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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechs Monate von dem mir vergönnten Aufenthalt auf dieser Insel waren nun bereits verflossen, als gegen die Mitte des siebenten sich etwas Neues zutrug. Ein gewisser Cinyrus, Scinthars Sohn, ein großer schöner junger Bursche, hatte sich seit geraumer Zeit in die Helena verliebt, und es fiel nur zu sehr in die Augen, daß sie den jungen Menschen nicht weniger rasend lieb hatte; denn über der Tafel war ein ewiges Winken und Zunicken und Zutrinken zwischen ihnen, und, wenn alles noch sitzen blieb, standen sie auf, und schlenderten Arm in Arm im Walde herum. Endlich stieg die Leidenschaft beym Cinyrus auf einen so hohen Grad, daß er sich nicht anders mehr zu helfen wußte, als indem er auf den Einfall kam, seine Schöne zu entführen, und mit ihr in eine der nahe gelegenen Inseln, nach Phello oder Tyroessa, zu entfliehen. Die Dame war hierüber mit ihm einverstanden, und sie hatten schon seit geraumer Zeit drey von meinen Gefährten, Leute die alles zu unternehmen fähig waren, in ihr Complot gezogen. Nur seinem Vater hatte Cinyrus nichts davon merken lassen, weil er wohl wußte, daß er ihn von seinem Vorhaben abhalten würde. Endlich, glaubten sie den günstigen Augenblick zur Ausführung ihres Anschlags gefunden zu haben, und in einer schönen Nacht, da ich nicht um den Weg war, (denn ich war nach der gewöhnlichen Abendmahlzeit eingeschlafen) fuhren sie, ohne daß es jemand gewahr wurde, mit der Dame auf und davon.

Um Mitternacht wachte Menelaus auf, und wie er den Platz seiner Gemahlin in seinem Bette ledig fand, erhub er ein großes Geschrey, und lief in Begleitung seines Bruders Agamemnon wie brennend nach dem Palast des RhadamanthusMassieu scheint mir hier unsern Autor ohne hinlänglichen Grund zu beschuldigen, er habe vergessen, daß er uns kurz zuvor versichert habe, die Weiber seyen unter den Bewohnern der glückseligen Insel gemein, und man wisse da nichts von Eifersucht. Mich dünkt hingegen, Lukian mache seine Seligen in diesem Punct zu ächten und consequenten Platonikern. Das Verbrechen des Cinyrus und der schönen Helena bestand nicht darin, daß sie sich zuweilen Arm in Arm im Hayn verirrten, u. s. w. sondern in der Heftigkeit ihrer Leidenschaft, und darin, daß Cinyrus die Gemahlin des Menelaus allein und ausschließlich besitzen wollte, welches nicht nur gegen das eheliche Recht des Menelaus, sondern auch gegen das oben erwähnte Gesetz dieser Insel lief, und eine desto härtere Strafe verdiente, je größer die Freyheit war, die das Gesetz und die Denkart der Einwohner den beyden Geschlechtern gestattete.. Mit Anbruch des Tages berichteten die Kundschafter, sie sähen ein Schiff das schon ziemlich weit entfernt sey. Sogleich bemannte Rhadamanth eine Barke, die aus einem einzigen Stück Asphodil gezimmert war, mit funfzig Heroen, die den Flüchtlingen nachsetzten mußen; und diese ruderten so scharf, daß sie ihnen gegen Mittag auf den Leib kamen, da sie eben im Begriff waren, unweit der Käseinsel in die Milchsee einzulaufen, so wenig fehlte daß sie ihnen entwischt wären. Sie machten also das Schiff der Flüchtlinge mit einer Rosenkette an dem ihrigen fest, und kehrten nach dem Hafen zurück. Die arme Helena weinte, und schämte sich, und versteckte ihr Gesicht in ihrem Schleyer: aber Cinyrus und seine Helfershelfer, nachdem sie von Rhadamanth gefragt worden, ob noch sonst jemand um ihr Vorhaben gewußt habe (welches sie mit nein beantworteten) wurden erst mit Malven gegeiselt, und sodann, an den Schaamgliedern gebunden, nach dem Ort der Gottlosen abgeschickt.

Zu gleicher Zeit wurde beschlossen, daß wir die Insel unverzüglich verlassen sollten, wiewohl die bestimmte Zeit noch nicht verstrichen war, und es wurde uns nur noch der nächste Tag (zu den nöthigsten Zurüstungen) bewilligt. Dieß schmerzte mich nicht wenig, und ich konnte mich nicht enthalten bitterlich zu weinen, wenn ich an das gute Leben dachte, das ich hier gehabt hatte und an die Gefahren und widrigen Zufälle, denen ich mich nun wieder aussetzen sollte. Indessen thaten sie ihr möglichstes mich zu trösten, und versicherten mich, es würde nicht sehr viele Jahre anstehen, so würde ich wieder zu ihnen kommen; ja sie zeigten mir sogar den Lehnstuhl und den Platz an der Tafel, der mir dann neben den Besten unter ihnen würde eingeräumt werden. Ich verfügte mich hierauf zum Rhadamanth, und bat ihn fußfällig, mir zu sagen, was mir begegnen würde, und wie ich meine Fahrt anzuordnen hätte. Seine Antwort war: ich würde, nach langem Herumirren und nach mancherley überstandenen Gefahren, mein Vaterland endlich wiedersehen: die Zeit aber meiner Heimkunft wollte er mir nicht entdecken, sondern zeigte mir nur die nächsten Inseln (es waren ihrer fünf, ganz nahe beysammen, und in einer ziemlichen Entfernung weiter hinaus eine sechste) und sagte: diese fünf, in denen du die grossen Feuermassen brennen siehst, sind der Aufenthalt der Gottlosen. Die sechste ist das Land der Träume; und zunächst an dieser liegt die Insel der Kalypso, die du aber von hier aus nicht mehr sehen kannst. Wenn du bey diesen Inseln vorbeygefahren seyn wirst, dann wirst du ein großes festes Land antreffen, das dem eurigen gegen über liegt; und erst nachdem du in demselben viel Ungemach erlitten, vielerley Völker durchwandert, und unter wilden Menschen dich aufgehalten, wirst du endlich wieder in den andern Continent zurückkommen.

Mit diesen Worten zog er eine Malvenwurzel aus der Erde, reichte sie mir hin, und befahl mir, in den größten Gefahren in die ich gerathen könnte, mein Gebet an sie zu richten: auch ermahnte er mich, wenn ich dereinst in das besagte Land kommen würde, weder mit einem Degen in Feuer zu stechen, noch Wolfsbohnen zu essen, noch mit einem Knaben der über achtzehn Jahre alt sey, Umgang zu pflegenEs braucht kaum der Erinnerung, daß Lukian hier der Pythagoräer spottet, unter deren, vom Iamblichus gesammelten, sogenannten Symbolis, auch diese beyden waren: Stich mit keinem Degen in Feuer! und, Enthalte dich der Wolfsbohnen. Aber dieß mag den Liebhabern der Philosophia occulta zu weiterem Nachdenken anheimgestellt seyn, ob er nicht die dritte Bedingung, unter welcher ihm Rhadamanth zur Wiederkunft in die Insel der Seligen Hoffnung macht, für den Schlüssel zu den beyden Pythagorischen Räthselsprüchen gehalten wissen wolle?. Würde ich dieser Regeln immer eingedenk bleiben, so könne ich mir Hoffnung machen dereinst in diese Insel zurückzukommen.

Ich beschäfftigte mich nun den Rest des Tages mit den Zurüstungen zu meiner vorhabenden Reise und zur gewöhnlichen Zeit schmausete ich noch mit den Heroen. Am folgenden Morgen bat ich Homeren, mir ein paar Verse zu machen, um sie als Aufschrift auf eine kleine Denksäule zu graben, die ich zum Andenken am Hafen aufrichten wollte. Die Verse lauteten wie folget:

Lukian kehrt, ein Liebling der seligen Götter, nachdem er
Alles, was hier ist, sah, in sein liebes Vaterland wieder.

Nachdem ich noch diesen Tag hier zugebracht, fuhr ich, am folgenden, von allen Heroen begleitet, aus ihrer Insel ab. Beym Abschied nahm mich Ulysses auf die Seite, und steckte mir, ohne daß es Penelope gewahr wurde, einen Brief an die Calypso zu, den ich bestellen sollte, wenn ich nach Ogygia käme. Rhadamanth hatte die Vorsicht gebraucht, mir den Fährmann Nauplius mitzugeben, damit er, wenn wir etwa an eine der benachbarten Inseln getrieben würden, verhinderte daß wir nicht in Verhaft genommen würden, und uns Zeugnis geben könnte, daß wir in andern Geschäfften dieses Weges reiseten.

Sobald wir aus der wohlriechenden Luft der glückseligen Insel heraus waren, kam uns ein stinkender Dunst, wie von zusammenbrennendem Asphalt, Schwefel und Pech, und ein noch schlimmerer, ganz unleidlicher Geruch, wie von gebratnen Menschen, entgegen; die Luft war finster und dumpficht, und ließ beständig einen pechartigen Thau herabfallen; auch hörten wir das Klatschen der Geiseln, und das Geheul einer Menge Menschen, die hier gepeinigt wurden.

Wir stiegen nur auf einer dieser Inseln aus, und ich kann also auch nur von dieser einige Nachricht geben. Die ganze Insel ist ringsum ein einziger schrofer ausgewitterter, von Steinen und Klippen starrender Felsen, auf dem kein Baum und keine Quelle zu sehen ist. Mit äusserster Mühe krochen wir an dem steilen Ufer hinauf, und kamen, nachdem wir eine Zeitlang auf einem mit Wegdornen und Stacheln übersäten schmalen Fußweg fortgegangen, durch eine Gegend, die mit jedem Schritte scheußlicher wurde, endlich zu den Gefängnissen, und dem Platze wo die Verdammten gepeiniget wurden. Hier fiengen wir erst an, die Natur dieses Ortes zu bewundern; denn wir sahen überall statt der Blumen Schwerdter und Dolche aus dem Boden hervorwachsen. Ringsum ist er von drey Flüssen umgeben, wovon der äusserste Koth, der zweyte Blut, und der dritte Feuer führt. Dieser letzte ist sehr breit und das Feuer strömt darin wie Wasser, und strudelt und treibt so große Wellen wie ein Meer; er hat auch eine Menge Fische, wovon einige wie große Feuerbrände, andere kleinere aber wie glühende Kohlen aussehenDer Text hat hier noch den Beysatz: εκάλουν δὲ αυτοὺς λυχίσκους, man nennt sie hier Lämpchen..

Es geht nur ein einziger sehr schmaler Weg über alle diese Flüsse, an dessen Eingang Timon der Thürhüter ist. Da wir aber den Nauplius zum Führer hatten, so durften wir uns schon weiter wagen, und sahen eine große Menge Könige und gemeine Leute, die hier ihre Strafe empfiengen, und von denen wir verschiedene erkannten. Unter andern sahen wir auch den armen Cinyrus, der, am Geschlechtsgliede über einem Feuer aufgehangen, geräuchert wurde. Diejenigen, die uns herumführten, erzählten uns die Geschichte dieser Unglückseligen, und die Verbrechen, um derentwillen sie gestraft wurden. Am schärfsten unter allen werden die Lügner gezüchtiget besonders die Geschichtschreiber, die nicht die Wahrheit geschrieben haben, unter denen ich den Ktesias und Herodot, und noch viele andere bemerkte. Der Anblick dieser Leute machte mir gute Hoffnung für mein eignes künftiges Schicksal, da ich mir Gottlob! nicht bewußt bin eine einzige Lüge gesagt zu habenIn der That sind die strafbaren Lügen nur die, die man andern treuherzigen Leuten für Wahrheit aufhängt: und von dieser Sünde ist schwerlich je ein Lügner reiner gewesen als der Verf. dieser wahren Geschichte..

Weil ich dieses jammervolle Schauspiel nicht länger aushalten konnte, eilte ich nach meinem Schiffe zurück, nachdem ich vom Nauplius Abschied genommen hatte. Wir waren noch nicht lange weiter gefahren, als wir die Insel der Träume erblickten, die aber so dunkel war, daß wir sie kaum unterscheiden konnten, ungeachtet sie uns schon ganz nahe lag. Diese Insel hatte eine Eigenschaft, wodurch sie selbst beynahe zum Traum wurde; sie wich nehmlich immer von uns zurück, und schien immer weiter von uns entfernt zu werden, je näher wir ihr kamen. Endlich aber waren wir doch so glücklich sie zu erreichen, und liefen in den Hafen, Hypnos genannt, ein. Es war bereits um die letzte Abenddämmerung, als wir nicht weit vom Tempel Alektryons ausstiegen. Als wir zum Thor hinein giengen, sahen wir eine Menge Träume aller Arten in den Straßen herumschwärmen. – Doch vor allen Dingen muß ich etwas von der Stadt sagen, da sie noch von keinem andern beschrieben worden ist, und Homer, der einzige, der ihrer Meldung thutOdyss. XIX. 560. u. f. , nur sehr obenhin von ihr spricht.

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