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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mein Herr machte sich ein eigenes Vergnügen daraus, mich den angesehensten unter seinen Mitbürgern bey Tafel zu zeigen, und sie mit allen meinen erwähnten Spielen und Späßen bey dieser Gelegenheit zu regulieren. Mein Lehrmeister aber fand Mittel, sich durch mich ein ganz artiges Einkommen zu verschaffen; denn er schloß mich ein, und wer mich und meine übernatürlichen Künste sehen wollte, dem öffnete er die Thür nicht anders als um baare Bezahlung. Diese Personen brachten mir dann immer etwas zu essen mit, der eine dieß, der andre jenes, was sich, ihrer Meynung nach, mit einem Eselsmagen am wenigsten vertragen könne: aber ich aß alles, so daß ich in kurzer Zeit durch die guten Tage die ich bey meinem Herren hatte, und die Leckerbissen, die mir von den Leuten in der Stadt zugesteckt wurden, überaus stark und fett wurde. Diese meine Schönheit und meine übrige ausserordentliche Verdienste zogen mir eines der seltsamsten Abenteuer zu. Eine fremde Dame die sehr reich und von Person gar nicht übel war, hatte die Neugier auch gehabt mich zu Mittag essen zu sehen, und verliebte sich so sterblich in mich, daß sie der Versuchung die Pasiphaë mit mir zu spielen nicht widerstehen konnte. Sie trat darüber in Unterhandlung mit meinem Hofmeister, und versprach ihm eine starke Summe, wenn er ihr erlauben wollte eine Nacht bey mir zuzubringen; wozu er sich auch ganz willig finden ließ, ohne sich darum zu bekümmern, ob es ihr wohl oder übel bekommen würdeDer Detail dieses Nachtstücks füllt im Original ein ziemlich großes Capitel aus und enthält Dinge, die sich nur auf Griechisch sagen lassen. Lukian konnte (wie es scheint) der Versuchung, ein von keinem andern vermuthlich noch gewagtes Gemählde aufzustellen, so wenig widerstehen als die menschliche Eselin, die er die Pasiphaë mit dem Eselmenschen Lucius spielen läßt, ihrem asininischen Instincte. Indessen muß man ihm doch nachsagen, daß er die ganze Scene ohne Beymischung des geringsten Muthwillens zwar so umständlich, aber auch so unbefangen und rein historisch erzählt, wie nur immer ein Naturgeschichtschreiber die Ehgeheimnisse eines Insects beschreiben kann. – Da es nicht wohl angieng, dieser anstößigen Geschichte gar nicht zu erwähnen, so habe ich wenigstens so leicht und schnell, als es nur immer möglich war, davon zu kommen gesucht.. – Indessen schien die Dame an meiner Unterhaltung so viel Geschmack gefunden zu haben, daß wie sie sich mit Anbruch des Tages wieder entfernte, sie meinem Vorgesetzten noch eine Nacht um den nehmlichen Preis abmiethete. Dieser, theils um des vielen Geldes willen, das er dadurch auf meine Kosten gewann, theils um mich unserm Herrn von einer ganz neuen Seite zeigen zu können, schloß sie noch einmal mit mir ein, und ich muß gestehen, die Dame behandelte mich ohne alle Schonung. Mein Patron, den mein Aufseher durch die Spalte in der Thür zum heimlichen Zuschauer dieser Scene gemacht hatte, fand die Sache so unterhaltend, daß er sich auf der Stelle entschloß, dem Publico ein Schauspiel dieser Art zum Besten zu geben. Er verbot dem Freygelaßnen, keinem Menschen nichts davon zu sagen, und machte sich zum Voraus einen großen Spaß daraus, mich diese Rolle mit einer verurtheilten Weibsperson auf dem öffentlichen Schauplatze spielen zu lassen. Es wurde eine Creatur dazu ausersehen, die den wilden Thieren vorgeworfen zu werden verurtheilt war, und damit ich mich an sie gewöhnen möchte, führte man sie schon vorher zu mir, und befahl ihr, mich zu streicheln und freundlich mit mir zu thun.

Als nun endlich der Tag gekommen war, den Menekles zu den öffentlichen Schauspielen, die er auf seine Kosten der Stadt geben wollte, angesetzt hatte, wurde ich folgendermaßen ins Amphitheater gebracht. Man legte mich auf einen kostbaren Sopha, dessen Holzwerk mit indianischem Schildkrot überzogen und mit goldnen Buckeln eingelegt war, und das Weibsbild mußte sich neben mich legen; hierauf wurden wir, wie wir waren, auf eine Tragmaschine gebracht, ins Amphitheater getragen, und mitten in demselben, unter allgemeinem Freudengeschrey und Händeklatschen der Zuschauer niedergesetzt. Neben uns stand ein Tisch, der mit den leckerhaftesten Schüsseln reichlich besetzt war, und verschiedene schöne Knaben, die uns Wein in goldnen Gefäßen einschenkten. Hinter mir stand mein Aufseher, der mir zuzulangen befahl. Aber mir war nichts weniger als esserlich, theils, weil ich mich schämte, so öftentlich vor aller Welt da zu liegen, theils weil ich dem Spiele nicht traute, und alle Augenblicke befürchtete, daß irgend ein Bär oder Löwe hervorspringen und das Lustspiel in eine Tragödie verwandeln möchte.

Unvermuthet werde ich eines Menschen gewahr, der mit einem Korb voll Blumen bey den Zuschauern herum gieng, worunter ich auch frische Rosen hervorblicken sah. Ich, ohne einen Augenblick zu zaudern, springe vom Sopha herab, und auf den Blumenträger zu. Jedermann glaubt ich thue es um zu tanzen: aber mir war es um was ganz anders zu thun. Ich durchstöberte die Blumen eine nach der andern, und sobald ich die Rosen herausgekriegt hatte, fraß ich sie gierig auf. Noch waren alle Augen mit Verwunderung auf mich geheftet, als mir auf einmal meine thierische Maske (wenn ich so sagen kann) abfällt und nicht mehr ist, der bisherige Esel aus allen Augen verschwindet, und der vorige Lucius, der in jenem gesteckt hatte, nackend dasteht.

Es ist unmöglich, das Entsetzen zu beschreiben, das ein so unerwartetes und übernatürliches Schauspiel allen Anwesenden verursachte; es entstand ein fürchterlicher Tumult, und das ganze Amphitheater theilte sich in zwey Partheyen. Die eine verlangte, daß ich als ein Zauberer, der von dieser Kunst alle Gestalten anzunehmen einen sehr gefährlichen Gebrauch machen könnte, auf der Stelle verbrannt werden sollte, die andere hingegen behauptete, man müßte doch erst abwarten was ich sagen würde, und nicht eher ein Endurtheil fällen, bis die Sache gehörig untersucht worden sey.

Zu gutem Glücke war der Statthalter der Provinz in Person gegenwärtig. Ich lief also hinzu, berichtete ihm, indem ich von unten zu ihm hinauf sprach, welcher Gestalt ich von einem Thessalischen Mädchen, der Magd einer Thessalischen Frau, vermittelst einer magischen Salbe, in einen Esel verwandelt worden sey, und bat ihn fußfällig, mich so lange in seinen Schutz zu nehmen, bis ich ihn überzeugt haben würde, daß ich ihm keine Unwahrheit vorgegeben hätte.

Der Statthalter fragte mich nach meinem Nahmen, nach meinen Ältern und Anverwandten und nach dem Nahmen meiner Vaterstadt. Ich antwortete ihm: mein Vater heisse – –Es ist aus dem Zusammenhang des Textes klar genug, daß der Abschreiber, von dessen Nachlässigkeit wir schon so viele Proben gesehen, auch hier den Nahmen des Vaters ausgelassen und mit dem Vornahmen des Sohnes vermengt hat. Wer sich davon völlig überzeugen will, lese Geßners Anmerk. n. 44. in der Reizischen Ausgabe Vol. II. pag. 622. mein Nahme sey Lucius, meines Bruders Vornahme Cajus, die beyden übrigen Nahmen hätten wir gemeinNehmlich den Geschlechtsnahmen und Zunahmen. Lukian wollte ihn damit sagen lassen, sie seyen von einer Familie, die als Clienten einer vornehmen römischen den Nahmen derselben angenommen habe, (denn die eigentlichen Griechen hatten nur Einen Nahmen) aber er verräth dadurch seine Unwissenheit in römischen Dingen. Einem römischen Proconsul hätte diese Manier es zu sagen ziemlich possierlich vorkommen müssen; denn daß Brüder einerley Geschlechts und Zunahmen hatten, verstund sich bey Römern von selbst.; ich wäre Verfasser einiger historischen und andern Schriften, mein Bruder ein Elegiendichter und geschickter Wahrsager; unsre Vaterstadt aber die Achajische Stadt Paträ. – So bist du, sagte der Statthalter,Vorhin nannte er Ihn den Oberbefehlshaber der Provinz (άρχων τη̃ς επαρχίας) hier nennt er ihn den Richter (δικαστής), ohnezweifel ist der römische Statthalter oder Gouverneur von Macedonien gemeynt. aus einer Familie, die ich ganz vorzüglich werth halte, und mit welcher ich durch das Gastrecht verbunden bin, da ich ehmals bey den Deinigen logiert habe, und auf eine sehr edle Art von ihnen beschenkt worden bin. Mir ist genug zu wissen, daß du der Sohn eines solchen Hauses bist, um versichert zu seyn daß du nicht fähig bist eine Unwahrheit zu sagen. Mit diesen Worten springt er von seinem Lehnstuhl auf, umarmt und küßt mich mit vieler Wärme und nimmt mich mit sich in seinen Palast. Bald darauf langte auch mein Bruder andem er vermuthlich von seiner Geschichte Nachricht gegeben hatte. So etwas läßt uns Lukian öfters selbst errathen, wie es sich denn auch von selbst versteht., der mir Geld und viele andere Sachen mitbrachte; auch sprach mich der Statthalter (von allem Vorwurf der Zauberey, der mir bey meiner Verwandlung gemacht worden war) gerichtlich und öffentlichDieß wollen die Worte δημοσία πάντων ακουόντων sagen, und nicht en plein theatre (im vollen Theater), wie Massieu übersetzt. Die Ehre des Lucius erfoderte, daß die Sache, (wenigstens pro forma) gerichtlich behandelt würde. frey. Wir sahen uns hierauf im Hafen nach einem Schiffe um, lassen unser Gepäcke dahin bringen, und schicken uns zur Abreise an.

Inzwischen hielt ich es für eine Art von Schuldigkeit, der Dame, die mich so sehr geliebt hatte als ich nur ein armer Esel war, meine Aufwartung zu machen; indem ich nicht zweifelte, ich würde ihr nun, da ich wieder Mensch sey, desto schöner und liebenswürdiger vorkommen. Sie empfieng mich sehr freundlich und schien an dem Wunderbaren meines Abenteuers große Freude zu haben, sie bat mich mit ihr zu speisen und die Nacht bey ihr zuzubringen, und ich ließ mich sehr leicht bereden; denn ich hätte es ordentlich für Sünde gehaltenDiese populare Redensart entspricht hier, däucht mich, am besten der Griechischen Νεμέσεως άξιον νομίζων. Die Göttin Nemesis strafte alle Unbilligkeit und Undankbarkeit, allen Übermuth, alle Handlungen gegen andere, die dem, was sie um uns verdient hatten, nicht gemäß waren., wenn derjenige, der als Esel geliebt worden war, nun, da er zum Menschen geworden, den Spröden machen und seine Liebhaberin über die Achsel ansehen wollte. Ich speise also mit ihr, parfumiere mich, und bekränze mich mit Rosen, der Blume, die mir, seitdem ich ihr meine Menschheit zu danken hatte, unter allen die liebste war. Endlich, wie die Nacht schon ziemlich weit vorgerückt und es Zeit zum Schlafen gehen war, stehe ich auf, kleide mich, nichts böses ahnend, vielmehr in der Meynung es recht gut zu machen, hurtig aus, und stelle mich meiner Dame dar, fest überzeugt ihr durch die Vergleichung mit meiner ehmaligen Eselsgestalt nur desto mehr zu gefallenBeyde betrogen sich also (wie wir gleich sehen werden) so übel an einander, weil jedes, nach seiner eigenen Art, zu gut von dem andern dachte. Die Dame hatte Ursache zu glauben, Lucius kenne sie viel zu wohl, um sich in dem eigentlichen Gegenstande ihrer Zuneigung zu irren, und ließ sich gar nicht träumen, daß er so unverschämt seyn könnte, sich bey ihr zu melden, wenn er sich nicht bewußt wäre, durch seine Verwandlung nichts von dem, was seinen wahren Werth in ihren Augen ausmachte, verlohren zu haben. Daher die gute Aufnahme und die Einladung. Lucius hingegen, der durch seine wieder erlangte Menschheit viel gewonnen zu haben glaubte, schloß a minore ad majus und zweifelte keinen Augenblick, daß er der Dame nun um soviel lieber seyn würde, als ein Mensch einem Esel vorzuziehen ist. So kann man sich an einander irren! . Aber wie sie sah, daß alles an mir so menschlich war, spie sie mit Verachtung vor mir aus, und befahl mir, mich augenblicklich aus ihrem Hause zu packen, und ihrenthalben schlafen zu gehen wohin ich wollte. Ich armer, der mir diesen plötzlichen Unwillen gar nicht erklären konnte, fragte sie mit Erstaunen: und was für ein so großes Verbrechen habe ich denn begangen, daß ich dir auf einmal so zuwider bin? – Wie? versetzte die Dame, muß ich mich noch deutlicher erklären? Bildest du dir denn ein, daß ich, da du noch ein Esel warst, in Dich verliebt gewesen, oder meine Liebkosungen an Dich verschwendet habe? Nicht du, armseliges Ding, sondern der Esel war es, den ich liebte, und da du zu mir kamst, dachte ich nichts anders als du werdest auch jetzt noch das verdienstlichste deiner vorigen Gestalt aufzuweisen haben: aber leider! sehe ich dich aus dem schönen und nützlichen Thiere, das du warst, in einen – Affen verwandelt. – Mit diesen Worten rief sie einigen Bedienten, und befahl ihnen, mich wie ich war aufzupacken, zum Hause hinauszutragen, und mir die Thür vor der Nase zuzuschließen. Man kann sich vorstellen, was für eine angenehme Nacht ich zubrachte, da ich, so schön, parfumiert, mit Rosen bekränzt und unbekleidet, als ich war, nun im dunkeln und unter freyem Himmel, die nackte Erde umarmen, und anstatt einer sehr warmen Beyschläferin mit einer so kalten vorlieb nehmen mußte! Mit der ersten Morgendämmerung lief ich dem Schiffe zu, und erzählte meinem Bruder mit Lachen, was mir begegnet war. Wir segelten hierauf, mit dem ersten guten Winde, der von der Stadt her wehte, von dannen, und langten in wenig Tagen in meiner Vaterstadt an, wo mein erstes Geschäfte war, den rettenden Göttern ein Opfer und Weyhgeschenke darzubringen, daß sie mich aus diesem mühseligen und heillosen Eselsabenteuer, nach so langem herumtreiben, wiewohl nur mit genauer Noth, wohlbehalten wieder nach Hause gebracht hatten.

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