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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 47
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XII.

Joessa, Pythias, Lysias.

Joessa. Du bist also meiner überdrüssig worden, Lysias, weil ich dich zu zärtlich liebte? Nur zu wahr! Ich verdiene keine bessere Begegnung, da ich dir niemals Geld abgefodert, dir niemals mit der angenehmen Formel, der Platz ist schon besetzt, meine Thür verschlossen, noch, wie andere, dich genöthigt habe, deinen Vater zu hintergehen, oder deine Mutter zu bestehlen, um es mir zuzutragen, sondern dich, vom Anfang unsrer Bekanntschaft an, aus Neigung und ohne die geringste Absicht auf Gewinn, glücklich gemacht habe. Du weißt, wie viele Liebhaber ich um deinetwillen fortgeschickt habe, den Ethokles, der jetzt im Rathe ist, – den Schiffsherrn Passion, – deinen Cameraden Melissus, ungeachtet er neulich durch den Tod seines Vaters Herr über sein Vermögen geworden ist. Ich habe mich dir allein ergeben, dich zu meinem Phaond. i. dich eben so inbrünstig geliebt wie Sappho den schönen Phaon. gemacht, bin so ganz dein gewesen, daß ich keinen andern als dich angesehen, geschweige vorgelassen habe. Ich Thörin glaubte deinen Schwüren, hieng mit der Treue einer Penelope an dir, was mir auch meine Mutter die Ohren voll schrie, und wie oft sie mich bey allen meinen Freundinnen verklagte. Und du, sobald du die arme liebeskranke Närrin in deiner Gewalt sahst, machtest dir so wenig aus mir, daß du bald vor meinen sehenden Augen mit Lycänen schäkertest, bloß um mir Weh zu thun, bald an meiner Seite liegend kein Ende finden konntest mir die Sängerin Magidion vorzuloben, ohne dich meinen Schmerz über so empfindliche Kränkungen und meine Thränen im geringsten anfechten zu lassen. Du hast doch wohl noch nicht vergessen, wie du dich neulich, bey dem Schmause, den du deinen Freunden Thraso und Diphilus gabst, aufführtest, wo Cymbalion, die Flötenspielerin, und Pyrallis, die als meine Feindin bekannt ist, zugegen waren. Daß du eine Creatur wie Cymbalion fünfmal küßtest, kümmerte mich ganz und gar nichtUnd doch zählte sie so genau?; du beschimpftest bloß dich selbst dadurch; aber der Pyrallis, da du doch wußtest wie ich mit ihr stehe, immer zuzuwinken, ihr den Becher aus dem du trankst zu zeigen, ihn dann dem Bedienten zu geben, und ihm ins Ohr zu raunen, daß er, wenn Pyrallis zu trinken verlange, ihr und ja keiner andern in diesen nehmlichen Becher einschenken sollte, das war zu arg! Und nun vollends einen Apfel anzubeißen, und in einem Augenblick, wo DiphilusDer damalige Inhaber der Pyrallis., weil er eben mit Thraso sprach, nicht darauf Acht gab, dich zurück zu lehnen, und, (ohne dich im geringsten zu bekümmern, ob ich es sehe oder nicht) den Apfel mit einem wohlgezielten Wurfe der Pyrallis in den Schoos zu werfen, die ihn sogleich küßte und unter ihrem Halstuch mitten in ihren Busen steckte! – Was für Ursachen habe ich dir gegeben mich so zu behandeln? Hab ich mich in irgend etwas, es sey großes oder kleines, gegen dich versündigt? dir jemals etwas zum Verdruß gethan? Jemals einen andern angesehen? Lebt' ich nicht für dich ganz allein? Wahrlich, Lysias, es ist eine schlechte Heldenthat, ein armes Mädchen, das dich bis zum Wahnsinn liebt, zu peinigen! Aber es ist eine Adrastea im Himmel, die das sieht und dirs vergelten wird. Denn du wirst bald genug hören, daß ich mich erdrosselt oder in einen Brunnen gestürzt habe: ich werde doch wohl ein Mittel finden aus der Welt zu kommen und dich von meinem Anblick zu befreyen! Triumphiere dann immerhin als ob du eine große herrliche That verrichtet hättest! – Was siehst du so stier an mich hin und knirschest mit den Zähnen? Wenn du was über mich zu klagen hast, so rede! Pythias hier soll Richterin zwischen uns seyn. – Wie? Er geht fort und würdigt mich nicht einmal einer Antwort? – Sie weint. Du siehst, Pythias, wie ich von ihm mißhandelt werde!

Pythias. Welche Gefühllosigkeit! Nicht einmal von ihren Thränen gerührt zu werden! Er ist ein Stein und kein Mensch. – Aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, du hast ihn selbst dadurch verderbt, daß du ihn zu übermäßig liebtest, und es ihm sehen ließest. Du hättest ihm nicht zeigen sollen daß dir so ausserordentlich viel an ihm gelegen ist. Das macht sie eben übermüthig! – Weine nicht so, armes Kind! Wenn du dir rathen lassen willst, so schließ ihm ein- oder ein paarmal die Thür vor der Nase zu: du wirst sehen wie bald er wieder in Flamme gerathen wird, und dann laß die Reyhe an ihn kommen, vor Liebe unsinnig zu werden.

Joessa. Geh mit deinem Rath! Ich dem Lysias die Thür verschließen? Wollte Gott daß er mir nicht zuvorkomme und mich auf ewig sitzen lasse!

Pythias. Da kommt er ja schon wieder!

Joessa. Du hast mich zu Grunde gerichtet, Pythias! Er wird gehört haben, daß du mir riethest ihm die Thür zu verschließen?

Lysias. Nicht dieser Creatur zu Gefallen, die nicht einmal meines Anblicks werth ist, sondern deinetwegen, Pythias, komm' ich zurück, damit du mich nicht ungehört verdammest, noch sagen könnest, Lysias sey ein hartherziger Mensch.

Pythias. Das sage ich eben jetzt, Lysias.

Lysias. Du verlangst also, daß ich diese Joessa dulden soll, die jetzt in Thränen zerfließt, und die ich doch vor kurzem mit diesen meinen Augen über der Untreue erwischt und bey einem jungen Menschen schlafend angetroffen habe?

Pythias. Darauf, mein guter Lysias, könnte ich kurz und gut antworten, sie ist eine Hetäre. Aber, wie lange ist es denn, daß du sie in einer solchen Lage angetroffen hast?

Lysias. Es wird heute der sechste Tag seyn. Mein Vater, der in Erfahrung gebracht hatte, daß ich seit langer Zeit in dieses tugendhafte Frauenzimmer hier vernarrt sey, hatte mir die Hausthür verschließen lassen, und dem Thürhüter verboten, mir aufzumachen. Aber ich, dem es unerträglich war nicht bey ihr zu seyn, befahl meinem Sclaven Dromo, an der Hofmauer, wo sie am niedrigsten ist, unterzustehen, so daß es mir nicht schwer war, von seinem Rücken über die Mauer hinüber zu kommen. Daß ichs kurz mache, ich stieg hinüber und langte glücklich an Ort und Stelle an. Ich fand die Hausthür sorgfältig verschlossen. Da es schon um Mitternacht war, wollte ich nicht anklopfen, sondern hob die Thür, wie ich schon mehrmals gethan hatte, ganz sachte aus den Angeln, und kam also ohne Geräusch hinein. Alles schlief. Ich tappte so lange herum, bis ich endlich ihr Bette fand.

Joessa. Heilige Ceres! was wird noch heraus kommen? Ich stehe Todesangst ausSollte man nicht aus dieser Unruhe der Joessa schließen, daß es mit ihrer angerühmten Treue nicht so ganz richtig gewesen sey? Die Sache ist wenigstens problematisch, und in zweifelhaften Fällen ist die Präsumtion immer gegen die Joessas und Pythias. .

Lysias. Wie ich nun merkte daß hier zwey Personen athmeten, glaubte ich anfangs, ihr Mädchen Lydia schlafe bey ihr. Aber das war es nicht, Pythias. Denn indem ich so herum tastete, fand ich daß es ein glattes, unbärtiges, bis auf die Haut abgeschornes, parfümiertes Bürschchen war. Hätte ich einen Degen bey mir gehabt – so könnt ihr leicht denken daß ich mich nicht lange bedacht haben würde – Nun, was soll das? Was lacht ihr? Kommt dir die Sache so belachenswürdig vor, Pythias?

Joessa. Das war es also was dich so böse gemacht hat, Lysias? Es war diese nehmliche –

Pythias ihr die Hand auf den Mund legend. Ich bitte dich, Joessa, sag es ihm nicht.

Joessa. Und warum sollt' ichs nicht sagen dürfen? Pythias, mein Liebster, diese nehmlich hier gegenwärtige Pythias war es, die ich hatte bitten lassen bey mir zu schlafen; denn es war mir so traurig daß ich dich nicht bey mir hatte.

Lysias. Pythias wäre der Bursche gewesen, dem die Haare bis auf den Kopf abgeschoren waren? Wie ist ihr denn binnen sechs Tagen wieder so mächtig viel Haar gewachsen?

Joessa. Die Haare waren ihr in einer Krankheit so stark ausgefallen, daß sie sich vollends abscheeren lassen mußte; und nun trägt sie eine Perücke. Zeig es ihm doch, Pythias, damit er den Glauben in die Hand bekommt. (Sie nimmt ihr die falschen Haare ab) Hier präsentiere ich dir den zarten unbärtigen jungen Buler, auf den du so eifersüchtig wurdest!

Lysias. Aber sage selbst, Joessa, mußt' ichs nicht werden, da ich ihn mit meinen eignen Händen zu betasten glaubte? Ich müßte dich nicht geliebt haben, wenn ich es weniger geworden wäre.

Joessa. Du bist also zufrieden gestellt? Wäre nun die Reyhe nicht an mir, dich wieder zurück zu quälen, und hätte ich nicht bessere Ursache als du, mit dir zu schmollen und die Eifersüchtige zu machen?

Lysias. Thu' es nicht, liebe Joessa! Laß uns jetzt zusammen trinken und fröhlich seyn, und Pythias soll uns unser neues Bündniß feyern helfen! zu Pythias. Wieviel hab' ich deinetwegen ausgestanden, edelster der Jünglinge Pythias!

Pythias. Dafür hab' ich euch aber auch wieder ausgesöhnt, und eure Liebe gewinnt so viel dabey, daß du unmöglich auf mich zürnen kannst. Aber noch Eins, Lysias – laß die Perücke – ein Geheimniß unter uns bleiben!

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