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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als wir ihm vorgestellt wurden, waren wir, der Ordnung nach, die vierte Parthey, die er damals zu verhören hatte. Die erste Sache, welche abzuthun war, betraf den Ajax Telamons Sohn, nehmlich die Frage, ob er in die Classe der HeroenDie Einwohner Elysiums oder der Insel der Seligen (die von den Alten gewöhnlich mit einander vermengt werden) bestehen aus zwey Classen, den Heroen oder Halbgöttern (S. Hesiodi Op. et Dies v. 156-73, der aber den Saturnus zu ihrem Könige in den Inseln der Seligen macht) und den weisen und guten Menschen der Zeiten, die auf das heroische Alter folgten. S. die Beschreibung des Zustandes der Seligen im Axiochus, einem dem Sokratischen Aeschines zugeschriebenen Dialog vom Tode und Zustande nach dem Tode. gehöre oder nicht? Die Haupteinwendung, die man gegen ihn machte, war, daß er rasend geworden sey und sich selbst umgebracht habe. Nachdem auf beyden Seiten vieles für und wider ihn vorgebracht worden, that Rhadamanth den Ausspruch: Würde Beklagter vor allen Dingen dem Arzt Hippokrates zu übergeben und von demselben mit Niesewurz tüchtig auszureinigen, sodann aber, wenn er seinen Verstand wieder erhalten hätte, von den Heroen zu ihren Festen zuzulassen seyn.

Der zweyte Handel war eine erotische Frage; Theseus nehmlich und Menelaus stritten sich um die schöne Helena, welchem von beyden sie beywohnen sollte? und Rhadamanth entschied zu Gunsten des Menelaus, als der so viel Arbeiten und Gefahren um dieser seiner Gemalin willen ausgestanden; Theseus habe schon andere Frauen, die Amazone Hippolyta und die Töchter des MinosPhädra und Ariadne., an denen ihm genügen könne.

Die dritte Sache betraf den Vorsitz, der zwischen Alexandern, Philipps Sohn, und dem Karthaginenser Hannibal streitig war. Das Urtheil ergieng dahin, der Rang gebührte Alexandern, und diesem zufolge wurde ihm ein Lehnstuhl neben dem ältern Cyrus gesetzt. Nun kam die Reyhe an uns. Rhadamanth fragte uns: durch was für einen Zufall wir diesen heiligen Boden bey lebendigem Leibe betreten hätten? Wir erzählten ihm alles von Anfang an. Er hieß uns hierauf abtreten, und gieng eine geraume Zeit mit seinen Beysitzern, unter welchem auch Aristides war, zu Rathe, was mit uns anzufangen wäre. Endlich fiel das Urtheil dahin aus: Die verdiente Bestrafung unsrer Reise und unseres Vorwitzes sollte, wenn wir gestorben seyn würden, erfolgen: dermalen sollten wir uns längstens sieben Monate auf der Insel aufhalten und mit den Heroen Umgang pflegen dürfen, nach Verfluß dieser Zeit aber wieder abzuziehen gehalten seyn.

So wie dieses Urtheil ausgesprochen war, fielen unsre Rosenketten von selbst ab, und wir wurden in die Stadt geführt, und zur Tafel der Seligen gezogen. Diese ganze Stadt ist von gediegenem Golde, und ihre Ringmauren von Smaragden. Jede ihrer sieben Thore ist aus einem einzigen Zimmtbaum gearbeitet; der ganze Boden der Stadt, und das Pflaster aller Plätze und Gassen in derselben, ist von Elfenbein; die Tempel aller Götter sind aus Quaderstücken von Beryll erbaut, und die Hochaltäre, worauf die Hekatomben geopfert werden, aus einem einzigen Amethyst. Rings um die Stadt fließt ein Strom des schönsten RosenöhlsDas Wort μύρον, das die wohlriechenden und zum Theil sehr kostbaren flüßigen Compositionen oder Essenzen, womit sich die Alten, (wie die Morgenländer noch jetzt) zu parfumieren pflegten, kann auf keine Weise durch das deutsche Wort Salbe ausgedrückt werden, bey welchem uns natürlicher Weise immer Augensalben, Brandsalben, Wundsalben, Wagensalbe, und dergl. garstiges Zeug zuerst einfällt. Auch die fremden Wörter Essenz und Parfum sind keine schickliche Nothwörter; weil dieses eigentlich wohlriechendes Räuchwerk, und jenes einen gar zu generellen Begriff bezeichnet. Wie ist da zu helfen? Im Nothfall hilft man sich wie man kann. Lukian sagt nichts von Rosenöhl; aber vermuthlich hätte ers hier gebraucht, wenn er deutsch geschrieben hätte., hundert königliche EllenDie königliche Elle war nach Herodots Angabe um drey Daumen länger, als die gemeine Elle. Da diese letztere 6 Palmen, oder Palästen, die Paläste aber 4 Daumen enthielten, so hätte die königliche Elle also 27 Daumen ausgetragen. breit, und tief genug um bequem darin schwimmen zu können. Ihre Bäder sind herrliche Gebäude von Crystallglase; sie werden mit Zimmt geheizt, und statt gemeinen Wassers werden die Badewannen mit warmem Thau gefüllt.

Ihre gewöhnliche Kleider sind sehr feine purpurfarbe Spinneweben. Sie selbst aber haben keine eigentliche Körper, (denn sie sind untastbar und ohne Fleisch und Bein) sondern nur die Gestalt und Idee davon; und demungeachtet gehen und stehen sie, haben alle ihre SinnenWenn Lukian anders φρονου̃σι geschrieben hat, so muß er dieß gemeynt haben: denn daß Seelen oder Geister denken, kann ihm doch so seltsam nicht vorgekommen seyn., und reden wie andre Menschen. Kurz, ihre Seele scheint eigentlich nackend einherzugehen, und bloß den Schein eines Leibes um sich geworfen zu habenWer so leicht bekleidet gieng, daß er nur ein einziges Gewand von sich zu werfen brauchte um in puris naturalibus dazustehen, gieng, nach einer gewöhnlichen Redensart der Griechen, nackend. Dieß muß vorausgesetzt werden, wenn Sinn in dieser Periode seyn soll., man könnte sie mit aufgerichteten Schatten vergleichen, die, anstatt schwarz zu seyn, die natürliche Farbe ihres Körpers hätten; und man muß sie betasten wollen, um sich zu überzeugen, daß das, was man sieht, kein Körper sey.

Niemand wird hier älter, sondern er bleibt unveränderlich wie er hieher gekommen. Überdieß giebt es hier weder was wir Nacht, noch was wir eigentlich Tag nennen; sondern es wird nie heller noch dunkler als unsre Dämmerung vor Sonnenaufgang ist. Auch kennen sie nur Eine Jahreszeit; denn es ist bey ihnen immer Frühling und Zephyr der einzige Wind, der hier weht.

Das Land ist daher immer grün, und mit allen Arten von Blumen sowohl, als von zahmen und schattichten Bäumen besetzt. Ihre Weinreben tragen zwölfmal des Jahres; ja die Pfersich- und Äpfelbäume und alle Obstbäume überhaupt sollen sogar dreyzehn mal, nehmlich in dem Monat den sie nach dem Minos benennen, zweymal, Früchte bringen. Anstatt des Weizens treiben ihre Ähren kleine Brödtchen, wie Schwämme, aus ihren Spitzen hervor. Rings um die Stadt sind dreyhundert und fünf und sechzig Quellen mit Wasser, eben so viele mit Honig, funfzig etwas kleinere mit wohlriechenden Essenzen und Öhlen; und überdieß sieben Flüsse mit Milch und achte mit Wein.

Der Ort wo sie beysammen speisen, liegt ausserhalb der Stadt in dem sogenannten Elysischen Gefilde: es ist eine wunderschöne Wiese, ringsum mit einem dichten Wald von allerley hohen Bäumen umgeben, die ihren Schatten auf die zu Tische liegenden werfen. Sie liegen statt der Decken auf Blumen, und werden von Zephyren bedient, die ihnen alles bringen was sie verlangen, ausser daß sie ihnen keinen Wein einschenken. Die Ursache hievon ist, weil, dicht an dem Platze wo sie speisen, große gläserne Bäume vom reinsten durchsichtigsten Glase stehen, die, statt der Früchte, Trinkgefäße von allen Formen und Größen tragen. Wenn nun einer zum essen kommt, so bricht er sich ein oder zwey Trinkgläser ab, und stellt sie vor sich hin; sogleich füllen sie sich mit Wein, und er trinkt nach Belieben. Sie tragen keine Kränze, sondern ganze Schaaren von Nachtigallen und andern Singvögeln holen Blumen aus den benachbarten Wiesen, und lassen sie auf sie herab schneyen, indem sie singend über ihren Häuptern herumfliegen. Sie haben auch eine ganz eigene Art sich zu parfümieren: gewisse schwammartige Wolken nehmlich saugen die wohlriechenden Essenzen aus den Flüssen ein; wenn sie voll sind, treibt sie ein leichter Wind dem offnen Speisesaal zu, und drückt sie sanft zusammen, da sie dann ihren Balsam wie einen zarten Thau oder Staubregen herabträufeln. Während der Tafel erlustigen sie sich mit Musik und Gesang. Am liebsten singen sie Homers Gedichte, und er ist selbst da und hat seinen Platz über dem Ulysses. Sie haben Chöre von Knaben und Mädchen, denen Eunomus von LokriEin berühmter Citharödus des Alterthums., Arion von Lesbos, Anakreon und Stesichorus vorsingen; denn auch den letztern fand ich hier, weil er sich mit Helenen wieder ausgesöhnt hatte. Wenn diese zu singen aufhören, folgt ein zweyter Chor von Schwänen, Schwalben und Nachtigallen; und, wenn auch diese fertig sind, fängt der ganze Hayn, von Abendlüften angeblasen, zu flöten an. Aber was am meisten zu der Fröhlichkeit, die an ihrer Tafel herrschet, beyträgt, sind die zwey Quellen der Wollust und des Lachens, die neben derselben springen. Jeder trinkt zu Anfang der Mahlzeit aus einer von beyden, und so bringen sie dann die ganze Zeit derselben fröhlich und lachend hin.

Nun will ich auch sagen, welche von den berühmtesten Männern ich hier gesehen habe. Fürs erste die Halbgötter alle, und die sämtlichen Helden die vor Troja fochten, den Lokrischen Ajax allein ausgenommen, der, wie man sagte (sein an Cassandra verübtes Verbrechen) am Orte der Gottlosen büßen mußte. Von den Barbaren, den ältern und jüngern Cyrus, den Scythen Anacharsis, den Thrazier Zamolxis, und den Italiener Numa. Ferner den Lykurg von Sparta, die Athenienser Tellos und Phocion, und die sieben Weisen, den Periander ausgenommenVermuthlich, weil ihm die Korinthier, die er (so wie sie es bedurften) mit ziemlicher Strenge regierte, so viel böses nach seinem Tode nachsagten, daß er bey der Nachwelt in den Ruf kam, ein grausamer Tyrann gewesen zu seyn. . Auch sahe ich den Sokrates Sophroniskus Sohn, da er eben mit Nestor und Palamedes im Gespräche begriffen war. Er hatte den Hyacinthus, den Narcissus und Hylas, und verschiedene andere wegen ihrer Schönheit berühmte Jünglinge um sich; auch schien er mir in den ersten verliebt zu seyn: wenigstens machten ihn verschiedene Zeichen verdächtig. Es hieß auch, Rhadamanth sey nicht wohl auf ihn zu sprechen, und habe ihm schon öfters gedroht, ihn aus der Insel hinaus zu jagen, wofern er das Schäckern und seine liebe Ironie bey Tafel nicht aufgebe. Von den übrigen Philosophen war Plato allein nicht da: er wohne, sagte man, in seiner von ihm selbst erfundenen Republik, und lebe unter der Verfassung und den Gesetzen, die er ihr selbst gegeben.

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