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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 54
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Tychiades. Bey dem allen fällt mir auf einmal ein kleiner Scrupel ein.Im Original macht Tychiades seinen Einwurf ohne alle Einlenkung; aber in jeder modernen Sprache würde diese Art auf eine andere Materie zu kommen sehr unangenehm auffallen. Ist es nicht unrecht, sich fremder Leute Gut zuzueignen?

Simon. Unstreitig.

Tychiades. Wie sollte das also dem Parasiten allein nicht unrecht seyn?

Simon. Auf das – weiß ich dir nicht gleich zu antworten. – Aber um noch einige Vorzüge der Parasitik vor den andern Künsten anzuführen, wer kann leugnen, daß der Anfang der letztern gering und verächtlich ist, jene hingegen einen sehr edeln Ursprung hat? Denn wenn du es genau besiehest, so ist es nichts Geringers als der weltgepriesene Nahme der Freundschaft, dem sie ihr Daseyn schuldig ist.

Tychiades. Wie so?

Simon. Weil ordentlicher Weise niemand seinen Feind, oder einen unbekannten Menschen, oder auch nur einen mit dem er wenig Umgang hat, zu Tische bittet, sondern man muß erst auf einem freundschaftlichen Fuße mit jemand stehen um sein Tischgenosse zu seyn, und zu den Mysterien unsrer Kunst zugelassen zu werden. Daher hört man oft sagen: wie sollte der unser Freund seyn, da er doch nie mit uns getrunken hat? Woraus klar erhellet, daß man nur den, der mit uns ißt und trinkt, für einen ächten Freund zu halten pflegt. Noch ein Beweis, daß die Parasitik in der That den Nahmen einer königlichen KunstEine Anspielung auf eine Stelle in Platons Euthydemus, Opp. Vol. III. p. 45. edit. cit. verdient. Andere Kunstverwandte arbeiten nicht nur mit Mühe und Schweiß, sondern größtentheils sogar sitzend oder stehend, und zeigen dadurch daß sie gleichsam Sclaven ihrer Kunst sind: der Parasit hingegen treibt die seinige auf eben die Art wie die Könige Audienz geben, – liegend. Nichts davon zu sagen, wiewohl es kein geringes Stück seiner Glückseligkeit vor andern ist, daß er allein (wie der weise Homer von seinen Cyklopen sagt)

weder pflanzet noch pflügt mit seinen eigenen HändenOdyssee IX. v. 108.

sondern ärntet wo er nicht gesäet, und geniest was ihn nichts gekostet hat. Endlich kann ein Rhetor, ein Feldmesser, ein Schmidt, seine Kunst ungehindert treiben, wenn er gleich ein ungesitteter Kerl, ja sogar ein Dummkopf ist: in der Parasitik hingegen kommt weder ein ungezogener Mensch noch ein Pinsel fort.

Tychiades. Himmel! wer hätte gedacht, daß es eine so herrliche Sache um die Schmarotzerkunst wäre? Du hast mich beynahe dahin gebracht, daß ich lieber ein Parasit seyn möchte als was ich bin.

Simon. Ich denke also den großen Vorzug meiner Kunst vor den übrigen insgemein hinlänglich erwiesen zu haben. Laß uns nun, wenn es dir gefällt, auch sehen, wie weit sie einer jeden insbesondere vorgeht. Doch, sie mit irgend einem von den mechanischen Handwerken vergleichen zu wollen, wäre Thorheit und unverzeyhliche Abwürdigung einer so edeln Kunst. Es wird genug seyn, wenn ich dir zeige, wie weit sie den größten und schönsten aller Künste vorzuziehen ist. Daß unter diesen die Redekunst und die Philosophie den ersten Rang behaupten, wird so allgemein anerkannt, daß einige sie ihrer Vortreflichkeit wegen sogar für Wissenschaften erklären. Wenn ich also beweise, daß die Parasitik diesen beyden bey weitem vorgeht, so wird klar zu Tage liegen, daß sie auch über alle übrigen Künste, wie Nausicaa über ihre Kammermädchen und SclavinnenAnspielung auf die schöne Vergleichung der Tochter des Alcinous unter ihren Mägden mit der Diana unter ihren Nymfen, im 6ten Buche der Odyssee, v. 101-110. hervorrage. Überhaupt also geht sie beyden, der Rhetorik und der Philosophie, in Rücksicht auf das Wesen selbst, darin vor, daß gar keine Frage darüber ist, was sie sey? da hingegen darüber, was die Rhetorik sey, die Meynungen sehr getheilt sind; indem einige sie für eine Kunst, andere für eine bloße Naturgabe, andere sogar für eine lose Kunst, andere für wieder was anders halten. Das nehmliche gilt von der Philosophie; denn einen andern Begriff macht sich Epikur davon, einen andern die Stoiker, einen andern die Akademiker, wieder einen andern die Peripatetiker: einem jeden von ihnen ist die Philosophie was anders, so daß sie, bis auf diesen Tag, weder selbst darüber eins werden können, noch ihre Kunst eine und eben dieselbe scheint. Braucht es mehr um den Schluß hieraus zu ziehen, daß eine Kunst, von der es nicht einmal ausgemacht ist was sie sey, sogar den Nahmen einer Kunst mit Unrecht führe? Die Arithmetik ist überall eine und eben dieselbe; zweymal zwey sind bey den Persern so gut vier als bey uns; Griechen und Barbaren haben hierüber nur Eine Meynung. Der Philosophieen hingegen sehen wir viel und mancherley, die weder im Grunde noch im Zwecke zusammenstimmen.

Tychiades. Du hast recht. Sie sagen zwar es sey nur Eine Philosophie, aber sie selbst machen viele aus ihr.

Simon. Wenn in manchen andern Künsten nicht alles zusammenstimmt, und sie jemand damit entschuldigen will, daß sie ihrer Natur nach etwas schwankendes haben müßten, weil sie von Begriffen und Grundsätzen abhangen, die zu keiner völligen Deutlichkeit und Gewißheit zu bringen sind; so lasse ich mir die Entschuldigung gefallen: aber wer sollte es dulden können, wenn die Philosophie, deren Grundsätze nothwendig und evident seyn sollen, nicht Eins ist und noch weit vollkommner mit sich selbst zusammenklingt als das reingestimmteste Instrument? Nun fehlt aber soviel daran daß die Philosophie Eins sey, daß man sie vielmehr was unendliches nennen könnte. Da nun, weil es nur Eine Philosophie geben kann, ihrer nicht viele seyn können, so ist klar daß es gar keine giebt. Eben dieß läßt sich auch auf die Rhetorik anwenden. Denn, wenn von einem gewissen Subjekte, was es auch sey, nicht Alle eben dasselbe sagen, sondern die Meynungen getheilt sind und Streit darüber entsteht: so ist dieß der sicherste Beweis, daß das Ding, wovon man nicht einerley Begriff hat, gar nicht ist. Mit der Parasitik ist es keineswegs so beschaffen: sie ist bey Griechen und Barbaren ihrem Wesen, ihrer Form, ihrem Gegenstand und Endzweck nach, eine und eben dieselbe. Man kann nicht sagen anders schmarotze dieser, anders jener; es giebt keine Secten, keine Stoiker und Epikuräer unter ihnen, die einander in ihren Lehrmeinungen widersprechen: sondern bey allen findet sich eine vollkommne Gleichheit der Grundsätze und die genaueste Übereinstimmung in der Verfahrungsweise und dem Endzweck: so daß, meiner geringen Meinung nach, die Parasitik in dieser Rücksicht wohl den Nahmen der Weisheit selbst verdienen dürfte.

Tychiades. Über diesen Punct hast du dich, wie mich däucht, mehr als genug erklärt. Aber wie willst du den Vorzug deiner Kunst vor der Philosophie auch in den übrigen Stücken beweisen?

Simon. Vor allen Dingen kann ich nicht umhin dich darauf aufmerksam zu machen, daß noch nie ein Parasit ein Liebhaber der Philosophie gewesen ist: da hingegen von sehr vielen ehmaligen und heutigen Philosophen bekannt ist, daß sie große Liebhaber der Parasitik waren und noch sind.

Tychiades. Wie? solltest du mir Philosophen nennen können, die sich mit schmarotzen abgegeben hätten?

Simon. Denkst du etwa daß sie auch mir unbekannt seyen, weil du dich so unwissend stellest, gleich als ob ihnen das zur Schande und nicht vielmehr zur Ehre gereichte.

Tychiades. Das nun eben nicht, Simon: aber ich zweifle sehr daß du mir einige solltest nennen können.

Simon. Du mußt dich in den Lebensbeschreibungen dieser Herren wenig umgesehen haben, da dir diejenigen, die ich meine, nicht sogleich beygefallen sind.

Tychiades. In ganzem Ernste, du wirst mich verbinden, wenn du sie mir nennen willst.

Simon. Gut, wir wollen dir einige von ihnen vorführen, und gewiß keine von den schlechtesten, sondern im Gegentheil, soviel ich beurtheilen kann, die vorzüglichsten unter allen, Männer, zu denen du dich dessen wohl am wenigsten versehen hättest. Also, der berühmte Sokratiker ÄschinesSokrates hat nie eine Schule gehalten, und also eigentlich keine Schüler gehabt. Man pflegte aber diejenigen, die am meisten mit ihm umgegangen waren, und sich nach ihm zu bilden gesucht hatten, Sokratiker zu nennen, und dieser Äschines (den man mit dem spätern Redner dieses Nahmens nicht verwechseln muß) war einer der vorzüglichsten unter ihnen., der Verfasser der großen und eleganten Dialogen, die in allen Händen sindZu Lukians Zeiten waren ihrer sieben vorhanden, deren Nahmen sein Zeitgenosse, Diogenes Laertius, also angiebt: Miltiades, Kallias, Axiochus, Aspasia, Alcibiades, Telauges und Rhinon. Von diesen ist bloß der einzige Axiochus, über den Tod und das Leben nach dem Tode, auf uns gekommen; und beyde Beywörter, wodurch Lukian diese Dialogen charakterisiert, passen sehr gut auf ihn. Die beyden übrigen, die noch seinen Nahmen führen, scheinen unter die unächten zu gehören, deren der besagte Biograph erwähnt. , kam mit seinen Dialogen im Mantelsack nach Sicilien, um, wo möglich, dem Dionysius dadurch bekannt zu werden. Er kam auch dazu ihm seinen Miltiades vorzulegen, und da er dem Fürsten gefallen zu haben schien, blieb er eine lange Zeit zu Syrakus sitzen, machte den Schmarotzer beym Dionysius, und gute Nacht Sokratische Unterhaltungen! – Aber was sagst du zu Aristipp von Cyrene? Du lässest ihn doch für einen Philosophen gelten?

Tychiades. Ganz gewiß.

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