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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 49
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XIV.

Dorion, Myrtale.

Dorion. Jetzt also werd' ich ausgeschlossen, Myrtale, jetzt da du mich zum Bettler gemacht hast! Ehmals, wie ich dir immer so viel zu bringen hatte, da war ich dein Liebster, dein Mann, dein Herr, da war ich Alles: aber nun, nachdem du mich bis auf den letzten Tropfen ausgedruckt und dafür den Bithynischen KaufmannEin Bithynischer Kaufmann erregte damals, wie bey uns, ein Holländischer, sogleich den Begriff des Reichthums. aufgetrieben hast, nun kann ich vor der Thür stehen und heulen so lang ich will; jener hingegen wird glücklich gemacht, und ist Herr im Hause, und durchwacht ganze Nächte mit dir, und du giebst sogar vor, schwanger von ihm zu seyn!

Myrtale. Höre Dorion, ich bin es herzlich überdrüssig dich solche Reden führen zu hören, und am meisten verdrießt es mich wenn du sagst, ich koste dich so viel und habe dich zum Bettler gemacht. So komm dann her und rechne alles zusammen was du mir gegeben hast, seitdem wir bekannt mit einander sind!

Dorion. Gut, Myrtale, wir wollen zusammen rechnen. Primo, ein paar Sicyonische Schuhe für zwey Drachmen; schreibe zwey Drachmen!

Myrtale. Aber dafür hast du auch zwey Nächte bey mir gelegen.

Dorion. Ferner, wie ich aus Syrien zurückkam, einen Topf voll weicher Phönizischer Pommade, die mich, beym Neptunus! ebenfalls zwey baare Drachmen kostete.

Myrtale. Und ich, gab' ich dir nicht die Schifferjacke mit auf die Reise, die der Untersteuermann Epiurus bey mir liegen ließ?

Dorion. Die hat nicht lange bey mir ausgehalten; da wir neulich in Samos zusammentrafen, erkannte er sie für die seinige, und ich mußte sie, nachdem wir uns tüchtig darum gezankt hatten, am Ende doch wieder hergeben. Item, hab ich dir aus Cypern Zwiebeln und fünf Häringe, und als ich aus dem Bosporus wiederkam, vier Bärse mitgebracht. Item acht Stück Schiffszwieback, einen großen Topf voll Carische Feigen, und neulich aus Patarä vergoldete Sandalien, du undankbares Ding du! – Und eben jetzt fällt mir auch der Käse ein, den ich dir aus Gythium mitbrachte.

Myrtale. Und das alles zusammen, Dorion, wird Summa Summarum etwa so viel als fünf Drachmen werth seyn.

Dorion. Das ist auch alles, was ein armer Matrose wie ich, der von seinem Solde leben muß, geben kann. Indessen solltest du mich jetzt weniger verachten als jemals, seit ich es so weit gebracht habe, daß die ganze rechte Ruderbank unter meinem Befehle steht. Und hab' ich nicht neulich an den AphrodisienEinem Feste der Venus, deren gewöhnlicher griechischer Nahme Aphrodite ist. eine silberne Drachme deinetwegen zu den Füßen der Göttin gelegt? – hab' ich nicht deiner Mutter zwey Drachmen zu einem paar Schuhen gegeben, und deiner Lyde hier, viel und oft, bald zwey bald drey Obolen in die Hand gedrückt? Das Alles zusammengerechnet macht eines armen Bootsmanns Hab und Gut aus.

Myrtale. Die Zwiebel und Häringe meynst du?

Dorion. Allerdings! Unser einer kann nicht mehr geben als er hat; wenn ich reich wäre, so wär' ich kein Matrose. Meiner leiblichen Mutter hab' ich in meinem Leben nicht eine Knoblauchsbolle gebracht. Aber nun möcht' ich doch auch wissen, was dir denn der Bithynier für Presente gemacht hat?

Myrtale. Primo sieh einmal diese Schemise an; sie ist von ihm, und dieß Halsband dazu, das, wie du ihm ansehen kannst, ein hübsches Gewicht hat.

Dorion. Geh, das hab' ich schon lange an dir gesehen!

Myrtale. Was du gesehen hast, das war viel dünner und hatte keine Smaragden. Diese Ohrenringe und der Teppich sind ebenfalls von ihm; auch ist es noch nicht lange, daß er mir zwey Minen an baarem Gelde gegeben und unsre Hausmiethe bezahlt hat. Das tönt anders als Patarische Pantoffeln und Gythischer Käse und solche Lumpereyen.

Dorion. Aber davon sagst du nichts, was für ein Mann es ist, den du in dein Bette aufnimmst? Ein verheuratheter Mann, über funfzig Jahre alt, kahl am ganzen Vorderkopfe, und eine Farbe wie ein Taschenkrebs. Seine Zähne hast du wohl auch nicht recht betrachtet? Bey den Dioskuren,Ein Schifferschwur, weil Kastor und Pollux Schutzgötter der Seefahrer waren. ein anmuthsvoller Liebhaber! sonderlich wenn er singt und den Artigen machen will! das steht ihm gerade so an wie dem Esel das Lautenschlagen. Aber, wie er ist, wünsch ich dir Prosit zu ihm! Du bist seiner würdig, und möchtet ihr einen Sohn bekommen der dem Vater gleiche! Mir ist nicht leid darum, daß ich nicht eine Delphis, oder eine Cymbalion, Mädchen meiner Gattung, finden sollte, oder meine Nachbarin, die Sackpfeiferin, oder irgend eine andere, wie ich sie brauche. Nicht jedermann hat Teppiche, und goldne Halsbänder und Hände voll Geld zu verschenken.

Myrtale. Glückliches Mädchen, das dich zum Anbeter haben wird, Dorion! Sie kann sichere Rechnung auf Cyprische Zwiebel machen, und auf einen Laib Käse, wenn du von Gythium zurückkommst!

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