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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Endlich kam Hipparchus wieder nach Hause, wir giengen ins Bad, und von da zu Tische, und während wir zusammen schwatzten, wurden die Becher fleissig ausgeleert. Endlich stelle ich mich schläfrig, beurlaube mich, und gehe auf mein Zimmer. Hier war schon alles in der schönsten Ordnung. Meinem Burschen war sein Bette im Vorsaal gemacht. Vor dem meinigen stand ein Tischgen mit einer Trinkschale, einem Krug Wein, und zwey Gefäßen mit kaltem und warmem Wasser; kurz, Palästra hatte für alles gesorgt. Die Bettdecken waren mit einer Menge Rosen, ganzen, zerblätterten, und in Kränze geflochtnen, überstreut; alles war zum Schmause bereit, und nur meine Mitzecherin fehlte noch, und wurde mit Ungeduld erwartet. Endlich, nachdem sie ihre Gebieterin zu Bette gebracht, stellte sie sich ein, und –Was ich hier auszulassen gezwungen bin, ist so beschaffen, daß ausser den (zu gutem Glücke ziemlich unverständlichen) lateinischen Übersetzern, noch kein anderer schamlos genug gewesen ist, eine Dollmetschung davon zu wagen. Bey den Griechen, die über diesen Punct viel ertragen konnten, mag diese sotadische Scene wegen der durchgängigen Anspielung auf ihre gymnastischen Übungen, Gnade gefunden haben, wozu der Nahme des Mädchens den Vorwand geben mußte, wiewohl er augenscheinlich zu diesem Mißbrauch des Witzes aus allen möglichen Hetären-Nahmen vorsetzlich ausgewählt war. Palästra ist hier zu gleicher Zeit der Fechtboden und der Fechtmeister; Lucius macht den Lehrling; und beyde (oder vielmehr der Autor, in einer Stunde, wo ihn die gute Göttin Sophrosyne und ihre Grazien gänzlich verlassen hatten) gefallen sich in einer allegorischen Anwendung aller möglichen Kunstwörter der Griechischen Ring- und Fecht-Kunst auf die Kampfspiele der Venus-Hetäre. Dieß ist alles was sich zu Rechtfertigung der Lücke, die man hier findet, sagen läßt, und ist, denke ich, für bescheidene Leser mehr als genug. wir brachten eine so angenehme Nacht zu, daß mir die Reise nach Larissa gänzlich darüber aus dem Sinne kam.

Endlich fiel mir doch wieder ein, mich nach der Sache zu erkundigen, um derentwillen ich eigentlich nach Hypata gekommen war. Ich bat also Palästren, mir dazu verhülflich zu seyn, daß ich, wenn ihre Gebieterin sich verwandelte oder irgend ein anderes Zauberwerk vorhätte, einen unbemerkten Zuschauer dabey abgeben könnte; denn, sagte ich, es ist schon lange daß ich so etwas übernatürliches mit meinen eigenen Augen sehen möchte. Oder, wenn du selbst ein wenig hexen kannst, so thue mir den Gefallen, meine Liebe, und mache auf der Stelle, daß sich etwas vor meinen Augen in was anders zu verwandeln scheine. Denn ich bilde mir ein, auch Du müssest etwas von dieser Kunst verstehen; nicht als ob dich jemand bey mir verrathen hätte; ich schließe es bloß aus der Wirkung, die du auf meine eigene Seele gemacht hast. Denn daß du Mich, der in seinem Leben kein Frauenzimmer mit verliebten Augen ansah, mich, den sie nur den Diamantenen zu nennen pflegten, so schnell zu überwältigen, und zu fesseln, und in Einer Nacht so weich und geschmeidig zu machen gewußt hast, das kann nicht mit rechten Dingen zugehen; da muß Zauberey dahinter stecken. – Närrchen! versetzte Palästra lachend; als ob irgend eine Zauberformel kräftig genug seyn könnte, Amorn etwas anzuhaben, der selbst ein Tausendkünstler, und der größte aller Zauberer ist? Aber aufrichtig und Scherz bey Seite, mein Allerliebster, ich weiß nicht ein Wort von solchen Dingen, ich schwöre dirs bey deinem Leben, und bey diesem glücklichen Ruhebettchen! Denn ich habe weder lesen noch schreiben gelernt, und meine Frau ist viel zu eifersüchtig auf ihre Kunst, als daß sie mir etwas davon hätte mittheilen sollen. Aber sobald ich eine Gelegenheit dazu finde, will ich versuchen, ob ich sie dir zu sehen geben kann, wenn sie sich verwandelt. – Nach diesem Gespräche schlummerten wir unvermerkt ein.

Wenige Tage darauf bringt mir Palästra die Nachricht, ihre Frau sey gesonnen, sich in einen Vogel zu verwandeln, und in dieser Gestalt zu ihrem Geliebten zu fliegen. Nun, liebe Palästra, sagte ich, nun ist endlich die Gelegenheit da, mir zu zeigen ob du mir gut bist, und deinem Sclaven zu Befriedigung eines schon so lange gehegten Wunsches zu verhelfen! – Sie hieß mich ruhig seyn; und sobald die Nacht anbrach, führt sie mich vor die Thür des Schlafzimmers ihrer Herrschaft, und heißt mich die Augen an eine dünne Spalte in der Thür halten, und beobachten was vorgehen würde. Ich sehe die Frau sich ausziehen; und wie sie ganz entkleidet ist, geht sie nackend zur Lampe, legt zwey Weyhrauchkörner in die Flamme, und bleibt dann eine gute Weile vor der Lampe stehen, indem sie ich weiß nicht was zu ihr hin murmelt. Hierauf öffnete sie eine ziemlich große Kiste, worin eine Menge Büchsen waren, und nahm eine davon heraus; was eigentlich darin war, davon kann ich nichts sagen, als daß es mir, dem Ansehen nach, Öhl zu seyn schien. Damit schmierte sie sich nun am ganzen Leibe ein, von den Nägeln an den Füßen bis zum Wirbel, und plötzlich, brechen ihr am ganzen Leibe Federn hervor, ihre Nase wird ein krummer Schnabel, sie bekommt alles was zu einem Vogel gehört und ihn von andern Thieren unterscheidet, mit einem Worte, sie hört auf zu seyn was sie war, und ist in einen Nachtraben verwandelt. Kaum sah sie sich befiedert, so gab sie den widerlich krächzenden Ton von sich, der diesen Vögeln eigen ist, erhob sich in die Luft, und flog zum Fenster hinaus.

Ich stand da und glaubte, das alles geträumt zu haben. Ich rieb mir die Augenlieder, wie einer der seinen eigenen Augen nicht trauet, und nicht glauben kann daß er wacht und wirklich sieht was er sieht. Endlich, wie ich mich mit vieler Mühe überzeugt hatte daß ich nicht schlafe, bat ich Palästren, mich vermittelst der nehmlichen Zaubersalbe ebenfalls zu befiedern und fliegen zu lassen: denn ich wollte aus Erfahrung wissen, ob ich bey dieser Umgestaltung auch der Seele nach zum Vogel werden würde. Sie machte also die Thür sachte auf und hohlte die Büchse. Ich werfe in größter Eile meine Kleider von mir, schmiere mich über und über mit der Salbe: aber leider! es wollen keine Federn kommen. Statt deren geht mir hinten ein langer Schwanz heraus, meine Finger und Zehen verschwinden und verwandeln sich in vier Hufe von Horn, meine Arme und Füße werden zu Vorder- und Hinterfüßen eines Lastthiers, meine Ohren und mein Gesicht verlängern sich, kurz, wie ich mich um und um betrachte, sehe ich daß ich ein Esel bin. Ich erschrecke vor mir selbst, ich will mich gegen Palästren beklagen; aber ich habe keine menschliche Sprache mehr; alles was ich thun kann, ist mein breites Hängemaul aufzusperren, den Kopf wie ein ächter Esel traurig zur Erde sinken zu lassen, und die Unglückliche durch diese unmittelbare Darstellung meiner Eselheit anzuklagen, daß sie statt eines Vogels ein Müllerthier aus mir gemacht hat.

Das arme Mädchen schlug sich mit beyden Händen vor die Stirne; O ich Unglückselige, rief sie, was hab ich gethan! Vor Eile hab ich mich in den Büchsen geirrt, und statt der rechten eine andere ergriffen. Aber fasse Muth, mein Allerliebster, dem Übel ist leicht zu helfen. Du brauchst nur Rosen zu essen, so wirst du diese Gestalt wieder ablegen, und mir meinen Liebhaber wieder geben. Gedulde dich nur diese einzige Nacht in dieser Esels-Maske, mein Bester! Morgen in aller Früh will ich nach Rosen laufen was ich kann, und dich unverzüglich wieder herstellen. Mit diesen Worten kraut sie mir in den Ohren, und streichelt mich freundlich den Rücken herab.

Ich war nun also, dem Äusserlichen nach, so sehr Esel als man es seyn kann, hingegen der Sinnesart und Vernunft nach der vorige Lucius, die Sprache allein ausgenommen. Ich gieng also, vor Verdruß mich in die Lippen beissend, und über Palästrens Unvorsichtigkeit in mir selbst brummend, in den Stall, wo mein eigenes Pferd und ein anderer, natürlicher Esel, der dem Hipparch angehörte, stand. Diese merkten nicht sobald daß sich eine neuer Ankömmling meldete, der die Miene hatte in Gemeinschaft ihres Heues mit ihnen treten zu wollen, als sie schon die Ohren sinken ließen, und sich in Positur setzten, die Rechte ihres Magens mit ihren Hinterfüßen zu verfechten. Ich fand also für sicherer, mich so weit als möglich von der Krippe entfernt zu halten, und lachte über die neuen Verhältnisse, worein mich meine Gestalt setzte: aber mein Lachen war das Schreyen eines Esels. Unseliger Vorwitz! dachte ich jetzt bey mir selbstDer Text hat hier (wie in diesem Stücke öfters) etwas widersinnisches, das vielleicht auf Rechnung der Abschreiber kommt. Er scheint zu sagen, oder sagt vielmehr wirklich, Lucius habe darüber gelacht, daß er sich durch seinen Vorwitz in die Gefahr gesetzt habe von Wölfen gefressen zu werden. Aber über einen so unlustigen Gedanken lacht weder ein Mensch noch ein Esel. Ich habe also der ganzen Stelle den einzigen Sinn geliehen, dessen sie mir fähig scheint. Lucius war noch ein zu neuer Esel, um es nicht alle Augenblicke zu vergessen. Er lachte, (oder würde vielmehr gelacht haben, wenn ihm seine Organe nicht versagt hätten) über die mißgünstigen Gesinnungen seiner neuen vierfüßigen Cameraden, weil er in diesem Moment nicht daran dachte, daß er nun ihresgleichen war. Aber der Ton seines Lachens erinnerte ihn sogleich wieder daran; und nun folgten die Gedanken, die ihn seinen Vorwitz verwünschen machten, nicht als die Ursache seines Lachens, sondern als eine Folge des Gefühls seiner Eselheit, welches ihm das Hören seiner eigenen Stimme plötzlich wieder aufgedrungen hatte. , wenn nun ein Wolf oder ein anderes reissendes Thier den Weg in diesen Stall fände, so müßte ich mich zerreissen lassen, ohne etwas verbrochen zu haben! Wie wenig ahndete mir, indem ich dieses dachte, an den fatalen Streich, den mir mein böses Glück noch in dieser Nacht spielen würde!

Es war tief in der Nacht, alles im Hause war still und lag in süßem Schlaf; auf einmal höre ich die Mauer von aussen krachen, als ob ein Loch hineingebrochen würde. Dieß geschah auch wirklich, und bald war die Öffnung groß genug, daß ein Mensch durchschlüpfen konnte. Sogleich kommt ein Kerl dadurch herein, diesem folgt ein anderer, bald sind ihrer eine ganze Menge, und alle mit Schwerdtern bewaffnet. Sie binden Hipparchen, Palästren und meinen Bedienten in ihren Betten, leeren das ganze Haus, tragen Geld, Kleider und Hausrath hinaus, und wie sie nichts mehr finden das des Mitnehmens werth ist, kommen sie auch zu uns, führen mich, das Pferd und den andern Esel, hervor, legen uns Saumsättel auf, und binden uns alles, was sie aus dem Hause getragen hatten, auf den Rücken. Wie sie uns nun schwer genug beladen hatten, trieben sie uns mit Knitteln vor sich her, um sobald nur möglich auf einem rauhen wenig gangbaren Wege ins Gebürge zu entfliehen, wo sie ihre Niederlage hatten. Wie meinen lastbaren Cameraden dabey zu Muthe war, kann ich nicht sagen: aber ich, der nicht beschlagen und dieser Strapazen nicht gewohnt war, ich glaubte daß es mein letztes sey, und hätte, auf den spitzigen Steinen, unter der Last womit ich überladen war, alle Augenblicke zusammensinken mögen. Ich strauchelte auch oft genug; aber fallen wurde hier wie ein Verbrechen behandelt, und es war gleich einer da, der mir mit einem tüchtigen Prügel wieder auf die Beine half. Ich wollte zwar oft »O Cäsar!« ausrufen; aber ich brachte nichts als ein ungeheuer langes und lautes eselmäßiges O heraus, der Cäsar aber wollte nicht nachkommen. Auch dieß zog mir neue Schläge zu, weil ich sie durch mein Schreyen, wie sie sagten, verrathe. Da ich also sah, daß mir meine Provocation an den Kayser so übel bekam, beschloß ich stillschweigend fortzuschleichen, und mir dadurch wenigstens die Schläge zu ersparen.

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