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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Inzwischen war es Tag geworden, wir hatten bereits einige Berge überstiegen, und mehr als einmal war ich bey Rosenhecken, die an unserm Wege standen, vorbeygegangen; aber man hatte die Vorsicht gebraucht, damit wir uns nicht unterwegs auf Abschlag unsrer Mittagsmahlzeit mit weiden aufhalten könnten, uns die Mäuler zu verbinden; so daß ich damals ein Esel hätte bleiben müssen, und wenn es Rosen geregnet hätteWer diesen Paragraphen in seinem Zusammenhang im Griechischen lesen will, wird ohnezweifel so gut wie ich finden, daß etwas zu fehlen scheint. Denn der Nachsatz ώστε έστην τότε καὶ έμεινα όνος macht in unmittelbarer Verbindung mit dem vorhergehenden, und als eine Folge desselben (die das Verbindungswörtchen ώστε andeutet) offenbar einen Schluß, der nicht schließt. Lukian kann nicht so geschrieben haben. Sobald man hingegen annimmt, daß sein Lucius unterwegs Rosen gesehen habe, (die, wenn er davon hätte essen können, seine Bezauberung aufgelöst haben würden) so begreift man erstens, warum er des Maulkorbes Erwähnung thut: und dann warum er ihn als die Ursache angiebt daß er damals ein Esel geblieben sey. Weder ein Übersetzer noch ein Commentator scheint bisher bey dieser Stelle angestanden zu haben; Graevius hält sich (ohne Noth, däucht mich) bloß mit dem Worte έστην auf; und Massieu der gemerkt zu haben scheint, daß es mit dem Text nicht ganz richtig sey, läßt den Lucius getrost sagen: de sorte que je fus alors véritablement âne dans toute la force du terme; welches zwar ganz was anders ist als was der Griechische Text sagt, aber der Schwierigkeit nicht abhilft. Ich schäme mich beynahe, daß ich der erste seyn soll, der hier eine Lücke ahnet, und würde lieber in meine Logik als in die Nasen so vieler gelehrter Männer Mißtrauen setzen, wenn es mir weniger in die Augen springend schiene, daß entweder meine Vermuthung richtig ist, oder Lukian diese Stelle im Schlafe geschrieben haben müßte. Ich habe also kein Bedenken getragen, den ganzen Paragraphen so zu wenden, wie ich glaube, daß er lauten muß, um einen richtigen Sinn zu geben; und wenn ich allenfalls auch darin zu viel gethan hätte, so können sich Lukians pii Manes wenigstens nicht dadurch beleidigt finden..

Als es Mittag wurde, kehrten wir in einem abgelegenen Meyerhof ein, dessen Bewohner, soviel ich aus allen Umständen schließen konnte, gute Bekannte von unsern Räubern waren. Denn sie grüßten einander mit einem Kusse, und die Leute im Hofe luden die unsrigen ein, bey ihnen einzukehren und setzten ihnen zu essen vor; uns lastbaren Thieren aber gaben sie Gerste. Meine Cameraden ließen sichs wohl schmecken: aber ich, der in meinem Leben keine Mittagsmahlzeit von roher Gerste gehalten hatte, sah mich überall, wiewohl mich ganz erbärmlich hungerte, nach etwas um, das ich essen könnteWäre Lucius nach Seele und Leib in einen Esel verwandelt gewesen, so würde er instinctmäßig rohe Gerste gefressen haben, wie ein andrer Esel, wiewohl es das erstemal in seinem Leben gewesen wäre: aber da ihm die Vernunft geblieben war, konnte er sich auch in Sachen, die durch seine Verwandlung ein ganz anderes Verhältniß zu ihm bekommen hatten, die menschliche Vorstellungsart so bald nicht abgewöhnen., und erblicke endlich einen Garten hinter dem Hofe, der einen Überfluß an allerley schönem Gemüse hatte, und überdieß stachen mir auch Rosen in die Augen. Ich also, nicht faul, gehe, da niemand im Hause Acht auf mich gab (denn sie waren alle mit ihrem Mittagessen beschäfftiget) in den Garten, sowohl um meinen Hunger mit rohem Gemüse zu stillen, als von den Rosen zu essen, die mich, wie ich nicht zweifelte, wieder zum Menschen herstellen würdenDer Hunger muß in der That sehr dringend gewesen seyn, daß er den Rosen nicht zuerst zulief.. Wie ich mich nun in dem Garten sah, machte ich mich sogleich über alles her, was der Mensch ungekocht zu essen pflegt, und füllte mich mit Salat, Rettichen und Petersilien an: die Rosen aber waren leider keine wahren Rosen, sondern die Blüthen einer Art wilder Lorberbäume, die der gemeine Mann Lorberrosen zu nennen pflegt, und die man den Eseln und Pferden für so schädlich hält, daß, wer davon äße, auf der Stelle sterben müßteOhnezweifel muß diese, von den Copisten verunstaltete Stelle so gelesen werden – ουκ η̃ν ρόδα αληθινά, αλλ' εκ τη̃ς αργίας Δάφνης φυόμενα (ροδοδάφνην αυτὴν καλου̃σιν άνθρωποι) κακόν etc. Die Rede ist von dem Baume, den wir gewöhnlich Oleander nennen..

Inzwischen kommt der Gärtner, der etwas gemerkt haben mochte, mit einem tüchtigen Prügel in den Garten, und wie er die Verwüstung sieht, die der Feind auf seinen Gemüsebeeten angerichtet hat, geht er mit dem ganzen Eifer eines streng über Ordnung haltenden Amtmanns auf den Dieb loß, und bläut mit seinem Knittel, unbekümmert wo es hin trifft, so erbärmlich auf mich zu, als ob er mir alle Knochen zu Brey schlagen wolle. Eine so grausame Behandlung erschöpfte endlich meine Geduld, und ich versetzte ihm mit beyden Hinterhufen einen so derben Schlag, daß er der Länge nach in seinen Kohl hineinfiel. Nach dieser Heldenthat floh ich in vollem Galopp den Bergen zu: aber der Gärtner schrie, man sollte die Hunde auf mich loß lassen, deren eine gute Anzahl auf dem Hofe war, so groß und stark, daß sie es mit Bären aufnehmen konnten. Da sie mich nun, wenn sie mich ergriffen hätten, unfehlbar in Stücken zerrisen haben würden, machte ich eine kleine Seitenwendung, beschloß, dem weisen Sprüchwort gemäß, lieber umzukehren, als übel zu laufen, und kam wieder in den Hof zurück. Sogleich wurden auch die Hunde die man auf mich losgelassen hatte, wieder zurückgerufen und an die Kette gelegt; mich aber prügelten sie tüchtig ab, und hörten nicht eher auf, bis ich vor Schmerz alles was ich gefressen hatte wieder von mir gab.

Wie es nun Zeit war, sich wieder auf den Weg zu machen, luden sie mir das meiste und schwerste von den gestohlnen Sachen auf. Die vielen Schläge, die ich bekam, und die übermäßige Last, die ich tragen mußte, wiewohl der rauhe Weg mir die Hufe beynahe abrieb, brachten mich endlich zur Verzweiflung. Ich beschloß auf dem Wege hinzufallen und nicht wieder aufzustehen, wenn sie mich auch todt schlagen sollten. Dieser kluge Einfall, hoffte ich, sollte eine glückliche Veränderung in meinem Schicksale bewirken; denn ich zweifelte nicht, meine Tyrannen würden, durch meinen Starrsinn überwältiget, meine Ladung unter das Saumpferd und den Maulesel theilen, mich aber den Wölfen zur Beute auf der Erde liegen lassen. Aber irgend ein mißgünstiger Dämon, der in meiner Seele laß, machte daß gerade das Gegentheil erfolgte. Der andere Esel, der vielleicht die nehmlichen Gedanken hatte wie ich, fiel auf einmal zu Boden. Jene hießen den armen Tropfen anfangs mit Prügeln aufstehen, und wie sie sahen, daß mit Schlägen nichts auszurichten war, zogen ihn die einen bey den Ohren, die andern beym Schwanze, um ihn mit Gewalt wieder auf die Beine zu bringen. Da aber alles nichts helfen wollte, und er wie ein Stein im Wege liegen blieb und alle Viere von sich streckte, beriethen sie sich unter einander was zu thun sey? Und da sie fanden, sie würden doch nur die Zeit zur Flucht unnützer Weise verlieren, wenn sie sich bey einem in letzten Zügen liegenden Esel länger aufhalten wollten: so theilten sie das sämtliche Gepäcke, womit er beladen war, unter mich und den Gaul; meinen armen Unglückscameraden aber nahmen sie, hieben ihm die Kniekehlen entzwey, und warfen ihn, noch zappelnd, über die Felsen hinabIch beklage, daß sich Lukian den elenden Spaß, ο δὲ απήει κάτω τὸν θάνατον ορχούμενος, (so fiel er den Tod tanzend hinab, oder so tanzte er sich die Felsen hinab zu tode, oder wie man es sonst geben will) hat nicht entgehen lassen, und habe gethan was Er hätte thun sollen. .

Das schreckenvolle Ende meines Reisegefährten, wovon ich Augenzeuge war, machte einen so tiefen Eindruck auf mich, daß ich mir vornahm, mein gegenwärtiges Schicksal männlich zu ertragen, und unverdrossen fortzuwandeln, da ich doch die tröstliche Hoffnung hatte, über kurz oder lang Rosen anzutreffen, und durch sie errettet und wiederhergestellt zu werden. Auch hörte ich von den Räubern, wir hätten nicht viel Weg mehr zu machen, und würden bald an den Ort kommen wo wir zu bleiben hätten. Wir liefen also, so beladen wir auch waren, was wir konnten, und langten gegen Abend in der gewöhnlichen Wohnung der Räuber an, wo eine alte Frau in der Stube saß, und ein tüchtiges Feuer auf dem Heerde brannte. Uns Lastthieren wurde alles was wir getragen hatten, abgenommen, und im Hause in Verwahrung gebracht. Nun, sagten sie zu dem alten Weibe, warum sitzest du so da, und machst uns das Essen nicht zurecht? – O, sagte die Alte, es ist alles schon fertig; ihr findet Brodt in Überfluß, und Wildpret, und etliche Fässer alten Weins. Du bist ein braves Mütterchen, sagten die Räuber; und nun zogen sie sich aus, salbten sich am Feuer, und wuschen sich, in Ermangelung eines ordentlichen Bades, mit dem warmen Wasser, das sie im Kessel neben dem Feuer stehen fanden.

Bald darauf kamen eine Anzahl junger Bursche an, die eine Menge Hausrath, goldne und silberne Gefäße, und sowohl Manns- als Frauenzimmer Kleider und Schmuck mitbrachten; und nachdem sie das alles in das gemeinschaftliche Magazin geschafft hatten, wuschen sie sich ebenfalls. Die ganze Bande setzte sich nun zu Tische, und ließ sichs tapfer schmecken, und es gieng so laut dabey zu, als man sichs von Leuten ihres Gelichters vorstellen kann. Die Alte schüttete mir und dem Gaule Haber vor, den dieser, aus Furcht ich würde mitessen wollen, so eilfertig als er konnte, hinunterschlang: aber ich wußte mir anders zu helfen, und so oft die Alte hinausgieng, schnappte ich eines von den Brodten weg, die in einer Ecke aufgehäuft lagen. Des folgenden Tages giengen die Räuber alle wieder auf ihr Geschäffte aus, und ließen bloß die Alte und, zu meinem großen Leidwesen, einen einzigen jungen Kerl bey uns zurück. Denn bey einem solchen Wächter war für mich nun an kein entfliehen zu gedenken. Aus dem alten Weibe hätte ich mir nichts gemacht; aber der junge Bursche war ein großer starker Kerl, der eine gefährliche Miene hatte, immer seinen Hirschfänger an der Seite trug, und, so oft er ausgieng, die Thür hinter sich zuschloß.

Nach drey Tagen, gegen Mitternacht, kamen die Räuber wieder, brachten aber dießmal weder Gold noch Silber, noch sonstwas anders mit als ein junges mannbares Mädchen von ungemeiner Schönheit, mit fliegendem Haar und zerrißnem Oberkleide, welche bitterlich weinte. Sie brachten sie hinein, setzten sie auf die Streu hin, hießen sie gutes Muthes seyn, und befahlen der Alten, bey ihr zu bleiben, und wohl auf sie Acht zu geben. Das Mädchen aber wollte weder etwas essen noch trinken, und that nichts als weinen und sich die Haare ausraufen; so, daß ich selbst, der nicht weit davon an der Krippe stand, mich nicht erwehren konnte, über das Schicksal einer so schönen Jungfrau mit zu weinen.

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