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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Aber das allerschlimmste für mich war, daß ich auch öfters in den Wald hinauf geschickt wurde, um Holz herab zu tragen. Fürs erste hatte ich einen hohen Berg zu steigen, auf einem steilen und steinichten Wege, der mir desto beschwerlicher fiel, da ich ohne Hufeisen war; und dann gab man mir zum Treiber einen verruchten Jungen mit, der mir jedesmal aufs ärgste mitspielteDie ganze folgende Beschreibung, wie übel sich der arme Esel unter der willkührlichen Regierung eines unverständigen, gefühllosen, und zu seiner Dummheit noch boßhaften Jungens befindet, ist ein Meisterstück, und allein hinreichend die Ächtheit dieses Werkchens zu beweisen. Überdieß hat dieses Gemählde noch einen allegorischen Sinn; es ist das natürlichste, treffendste Bild, wie nur allzuviele kleine Herren und ihre Diener ihre armen Unterthanen regieren, und könnte, von dieser Seite betrachtet, den Text zu einem sehr lehrreichen Commentar oder zu einem hübschen Specimen diligentiae eines zukünftigen fürstlichen Justitz- oder Rentbeamten abgeben.- Übrigens sieht man aus dieser Stelle, daß das Loos der armen Esel, in Europa wenigstens, schon seit Jahrtausenden immer dasselbe gewesen ist. L'âne (sagt Büffon, ihr großmüthiger Fürsprecher) est le jouet, le plastron, le bardeau des rustres qui le conduisent le bâton à la main, qui le frappent, le surchargent, l'excedent, sans précaution, sans menagement: s'il n'avoit pas un grand fonds de bonnes qualites, il les perdroit en effet par la maniere dont on le traite.. Erstens, wiewohl ich lief was ich konnte, so schlug er doch immer auf mich loß, und nicht etwa mit einem bloßen Stecken, sondern mit einem Knittel der eine Menge scharfeckigter Knoten hatte, und immer auf ebendenselben Theil des Schenkels, so daß ich gar bald wund an dieser Stelle wurde, ohne daß er darum weniger darauf zupläute. Zweytens belud er mich allemal mit einer Last, woran ein Elephant genug zu tragen gehabt hätte, und der Weg vom Berge herab, war sehr steil: und dennoch trieb er mich immer mit Schlägen fort. Sah er daß die Last zuweilen wackelte und zu stark auf die eine Seite hieng, so war natürlich, daß er etliche Stücken Holz von der schwerern wegnehmen und zu Herstellung des Gleichgewichts auf die leichtere Seite legen mußte: aber das that er niemals; sondern er laß große Steine vom Berge auf, und beschwerte den leichtern in die Höhe steigenden Theil damit, so daß ich armer Tropf zu allem meinem Holz noch unnütze Steine herabtragen mußte. Unterwegs mußten wir über ein fließendes Wasser; er setzte sich also, um seine Schuhe zu schonen, allemal hinter das Holz auf meinen Rücken, und ließ sich hinübertragen. Fiel ich manchmal vor Mattigkeit und Unvermögen unter meiner Bürde zu Boden, dann gieng mir's vollends am allerunerträglichsten. Denn anstatt, wie es seine Schuldigkeit gewesen wäre, abzusteigen, mir von der Erde aufzuhelfen, und die Last leichter zu machen, stieg er nicht nur nicht ab, und half mir nicht auf, sondern schlug, vom Kopf und den Ohren an bis zu den Füßen, so unbarmherzig und so lange mit seinem Knittel auf mich zu, bis mich die Schläge wieder auf die Beine brachten. Überdieß spielte er mir zum Spaß noch einen andern abscheulichen Streich. Er machte nehmlich einen Bündel von den schärfsten Dornen und hieng mir ihn unter den Schwanz, so daß ich keinen Schritt thun konnte, ohne an allen meinen Hintertheilen zerstochen und übel zugerichtet zu werden, und ohne daß irgend eine Möglichkeit war, wie ich mir selbst hätte helfen können; denn das was mich verwundete bammelte immer hinter mir her und war so gut befestiget, daß ich es nicht abschütteln konnte. Wenn ich nun, um das Anstoßen der Dornen zu vermeiden, langsam gehen wollte, so prügelte er auf mich zu daß mir die Seele hätte ausfahren mögen; und wollt' ich dem Knittel entgehen, so war mein Leiden von hinten desto peinlicher. Kurz, es war nicht anders als ob es mein Eseltreiber recht darauf angelegt hätte, mich vollends um mein Bischen Leben zu bringen.

Einsmals, da er mirs gar zu arg machte, gieng mir endlich die Geduld aus, und ich versetzte ihm einen Schlag mit dem Hufe; aber diesen Schlag vergaß er mir nie wieder. Man befahl ihm einst, Werg von unserm Gute nach einem andern zu schaffen; er treibt mich also hin, packt mir den ganzen großen Hauffen Werg auf den Rücken, und schnürt mich mit einem tüchtigen Seile fest an meine Last an, in der Absicht, mir den verruchtesten Streich zu spielen. Denn wie ich mich nun damit auf den Weg machen sollte, stahl der Spitzbube einen noch brennenden Feuerbrand, und wie wir weit genug vom Hofe entfernt waren, steckt er ihn in das Werg; dieses entzündet sich, und in wenig Augenblicken steht die ganze Ladung auf meinem Rücken in voller Flamme. Ich würde ohne Rettung auf offner Straße gebraten worden seyn, wenn ich nicht unverzüglich mitten in eine ziemlich tiefe Pfütze hineingesprungen wäre, die mir zum Glück in die Augen fiel. Ich drehte und wälzte mich und mein Werg so lange im Koth herum, bis der Brand gänzlich gelöscht war, und so legte ich den übrigen Weg ziemlich ruhig zurück, da es dem Jungen unmöglich gewesen wäre, das mit nassem Leim durchknetete Werg wieder zum brennen zu bringen, wenn er auch gewollt hätte: Doch beschuldigte mich der leichtfertige Bube, wie er ankam, fälschlicher Weise, ich hätte mich im Vorbeygehen aus eigner Bewegung am Heerde angerieben, und auf diese Art Feuer gefaßt. Indessen war es immer glücklich genug, daß ich, wider Verhoffen, noch mit heiler Haut aus diesem Abenteuer mit dem Werg davon kam.

So boshaft dieser Streich war, so dachte der höllische Junge doch noch was weit schlimmers gegen mich aus. Er trieb mich in den Wald, und lud mir eine mächtige Tracht Holz auf; diese verkaufte er an einen benachbarten Bauern, mich aber brachte er leer wieder nach Hause, und klagte mich bey dem Herrn der schändlichsten Dinge an. Ich kann gar nicht begreiffen, Herr, sagte er, wofür wir diesen Esel füttern, der die trägste faulste Bestie auf dem weiten Erdboden ist. Zudem ist ihm seit kurzem eine ganz eigene Grille in den Kopf gestiegen. Wo er irgends ein Weibsbild oder ein hübsches junges MädchenDas Griechische hat noch, zum Überfluß, ὴ παι̃δα. sieht, gleich ist er in vollem Sprunge hinter drein, und gebehrdet sich nicht anders dabey, als wie ein Mannsbild bey einer Weibsperson in die er verliebt ist; er beleckt und beißt sie als ob er sie küssen wollte, und will mit aller Gewalt über sie her: Kurz, niemand ist mehr sicher vor ihm, und es kann nicht fehlen, daß er dir böse Händel durch seine Leichtfertigkeit zuziehen wird. Nur eben jetzt, da er Holz vom Berge herabtrug, sieht er eine Frau die aufs Feld geht; im Augenblick liegt alles Holz auf der Erde herum, die Frau auf dem Boden, und mein Esel über ihr; und wären nicht unser etliche in größter Eile herbey gelaufen und der armen Frau zu Hülfe gekommen, sie würde von diesem saubern Liebhaber entzwey gerissen worden seyn. Gut, sagte der Herr, wenn er weder zum reiten noch zum tragen taugt, und den Weibern und Mädchen so gefährlich ist, so schlagt ihn todt, werft seine Eingeweide den Hunden vor, sein Fleisch salzt für unsre Taglöhner ein, und wenn gefragt wird was ihm widerfahren sey, so sagt, ein Wolf hätte ihn zerrissen. – Das war Wasser auf meines Treibers Mühle! Der verfluchte Bube konnte seine Freude darüber nicht verbergen, und machte schon Anstalt den erhaltenen Befehl zu vollziehen; aber zu meinem größten Glücke kam ein Bauer aus der Nachbarschaft dazu, und rettete mir das Leben, wiewohl durch einen Rath, der mir noch schrecklicher vorkam als der Tod selbst. Wozu wolltest du, sagte er, einen Esel umbringen, der zum Mahlen und Last tragen noch lange zu gebrauchen ist? Der Sache ist ja bald geholfen: Wenn er so rasend auf die Weiber ist, so laß ihn verschneiden: das wird ihn schon kirre machen! Er wird dir in kurzem eben so sanftmüthig als fett werden, und unverdrossen die größte Lasten tragen. Falls du etwa mit der Operation nicht umgehen könntest, so will ich in drey oder vier Tagen wieder kommen, und dir den Burschen mit einem einzigen Schnitte frommer machen als ein Lamm. – Alle Hausgenossen gaben diesem Rath ihren Beyfall; ich aber weinte bitterlich über den Verlust, der mir angedroht war, und nahm mir vor nicht länger zu leben, wenn ich ein Kapaun werden sollte, sondern entweder nicht mehr zu fressen, oder mich vom Berge herabzustürzen, und so zwar des elendesten Todes, aber doch bey ganzem und unverstümmeltem Leibe, zu sterben.

Noch in derselben Nacht, ziemlich spät, langte ein Bote aus dem Flecken in unserm Meyerhofe an, der die Nachricht brachte: die kürzlich verheurathete junge Frau, die in den Händen der Räuber gewesen war, und ihr Neuvermählter, seyen, da sie Abends in der Dämmerung allein am Ufer mit einander spazieren gegangen, von einer plötzlich daher fahrenden Welle ergriffen worden, und nirgends mehr zu finden, so daß man nichts anders vermuthen könne, als daß sie mit einander umgekommen seyen. Die sämtlichen Leute auf dem Hofe beschlossen auf diese Nachricht, da das Haus solchergestalt seiner jungen Herrschaft beraubt worden sey, nicht länger in der Knechtschaft zu bleiben; sie plünderten also den Hof rein aus, und ergriffen die Flucht. Der Pferdehirt raffte alles zusammen was er habhaft werden konnte, und lud es mir und den Stuten auf. Wenn ich jemals wie ein wahrer Esel Last getragen hatte, so war es damals: indessen, so beschwerlich es mir war, so froh war ich, durch diesen Vorfall von der Castration befreyt zu bleiben.

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