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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 51
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der ParasitDer Parasit. Dieser Dialog, dessen größte Schönheit in der lächerlich ernsthaften Behandlung eines frivolen Gegenstandes besteht, wiewohl er eines der sinnreichsten Werke unsers Autors ist, hat durch die Zeit einen Theil des Interesse verlohren, das die Athenienser, für die er geschrieben war, darin finden mußten. Mir ist sehr wahrscheinlich daß die pikantesten Grazien dieser Composition in feinen und Ieichtverschleyerten Anspielungen auf Personen bestehen, die uns unbekannt sind, und an denen wir, wenn sie es auch nicht wären, doch wenig Antheil nehmen würden. Offenbar gilt das darin herrschende Persifflage vielmehr den Philosophen als den Parasiten, wiewohl diese, so zu sagen, ihre Haut zu der Peitsche hergeben, womit jene gegeisselt werden. Besonders glaube ich an vielen Stellen, eine zwar indirecte, aber mir wenigstens sehr auffallende Verspottung der affectirten Subtilität und langweiligen Weitläuftigkeit vieler Platonischen Dialogen wahrzunehmen.
oder
Beweis daß Schmarotzen
eine Kunst sey.

Tychiades und Simon.

Tychiades. Wie kömmt das, Simon? Alle andere Menschen, Freygebohrne und Sclaven haben irgend eine Kunst gelernt, wodurch sie sich selbst und andern nützlich sind: du hingegen kannst, so viel ich weiß, nichts womit du dir etwas erwerben oder einem andern dienen könntest.

Simon. Wie meynst du das, Tychiades? du mußt deutlicher fragen, wenn ich dich verstehen soll.

Tychiades. Kannst du irgend eine von den freyern und edlern Künsten, als, zum Beyspiel, die Musik?

Simon. Gott bewahre!

Tychiades. Also vielleicht die Arzneykunst?

Simon. Auch diese nicht.

Tychiades. Aber die Feldmeßkunst?

Simon. Nichts weniger.

Tychiades. Etwa die Rhetorik? Denn nach der Philosophie will ich gar nicht fragen; von der bist du wohl so weit entfernt als die Schelmerey von der Tugend.

Simon. O, wenn's möglich wäre, möcht' ich noch weiter von ihr seyn!Der launische Haß gegen die Philosophie, den der Parasit hier gleich anfangs und durch diesen ganzen Dialog so lebhaft ausläßt, ist zugleich ein treffender Charakterzug, und ein feiner Kunstgriff, die Philosophische Scharlatans seiner Zeit zu peinigen, ohne daß Lukian selbst directen Antheil daran zunehmen scheint. Denn mußte er nicht den Parasiten seinem Charakter gemäß sprechen lassen? Der Widerwille des letztern gegen die Philosophen hat zwar die Miene der natürlichen Antipathie, die man immer zwischen Menschen von sehr ungleicher Sinnesart wahrnimmt; aber Simon läßt es sich doch deutlich genug anmerken, daß noch eine Art von Brod, oder Handwerksneid dahinter steckt, den er zwar unter die affectierte Verachtung zu verbergen sucht, der aber wider seinen Willen überall zum Vorschein kommt. Die Philosophen machten die Nebenbuler der Parasiten bey den Großen und Reichen, und ein Mann von Simons Profession fand sie überall, wo es was zu schmausen gab, in seinem Wege. Hinc illae lacrymae! Man sieht leicht was für Vortheile dies unserm Autor gab, die erstern durch einen Contrast, wobey sie nothwendig immer der verlierende Theil waren, in ein lächerliches Licht zu stellen. daß du dir also nicht einbildest, du habest mir da etwas vorgerückt das ich nicht wisse und eingestehe! Ja, ich bin ein Taugenichts, und gewiß noch um ein gutes Theil mehr als du denkst.

Tychiades. Das mag leicht seyn. Doch, vielleicht hast du keine von jenen Künsten gelernt, weil sie sehr schwer sind und große Fähigkeiten erfodern; aber dagegen irgend eine von den gemeinem Professionen, etwa das Zimmer- oder Tischler- oder Schusterhandwerk? denn deine Umstände sind eben nicht so, daß dir eine von diesen Künsten nicht gute Dienste thun sollte.

Simon. Da hast du Recht, Tychiades, und doch verstehe ich auch keine von diesen.

Tychiades. Welche andere also?

Simon. Welche andere? Meiner Meynung nach eine sehr edle. Ich denke du selbst sollst sie loben, wenn du sie lernen willst. Was die Praxis betrift, darin glaube ich dir alle Vortheile und Handgriffe zeigen zu können, wenn ich gleich nicht geschickt genug bin, mich in einen weitläufigen Discurs darüber einzulassen.

Tychiades. Und wie soll denn diese Kunst heissen?

Simon. Ich glaube die Theorie derselben noch nicht genug durchgedacht zu haben: du wirst also nicht ungehalten werden, daß ich dir jetzt weiter nichts sagen kann als dies: ich verstehe eine gewisse Kunst. Was für eine, sollst du bald hören.

Tychiades. Ich kann nicht lange warten.

Simon. Der Nahme – weil ich ihr doch einen Nahmen geben soll – wird dir sehr wunderlich klingen, wenn du ihn hören wirst.

Tychiades. Um so ungeduldiger bin ich ihn zu hören.

Simon. Ein andermal, Tychiades.

Tychiades. Nicht doch! gleich auf der Stelle; es wäre denn daß du ihn aus Schamhaftigkeit nicht nennen dürftest.

Simon. Nun, so sag' ich dir also – die Parasitik.Die Ursache warum ich dieses Wort als ein Kunstwort (wie Logik, Mechanik, u. dgl.) beibehalte, wird aus dem folgenden, von selbst erhellen.

Tychiades. Aber welcher Mensch, der bey seinen Sinnen ist, wird denn das eine Kunst nennen?

Simon. Der Mensch bin ich; und wenn du mich deswegen für toll hältst, so denke, daß eben meine Tollheit Schuld ist, daß ich keine andere Kunst gelernt habe, und sprich mich deshalben von allen weitern Vorwürfen frey. Denn man sagt, diese GöttinSimon macht die Tollheit (μανία) scherzweise zu einer Göttin, wie Plato die Armuth (πενία) in seinem Mährchen über den Ursprung der Liebe. Auch das Wort δαίμων, dessen er sich bedient, ist der platonischen Terminologie eigen., wie übel sie auch sonst mit ihren Besitzern umgehe, befreye sie von der Zurechnung dessen was sie sündigen, und nehme immer, wie ein Lehrmeister oder Pädagog, alle Schuld auf sich selbst.

Tychiades. Die Parasitik wäre also eine Kunst, Simon?

Simon. Allerdings ist sie eine Kunst, und ich bin ihr Schöpfer.

Tychiades. Du bist also ein Parasit?

Simon. Und du glaubst mich damit recht geschimpft zu haben, nicht wahr?

Tychiades. Aber schämst du dich denn nicht, dich selbst einen Parasiten zu nennen?Obgleich die Parasiten damals (so wie heut zu Tage) gleichsam eine eigene Classe von Menschen ausmachten, so war doch der Nahme Parasit bey den Griechen so gut eine Art von Schimpfwort als bey uns der Nahme Schmarotzer, den man in Ermangelung eines passendem, für gleichgeltend zu nehmen pflegt. Um so drollichter war also der Einfall, einen Parasiten aufzustellen, der die glückliche Unverschämtheit hat, sich aus seinem Nahmen noch gar eine Ehre zu machen, und seine Profession nicht nur zum Rang einer Kunst, sondern sogar zur ersten aller Künste zu erheben.

Simon. Gewiß nicht! Ich würde mich schämen wenn ich diesen Nahmen nicht verdiente.

Tychiades. Zum Jupiter! wenn wir dich also an jemand zu präsentiren hätten, so müßten wir sagen, dieß ist der Parasit Simon?

Simon. Eben so unbedenklich, und noch mehr, als wenn ihr den Phidias einen Bildhauer nennt. Denn ich habe gewiß nicht weniger Freude an meiner Kunst als Phidias an seinem Jupiter.

Tychiades nachdem er ausgelacht. Laß dichs nicht verdrießen daß ich so lachen muß; es ist mir eben was sehr lächerliches eingefallen.

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