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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Laßt ihn glauben was er will, sagte Ion: ich will euch dafür etwas erstaunliches erzählen. Ich war ein Knabe von ungefehr vierzehn Jahren; da kam jemand und meldete meinem Vater, sein Winzer Midas, einer von unsern stärksten und arbeitsamsten Knechten, liege in erbärmlichen Umständen mitten auf dem großen Platze; er sey von einer Schlange gebissen worden, und das Bein fange schon an zu faulen. Während er nehmlich in voller Arbeit gewesen die Reben an ihre Pfähle zu binden, sey die Bestie hinzugekrochen, habe ihn in die große Zähe gebissen und sich augenblicklich wieder in ihre Höle hinein gemacht: nun liege der arme Mensch und schreye und vergehe vor Schmerzen. Während der Mann diesen Bericht erstattete, sahen wir den armen Midas den seine Mitknechte auf einer Pritsche herbey trugen; er war ganz aufgeschwollen, braun und blau, gieng schon zusehends in Fäulnis und hohlte nur noch schwach Athem. Wie nun einer der umstehenden Freunde meinen Vater sehr betrübt über diesen Zufall sah, sagte er zu ihm: Gieb dich zufrieden! ich will gehen und dir in einem Augenblick einen Babylonier, einen von den sogenannten Chaldäern herbringen; der soll dir den Menschen gleich wieder auf die Beine gestellt haben! Daß ichs kurz mache, der Babylonier kam, und stellte den Midas wieder her; und das lediglich mittelst einer Beschwörung, wodurch er ihm das Gift aus dem Leibe herauszog, und mit einem Stückchen, das er vom Leichenstein einer verstorbenen Jungfrau abgeschlagen hatte, und um den kranken Fuß band.Man bemerkte diese affectierte Verkleinerung des Wunders, dessen Augenzeuge er gewesen seyn will; sie ist an einem Menschen wie Ion sehr charakteristisch. Es mag vielleicht nichts ausserordentliches seyn, indessen ist gewiß, daß Midas die nehmliche Pritsche, worauf er hergetragen worden war, auf die Schultern nahm, und frisch und gesund nach unserm Gute davon gieng. Und das vermochte gleichwohl die Beschwörung und der Leichenstein! Übrigens weiß ich von diesem Babylonier noch andere Dinge, die man wohl mit Wahrheit übernatürlich nennen kann. Eines Morgens früh kam er auf unser Gut, und, nachdem er mit einer Fackel in der Hand die Feldmark dreymal umgegangen und sie mit Schwefel ausgereiniget hatte, laß er aus einem alten BucheZu einer solchen Operation gehört nothwendig ein alter muffichter bouquin [altes Buch]; ein sauber eingebundenes Buch würde es unmöglich thun. sieben uns unbekannte heilige Nahmen mit lauter Stimme her, und trieb damit alle Schlangen und kriechende Ungeziefer, so viel ihrer waren, aus unsrer ganzen Feldmark aus. Es kamen also, durch die Kraft seiner Beschwörung wie mit Seilen herbeygezogen, eine Menge Schlangen, Vipern, Nattern, Zerasten, Schießschlangen, Unken und Kröten, und stellten sich um ihn her. Ein einziger abgelebter Drache war zurückgeblieben, vermuthlich weil er vor hohem Alter nicht mehr aus seinem Loche hervorkriechen konnte, und also dem Befehl ungehorsam geblieben war. Ihr seyd nicht alle da, sagte der Zauberer. Indem winkte er eine von den jüngsten Schlangen hervor und schickte sie an den alten Drachen ab; der denn auch nicht lange ausblieb. Wie sie nun alle beysammen waren, bließ sie der Babylonier an, und auf dem Platze wurden sie von diesem Anhauch alle zu Asche verbrannt.Mir ist es sehr wahrscheinlich, daß Lukian diese hübsche Geschichte (eben so wie ein paar folgende) aus irgend einem zu reichlich mit Glauben versehenen Philosophen seiner Zeit genommen habe. Übrigens war die Meynung, daß man Schlangen und andere kriechende Thiere bannen könne, etwas sehr gemeines. Ihr könnt euch vorstellen was wir für Augen machten!Man wird den Spinnstubenton, womit Ion das alles erzählt, bemerkt haben. Es bedarf kaum der Erinnerung, daß Lukian diesen Platoniker dadurch in sein gehöriges Licht setzt. Wer wie eine Kindermuhme denkt und glaubt, muß billig auch wie eine solche sprechen.

Wenn ich fragen darf, Ion, sagte ich, führte der junge Lindwurm, der Abgesandte, den Alten, der (wie du sagtest) nicht mehr gehen konnte, bey der Hand, oder kam er an einem Stabe angestochen?

Das soll gespottet seyn, merke ich, sagte Kleodemus; es war eine Zeit wo ich noch ungläubiger über dergleichen Dinge war als du, und es schlechterdings für unmöglich hielt, daß ich jemals sollte bewogen werden können so was zu glauben: aber wie ich einen gewissen Ausländer (er gab sich für einen HyperboreerLydier oder Africaner, Chaldäer, Egyptier, Hyperboreer! – So etwas mußten bey den Griechen die Leute, die sich mit der Theurgie bemengten, seyn, oder sich wenigstens dafür ausgeben; der Griechische Pöbel verband mit dem bloßen Nahmen dieser fernen Länder den Begriff des Wunderbaren. Besonders hatten sie von uralten Zeiten her seltsame Vorstellungen von den sogenannten Hyperboreern, d. i. einem Volke das über den Nordwind hinaus wohnte, und dessen Land sie sich als das schönste in der Welt, als das wahre Paradies, Elysium und Dschinnistan dachten. Das Glück der Hyperboreer war ein Sprichwort bey den Griechen; Plinius nennt sie ein durch mährchenhafte Wunder berühmtes Volk; kurz je weniger man von ihnen wußte, je geneigter war man das Wunderbarste von ihnen zu glauben. Wer sich also zu Lukians Zeiten, die an Thaumaturgen ziemlich fruchtbar waren, für einen Hyperboreer ausgab, hatte gewonnen Spiel. Der, welchen Kleodemus hier seine Bekehrung zuschreibt, scheint kein ungeschickter Gauckler und TaschenspieIer gewesen zu seyn. Er flog, das hatte zwar der Hyperboreer Abaris schon vor ihm gethan; denn war dieser nicht auf einem talismanischen Pfeile in Griechenland angekommen und hatte daher den Nahmen Luftwandler (αιθροβάτης) erhalten? Aber fliegen, wenn man auch nicht der erste ist, bleibt immer eine hübsche Kunst, und wer das kann, dem ists ein leichtes auch durch Feuer und Wasser zu gehen. aus) fliegen sah, da glaubte ich und gab mich nach langem Widerstand endlich überwunden. Was konnt' ich machen, da ich ihn bey hellem Tage durch die Luft daherfahren, auf dem Wasser gehen und mit gelassenen Schritten durchs Feuer spazieren sah?

Wie? rief ich, du hast einen Hyperboreer fliegen und auf dem Wasser gehen sehen?

Allerdings, antwortete jener, und zwar in Schuhen von Juchten, wie es bey seinen Landesleuten gebräuchlich ist. Von den Kleinigkeiten, die er uns sehen ließ, will ich gar nicht reden: z. B. wie er die Leute durch Zaubermittel verliebt machte, Geister citierte, Todte die schon in Verwesung giengen auferweckte, die Hekate selbst uns leibhaftig vor Augen stellte, Lunen vom Himmel herabzog und was dergleichen mehr ist. Statt alles dessen will ich euch nur eines erzählen, was ich ihn beym Glaucias, des Alexikles Sohn, habe machen sehen. Dieser Glaucias war durch seines Vaters Tod eben zum Besitze seines Vermögens gekommen, als er in die schöne Chrysis, Demanets Tochter, verliebt wurde. Ich war damals sein Lehrer in der speculativen Philosophie, und wenn ihm sein Liebeshandel den Kopf nicht so sehr eingenommen hätte, er würde gewiß von unsrer ganzen Encyklopädie Meister worden seyn; denn er analysirte schon in seinem achtzehnten Jahre, und hatte die Physik von Anfang bis zu Ende durchgehört. Wie er sich nun mit seiner Liebe gar nicht mehr zu helfen wußte, entdeckte er mir den Zustand seines Herzens. Ich führte ihm also (wie billig, da ich sein Lehrer war) den besagten Hyperboreischen Zauberer zu, nachdem ich diesem letztern vier Minen baar auf die Hand gegeben hatte; denn es mußte etwas zu den erfoderlichen Opfern vorausbezahlt werden.Diese kleine Ceremonie ist bekanntermaßen so wesentlich nothwendig zu allen mysteriosen Auftritten dieser Art, daß man nicht leicht ein Beyspiel wird citieren können, wo sie wäre weggelassen worden. – Die vier Minen betragen nach unserm Gelde etwas über 66 Rthlr. Sechzehn Minen sollte er bekommen, wenn Glaucias das Ziel seiner Wünsche bey Chrysis erlangt hätte. Sobald nun der Mond voll war (denn dergleichen magische Handlungen werden meistens um diese Zeit vorgenommen) so machte er in einem Vorhofe des Hauses unter freyem Himmel eine Grube, und rief uns um Mitternacht zuerst den Vater des Glaucias, der vor sieben Monaten verstorben war, hervor. Der Alte war anfangs sehr ungehalten und zornig über die Leidenschaft seines Sohnes; doch ließ er sich endlich besänftigen und gab seinen Willen drein. Hiernächst rief er die Hekate hervor, die von ihrem dreyköpfigen Hunde begleitet wurde, und darauf zog er Lunen vom Himmel herab. Dies war ein wundervolles Schauspiel, wo immer eine Erscheinung von der andern verdrängt wurde. Denn zuerst präsentierte sie sich in weiblicher Gestalt, hernach wurde sie eine wunderschöne Kuh, und zuletzt ein kleines Hündchen.Vorausgesetzt, daß der Hyperboreer (wie man einem solchen Wundermanne billig zutrauen kann) eine kleine unsichtbare – Schauspielergesellschaft zu seinen Diensten hatte, und daß die Carte zwischen ihm und der schönen und tugendhaften Chrysis abgeredet war, läßt sich das ganze Gauckelspiel, das vermittelst der gehörigen Decorationen, und in gehöriger Entfernung, vor den Augen des einfältigen Liebhabers und seines noch albernern Instructors gespielt wurde, leicht sehr natürlich erklären. Tychiades läßt sich daher in keine Explication ein, womit er bey solchen Köpfen, wie er vor sich hatte, an kein Ende gekommen wäre; er giebt sogar zu, daß er wie sie glauben würde, wenn er, wie sie, gesehen hätte: aber, zum Beweis daß seine Augen scharf genug waren, durch die Blendwerke, die man ihnen vor die Nase gemacht hatte, durch zu sehen, setzt er ein paar Anmerkungen hinzu, die alle nähere Erklärungen überflüßig machen. – Übrigens sieht man aus dieser Geschichte, daß die damaligen Gauckelspieler ihre Kunst so gut verstanden als die unsrigen; die Verfeinerung unsers Jahrhunderts erfodert vielleicht zuweilen eine etwas feinere Täuschung; aber in der Hauptsache läuft es doch auf Eins hinaus. Endlich nahm der Hyperboreer ein wenig Leimen, bildete einen kleinen Cupido daraus, und sagte zu ihm: geh und bringe die Chrysis her. Der Leimen fliegt davon, und bald darauf klopft Chrysis an die Thür; man macht ihr auf, sie rennt wie rasend vor Liebe dem Glaucias mit ofnen Armen an den Hals, und bleibt bey ihm bis wir die Hähne singen hörten. Denn da flog Luna wieder nach dem Himmel zurück, Hekate tauchte wieder in die Erde unter, alle übrigen Phantomen verschwanden, und mit Anbruch der Morgenröthe schickten wir auch die Chrysis wieder fort. Wärest du von allem diesem ein Augenzeuge gewesen, Tychiades, du würdest gewiß nicht länger zweifeln, daß in den Beschwörungsformeln große Kräfte liegen.

Da sprichst du wie ein weiser Mann, erwiederte ich; ganz gewiß würde ich glauben, wenn ich das alles wirklich gesehen hätte: so aber ist mirs zu verzeihen, denke ich, daß ich kein so scharfes Gesicht für solche Dinge habe wie ihr. Übrigens kenne ich die Chrysis, von der die Rede war, als eine der zahmsten und gefälligsten ihrer Gattung, und ich sehe nicht wozu ihr einen leimernen Unterhändler, einen Zauberer aus den Hyperboreischen Gegenden, und Lunen selbst bey ihr nötig hattet, da sie euch um zwanzig Drachmen bis zu den Hyperboreern nachgeloffen wäre. Denn mit diesem Zauber ist die gute Nymfe gleich überwältigt, und es geht ihr damit just umgekehrt wie den Gespenstern. Diese verschwinden, wie ihr andern sagt, sobald sie etwas metallnes hören; bey jener aber kann man sich darauf verlassen, daß sie dem Tone nachgeht wenn sie Silber klingen hört. Außerdem wundert es mich, warum der Zauberer selbst, da es nur auf ihn ankommt, die reichsten Weiber in sich verliebt zu machen, und bey Tausenden damit zu verdienen, sich mit dem kleinfügigen Gewinn abgeben mag, einem Glaucias um lumpichte vier Minen in seinen Liebesnöten behülflich zu seyn.

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