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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.

Myrto, Pamphilus, Doris.

Myrto. Du heurathest also des Schiffers Philo Tochter, Pamphilus, oder hast sie vielmehr schon geheurathet wie ich höre? Alle die Schwüre die du mir geschworen und die Thränen die du dabey geweint hast, sind also in Einem Augenblick verflogen? Dein armes Myrtchen ist vergessen, und dieß da ich schon im achten Monat schwanger von dir gehe? Das ist also Alles was ich von deiner Liebe habe, daß ich einen großen Bauch vor mir hertragen muß, und nächstens ein Kind zu stillen habe, was einer Person meines Standes so äusserst lästig ist! Denn, daß ich das arme Würmchen aussetzen sollte, dazu kann ich mich nicht entschließenWiewohl es bey den Griechen, nicht weniger als bey den Chinesen erlaubt war., am wenigsten wenn es ein Junge ist; ich will ihn Pamphilus nennen, und er soll der einzige Trost meiner unglücklichen Liebe seyn. Er wird dereinst zu dir gehen und dir Vorwürfe machen, daß du so treulos an seiner armen Mutter gehandelt hast! – Übrigens beneide ich deine Jungfer Braut nicht um ihre Schönheit. Ich sah sie neulich mit ihrer Mutter an den Thesmophorien, und ließ mir damals wenig davon träumen daß ich um ihrentwillen meinen Pamphilus nicht wieder sehen würde. Indessen thätest du nicht übel, wenn du ihr noch vorher genauer ins Gesicht schautest, eh der Knoten gemacht ist, wär' es auch nur, um zu sehen, was sie für Augen hat, damit es dich nicht hintendrein verdrieße, daß sie von der schönsten Wasserfarbe sind und gegen einander schauen. Doch, du hast ja den Philo, den Vater deiner Braut, gesehen; da du seine Larve kennst, so wär' es überflüssig die Tochter erst in Augenschein zu nehmen.

Pamphilus. Wie lange, liebstes Myrtchen, muß ich dich so irre reden, und was weiß ich von welchen Schifferstöchtern und eingebildeten Hochzeiten faseln hören? Weiß ich etwa, ob die Braut, mit der du mich beschenkst, schielt oder schön ist? oder ob Philo von Alopözien (denn der wird wohl gemeynt seyn?) eine Tochter zu verheurathen hat oder nicht? Er steht nicht einmal gut mit meinem Vater, und es ist noch nicht lange, daß er vor Gerichte mit ihm gelegen ist. Er war, wo mir recht ist, meinem Vater tausend Thaler schuldig und wollte nicht bezahlen: mein Vater machte die Sache anhängig, und hatte viele Mühe bis er das Geld endlich von ihm herauspreßte; wiewohl nicht alles, wie mein Vater sagt. Wenn ich also ja heurathen wollte, so würde ich wohl meine Base, die Tochter des Demeas, der in verwichnem Jahre Feldherr war, vorbeygehen, und des Schiffers Philo Tochter nehmen? Ich möchte doch wissen, wer dir so einfältiges Zeug in den Kopf gesetzt hat? Oder hast du dir diese Hirngespenster selbst erdacht, damit deine Eifersucht etwas habe, womit sie sich zum Zeitvertreib herumbeissen könne?

Myrto. Du heurathest also nicht, Pamphilus?

Pamphilus. Bist du toll, Myrtchen? Oder hast du zu tief ins Glas geguckt? Gestern giengs doch ziemlich nüchtern her?

Myrto. Mein Mädchen Doris, hier, hat mir dieses Herzleid zubereitet. Ich hatte sie ausgeschickt, um mir einige Bedürfnisse auf meine Niederkunft einzukaufen, und der Lucina ein Gelübde für mich zu thun. Da wäre ihr, sagte sie, die LesbiaDie Sclavin einer andern Hetäre von Myrto's Bekanntschaft. Die Sclaven und Sclavinnen hatten öfters keinen andern Nahmen als von dem Orte, woher sie gebürtig waren, als z. B. Lesbia von der Insel Lesbos, Doris von der Landschaft dieses Nahmens, Lydia von Lydien, u. s. w. begegnet und hätte ihr – doch, du kannst es ihm selbst erzählen, Doris, was sie dir sagte, wenn du es anders nicht selbst erdichtet hast.

Doris. Ich will des Todes seyn, Frau, wenn ich das geringste dazu gelogen habe. Wie ich nicht mehr weit vom Rathhause bin, treffe ich auf Lesbien, die mir mit einem hönischen Lächeln sagt: euer Liebhaber Pamphilus heurathet Philons Tochter. Weil ich es nun nicht glauben wollte, hieß sie mich nur in euere Gasse hineinschauen; ich würde, sagte sie, alles mit Blumenkränzen behangen sehen, und Pfeifferinnen und ein Gedräng von Menschen, und einen Chor der den Brautgesang singe.

Pamphilus. Und da hast du hineingeguckt, Doris?

Doris. Das hab' ich, und hab' alles gesehen, wie sie mirs sagte.

Pamphilus. Nun merke ich was euch irre gemacht hat. Die Lesbierin hat dir nicht ganz die Unwahrheit gesagt, du hast deiner Gebieterin die Wahrheit erzählt, und gleichwohl habt ihr euch vergeblichen Kummer gemacht; denn die Hochzeit ist nicht bey uns. Ich erinnere mich aber nun, was mir meine Mutter gestern sagte, da ich von euch nach Hause kam. Pamphilus, sagte sie, Charmides, ein Jüngling ungefehr von deinem Alter, ist im Begriff unsers Nachbars Aristänets Tochter zu heurathen. Das nenn' ich einen wackern und gesetzten jungen Menschen! Wie lange wird dich dein freyes Leben noch abhalten, deiner Mutter auch eine solche Freude zu machen? – Ich hörte dieß ohne Acht darauf zu geben und schlief darüber einEr schlief also in seiner Mutter Schlafgemach; ein Zeichen, daß er noch sehr jung, und jene schon bey Jahren war. Dergleichen kleine Umständchen geben uns über Sitten und Gebräuche der Griechen Winke, die oft den Abgang genauerer Nachrichten von ihrem häuslichen Leben ersetzen müssen.. Morgens früh gieng ich wieder aus, und sah noch nichts von dem allen, was Doris hernach gesehen hat. Wenn du mir aber nicht glauben willst, so kann Doris noch einmal gehen, und, anstatt in die Gasse zu gucken, die beyden Hausthüren anschauen; sie wird bald sehen, daß die mit Blumenkränzen behangene des Nachbars Thür ist.

Myrto. Du hast mir das Leben gerettet, Pamphilus; denn ich würde mich erhängen, wenn ich so was erleben müßte.

Pamphilus. Noch geht alles gut; ich müßte ja nicht bei meinen Sinnen seyn, um meiner guten Myrto zu vergessen, zumal da sie mich bald zum Vater machen wirdAuch dieser Zug verdient wegen des Contrasts mit unsern Sitten bemerkt zu werden. .

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