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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Tychiades. Und von so einem würdigen Manne komme ich dir geraden Weges her. Du kennest doch den berühmten Eukrates? Solltest du wohl denken, daß ich die unglaublichsten Dinge, Dinge die über alle Ammenmährchen in der Welt gehen, aus seinem Munde gehört habe? Es wurde zuletzt so arg daß ich es nicht länger aushalten konnte, und mitten unter seinen abenteuerlichen Wundergeschichten davon lief, als ob mich die Furien aus dem Hause jagten.

Philokles. Das ist unmöglich! wer wäre glaubwürdig, wenn es Eukrates nicht wäre. Wie? Ein Mann mit einem so venerablen Bart, ein Mann von sechzig Jahren, der sich immer soviel mit Philosophie abgegeben, sollte auch nur leiden können, daß ein andrer in seiner Gegenwart löge, geschweige daß er selbst so was zu thun fähig wäre? Das wird dir niemand glauben!

Tychiades. Wenn du nur gehört hättest was für Dinge er sagte! Wie er sich Mühe gab ihnen Glauben zu verschaffen! Durch was für Schwüre er sie bekräftigte! Wie er sogar das Leben seiner eigenen Kinder dafür zum Pfande setzte! – Er trieb es so weit, und brachte so gar tolles Zeug zu Markte, daß ich ihn nur immer anstaunen mußte, und nicht mit mir selbst einig werden konnte, ob es nicht richtig in seinem Kopfe oder ob er ein Betrüger sey, und wie es möglich gewesen, daß ich in so langer Zeit den lächerlichen Affen unter seiner Löwenhaut nicht gewahr worden? –

Philokles. Nun, bey Gott! Tychiades, das mußt du mir erzählen! Es ist doch wohl der Mühe werth, zu wissen wieviel Albernheit ein so großer Bart bedecken kann.

Tychiades. Ich muß dir also sagen, daß ich ihn auch wohl sonst zuweilen zu besuchen pflegte, wenn ich gerade nichts anders vorzunehmen wußte. Heute aber, – da ich mit meinem Freunde Leontichus nothwendig zu sprechen hatte, und von seinem Bedienten hörte, er sey schon früh ausgegangen, den Eukrates, der sich nicht wohl befinde, zu besuchen, – hatte ich eine doppelte Ursache hinzugeben: nehmlich, meinen Freund zu sprechen, und dem Eukrates, von dessen Unpäßlichkeit ich nichts gewußt hatte, meinen Besuch zu machen. Nun traf ich zwar den Leontichus nicht mehr an, aber dafür eine Menge anderer Leute, und darunter den Peripatetiker Kleodemus, den Stoiker Dinomachus, und den Ion, der sich, wie du weißt, soviel darauf zu Gute thut, daß niemand Platons Schriften besser verstehe und erklären könne als er. Ich nenne dir, wie du siehest, lauter große Männer, von entschiedener Weisheit und Tugend, und, was die Hauptsache ist, einen von jeder Secte; alle von einer sehr ehrwürdigen und beynahe furchtbaren Aussenseite! Ausserdem war auch der Arzt Antigonus zugegen, der vermuthlich den Kranken zu besorgen hatte. Eukrates selbst schien sich wieder ganz leidlich zu befinden, und mit seiner Krankheit auf dem Fuß eines Hausgenossen zu leben; denn die Gichtmaterie hatte sich wieder in die Füße zurückgezogen. Er hieß mich also neben sich auf sein Ruhebette sitzen, und dies mit einer Stimme, die er, sobald er mich erblickte, auf einen kränkelnden Ton herabstimmte, wiewohl ich ihn im Hereintreten gewaltig hatte schreyen und fechten hören. Nach dem gewöhnlichen Complimente, – daß ich nichts von seiner Unpäßlichkeit gewußt, aber, sobald ich davon gehört, spornstreichs herbey geeilt wäre, – ließ ich mich also, mit großer Behutsamkeit, um seinen Füssen nicht zu nahe zu kommen, neben ihm nieder.

Die Rede war von seiner Krankheit gewesen; und die Herren waren noch im Begriffe ihre Meynung darüber zu sagen, und, jeder an seinem Theil, ein oder anderes Mittel dagegen in Vorschlag zu bringen. Wenn der Patient also, fuhr Kleodemus in seiner durch meine Ankunft unterbrochenen Rede fort, einen Zahn von einer vorbeschriebener maßen getödteten Spitzmaus von der Erde aufhebt, in ein Stück von einer frisch abgezogenen Löwenhaut bindet und auf die Füße legt: so hört der Schmerz augenblicklich auf. – Um Vergebung, nicht in eine Löwenhaut, fiel Dinomachus ein; wie ich gehört habe, muß es die Haut einer Hirschkuh seyn die noch nicht getragen hat; und das ist auch wahrscheinlicher: denn die Hirschkuh ist ein sehr behendes Thier, und hat also ihre größte Stärke in den Füßen. Indessen besitzt der Löwe allerdings große Kräfte, und sein Fett, seine rechte Tatze, und die geraden Haare in seinem Barte haben gar sonderbare Tugenden, wenn man jedes mit dem dazu gehörigen Gebeth zu gebrauchen weiß: nur bey Krankheiten an den Füssen kann man sich wenig von ihm versprechen. – Ich war ehemals auch der Meynung, versetzte Kleodemus, daß es eine Hirschhaut seyn müsse, weil der Hirsch ein so schnellfüßiges Thier ist: aber vor kurzem hat mich ein Africaner, der sich auf diese Dinge versteht, eines andern belehrt, indem er mich versicherte daß die Löwen noch behender als die Hirsche wären; denn, sagte er, der Löwe jagt und fängt den Hirsch, nicht der Hirsch den Löwen. – Die sämtlichen Anwesenden stimmten überein daß der Africaner wohl gesprochen habe.

Die Herren glauben also, sagte ich, daß man dergleichen Krankheiten mit Zauberliedern und äusserlichen Anhängseln curiren könne, da das Übel doch innerlich ist?

Diese Frage erweckte ein allgemeines Gelächter, und meine Philosophen liessen sich deutlich ansehen, daß sie es ganz unverzeyhlich fänden, so offenbare Dinge, gegen die kein vernünftiger Mensch das geringste einzuwenden haben könne, nicht zu wissen. Nur der Arzt Antigonus schien sich über meine Frage zu freuen, vermuthlich weil anfangs wenig auf seinen Rath geachtet worden war, da er dem Eukrates, um dem Übel in Zeiten vorzubeugen, nach den Regeln seiner Kunst vorgeschrieben hatte, sich des Weines zu enthalten, von bloßen Gartengewächsen zu leben, und überhaupt alle Spannung und Erhitzung zu vermeiden.

Kleodemus wandte sich demnach mit einem spöttischen Lächeln gegen mich und sagte: es scheint dir also unglaublich, daß dergleichen Mittel in Krankheiten von einigem Nutzen seyn könnten?

Allerdings, antwortete ich, oder meine Nase müßte gewaltig verstopft seyn,Der Griechische Ausdruck läuft hier wieder sehr gegen unsre Begriffe von Wohlanstand und Artigkeit an. wenn ich glauben sollte, daß äusserliche Dinge, die mit den innerlichen Ursachen der Krankheit nicht das mindeste gemein haben, eine geheime Kraft besitzen könnten einem Kranken die Genesung gleichsam anzuhängen. Ich bin überzeugt, daß das nicht erfolgen würde, wenn man gleich eine ganze Mandel Spitzmäuse in die Haut des Nemeischen Löwens selbstDes gewaltigen übernatürlichen Löwen, den Herkules, weil er unverwundbar war, zwischen seinen Armen erdruckte, und dessen Haut ihm in der Folge zum Mantel diente. einnähte. Ich wenigstens habe schon mehr als Einen Löwen in heiler Haut vor Schmerzen hinken sehen.

Das beweiset nichts, erwiederte Dinomachus, als daß du von diesen Sachen ganz und gar nichts verstehst, und es nie der Mühe werth gehalten hast dich davon zu unterrichten. Vermuthlich giebst du also auch die allgemein bekanntesten Dinge nicht zu, als die Mittel die periodischen Fieber zu bannen, den Biß giftiger Thiere unschädlich zu machen, böse Geschwulsten zu vertreiben, und dergleichen, was heutiges Tages sogar die alten Weiber sehr gut zu bewerkstelligen wissen?

Du verbindest hier Dinge die nicht zusammen gehören (versetzte ich), und treibest, wie man zu sagen pflegt, einen Nagel mit einem andern fort. Daß alle diese Krankheiten geheilt werden können, ist ausgemacht: aber ob es durch die Kräfte solcher Mittel, wovon die Rede ist, geschehen könne, ist nichts weniger als ausgemacht, und so lange du mich nicht überreden wirst, daß ein Fieber oder eine venerische Beule aus Angst vor einem gewissen göttlichen Nahmen oder gewissen barbarischen WörternDergleichen waren z. B. die Ephesischen Wörter (’Εφέσια γράμματα) Aski, Kataski, Aix, Tetrax, Damnameneus, Aision, (nach dem Hesychius) und die Milesischen, Bedy, Zaps, Chton, Plektron, Sphinx, Knaxzbi, Chtyptis, Phlegmos, Drops – womit allerley närrischer Aberglaube getrieben wurde. Clemens Alex. Strom. V. Die Egyptier hatten 36 solche heilige Wörter: jedes war der Nahme eines Genius, dessen bloße Anrufung das Heilmittel gegen eine gewisse Krankheit war. Orig. contra Cels. I. Alle Morgenländer waren und sind noch bis auf diesen Tag dieses Aberglaubens voll. auf einmal Flügel oder Füße bekomme um sich aus dem Staube zu machen, so werde ich so frey seyn und alles was du sagtest für Alteweiber-Mährchen halten.

Man sieht wohl, sagte Dinomachus, daß ein Mann der so spricht, und nicht glauben kann daß göttliche Nahmen die Kraft haben Krankheiten zu heilen, überhaupt keine Götter glaubt.

Sage das nicht, mein Bester! erwiederte ich: das Daseyn der Götter kann seine gute Richtigkeit haben wenn gleich alle diese Dinge Lügen sind. Ich meines Ortes trage alle Ehrfurcht vor den Göttern, und sehe sie täglich schöne Curen thun, und den Kranken durch die Arzneykunst und durch Mittel aus der Apothek wieder zur Gesundheit helfen. Äsculap selbst und seine Söhne heilten ihre Patienten durch dienliche Mixturen, nicht mit umgeschlagenen Löwenhäuten und Spitzmäusen.

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