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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 46
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XI.

Tryphäna, Charmides.

Tryphäna. Wo hat aber auch jemals ein Mann einer Hetäre fünf DrachmenFünf Drachmen scheinen der gewöhnliche wiewohl geringste Marktpreis einer nicht ganz gemeinen Hetäre gewesen zu seyn; aber zu Athen konnte man auch mit zwey Drachmen des Tages viel bestreiten. Arme Leute lebten von zwey oder drey Obolen. gegeben, um ihr die ganze Nacht durch den Rücken zuzukehren, und zu weinen und zu seufzen als ob ihm das Herz zerspringen wolle? Der Wein wollte dir diesen Abend nicht recht schmecken, und doch mochtest du auch nicht allein soupieren. Von Zeit zu Zeit liefen dir die Thränen über die Backen, ich bemerkte es sehr wohl; und nun kannst du vollends gar nicht aufhören wie ein kleines Kind zu wimmern. Ich bitte dich, Charmides, was soll das heissen? Verheele mir die Ursache nicht, damit ich doch wenigstens diesen Vortheil von der schlaflosen Nacht habe, die du mich zubringen machst.

Charmides. Ich sterbe vor Liebe, Tryphäna! Ich halte es nicht länger aus.

Tryphäna. Daß ich die nicht bin, die du liebst, ist klar genug; vermuthlich würdest du dich dann nicht so zurückziehen und deinen Mantel zu einer Mauer zwischen uns machen, aus Furcht daß ich dich etwa berühren möchte. Sage mir also wer ist die Glückliche? Vielleicht kann ich dir in deiner Liebe behülflich seyn; ich verstehe mich so ziemlich darauf, wie dergleichen Angelegenheiten behandelt seyn wollen.

Charmides. Du kennst sie sehr wohl, und sie dich; sie ist kein unbekanntes Frauenzimmer.

Tryphäna. Wie heißt sie denn?

Charmides. Philemation, gute Tryphäna!

Tryphäna. Welche meynst du? denn es sind ihrer zwey; die aus dem Piräus, die erst kürzlich in unsern Orden getreten ist, und jetzt von Damyllus, des dermaligen Oberfeldherrn Sohn, unterhalten wird? oder die andere, die man nur die Schlinge zu nennen pflegt?

Charmides. Die letztere. Ich Unglücklicher habe mich in dieser Schlinge gefangen, und bin so darin verwickelt, daß ich unmöglich wieder loß kommen kann.

Tryphäna. Um derentwillen also weintest du so bitterlich?

Charmides. Ja wohl!

Tryphäna. Und ist es schon lange daß du in sie verliebt bist?

Charmides. Es sind ungefehr sieben Monate seit dem letzten Bacchusfeste, wo ich sie zum erstenmale sah.

Tryphäna. Wahrscheinlich mußt du keine Gelegenheit gehabt haben, mehr von ihr zu sehen, als ihr Gesicht, und was eine Person von fünf und vierzig Jahren, wie Philemation ist, vernünftiger Weise zeigen kann?

Charmides. Von fünf und vierzig, sagst du ? Sie schwört, daß sie in künftigem Februar erst zwey und zwanzig seyn werde.

Tryphäna. Wem willst du nun glauben, ihren Schwüren oder deinen eignen Augen? Du brauchst weiter nichts als ihre Schläfe ein wenig genauer anzusehen, wo sie noch ihre eigene Haare hat; denn alles übrige ist falsch. Aber daß sie um die Schläfe schon grau wird, das zeigt sich, sobald die Farbe, womit sie sich die Haare schwärzt, hier und da abgegangen ist. Doch das ist das wenigste. Nöthige sie einmal sich nackend sehen zu lassen!

Charmides. Dazu hab' ich sie noch nie bringen können.

Tryphäna. Das glaub' ich! Sie hofft wohl nicht daß du ihre Schwindflecken sehr reizend finden würdest; denn sie ist vom Halse bis zum Knie so scheckigt als ein Pardel. Und du weintest dir die Augen aus, einer so lieblichen Creatur entbehren zu müssen? Hat sie dir nicht etwa noch oben drein übel begegnet?

Charmides. Ja leider! gute Tryphäna, wiewohl sie mich schon soviel Geld kostet: und nun, da sie auf einmal tausend DrachmenZweyhundert und funfzig Gulden. von mir verlangt, die ich ihr, weil mich mein Vater sehr kurz hält, nicht geben kann, hat sie den Moschion angenommen und mir ihr Haus verschlossen. Deßwegen habe ich dich eben holen lassen; es geschah bloß, um ihr einen Gegenverdruß dafür anzuthun.

Tryphäna. So wahr mir Venus hold sey, ich würde nicht gekommen seyn, wenn mir jemand gesagt hätte, man hole mich bloß um einer andern Verdruß anzuthun, und das noch gar so einem Aschenkruge wie Philemation! Also lebe wohl! der Hahn kräht jetzt ohnedem schon zum drittenmal.

Charmides. Warum so eilig, liebe Thryphäna? Wenn das alles wahr ist, was du von Philemation und ihren falschen Haaren, und ihrer Färberey und ihren Leberflecken sagtest, so wär' ich nicht im Stande sie nur wieder anzusehen.

Tryphäna. Frage deine Mutter, die sich vielleicht einmal mit ihr gebadet hat; denn, was ihr Alter betrifft, davon kann dir dein Großvater, wenn er noch am Leben ist, die beste Nachricht geben.

Charmides. Da es so mit ihr beschaffen ist, so würfen wir, dächte ich, die Mauer ein, Tryphäna, und – würden gute Freunde? Wie viel Dank bin ich dir schuldig, daß du mir aus dieser Schlinge heraus geholfen hast!

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