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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 38
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

Philinna und ihre Mutter.

Die Mutter. Hast du den Verstand verlohren, Philinna, oder was fehlte dir, daß du dich bey dem gestrigen Schmause so albern aufführtest. Diphilus kam diesen Morgen zu mir, und erzählte mir mit Thränen, wie übel du ihm begegnet seyest. Du hättest dich so betrunken, daß du, was er auch gethan um dich zurückzuhalten, aufgestanden seyest und vor der ganzen Gesellschaft herumgetanzt habest; hernach hättest du dem Lamprias einen Kuß gegeben, und da er (Diphilus) darüber böse geworden, seyest du von ihm weg und zum Lamprias gelaufen, und habest ihn sogar umarmt; so daß der arme Diphilus vor Ärger beynahe den Tod davon gehabt hätte. Ja du habest nicht einmal bey ihm schlafen wollen, sondern dich allein auf das nächste Ruhebettchen gelegt, und die ganze Nacht nichts gethan als Liedchen singen, bloß um ihm Verdruß anzuthun. Ist das eine Aufführung?

Philinna. Aber wie Er sich aufgeführt hat, Mutter, das hat er dir nicht erzählt; sonst würdest du gewiß nicht die Parthey des unartigen Menschen gegen mich nehmen, der mich sitzen ließ und sich mit der Thais, des Lamprias Freundin, der noch nicht zugegen war, so vertraulich unterhielt, als ob sie allein in der Welt wären. Da ich ihm durch Winke zu verstehen gab, daß es mich verdroß, was hatte er zu thun? Nahm er nicht die Thais beym Ohrläppchen, drückte sie mit zurückgebogenem Nacken an sich, und küßte sie so inbrünstig, daß sie die Lippen kaum wieder von einander bringen konnten. Ich weinte vor Ärger; aber meine Thränen machten ihn nur lustig, und er hatte der Thais beständig was ins Ohr zu zischeln – vermuthlich über mich – denn Thais sah mich immer dabey an und lächelte. Wie sie endlich den Lamprias kommen hörten und sich satt geküßt hatten, war ich gleichwohl eine so gute Närrin, und setzte mich bey Tische dem Diphilus zur Seite, um ihm keinen Vorwand zu geben mich noch mehr zu mißhandeln. Während der Tafel stand Thais auf und tanzte zuerst, indem sie sich ziemlich weit über die Knöchel aufschürzte, als ob sie allein schöne Füße hätte. Wie sie endlich aufhörte, sagte Lamprias kein Wort: Diphilus hingegen konnte nicht Ausdrücke genug finden, ihre zierliche Art zu tanzen zu loben, und wie genau sie die Mensur halte, und wie harmonisch alle ihre Bewegungen zur Musik stimmten, und was sie für einen schönen Fuß habe, und tausend solche Dinge. Kurz, man hätte denken sollen, die Rede sey von der Sosandra des Kalamiseiner schönen Bildsäule , und nicht von dieser Thais, die du so gut kennen mußt als ich, da wir ja oft genug zusammen im Bade gewesen sind. Aber auch Thais selbst konnte das Sticheln nicht lassen. Nun mag mich eine andere ablösen, sagte sie, wenn sie nicht etwa Bedenken trägt ihre dünnen Beine sehen zu lassen. Was konnt' ich da sagen, Mutter? da war nichts zu thun, als daß ich auf aufstund und tanzte. Oder hätt' ich geduldig dasitzen und leiden sollen, daß Thais die Königin des Festes machte?

Mutter. Du nimmst es gar zu genau, Mädchen; das klügste wäre immer gewesen, dir nichts daraus zu machen. Aber wie giengs dann weiter?

Philinna. Ich tanzte mit allgemeinem Beyfall; nur Diphilus allein lag, wie vor langer Weile, auf sein Polster zurückgelehnt und guckte die Decke an, bis ich endlich müde war und aufhörte.

Mutter. Aber daß du den Lamprias geküßt und umarmt haben sollst, ist das wahr? – du schweigst? – das ist doch wenigstens nicht zu verzeihen!

Philinna. Es geschah bloß, um ihm auch was zum Verdruß zu thun.

Mutter. Und dann noch vollends nicht bey ihm liegen zu wollen, und, während der arme Mensch vor Reue und Liebe in Thränen zerfloß, sogar Liedchen zu singen! Weißt du denn nicht, Mädchen, daß wir arm sind; oder hast du vergessen, wie viel wir schon von ihm gezogen haben, und wovon wir in verwichnem Winter hätten leben wollen, wenn uns Venus diesen Freund nicht zugeschickt hätte?

Philinna. Und deßwegen soll ich mir so schnöde begegnen lassen, und alles von ihm leiden?

Mutter. Zürne immerhin, nur treibe die Empfindlichkeit nicht zu weit. Du solltest doch wissen, daß Verliebte, wenn sie sich vergangen haben, gar bald wieder zurückkommen, und sichs dann selbst kaum verzeihen können. Du bist offenbar zu streng gegen den Menschen gewesen, und magst du dich in Acht nehmen, die Sayten nicht so hoch zu spannen, daß sie endlich springen müssen!

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