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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Rings um die ganze Insel zieht sich ein Wald, dessen Bäume Mohnblumen und Alraunen von ausserordentlicher Höhe sind, unter welchen sich eine ungeheure Menge Fledermäuse aufhalten, als der einzige Vogel, der hier zu sehen ist. Nahe an der Stadt fließt ein Fluß, den sie NyktiporosNachtwandler. nennen, und nicht weit von den Thoren zwey Brunnen, wovon der eine NegretosDer Unerweckliche. und der andere PannychiaDie ganze Nacht durch. heißt. Die Stadt ist mit einem hohen Wall umgeben der mit allen Farben des Regenbogens prangt. Sie hat nicht, wie Homer sagt, zwey, sondern vier Thore, wovon zwey die Aussicht gegen das Gefilde der Fühllosigkeit haben, das eine von Eisen, das andere von Ziegeln; aus diesen, sagt man, gehen alle schrecklichen, blutigen und grausamen Träume: die anderen beyden sehen gegen den Hafen und das Meer, und zwar ist das eine von Horn, und das andere, durch welches wir hereinkamen, von Elfenbein. Dem, der in die Stadt hinein geht, rechter Hand, steht der Tempel der Nacht; denn unter allen Göttern wird hier der Nacht und dem Alektryon die meiste Ehre erwiesen. Der letztere hat seinen Tempel nahe am Hafen. Linker Hand steht der Palast des Schlafs, der hier König ist und zwey Satrapen oder Statthalter unter sich hat, den Taraxion, Matäogenes Sohn, und den Plutokles PhantasionsDiese sprechenden Nahmen hätte ein Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft allenfalls durch Schrecker, Eitelwolfs, und Reichstolz, Faslers Sohn, verdollmetschen können. Man muß gestehen, daß uns heutigen Lesern dieser seyn sollender Witz, diese müßigen Personiflcationen, dieß Spielen mit redenden Nahmen u. s. w. unsäglich frostig vorkommt. Vermuthlich würde man es zu Athen zwischen der 80sten und 116ten Olympiade eben so gefunden haben, wiewohl man gestehen muß, daß Aristophanes selbst nicht ganz frey von dergleichen Spielerey ist.. Mitten auf dem Markt ist ein Brunnen, den sie Schlaftrunk nennen, und nahe dabey zwey Tempel, wovon der eine der Täuschung und der andere der Wahrheit gewidmet ist. Auch haben sie hier ein Orakel, dessen Vorsteher und Prophet, Nahmens Antiphon, bestellt ist die Träume zu deuten; eine Würde, die er unmittelbar vom Schlaf erhalten hatOb dieß vielleicht einem damaligen, uns nicht mehr bekannten, Traumdeuter gilt?.

Was die Träume selbst betrifft, so sind sie von sehr verschiedener Natur und Gestalt; einige groß, schön und lieblich anzusehen, andere klein und ungestalt; einige, dem Anschein nach, lauter Gold, andre von geringem oder gar keinem Werthe. Verschiedene unter ihnen hatten Flügel und allerley abenteuerliche Formen; andere waren, wie zu einem festlichen Aufzug, als Götter, Könige und dergleichen angezogen und herausgeputzt. Viele von ihnen erinnerten wir uns ehmals zu Hause schon gesehen zu haben. Diese kamen auf uns zu, grüßten uns als alte Bekannte, bewirtheten uns, nachdem sie sich unsrer bemächtigt hatten, aufs prächtigste und versprachen uns sogar Könige und große Herren aus uns zu machen. Einige führten uns jeden in sein eigenes Vaterland, zeigten uns unsre Angehörigen und guten Freunde, und brachten uns am nehmlichen Tage wieder zurück. So verschliefen wir in geträumtem Wohlleben dreissig Tage und Nächte auf dieser Insel. Endlich weckte uns plötzlich ein starker Donnerschlag, wir sprangen auf, versahen unser Schiff mit Lebensmittelnaus der Insel der Träume?, und segelten davon.

Am dritten Tage stiegen wir an der Insel Ogygia aus. Aber ehe ich den Brief, den ich für die Calypso bey mir hatte, übergab, wollte ich doch wissen was darin stünde, und brach ihn auf. Er lautete folgendermaßen: »Ulysses an Calypso. Meinen Gruß zuvor! Ich bediene mich dieser guten Gelegenheit, dir zu melden, daß ich mit dem von mir zusammengeflickten Schiffchen, worin ich von dir abfuhr, gar bald verunglückte, und nur durch Leukotheas Beystand mit dem Leben davon kam und an die Küste der Phäazier gerettet wurde. Diese beförderten mich in meine Heimath, wo ich meine Hausfrau von einer Menge Freyern belagert fand, die in meinen Gütern schwelgten. Ich tödtete sie alle, wurde aber in der Folge selbst von Telegonus, einem Sohne den ich von der Circe hatte, ums Leben gebracht, und halte mich nun in der Insel der Seligen auf, wo ich gute Muße habe michs gereuen zu lassen, das angenehme Leben, das ich bey dir hatte, verlassen, und die Unsterblichkeit, die du mir anbotest, ausgeschlagen zu haben. Sobald ich also Gelegenheit finden kann, werde ich von hier zu entwischen suchen, und zu dir zurückkehren.«

Dieß war der Inhalt des Briefes, und zum Schlusse kam noch eine Bitte, daß sie uns freundlich aufnehmen möchte.

Ich hatte vom Ufer aus nicht weit zu gehen, so fand ich die Grotte, gerade so wie sie Homer beschreibt, und die Göttin darin mit ihrer Wolleweberey beschäfftigt. Sie nahm den Brief an, steckte ihn in ihren Busen, und ließ ihren Thränen freyen Lauf: als sie sich aber wieder gefaßt hatte, lud sie uns zur Tafel ein, wo sie uns prächtig bewirthete, und viel von Ulysses mit uns sprach, auch über seine Penelope allerley Fragen an uns that, z. B. wie sie aussähe, und ob sie denn wirklich ein solches Tugendbild sey, wie Ulysses von ihr gerühmt habe. Wir antworteten ihr, was wir vermutheten daß sie am liebsten hören würde; und kehrten dann nach unserm Schiffe zurück, wo wir nah am Strande die Nacht zubrachten.

Des folgenden Morgens fuhren wir mit einem ziemlich frischen Winde ab, wurden ein paar Tage von Stürmen herumgeworfen, und geriethen am dritten unter die Kolokynthopiraten, eine Art von Wilden, die, von den benachbarten Inseln aus, auf Beute ausgehen, und die vorüberfahrenden berauben. Ihre Schiffe sind große ausgeholte Kürbisse, gegen sechs Ellen lang; ihre Mastbäume von Rohr, und ihre Segel von Kürbisblättern. Diese Seeräuber fielen uns mit zwey wohlbemannten Schiffen an, und überdeckten uns statt der Steine mit einem Hagel von Kürbiskernen, wodurch viele von uns verwundet wurden. Wir hatten uns indessen doch eine gute Weile gewehrt, ohne daß sich der Sieg auf die eine oder andere Seite entscheiden wollte, als wir gegen Mittag einige KaryonautenNußschiffer. den Kolokynthopiraten in den Rücken kommen sahen, die, wie sichs bald zeigte, ihre Feinde waren. Denn sobald die letztern ihre Ankunft gewahr wurden, ließen sie von uns ab, drehten sich gegen die Karyonauten, und fiengen ein hitziges Gefecht mit ihnen aus den Schiffen an. Wir zogen indeß unser Segel wieder auf, und machten uns davon, ohne uns weiter um den Erfolg zu bekümmern; indessen sahe man doch wohl, daß die Karyonauten, welche ihnen an Zahl der Schiffe überlegen waren, Sieger werden würden; zumal da ihre Fahrzeuge auch von stärkerm Bau waren; denn es waren lauter halbe Nußschalen, deren jede funfzehn Schritte in die Länge maß. Sobald wir ihnen aus den Augen gekommen waren, verbanden wir unsre Verwundeten, und blieben von dieser Zeit an immer bewaffnet, weil wir uns nie vor diesen oder jenen Nachstellungen sicher hielten; und es zeigte sich bald daß wir wohl daran thaten. Denn die Sonne war noch nicht völlig untergegangen, als aus einer wüsten Insel, bey der wir vorbeyfuhren, ungefähr zwanzig Mann auf großen Delphinen gegen uns angeritten kamen. Auch diese waren Räuber. Ihre Delphine trugen sie so sicher als sie es verlangen konnten, und wieherten und bäumten sich wie die muthigsten Pferde. Wie diese Wilden nahe genug an uns gekommen waren, stellten sie sich zu beyden Seiten um unser Schiff, und warfen mit trocknen Tintenfischen und Krabbenaugen nach uns. Da wir ihnen aber mit Pfeilen und Wurfspießen unser Gegencompliment machten, hielten sie nicht lange Stand, und flohen größtentheils verwundet ihrer Insel zu.

Um Mitternacht und bey sehr ruhiger See fuhren wir unwissender Weise gegen ein ungeheures Eisvogelnest an, das ungefähr sechzig Stadien im Umkreis haben mochteHerr Massieu macht hier wieder aus sechzig, sechs hundert; als ob sechzig Stadien (ungefähr vierthalb Stunden) im Umkreis nicht schon eine ganz artige Größe für ein Eisvogelnest wäre.. Der Eisvogel, der eben über den Eyren saß und brütete, gab seinem Nest an Größe nicht viel nach; und da er aufflog, fehlte wenig daß er unser Schiff mit dem Winde, den seine Flügel machten, nicht umgeworfen hätte. Indem er davon flog, ließ er eine sonderbare klägliche Stimme von sich hören. Als es Tag wurde, stiegen wir aus, um das Nest zu besehen, das aus lauter Bäumen zusammengefügt war und einem ungeheuern Flosse ähnlich sah. Es lagen funfzig Eyer darin, jedes größer als eine Chiische Tonne, und die Jungen darin waren bereits sichtbar und piepten. Wir hieben eines von diesen Eyern mit einer Zimmeraxt auf, und zogen ein unbefiedertes Küchelchen heraus, das stärker war als zwanzig Geyer.

Kaum hatten wir uns wieder auf zweyhundert Stadien vom Nest entfernt, als uns verschiedene höchst erstaunliche Wunderdinge begegneten. Die Gans auf dem Vordertheile unsers SchiffesEine geschnitzte nehmlich. fieng auf einmal an mit den Flügeln zu schlagen und laut zu schnattern; unser Steuermann Skintharus, der so kahl war wie die flache Hand, bekam plötzlich seine Haare wieder; und, was noch das wunderbarste war, unser Mastbaum fieng an zu sprossen, Äste zu treiben, und oben im Wipfel Feigen und Weintrauben zu tragen, wiewohl noch nicht völlig zeitige. Man kann sich vorstellen, wie bestürzt wir über alle diese Wunderzeichen wurden, und wie eifrig wir die Götter baten, die Übel von uns abzuwenden, die etwa dadurch bedeutet werden könnten.

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