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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Räuber hielten inzwischen draussen im Vorhause ihre Nachtmahlzeit. Gegen Tag kam einer aus ihrem Mittel, von denen welchen das Loos zugefallen ist, die Straßen zu bewachen und Kundschaft einzuziehen, was vorgeht, und zeigte an, es werde bald ein Reisender diese Gegend passieren, der große Reichthümer bey sich habe. Sogleich stehen sie vom Tische auf, waffnen sich, legen mir und dem Pferde den Saumsattel auf, und treiben uns mit sich. Da ich wußte, daß es auf ein Abenteuer gieng, wobey für mich nichts als Schläge und Lebensgefahr zu gewinnen war, so schneckte ichSchnecken für Schneckenmäßig kriechen, oder träg und verdrossen fortschleichen, ist ein im hochdeutschen veraltetes Wort, welches wieder verjüngt zu werden verdient. langsam genug daher: weil sie aber Eile hatten, so machte mir der Knittel gar bald Füße. Wie wir nun an die Straße kamen, wo der Reisende vorbeypassieren mußte, fielen die Räuber über seine Wagen her, ermordeten ihn und seine Bedienten, und bemächtigten sich alles dessen was er mit sich führte, wovon sie das kostbarste mir und dem Pferde aufluden, das übrige Gepäcke aber in dem angrenzenden Walde verbargen. Da sie uns nun hierauf wieder nach Hause trieben, begegnete es, daß ich, indem ich mit derben Schlägen ermahnt wurde die Beine besser zu heben, mit dem Huf gegen einen scharfen Stein stieß, und eine so schmerzliche Wunde davon bekam, daß ich den ganzen übrigen Weg hinken mußte. Die Räuber, denen dieß ungelegen war, sagten unter einander: aber sind wir nicht albern daß wir diesen Esel füttern, der alle Minuten zu Boden fällt? Werfen wir die Bestie, die uns nur Unglück bringt, den Felsen hinunter! Ein guter Gedanke, rief einer: hinunter mit ihm! Er mag das Söhnopfer für unsre ganze Brigade seyn! – Wirklich waren sie schon im Begriff, sich über mich her zu machen: aber was ich gehört hatte machte mich so munter, daß ich auf dem ganzen übrigen Wege so frisch auf meinen verwundeten Fuß auftrat, als ob er einem andern angehörteDer Text setzt hinzu: und die Todesfurcht machte mich gegen den Schmerz unempfindlich. Lukian hatte dieser Tautologie vielleicht nöthig um seine Periode auszuründen; da dieß im Deutschen der Fall nicht war, ließ ich sie, wie billig, weg..

Als wir wieder hinkamen, wurden wir abgeladen; man brachte die geraubten Sachen in gute Verwahrung; die Herren lagerten sich und hielten ihre Mahlzeit: und wie es Nacht wurde, machten sie sich auf, um die übrigen Sachen die sie im Walde versteckt hatten, in Sicherheit zu bringen. Wozu, sagte einer von ihnen, wollten wir den armen Esel mitschleppen, der seines bösen Fußes wegen nicht fortkommen kann? tragen wir lieber selbst, was wir dem Pferde nicht aufladen können! – Sie gehen also mit dem Pferde ab, und lassen mich zu Hause.

Es war eine überaus helle Mondnacht. Armer Tropf, sprach ich zu mir selbst, warum bleibst du hier, wo du unfehlbar noch den Geyern und ihren Söhnen zum Schmause dienen wirst? Hast du nicht gehört was sie über dich beschlossen haben? Willst du warten, bis sie dir den Hals brechen? Es ist itzt Nacht, der Mond scheint helle, und sie sind alle fort! Auf und rette dich mit der Flucht aus den Händen der mörderischen Bösewichter! Indem ich dieß bey mir selbst dachte, wurde ich gewahr, daß ich nirgends angebunden war, sondern die Halfter, woran ich gewöhnlich gezogen wurde, neben mir hieng. Dieß spornte mich nun desto mehr zur Flucht an; ich machte mich also auf die Füße, und in vollem Sprunge zum Hause hinaus. Die Alte, wie sie sah, daß ich entlaufen wollte, kriegte mich noch beym Schwanz zu packen, und hieng sich an; ich, der jede Todesart zu verdienen glaubte wenn ich mich von einer solchen alten Vettel zum Gefangnen machen ließe, schleppte sie mit mir fort; die Alte schrie was sie schreyen konnte, und rief die gefangene Jungfrau um Hülfe. Diese eilte herbey, und wie sie die Alte gleich einem Schwanze an dem Esel herabhängen sah, wagte sie eine kühne und eines jungen Wagehalses würdige That: sie sprang auf meinen Rücken, und sobald sie fest saß stieß sie mich in die Seiten. Ich, theils aus Liebe zur Flucht, theils aus Eifer für das Mädchen, renne davon wie ein Pferd; die Alte mußte zurückbleiben, die Jungfrau aber flehte die Götter an ihre Flucht gelingen zu lassen, und zu mir sagte sie: o du schönes Männchen, wenn du mich zu meinem Vater zurückträgst, so sollst du von aller Arbeit befreyt werden, und alle Tage einen Scheffel Gerste zu fressen kriegen! Ich, der vor seinen Mördern floh, und sich überdieß für die Rettung des Mädchens so viel Erkenntlichkeit und so gute Tage versprach, ich lief was ich konnte und achtete meine Wunde nicht. Wie wir aber dahin gekommen waren, wo sich der Weg theilte, begegnen wir unsern Feinden, die von ihrem Zuge zurückkamen, und beym Mondschein ihre unglücklichen Gefangenen schon von weitem erkannten. Sie laufen herzu, halten mich an, und sagen: Wohinaus, edle und tugendsam Jungfrau? Wohin bey so später Nacht? Fürchtest du dich vor den Nachtgeistern nicht? Aber komm nur immer wieder mit uns! Wir wollen dich den Deinigen schon zurückgeben – sagten sie mit einem boßhaft grinsenden Lachen, und nöthigten mich umzuwenden. Auf einmal fiel mir mein böser Fuß wieder ein, und ich fieng an zu hinken. Wie? sagten sie, nun, da wir dich ertappt haben, bist du auf einmal wieder lahm: aber wie dir die Lust zum entlaufen ankam, warst du frisch und gesund, und liefst trotz dem schnellsten Pferde, als ob du Flügel hättest! Diese Worte begleitete eine derbe Tracht Schläge, mit so gutem Effect, daß ich von einer so nachdrücklichen Zurechtweisung zu meinem lahmen Fuße noch eine Wunde am Schenkel bekam.

Wie wir nach Hause kamen, fanden wir die Alte, die sich, allem Ansehen nach, aus Furcht vor ihren Herren, wegen der Flucht der Jungfrau, mit einem Strick um den Hals an den Felsen aufgehangen hatte. Sie lobten sie dafür, daß sie sich selbst ihr Recht angethan hätte, schnitten sie ab, und stürzten sie mit dem Strick am Halse in die Tiefe hinab. Hierauf banden sie das junge Frauenzimmer im Hause an, setzten sich zu Tische und brachten einige Stunden mit Zechen zu. Während dessen wurde über die Gefangene Gericht gehalten. Was fangen wir mit ihr an, sagte einer. Was können wir besseres thun, versetzte ein anderer, als sie der Alten nachzuschicken? An ihrem guten Willen hat es nicht gelegen, daß sie uns nicht um alles, was wir erworben haben, gebracht, und unsre ganze Werkstatt verrathen und zerstört hätte. Denn ihr wißt wohl, Cameraden, wäre sie wieder zu ihrer Familie gekommen, so wär' es um uns alle geschehen gewesen; unsre Feinde würden uns überfallen, und solche Maßregeln dabey genommen haben, daß wir alle lebendig in ihre Hände gefallen wären. Es ist also nicht mehr als billig, daß wir Rache an unsrer Feindin nehmen. Aber so leicht wollen wir ihr den Tod nicht machen, daß wir sie auf den Felsen herabstürzten; nein! wir wollen die qualenvollste und langwierigste Todesart für sie ersinnen; sie soll nicht eher sterben können, bis sie so lang als möglich das schrecklichste gelitten hat was man leiden kann! – Nun war die Frage, was für eine Todesart das seyn sollte? Endlich sagte einer: Cameraden, ich weiß ihr werdet meine Erfindung loben! Der Esel hat den Tod nicht weniger verdient, da er ein träger Taugenichts ist, sich nun noch oben drein lahm stellt, und dem Mädchen zur Flucht behülflich und dienstlich gewesen ist. Wir wollen ihn also morgen schlachten, ausweiden, und dieses wackere Fräulein in seinen Bauch hineinstecken, so daß sie bloß, um nicht zu bald zu ersticken, mit dem Kopfe hervorgucken, mit dem übrigen Leibe aber ganz in ihm begraben seyn soll. Dann wollen wir sie in den Esel tüchtig einnähen, und beyde den Geyern vorwerfen, die von diesem neuen Gerichte einen trefflichen Schmaus halten werden. Nun bedenkt einmal, Brüder, was für eine höllische Qual das seyn muß! Fürs erste, lebendig in einem todten Esel zu wohnen; dann in der heissesten Jahreszeit in dem gährenden Aase gekocht zu werden, überdieß am langsam tödtenden Hungertod zu sterben, und kein Mittel zu haben, sich selbst das Leben nehmen zu können. Ich übergehe die Marter, die sie, zu allem dem, noch von dem Gestanke des faulenden Esels und von den Würmern, wovon er wimmeln wird, zu erleiden haben, und daß sie endlich von den Geyern, die sich an ihm weiden werden, mit ihm, vielleicht noch lebendig, aufgefressen werden wird.

Alle übrigen Räuber klatschten dieser ungeheuern Erfindung als einem ganz vortrefflichen Gedanken, mit lautem Geschrey ihren Beyfall zu. Ich meines Orts seufzte bitterlich, daß ich nicht nur sterben, sondern selbst nach dem Tode keine Ruhe haben und einem unglücklichen und unschuldigen Mädchen auf eine so grausame Weise zum Sarge dienen sollte.

Aber wie der Tag anbrach, nahm unser Schicksal unvermuthet eine ganz andere Wendung. Die Wohnung der Räuber wurde auf einmal von einem Trupp Soldaten umringt und angegriffen, die sich aller dieser Bösewichter bemächtigten, und sie in Ketten und Banden zu dem Oberbefehlshaber des Landes abführten. Mit ihnen war auch der Bräutigam der Jungfrau gekommen, oder vielmehr er war es, der den Schlupfwinkel der Räuber ausfindig gemacht und angezeigt hatte. Er nahm also das Mädchen, setzte sie auf meinen Rücken, und brachte sie so wieder nach Hause. Wie uns die Einwohner der Gegend von ferne kommen sahen, und ich ihnen die frohe Botschaft aus vollem Halse entgegen schrie, schlossen sie, daß die Unternehmung glücklich von statten gegangen sey, liefen uns entgegen, bezeugten ihre Freude, und begleiteten uns bis zur Wohnung der Jungfrau.

Diese trug nun große Sorge für mich, wie billig, da ich ihr Mitgefangener, der Gefährte ihrer Flucht, und so nahe dabey gewesen war, auch im Tode auf eine so schreckliche Art mit ihr vereinigt zu werden. Ich bekam bey meiner neuen Herrschaft täglich einen Scheffel Gerste, und soviel Heu, daß ein Kamel genug daran gehabt hätte. Aber bey allem dem fluchte ich der armen Palästra mehr als jemals, daß sie mich in einen Esel, und nicht in einen Hund verwandelt hatte; denn ich konnte das Glück der Hunde nicht ohne Neid ansehen, die sich in die Küche schlichen und von der Gelegenheit profitierten, eine Menge guter Bissen, deren es bey den Hochzeiten reicher Leute zu geben pflegt, wegzuschnappen.

Wenige Tage nach der Hochzeit befahl der Vater meiner jungen Gebieterin, da sie ihm von dem Danke, den sie mir schuldig sey und gerne nach Verdienst erstatten möchte, gesprochen hatte, man sollte mich in völlige Freyheit setzen, und mit den Stuten auf die Weide gehen lassen: denn, sagte er, so wird er das angenehmste Leben führen, das sich ein Esel nur immer wünschen kann, und uns zugleich junge Maulesel von seiner Rasse schaffen. In der That hätte dieß die gerechteste Vergeltung scheinen müssen, wenn ein Esel Richter in der Sache gewesen wäre. Er ließ also einen von seinen Hirten rufen, und empfahl mich ihm aufs beste; mir, meines Orts, war das angenehmste dabey, daß ich keine Lasten mehr tragen sollte.

Wie wir nun auf dem Landgut ankamen, that mich der Hirt zu den Stuten, und trieb uns zusammen auf die Weide. So gut es mein Patron mit mir gemeynt hatte, so übel schlug der Erfolg für mich ausDieß liegt zwar im Text, aber es steht nicht mit dürren Wörtern darin, sondern alle Handschriften und Ausgaben lesen dafür: »Hier war mein Schicksal daß es mir eben so ergehen sollte wie dem Kandaules.« – Die Geschichte oder das Mährchen von Kandaules und Gyges ist bekannt genug; da aber zwischen dieser Geschichte und dem was unserm Esel im Hause der Dame Megapola begegnete, nicht die allergeringste Ähnlichkeit ist: so muß hier der Text nothwendig durch den ersten Abschreiber, dessen Exemplar den übrigen zum Original gedient hat, verdorben worden seyn. Da sich nun nicht wohl errathen läßt, was Lukian statt des Kandaules für einen Nahmen geschrieben haben mag, so hielt ich für besser, diese Zeile, die keinen Sinn giebt, ganz wegzulassen, und des Zusammenhangs wegen die Lücke mit einem andern ungezwungenen Übergang auszufüllen. . Der Aufseher über die Pferde, anstatt mich der geschenkten Freyheit genießen zu lassen, überließ mich zu Hause der Willkühr seiner Hausfrau Megapola, die mich an die Mühle binden ließ, wo ich allen ihren Weitzen und ihre Gerste mahlen mußte. Und doch wäre es für einen dankbaren Esel noch ein erträgliches Ungemach gewesen, seiner Vorgesetzten Getreide zu mahlen. Aber Frau Megapola war eine so gute Wirthin, daß sie meinen armen Hals auch einer Menge andern, die in dieser Gegend Feldgüther hatten, um den gewöhnlichen Mahllohn vermiethete. Die Gerste die mir zu meinem täglichen Unterhalt ausgeworfen war, röstete sie, schüttelte sie mir eigenhändig zum Mahlen auf, und buck Kuchen daraus, die sie sich wohl schmecken ließ: ich hingegen mußte mich mit den Kleyen behelfen. Und wenn mich auch der Hirt zuweilen mit den Stuten austrieb, so wurde ich von den Hengsten beynahe zu Tode gebissen und geschlagen. Denn, da sie sich in den Kopf gesetzt hatten daß ich Absichten auf ihre Weiber hätte, so verfolgten sie mich unablässig, und schlugen mit beyden Hinterhufen so kräftig nach mir, daß mir, um den tödtlichen Wirkungen dieser pferdmäßigen Eifersucht zu entgehen, kein Mittel übrig blieb, als sogleich die Weide wieder zu verlassen. Bey so bewandten Umständen, da ich weder zu Hause bey der Mühle gute Tage hatte, noch draussen auf der Weide vor den feindseligen Anfällen meiner Weidecameraden fressen konnte, mußte ich natürlicher Weise so mager werden, daß ich in kurzem nur in Haut und Knochen hieng.

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