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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Lügenfreund
oder
der Unglaubige.Der Lügenfreund. Der Hauptinhalt dieses sehr unterhaltenden Stückes ist die Erzählung, welche Lukian, unter dem Namen Tychiades, seinem Freunde, von einer Unterredung macht, die bey dem Krankenbette eines vornehmen Atheniensers, über Wunderglauben, Magie, Geisterseherey und dergleichen vorgefallen. Vor etwa 25 Jahren brauchte man sich nur in das Zimmer irgend eines alten schwachköpfigen Grafen oder Herrn in Schwaben, Bayern, oder Österreich zu denken, – statt der sogenannten Philosophen Ion, Dinomachus, Kleodemus, Arignotus, einen bocksbärtigen Kapuziner, einen wohlbeleibten Prämonstratenser, oder starkcolorirten Bernhardiner, einen hagern habichtsnasigen Jesuiten, und allenfalls noch einen derbglaubigen Karmeliter um ihn herumzusetzen, und sie aus Veranlassung einiger Millionen Teufel, die unlängst von irgend einer mondsüchtigen Bauerdirne abgetrieben worden, in ein Gespräch über dergleichen erbauliche Dinge gerathen zu lassen, um ein herzliches Gegenstück zu diesem Lukianischen Gemählde zu haben. Aber seit dieser Zeit haben sich die Umstände sehr geändert; man kann sich nun mitten unter lauter Protestanten in das Zimmer des Eukrates versetzt sehen; und die Geisterseher, Zauberer, Mystagogen, Hermesschüler, Magnetisirer, Desorganisirer und Exaltirer der menschlichen Natur, kurz alle Arten von Adepten und Wundermännern, spielen unter allerley Gestalten und Nahmen eine so große Rolle gegen das Ende unsers Jahrhunderts, daß die Ion und Eukrates und Dinomachus u. s. w. wenn sie wiederkommen könnten, sich genöthigt sehen würden, die großen Vorzüge der Neuern vor den Alten, und unsrer aufgeklärten Zeiten vor dem Jahrhundert der Antonine auch in diesem Stücke demüthig einzugestehen.

Tychiades und Philokles.

Tychiades. Kannst du mir sagen, Philokles, was doch wohl in aller Welt die Ursache seyn mag, warum die meisten Menschen so große Liebhaber vom Lügen sind, daß sie sich nicht nur selbst ein Vergnügen daraus machen, unglaubliche Geschichten zu erzählen, sondern auch lauter Ohr werden, wenn Andere dergleichen Zeug zu Markte bringen.

Philokles. Es giebt viele Fälle, wo sich die Menschen in Rücksicht ihres Vortheils zum Lügen genöthigt finden.

Tychiades. Von diesen soll auch jetzt die Rede nicht seyn. In solchen Fällen ist die Unwahrheit verzeyhlich, ja zuweilen sogar lobenswürdig; zum Exempel, wenn man im Kriege den Feind durch eine falsche Nachricht hintergeht, oder sich durch dieses Hausmittel aus irgend einer großen Gefahr zu ziehen weiß, wie Ulysses oft gethan hat

Seine eigene Seele und seine Gefährten zu retten.

Aber ich rede von denen, mein Bester, die ohne den mindesten sichtlichen Nutzen die Lüge der Wahrheit vorziehen, und sich ein besonderes Vergnügen, ja eine Art von Geschäfte aus dem Lügen machen, wiewohl sich schlechterdings keine Ursache angeben läßt, die sie dazu nöthigte. Sie müssen doch irgend etwas dabey zu gewinnen glauben, und das ist es eben was ich gerne wissen möchte.

Philokles. Du kennest also, wie es scheint, solche Leute, denen diese Liebe zur Unwahrheit gleichsam eingepflanzt ist?

Tychiades. Und ihrer sehr viele!

Philokles. So weiß ich keine andere Ursache davon anzugeben als ihren Unverstand; denn an Verstande muß es dich wohl demjenigen mächtig fehlen, der das Schlimmste dem Besten vorzieht.

Tychiades. Auch das ist es nicht. Denn ich wollte dir viele gescheide, ja sogar ihres Verstandes wegen bewunderte Personen zeigen können, die, weiß der Himmel wie! mit dieser Krankheit behaftet und solche Lügenfreunde sind, daß es mich oft in der Seele schmerzt, Männer, die in allen andern Stücken unter die Besten gehören, eine solche Freude daran haben zu sehen, sich selbst und andere zu betrügen. Und zwar, was jene alte Geschichtschreiber betrift, den Herodot und den Ktesias von KnidosBeyde werden in der Satyre über die lügenhaften Geschichtschreiber oder der sogenannten Wahren Geschichte noch schärfer deswegen gezüchtigt, wiewohl was das Lügen betrifft, Ktesias vor dem Homerisirenden Herodot noch viel voraus hat, und es dem Dichter selbst beynahe zuvor thut., und, noch vor ihnen, die Dichter und den großen Sänger Homer selbst, so mußt du besser wissen als ich, daß diese berühmten Männer ihre Lügen sogar aufgeschrieben, und also nicht nur ihre gleichzeitigen Zuhörer damit betrogen, sondern sie durch den Reiz ihres schönen Styls und die Musik ihrer Verse bis auf uns fortgepflanzt haben. Ich gestehe daß ich mich oft in ihre Seele schäme, wenn sie uns die Verstümmelung des Uranus, die Bande des Prometheus, die Empörung der Giganten, und die ganze Tragödie der Unterirdischen Welt mit allen Umständen vorerzählen, und wie Jupiter aus Liebe den Stier oder Schwan gespielt, oder wie diese und jene aus einem Mädchen in einen Vogel oder in eine Bärin verwandelt worden; nichts von ihren Flügelpferden, Chimären, Gorgonen, Cyklopen und andere dergleichen unglaublichen Wundermährchen zu sagen, die zu nichts taugen als kleine Kinder, die sich noch vor dem Popanz und der Nachtdrude fürchten, zu belustigen. Doch, den Dichtern möchten ihre Lügen immer hingehen: aber daß ganze Republiken und Völker, von Staats wegen, und gleichsam aus patriotischer Schuldigkeit lügen, ist das nicht lächerlich? Wenn die Kretenser sich nicht schämen den Reisenden Jupiters GrabHätten die Kretenser aufrichtig gesagt, es sey das Grab eines ihrer uralten Könige, der Jupiter geheissen habe, so wäre nichts dagegen einzuwenden gewesen: aber das Grab, das sie zeigten, sollte gleichwohl das Grab desselben Gottes seyn, dem sie opferten, den sie als den Vater und König der Götter und Menschen anbeteten: dies war lächerlich, oder vielmehr was noch ärgers. zu zeigen; oder wenn uns die Athenienser mit großem Ernste versichern, ihr Erichthonius sey aus der Erde hervorgekrochen, und die ersten Menschen wären wie die Pilzen, aus dem attischen Boden aufgeschossen: kann man dabey wohl ernsthafter bleiben, als wenn uns die Thebaner von, ich weiß nicht welchen Sparten sprechen, die aus gesäeten DrachenzähnenOvid erzählt diese Sage in der Isten Fabel des IIIten B. seiner Verwandlungen. Ein Drache hatte die Gefährten des Phönizischen Abenteurers Kadmus, in der Gegend wo er hernach Theben erbaute, aufgefressen, da sie eine Wasserstelle suchten. Kadmus rächte ihren Tod an dem Drachen, und da er dessen Zähne auf Anrathen der Minerva in die Erde säete, Siehe! da sprangen eben so viele bis zu den Zähnen bewafnete Männer hervor, die sogleich mit ihren Schlachtschwerdtern über einander herfielen, und nicht eher aufhörten, bis ihre ganze Anzahl auf fünfe zusammengeschmolzen war, denen Minerva den weisen Gedanken einflößte, Friede mit einander zu machen, und die Stifter der fünf ältesten Geschlechter von Thebä zu werden. Das Wahre an dieser und allen andern Legenden der heidnischen Griechen war eben so leicht vom erdichteten abzuscheiden als an denjenigen, womit sich in der Folge die Griechische und Lateinische Christenheit so viele Jahrhunderte lang getragen hat und zum Theil noch trägt: aber der große Haufe hielt fest am Buchstaben; und wo ist das Volk in der Welt, das in diesem Stücke Ursache habe, des andern zu spotten? aufgegangen seyn sollen? Und gleichwohl, wenn jemand solches lächerliches Zeug sich nicht für Wahrheit aufbinden lassen will, sondern zu verstehen giebt, man müsse ein Strohkopf seyn, um zu glauben, daß Triptolemus mit geflügelten Drachen durch die Luft gefahren, oder daß Pan aus Arkadien gekommen sey den Griechen bey Marathon siegen zu helfen, oder daß die schöne Orithyia vom Nordwind entführt und durch ihn Mutter der geflügelten Zwillinge, Zetes und Kalais, worden sey: so muß man sich gefallen lassen, bey solchen Leuten für einen unvernünftigen und gottlosen Menschen zu passieren, der so weltkundige und unläugbare Thatsachen nicht glauben wolle. So groß ist die Macht der Lüge über den gemeinen Menschenverstand!

Philokles. Bey allem dem, Tychiades, kann sowohl den Dichtern als den Republiken hierin billig etwas zu gut gehalten werden: jenen, weil ihnen daran gelegen ist ihren Zuhörern, für welche das Wunderbare einen so großen Reiz hat, ihre Werke so angenehm als möglich zu machen; den Atheniensern und Thebanern, und allen übrigen die sich in ähnlichem Falle befinden, weil sie durch dergleichen Wunder-Geschichten ihrem Vaterlande desto mehr Glanz und Ansehen zu verschaffen glauben. Überdies, wenn man alle diese alte Fabeln aus Griechenland verbannen wollte, würden die wackern Leute, die davon leben daß sie den Reisenden die Merkwürdigkeiten ihres Ortes zeigen, Hungers sterben müssen, da die Fremden bloße Wahrheit nicht einmal umsonst anhören mögen. Aber, wenn es Leute gäbe, die ohne irgend einen solchen Beweggrund ihre Freude daran hätten, Lügen als geschehene Dinge zu erzählen, die wären unstreitig im höchsten Grade belachenswerth.Die Lügenfreunde, mit denen es Lukian in diesem Aufsatze zu thun hat, haben allerdings einen zweyfachen, in der menschlichen Natur nur zu wohl gegründeten Beweggrund. Der eine ist das Vergnügen an wunderbaren Vorstellungen, welches bey manchen so weit geht, daß sie bey dergleichen Erzählungen sich selbst zu täuschen wünschen, und vielleicht auch, so lange sie erzählen, sich würklich täuschen: der andere ein gewisses schmeichelndes Gefühl von Obermacht unsers Geistes, welches natürlicher Weise desto größer ist, je zahlreicher und bedeutender die Personen sind, der Imagination wir durch unsre Lügen überwältigen, und je erstaunlicher die Dinge sind die wir ihnen weiß machen. Ein gewisser Jesuit hatte zwanzig Jahre in den Missionen in Canada mit großem Eifer gearbeitet, und war zwanzigmal in Gefahr gewesen, die Religion die er predigte mit seinem Blute zu versiegeln, ungeachtet er (wie er selbst einem Freund ins Ohr gestand) nicht einmal an Gott glaubte. Sein Freund stellte ihm die Inconsequenz seines Eifers vor. Ach mein Freund antwortete ihm der Missionar, wenn sie sich vorstellen könnten, was für ein Vergnügen das ist, zwanzig tausend Menschen vor sich zu sehen, die einem mit ofnem Munde zuhören, und ihnen Dinge weiß zu machen die man selbst nicht glaubt! – Ich habe zwar für diese Anekdote keinen zuverläßigern Gewährsmann aufzustellen, als denjenigen, der unter den Schriftstellern eben so der einzige ist wie Friedrich II. von Preussen unter den Königen: aber die Sache ist an sich selbst so glaubwürdig und natürlich daß man sie einem Manne, der die Welt so gut wie dieser Mann kannte, gar wohl auf sein blosses Wort glauben kann.

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