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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es ist sehr lächerlich von dir, sagte Ion, daß du bey Allem den Unglaubigen machen willst. Ich hätte aber wohl Lust, dich zu fragen, was du zu denen sagst die die Gabe haben die Besessenen zu befreyen, indem sie ihnen durch ihre Zauberformeln die Teufel sichtbarlich aus dem Leibe treiben? Doch, es ist überflüssig, viele Worte darüber zu verlieren: denn wem ist der Syrer aus PalästinaIch sehe nicht, warum einige Ausleger hier mehr wissen wollen als Lukian selbst gesagt hat. – Warum soll er unter diesem Syrer aus Palästina gerade einen Christen ja gar einen von den Schülern der Apostel, gemeint haben? Und woher haben es diese Herren, daß die Christen aus der Gabe, die Teufel auszutreiben, ein Gewerbe gemacht hätten? Gab es etwa damals nicht Betrüger genug, die sich mit solchen Dingen abgaben? Und was hätte Lukian für Ursache gehabt, es nicht gerade heraus zu sagen, wenn er unter dem Palästiner einen Christen verstanden hätte? unbekannt, der ein so großer Meister in dieser Kunst ist? und wer weiß nicht, wie viele, die beym bloßen Anblick des Mondes umfallen, die Augen verdrehen, den Schaum vor dem Munde stehen haben, kurz wie viele Mondsüchtige dieser Mann wieder auf die Füße stellt und gesund wieder nach Hause schickt, nachdem er die bösen Geister gegen baare Bezahlung aus ihnen ausgetrieben hat? Denn, wenn sie so vor ihm auf der Erde liegen, und er den Teufel fragt, woher er in diesen Leib gefahren sey? so spricht zwar der Kranke kein Wort: aber der Teufel antwortet auf Griechisch oder in einer barbarischen Sprache, und meldet sowohl wer er selbst ist, als wie und von wannen er in den Menschen gefahren: und dann wird er von ihm durch Beschwörung, und, wenn das noch nicht helfen will, durch DrohungenEs gab gewisse Drohungsformeln, die eine solche Gewalt hatten, daß die Geister auf der Stelle gehorchen mußten. Iamblichus (de Myster. Ägypt. S. 6. c 4.) nennt sie daher βιαστικὰς απειλάς [brutale Drohungen]. Die Ägyptischen Priester hatten Drohungsformeln, vor denen sogar die Götter vom ersten Rang zitterten. Porphyr. epist. ad Aneb. hinausgejagt. Ich selbst sah einmal einen solchen Teufel ausfahren, der ganz schwarz und wie geräuchert aussah.

Mich nimmt nicht Wunder, Ion, sagte ich, daß ein Mann wie du dergleichen Dinge sehen kann, da dir ja sogar die Ideen sichtbar werden, die euch euer Vater Plato zeigt, wiewohl wir andere stumpfsichtige Leute noch weniger als an einem verblichnen Gemählde daran zu sehen finden.

Ion ist wohl der einzige, der solche Dinge gesehen hat! – sagte Eukrates. Giebt es nicht viele andere, die bey Tag oder bey Nacht Gelegenheit gehabt haben, Geister zu sehen? Ich selbst habe nicht einmal, sondern zehntausendmal Geister gesehen. Anfangs, ich gestehe es, war mir nicht wohl dabey zu Muthe; jetzt aber bin ich es so gewohnt, daß ich gar nichts ausserordentliches mehr zu sehen glaube; zumal seit dem mir ein gewisser Araber einen Ring, der aus Eisen von einem Galgen gemacht istDer Aberglaube, dergleichen Ringen magische Kräfte zuzuschreiben, hat sich zum Vortheile der löbl. Scharfrichterprofession, bis auf diesen Tag unter dem Pöbel erhalten. gegeben, und mich die Beschwörung mit den vielen Nahmen dazu gelehrt hat – es wäre denn, daß du auch mir nicht glauben wolltest, Tychiades?

Ich bitte sehr um Verzeihung, antwortete ich: wie sollt' ich mir einfallen lassen können, dem Eukrates Dinons Sohn, nicht zu glauben, einem so weisen und gelehrten Manne, der sich seines Hausrechts bedient, und aus freyer Brust zwischen seinen eigenen vier Wänden sagt was ihm gut dünkt?

Die Geschichte mit der Bildsäule, fuhr Eukrates fort, kannst du nicht nur von mir, sondern von allen den meinigen hören: denn es ist keines von meinen Hausgenossen, jung und alt, das nicht in unzählichen Nächten ein Augenzeuge davon gewesen wäre. Welcher Bildsäule? – fragte ich.

Hast du, versetzte er, im Hereingehen das wunderschöne Bild nicht gesehen, ein Werk des berühmten Demetrius? –

Meynst du den Diskobolus, fiel ich ein, der sich in der Stellung einer Person, die im Begriff zu werfen ist, vorwärts beugt, den Kopf nach dem Mädchen kehrt die ihm den Discus hinreichte, das eine Knie ein wenig einbeugt, und ganz so aussieht, als ob er sich mit dem Wurfe zugleich in die Höhe richten werde?

Nein, sagte er, denn der Diskobolus von dem du sprichst, ist eines von MyronsQuinctilian erwähnt eines Diskobolos vom Myron, Instit. II, 13. Werken. Ich meyne auch nicht die andere, die neben ihm steht, die mit der Binde um den Kopf – auch ein schönes Stück – denn die ist vom PolykletusMan bemerke, mit wie vielen Meisterzügen Lukian in diesem Dialog, den Charakter eines reichen Atheniensers schildert, der an alle Arten von Kenntnisse Anspruch macht, in allem den Ton angiebt und das große Wort führt, alles besser hat, oder besser weiß als andere, immer, so zu sagen, das höchste Gebot thut, kurz, alle Arten von Vorzüge und Verdienste in sich vereiniget, den Weltmann, den Philosophen, den Kunstkenner, den gereiften Mann, den Mann, dem eine Menge Wunderdinge begegnet sind, ja, (wie wir bald sehen werden) auch den zärtlichen Ehmann und Vater, mit der anspruchsvollesten Selbstgefälligkeit spielt, und doch im Grunde nur ein hohler windichter, den Wichtigen machender Atheniensischer Pantalone ist. Die unzeitige Pralerey mit den Statüen in seinem Vorhof, und daß er von jeder den Meister nennt, und der stille Triumph über den unwissenden Tychiades, der ein Bild von Myron für eine Arbeit des Demetrius hält, und zwanzig andere solche Züge, die man noch bemerken wird, stellen den Mann so lebendig hin, daß man ihn zu sehen und zu hören glaubt.. Aber lassen wir die Bilder, die den Hereingehenden rechter Hand stehen, worunter auch ein Paar von Kritias dem Nesioten sind, die Tyrannenmörder nehmlich. Aber wenn du eine Bildsäule neben dem Brunnen gesehen hast, mit etwas vorhängendem Bauche, kahl, nur halb bekleidet, mit einem Barte, von dessen Haaren der Wind einige zu bewegen scheint, und mit sehr stark angedeuteten Adern, kurz, das so ganz der Mann selbst ist, den es vorstellt, von diesem rede ich. Man glaubt daß es der alte Korinthische Feldherr Pelichus sey.

Beym Jupiter, rief ich, ich sah so eine Bildsäule dem Saturn zur rechten Hand stehen, mit Binden und verwelkten Blumenkränzen geziert, und über die Brust ganz mit Goldbleche bedeckt.

Ich habe sie so vergolden lassen, sagte Eukrates, da sie mich von einem dritten Rezidiv eines alltägigen Fiebers curierte, woran ich beynahe zu Grunde gegangen wäre.

Also, fragte ich ein wenig vorlaut, war dieser brave General Pelichus auch ein Arzt?

Das ist er, und ich rathe dir nicht zu spotten, versetzte Eukrates; es möchte dir bald genug übel bekommen! Ich weiß was diese Bildsäule, über die du lachest, zu thun im Stande ist. Oder meynst du nicht, wer alltägige Fieber vertreiben kann, könne sie einem auch auf den Hals schicken?

Ich bitte die Bildsäule herzlich um Verzeihung, versetzte ich; sie wird hoffentlich, da sie so tapfer ist, auch barmherzig seyn. Aber was seht ihr alle, so viel euer im Hause sind, sie denn noch anders thun? Sobald die Nacht eingebrochen ist, fuhr er fort, steigt sie von ihrem Fußgestell herab, und geht im ganzen Hause herum, zuweilen still, zuweilen auch singend; und es ist niemand im Hause, der ihr nicht öfters begegnet wäre, ohne daß sie nur einem einzigen das geringste Leid zugefügt hätte; man muß ihr nur aus dem Wege treten, so geht sie vorbey und thut niemand nichts der sie ansieht. Nicht selten badet sie sich auch, und spielt die ganze Nacht durch mit sich selbst, so daß man das Geräusch im Wasser deutlich hören kann.

Am Ende wird noch gar herauskommen, sagte ich, daß diese Statue nicht Pelichus sondern Talus, des Minos von Kreta Diener istDas Amt dieses Talus war (wie Plato in seinem Minos sagt) dreymal des Jahres mit den ehernen Gesetztafeln des Minos in Kreta herumzureisen, und über ihrer genauen Beobachtung zu halten. Dies brachte ihm den Beynahmen des ehernen Mannes zuwege. Die spätern Poeten konnten es unmöglich hiebey bewenden lassen. Sie machten einen Mann aus ihm, der von Fuß zu Kopf wirklich von Erzt, übrigens aber ein Mensch war wie ein anderer, ausser daß er nur eine einzige Blutader hatte, die vom Kopf bis in die Ferse herabgieng, und mit einem ehernen Zapfen zugestopft war. Minos hatte diesen wunderbaren Mann, ein Werk Vulcans, durch Europen, vom Jupiter zum Geschenk erhalten, und ihn zum Küstenbewahrer von Kreta gemacht; welchem zufolge Tales alle Tage dreymal um die ganze Insel herumlief, und den Fremden, denen er nichts Gutes zutraute, das Anlanden verwehrte. Da er aber auch die Argonauten auf eine sehr brutale Art verhinderte, frisches Wasser und Lebensmittel auf dieser Insel einzunehmen, fand Medea, wie es scheint, (denn Apollonius, wiewohl er die Zauberin vorher Himmel und Hölle gegen den armen Tales bewegen läßt, erklärt sich nicht so deutlich wie es einem Dichter zukommt darüber) ein Mittel, daß er sich den Zapfen, der ihm statt des Knöchels diente, an einem Stein ausstieß, so daß alles Götterblut (ιχώρ) das er im Leibe hatte, wie geschmolzen Bley herauslief, und Tales also zu Boden fiel um nie wieder aufzustehen. Apollon. Argon. IV. 1635-88.; denn auch der war, in gewissem Sinne ehern, und spückte von Zeit zu Zeit in ganz Kreta herum. Und wenn sie, anstatt von Bronze, hölzern wäre, so wüßte ich nicht warum sie ein Werk des Demetrius, und nicht vielmehr eines von den berühmten Kunststücken des DädalusDädalus soll der erste Griechische Künstler gewesen seyn, der den Götterbildern oder Hermen, die vor ihm bloße Säulen mit Köpfen gewesen waren, eine Art von Füßen gab. Die Griechen, deren Imagination alles verschönerte, fanden also in spätern Zeiten etwas sehr angenehmes darin, sich selbst mit dem Vorgeben zu belügen, er habe Statüen gemacht, die man habe anbinden müssen, damit sie nicht davon liefen. Alle seine Bilder waren von Holz. seyn sollte, da sie, wie du sagst, eben so wie jene von ihrem Gestelle davon läuft.

Nimm dich in Acht, Tychiades, versetzte er; dein Spotten könnte dir noch theuer zu stehen kommen! Denn ich weiß wie übel es demjenigen bekam, der die Obolen, die wir ihm alle Neumonde zu opfern pflegen, gestohlen hatte.

Einem solchen Gottesräuber konnte es nicht schlimm genug ergehen, sagte Ion. Erzähl' es uns doch, Eukrates! denn ich wünsche es zu hören, wenn gleich der Tychiades hier wieder den Unglaubigen dabey machen wird.

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