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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Unser nächstes Nachtlager nahmen wir auf dem Gute eines reichen Mannes, der, zum Glücke, selbst da war, die Göttin mit vielem Vergnügen in sein Haus aufnahm, und ihr sogar Opfer schlachten ließ. Hier kam ich in eine Gefahr die ich sobald nicht vergessen werde! Einer von den guten Freunden des Herrn vom Hause hatte ihm eine Keule von einem wilden Esel zum Präsent geschicktMan sieht aus dieser Stelle, daß der wilde Esel damals für ein köstliches Wildpret gehalten wurde, wie es zur Zeit des D. Olearius, und also vermuthlich auch noch jetzt, in Persien ebenfalls geschah. Bey den Griechen trug vermuthlich auch ihre Seltenheit dazu bey, daß sie einen so großen culinarischen Werth hatten.. Wie sie zubereitet werden soll, kommen, durch Nachlässigkeit des Kochs, Hunde in die Küche, und laufen mit ihr davon. Der Koch, der sich der verlohrnen Keule wegen auf die grausamste Bestrafung Rechnung machen konnte, gerieth darüber in solche Verzweiflung daß er sich erhängen wollte. Zur bösen Stunde für mich sagte seine Frau zu ihm: rede nicht vom sterben, lieber Mann, und überlaß dich keiner solchen Muthlosigkeit! Wenn du mir folgest, kann noch alles gut gehen. Führe den Esel der Cinäden hinaus an einen abgelegenen Ort, schlachte ihn, haue ihm eine Keule ab, und bereite sie dem gnädigen Herrn zu; das übrige wirf in irgend eine Tiefe hinab. Man wird glauben der Esel sey davon gelaufen, und wird sich weiter keine Mühe um ihn geben. Er ist fleischigt und fett, wie du siehst, und wird gewiß noch ein besseres Gerichte abgeben als der Wilde. Der Koch lobte den Rath seiner Ehhälfte; das ist ein guter Einfall, Weib, sprach er; es ist das einzige Mittel wie ich der Geislung entgehen kann. Ich will sogleich Hand ans Werk legen. – Ich Armer stand ganz nahe dabey, als mein verwünschter Koch dieses schöne Gespräch mit seiner Gemahlin hielt. Die Gefahr war dringend, und es galt hier nicht mich lange besinnen, wenn ich dem Tod entgehen wollte. Ich riß mich also von dem Riemen loß an dem ich festgemacht war, brach in vollem Sprung in den Saal hinein, wo meine Cinäden mit dem Herren des Hauses speisten, warf, indem ich so angesprungen kam, Leuchter und Tische um, und glaubte da einen recht feinen Einfall gehabt zu haben, mein Leben zu retten; weil ich nicht zweifelte, der Herr der Villa werde mich sogleich als einen toll gewordenen Esel einsperren und genau bewachen lassen. Aber der feine Einfall brachte mich in die nehmliche Gefahr, der ich dadurch zu entrinnen gehofft hatte. Denn, weil sie mich für rasend hielten, so waren in einem Augenblick eine Menge Schwerdter, Spieße und große Prügel gegen mich aufgehoben, und sie würden mich, nach ihren Gebehrden zu urtheilen, auf der Stelle todt gemacht haben, wenn ich mich nicht, beym Anblick einer so großen Gefahr, mit schnellen Sprüngen in den Saal gerettet hätte, der meinen Herren zum Schlafgemach bestimmt war. Sobald sie mich nun drinnen sahen, verrammelten sie die Thür von aussen, so gut sie konnten, und ich hatte diese Nacht nichts weiter zu besorgen.

Da man mich am folgenden Morgen wieder ganz zahm und ruhig fandDiesen Umstand mußte ich, der Verbindung wegen hinzusetzen, weil die Erzählung, wie jedermann sehen wird, ohne ihn, abgebrochen und mangelhaft wäre. Lukian liebt oft die überflüssigsten Tautologien, und läßt dafür an andern Orten den Leser errathen, was ihm, nach den Regeln der guten Art zu erzählen, gesagt werden soll. Dieß ist nicht worin ich ihn nachahmen möchte. , so setzte man mir die Göttin wieder auf den Rücken, ich zog mit den Landstreichern weiter, und wir kamen in einen großen und volkreichen Flecken, wo sie einen neuen Streich ausführten und den Einwohnern durch ihre Gaukelkünste weiß machten, die Göttin bleibe in keines Menschen Hause, sondern wolle in dem Tempel ich weiß nicht mehr welcher andern Landesgöttin wohnen, die in dieser Gegend in besonders hohen Ehren gehalten wurde. Die guten Leute bezeugten sich überaus willig, die fremde Göttin aufzunehmen und bey ihrer eigenen einzulogieren: uns aber wiesen sie ein Häuschen armer Leute zur Herberge an. Nachdem sich meine Herren viele Tage hier aufgehalten, beschlossen sie endlich wieder weiter und nach einer benachbarten Stadt zu gehen; sie baten sich also ihre Göttin von den Einwohnern wieder aus, hohlten sie auch selbst aus dem Tempel, setzten sie auf meinen Rücken, und zogen mit ihr davon. Aber die Bösewichter hatten, wie sie in den besagten Tempel hineinkamen, sich der Gelegenheit ersehen, eine in denselben gestiftete goldene Schale zu stehlen, und unter den Kleidern ihrer Göttin wegzupraktizieren. Die Leute im Dorfe wurden des Diebstahls bald gewahr, setzten ihnen zu Pferde nach, hohlten sie unterwegs ein, schalten sie gottlose Buben und Tempelräuber, foderten das gestohlne Weyhgeschenk zurück, und fanden es, nachdem sie alles durchstöbert hatten, endlich im Busen der Göttin versteckt. Sie banden hierauf die Weichlinge, brachten sie zurück und warfen sie ins Gefängniß, mir nahmen sie die Göttin ab, um sie einem andern Tempel zu geben, und stellten ihrer eigenen Göttin die goldne Schale wieder zu.

Am folgenden Tage wurde beschlossen, mit den übrigen Effecten der gefangnen Übelthäter auch mich zu verkaufen; und demzufolge überließen sie mich an einen Becker aus einem benachbarten Orte. Mein neuer Herr belud mich mit zehn Maltern Weizen, die er eingekauft hatte, und trieb mich auf einem rauhen Wege nach Hause. Mein erster Gang, als wir ankamen, war in die Mühle, wo ich eine große Anzahl Thiere meines gleichen sah, und eine Menge Mühlen, die von ihnen getrieben wurden, und alles überall voller Mehl. Da ich bereits eine schwere Last auf einem sehr bösen Wege getragen hatte, und überdieß ein neuer Knecht war, so ließ man mich den übrigen Tag ausruhen: aber am folgenden zogen sie mir ein Tuch über die Augen, banden mich an die Deichsel einer Mühle, und trieben mich an. Nun wußte ich zwar recht gut wie ich mich zum mahlen anzuschicken hätte, da ich mehr als zu viel Gelegenheit gehabt hatte es zu lernen; aber ich stellte mich als ob ich es nicht wüßte, in Hoffnung man würde mich zu diesem Geschäffte untauglich erklären. Darin aber hatte ich mich sehr geirrt. Denn die umherstehenden Knechte griffen nach ihren Stecken, und schlugen, da ich an nichts weniger dachte (denn sehen konnt' ich nichts) so dicht und derb auf mich zu, daß ich von ihren Schlägen plötzlich wie ein Kreisel herumgetrieben wurde; und so gab mir meine Erfahrung die Lehre, daß ein Knecht, um seine Schuldigkeit zu thun, nicht auf die Hand des Herren warten soll.

Da ich nun bey dieser Lebensart ganz vom Fleische fiel und elend wurde, verkaufte mich mein Herr an einen Mann, der seiner Profession ein Gärtner war, und einen großen Garten zu bauen übernommen hatte. Hier war nun die Arbeit so zwischen uns getheilt. Des Morgens früh belud er mich mit so viel Gemüse als ich tragen konnte, und zog damit zu Markte; und wenn es verkauft war, trieb er mich in den Garten zurück, wo ich, während er grub und pflanzte und das gepflanzte begoß, müßig dastand und zusah. Indessen hatte ich doch ein sehr beschwerliches Leben bey ihm: denn es war in der Winterszeit, und der arme Mann hatte nicht soviel daß er eine Decke für sich selbst hätte kaufen können, geschweige für mich; überdieß mußte ich, unbeschlagen wie ich war, bald durch den Koth, bald wieder auf hartgefrohrnem Boden gehen; und endlich hatten wir beyde nichts zu essen als bittern Salat, der so zäh wie Leder war.

Einsmals, da wir in den Garten zurückgiengen, begegnete uns ein Mann von gutem Ansehen, in Soldaten-Uniform, der uns in lateinischer Sprache anredete, und meinen Gärtner fragte wo er mit dem Esel hin wollte? Dieser, weil er vermuthlich die Sprache nicht verstund, blieb ihm die Antwort schuldig. Darüber wurde jener, der es ihm für Verachtung auslegte, zornig, und gab dem Gärtner ein paar Hiebe mit seiner Peitsche. Sogleich kriegt ihn mein Gärtner zu packen, schlägt ihm ein Bein unter, wirft ihn der Länge nach zu Boden, springt mit Füßen auf ihm herum, und hammert, erst mit der Faust, zuletzt mit einem von der Straße aufgeraftten Steine, auf den zu Boden liegenden loß. Dieser wehrt sich anfangs, und droht, wenn er wieder auf die Beine komme, ihm den Degen durch den Leib zu jagen. Dieß nimmt mein Gärtner wie es scheint als eine Erinnerung an für seine Sicherheit zu sorgen, reißt dem Soldaten den Degen von der Seite, wirft ihn weit von sich, und fängt nun von neuem an, so wüthend auf ihn zuzuschlagen, daß der arme Mann es nicht länger aushalten kann, und, um auf einmal davon zu kommen, sich stellt als ob er den Geist aufgebe. Darüber erschrickt der Gärtner, läßt den Soldaten liegen wo er liegt, nimmt den Degen mit und reitet auf mir in die Stadt zurück. Hier übergiebt er die Besorgung seines Gartens einem seiner Cameraden, er selbst aber, da er sich nirgends ohne Gefahr blicken lassen konnte, versteckte sich und mich bey einem Freunde, den er in der Stadt hatte. Des folgenden Tages, nachdem sie mit einander zu Rathe gegangen, verbergen sie meinen Herren in einer Kiste, mich aber packen sie bey den Füßen, tragen mich die Treppe hinauf, und schließen mich im obern Stock in eine Kammer an.

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