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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Diejenigen aus ihnen, die hier am meisten galten, waren Aristipp und Epikur, ein paar angenehme aufgeweckte Männer, und die besten Tischgesellschafter von der Welt. Auch Äsop, der Phrygier, ist da, und macht den Pickelhäring unter ihnen. Aber Diogenes von Sinope hat seine Sitten so sehr geändert, daß er die Hetäre Lais zur Frau genommen hat, auch sich nicht selten im Trunk übernimmt, und dann zu tanzen anfängt und andere Unfüglichkeiten in der Trunkenheit begeht. Von den Stoikern war keiner da; es hieß, sie stiegen noch immer ihren steilen Tugendhügel herauf: vom Chrysippus aber hörten wir sagen, er dürfte die Insel nicht eher betreten, bis er eine vierfache Niesewurz-Kur ausgehalten habe. Die Akademiker, sagte man mir, wollten zwar kommen, hielten aber noch an sich und untersuchten: denn sie könnten sich noch nicht davon überzeugen, daß überall so eine Insel wie diese in der Welt sey. Vermuthlich mag ihnen auch vor Rhadamanths Urtheile bang seyn, der es schwerlich wohl aufnehmen würde, daß sie ihm so gar das Werkzeug, ohne welches kein Urtheil möglich ist, aus den Händen winden wollenLukian spielt mit den Worten κρίσις und κριτήριον. Die Akademiker läugneten, daß es ein gewisses Kennzeichen gebe, wodurch man sich überzeugen könne, ob man wahr oder falsch urtheile. Offenbar hieß dieß, dem Rhadamanth seine Profession verleiden wollen, und sein ganzes Amt unnütz machen; er konnte also nicht wohl gleichgültig dabey seyn.. Auch hieß es, viele Anhänger von denen, die in die Insel gekommen, nähmen zwar einen Anlauf, hinter ihren Meistern drein zu kommen, hätten aber nicht Muth und Athem genug auszuhalten, und kehrten auf halbem Wege wieder um.

Dieß sind also ungefähr die merkwürdigsten Leute, die man hier zu sehen bekommt. Übrigens wird vorzüglich Achilles, und zunächst nach ihm Theseus, in großen Ehren bey ihnen gehalten.

Was die Mysterien der Venus betrifft, so will ich nichts mehr davon sagenLukian sagt in der That mehr davon, oder drückt sich wenigstens, nach seiner Gewohnheit mit einer Deutlichkeit aus, die in Sachen dieser Art kein Verdienst ist., als daß sie auf dieser Insel so öffentlich als möglich, und mit der ungebundensten Freyheit begangen werden. In der That war Sokrates der einzige, der sich verschwor, daß zwischen ihm und den schönen Jünglingen, mit denen er so vertraulich lebte, nichts besonderes vorgehe: aber alle übrigen glaubten er schwöre falsch. Hyacinth und Narciß waren offenherziger, aber er läugnete alles frisch weg. Die Weiber sind alle gemein; die Männer sind ihrentwegen ohne alle Eifersucht, und in diesem Stücke lauter ausgemachte Platoniker. –

Ich hatte kaum zwey oder drey Tage hier zugebracht, als ich mich an den Dichter Homer machte, und ihm, da wir eben beyde nichts anders zu thun hatten, alle die gewöhnlichen Fragen, die seinetwegen aufgeworfen werden, vorlegte, unter andern: was er für ein Landsmann sey? Er antwortete: alle die wackern Männer, die sich so viele Mühe gäben, ihn zu einem Chier, oder zu einem Smyrnäer oder Kolophonier zu machen, wären übel berichtet: denn er sey – ein BabylonierEs ist handgreiflich daß Lukian sich bloß über die Mikrologen, die sich in ganzen Abhandlungen um das unbekannte Vaterland des großen Dichters stritten, mockieren will. Ein gewisser Alexander von Paphos hatte ihn gar zum Ägyptier gemacht: Lukian rückt ihn noch weiter von Griechenland weg, und setzt ihn gar nach Babylon., und heisse unter seinen Mitbürgern nicht Homer, sondern Tigranes; den Nahmen Homerus habe er erst bey den Griechen bekommen, da er als GeiselEin Geisel heißt nehmlich auf Griechisch όμηρος. unter ihnen gelebt habe. Ich fragte ihn sodann auch, wegen der Verse, die von den Kunstrichtern für unächt erklärt werden, ob sie von ihm seyen? und er versicherte mich, sie wären alle sein. Ich sah also, daß die Grammatiker Zenodotus und Aristarchus mit ihren frostigen Kritiken immer hätten zu Hause bleiben können. Nachdem er mich über diesen Punct völlig befriediget hatte, fragte ich wieder: was er für eine Ursache gehabt habe, sein Gedicht gerade mit dem Worte Zorn (μη̃νις) anzufangen?μη̃νιν άειδε, θεά u. s. w. Seine Antwort war: es sey ihm eben just auf die Zunge gekommen, ohne daß er sich lange darüber bedacht habeWie die Frage, so die Antwort; und die Frage ist für ein Werk wie dieses nicht zu albern, zumal da sie (wie beynahe alle Absurditäten dieser wahren Geschichte) nicht ohne Salz ist. Vermuthlich gilt sie den Mikrologen, die aus kindischer Verehrung Homers beynahe hinter jedem Worte seiner Gedichte ein Geheimniß suchten. Denn daß Lukian durch diese Frage und Antwort habe zu verstehen geben wollen, Homer habe seine Iliade ohne Plan und absichtliche Verbindung gemacht, und sie sey erst lange nach ihm von Leuten ohne Kopf, wie ein Bettlersmantel, zusammengeflickt worden – daß ein Mann wie Lukian sich so etwas auch nur (wie Düsoul meynt) als einen platten Spaß sollte haben entgehen lassen können, ist nicht zu glauben.. Ich wollte auch wissen, ob er die Odyssee vor der Ilias geschrieben habe, wie viele behaupten? Er sagte nein. Daß er nicht blind gewesen sey, wie sie ebenfalls von ihm sagen, wußte ich auf den ersten Blick; denn er sah so gut als einer, und ich brauchte also nicht erst zu fragen. Ich nahm mir die Freyheit noch öfters, wenn ich sahe daß er eben Muße hatte, zu ihm hinzugehen, und ihn bald dieß bald jenes zu fragen, und er antwortete mir immer mit der größten Gefälligkeit, zumal nachdem er seinen Prozeß gewonnen hatte. Thersites hatte nehmlich, wegen der spöttlichen Figur, die er ihn in seinem Gedichte machen lasse, eine Injurienklage gegen ihn angebracht: aber Homer, der in seiner Vertheidigung vorn Ulysses unterstützt wurde, erhielt den Sieg, und Kläger wurde zur Ruhe verwiesen.

Um diese Zeit langte auch Pythagoras in der Insel an, nachdem seine Seele ihre vielen Wanderungen endlich vollendet hatte: denn sie hatte siebenmal, immer in Gestalt eines andern Thieres, ins Leben zurückkehren müssen. Er war an der ganzen rechten Seite von Golde. Gegen seine Aufnahme war keine Einwendung; nur wußte man nicht, ob man ihn Pythagoras oder Euphorbus nennen müsse. Bald darauf erschien auch Empedokles, am ganzen Leibe gebraten und mit Brandblasen bedeckt: er wurde aber, alles seines Bittens ungeachtet, abgewiesen.

Nach einiger Zeit fielen die öffentlichen Spiele ein, die bey ihnen Thanatusia genannt werden. Die Kampfrichter waren Achilles, und Theseus zum siebenten male. Alles was dabey vorgieng zu beschreiben, würde zu weitläufig seyn: ich will also nur die Hauptumstände berühren. Den Preis im Ringen gewann Karus, ein Abkömmling vom HerkulesVon dem aber niemand nichts wissen will. Sollte ihn Lukian nicht mit allem Fleiß erdichtet haben, in der leichtfertigen Absicht, den Palmern und Gronoven, die sich einst die Köpfe darüber zerbrechen würden, wo dieser Karus herkomme, und ob er nicht Caranus oder Kaprus geheissen habe, eine böse Stunde zu machen? , dem Ulysses ab, der dazu die größte Hoffnung hatte. Im Faustkampfe blieb der Sieg zwischen dem Ägyptier Areius, der zu Korinth begraben liegt und dem EpeiusS. Ilias XXIII. v. 664. u. f. unentschieden, indem sich beyde gleich gut gehalten hatten. Für die Pankratiasten wird hier gar kein Preis ausgesetzt. Wer im Laufen obgesiegt, erinnere ich mich nicht mehr. Unter den Dichtern behauptete Homer, in der That, den Vorzug, bey weitem, und doch erhielt Hesiodus den PreisOhnezweifel bezieht sich dieß auf das Mährchen aus der Homerischen Legende, welches Plutarch in seinem Gastmal der sieben Weisen erzählt, von einem Wettstreit, der zwischen den beyden Dichtern (welche die Legende zu Zeitgenossen macht) zu Chalcis bey den Gedächtnißspielen, die dem Könige Amphidamas von Euböa zu Ehren jährlich von seinem Sohne begangen wurden, vorgefallen, und wo der Preis dem Hesiodus aus einem sehr ungültigen Grunde, zugesprochen worden seyn soll.. Dieser war für alle Sieger eine aus Pfauenfedern geflochtne Krone.

Die Kampfspiele waren kaum geendigt, als die Nachricht kam, die Verdammten die in der Hölle bestraft werden, hätten sich loßgebrochen, ihre Wache über den Hauffen geworfen, und wären, unter Anführung des Phalaris von Agrigent, des Königs Busiris, des Diomedes aus Thrazien, und der berüchtigten Räuber, Sciron und Pityokamptes, in vollem Anzug gegen die Insel. Auf diese Nachricht schickte Rhadamanth sogleich die Heroen, unter den Befehlen des Theseus, des Achilles, und des Ajax Telamonius, der indessen seinen Verstand wieder gefunden hatte, an die Küste ab. Hier kam es zu einem Treffen, wo die Heroen einen vollständigen Sieg erhielten, den man großen Theils den herrlichen Thaten des Achilles zu danken hatte. Auch Sokrates, der auf dem rechten Flügel focht, hielt sich jetzt viel besser als bey seinen Lebzeiten in dem Treffen bey Delium. Denn dießmal zeigte er den Feinden den Rücken nicht. Auch wurde ihm zur Belohnung seiner bewiesenen vorzüglichen Tapferkeit ein schöner und großer Lustgarten in der Vorstadt zuerkannt. Hier pflegte er in der Folge gelehrte Zusammenkünfte mit seinen Freunden zu halten, und nennte diesen Garten die NekrakademieTodtenakademie. . Die Überwundenen wurden alle ergriffen, und gebunden an ihren Ort zurückgeschickt, um noch härter bestraft zu werden. Homer besang auch diese Schlacht, und gab mir bey meiner Abreise ein Exemplar davon für die Leute in unsrer Welt mit: aber unglücklicher Weise bin ich in der Folge darum gekommen, wie um so viele andere Dinge, die ich mitzubringen gedachte. Es fieng sich mit diesem Verse an:

Singe mir, Muse, nun auch den Streit der todten Heroen.

Sobald die Ruhe glücklich wieder hergestellt war, wurden Anstalten zum allgemeinen Siegesmahl gemacht, wobey, nach einem bey ihnen eingeführten Gebrauch, nichts als gekochte Bohnen aufgetragen werden. Es war ein großes Fest, woran jedermann Theil nahm, den einzigen Pythagoras ausgenommen, der, aus Abscheu vor den Bohnen, sich, so weit er konnte, von den übrigen wegsetzte und lieber fasten wollte.

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