen werde, um Lection bey dir zu nehmen; und hoffentlich wirst du mich ohne Zurückhaltung in allen ihren Geheimnissen initiiren, da ich dein erster Schüler bin. Denn was man von den Müttern sagt, daß sie ihre Erstgebohrnen immer am liebsten haben, das muß billig auch von den ersten Schülern gelten.

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