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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nachdem er mir sein Erstaunen über so wundervolle Begebenheiten aufs lebhafteste ausgedrückt hatte, erzählte er uns nun auch die seinigen. Meine Freunde, sagte er, ich bin ein Kaufmann aus Cypern. Meine Geschäfte bewogen mich mein Vaterland zu verlassen, und mit meinem Sohne, den ihr hier sehet, und einer großen Anzahl Bedienten, auf einem mit vielerley Waaren betrachteten Schiffe, dessen Trümmer ihr vielleicht im Schlunde des Wallfisches gesehen habt, eine Reise nach Italien zu unternehmen. Bis auf die Höhe von Sicilien gieng unsre Fahrt glücklich von statten: aber hier bekamen wir einen widrigen Wind, der uns am dritten Tage in den Ocean trieb, wo wir das Unglück hatten diesem Wallfische zu begegnen und mit Mann und Schiff verschlungen zu werden. Alle meine Leute kamen dabey ums Leben, und wir beyde blieben allein übrig. Nachdem wir sie nun zur Erde bestattet, und dem Neptun einen Tempel errichtet hatten, bringen wir seitdem unser Leben hin, Gemüse in unserm Garten zu bauen, die nebst Fischen und Baumfrüchten unsere Nahrung ausmachen. Der Wald, der von großem Umfang ist, wie ihr seht, hat auch eine große Menge Weinstöcke, die einen vortrefflichen Wein geben; auch werdet ihr vermuthlich gesehen haben, daß wir eine Quelle des schönsten und frischesten Wassers besitzen. Unser Lager bereiten wir aus Baumblättern; Holz zum Feuer anmachen haben wir in Überfluß; wir fangen Vögel in Netzen, und sogar lebendige Fische, wenn wir auf die KiemenDieß ist der rechte Nahme des Organs, wodurch die Fische Athem hohlen, welches im gemeinen Leben unschicklich mit dem Nahmen der Fischohren belegt wird. des Ungeheuers hinausgehen, wo wir uns auch baden so oft wir Lust dazu haben. Überdieß befindet sich nicht sehr weit von hier ein See mit salzichtem Wasser, der zwanzig Stadien im Umkreis hat, und einen Überfluß an Fischen aller Art enthält: in diesem See vergnügen wir uns zuweilen mit schwimmen, oder fahren auf ihm in einem kleinen Nachen, den ich gezimmert habe. Auf diese Weise haben wir, seit uns der Wallfisch verschlungen hat, bereits sieben und zwanzig Jahre zugebracht. Wir würden uns auch in dieser Lage ganz leidlich befinden, wenn nur unsre Nachbarn, die sehr ungesellige und wilde Leute sind, uns nicht gar zu überlästig fielen –

Wie? rief ich, hat denn dieser Wallfisch noch mehr Einwohner?

Sehr viele, erwiederte der alte Mann, aber wie gesagt, unverträgliche Geschöpfe und von sehr abenteuerlichen Gestalten. Den westlichen Theil des Waldes, gegen den Schwanz des Wallfisches zu, bewohnen die Tarichanen, welche Aalaugen und ein Krebsgesicht haben, ein streitbares, trotziges und rohes Fleischfressendes Volk. Auf der andern Seite, rechter Hand, halten sich die Tritonomendeten aufDer Bedeutung dieses Nahmens nach sollte man eher Menschen-Böcke als Menschen-Wiesel erwarten; indessen ist nicht zu begreifen wie die Abschreiber aus Tritonopaleoten Tritonomendeten gemacht haben könnten. Der Vermuthung, daß hier eine Lücke sey, scheint die folgende Erzählung entgegen zu seyn. Massieu mag es also am besten getroffen haben, wenn er meynt, daß man es in einer Composition wie diese so genau nicht nehmen dürfte., die von oben bis an den Gürtel wie Menschen und von unten wie Wiesel gestaltet, jedoch ihrer Sinnesart nach nicht so boshaft und gewaltthätig sind, wie die übrigen. Linker Hand wohnen die Karkinocheiren und Thynnokephalen, wovon jene statt der Hände Krebsscheeren, diese einen Thunfischkopf haben; diese beyden Völkerschaften stehen im Bunde mit einander und machen im Kriege gemeinschaftliche Sache. Die Mitte haben die Paguriden und PsettapodenDer letztere Nahme bedeutet so viel als Schollenfüße; der erste deutet auf eine Ähnlichkeit mit Meerkrebsen., ein paar streitbare Rassen, die besonders schnell im Laufen sind. Die Morgenländische, dem Rachen zunächst liegende Gegend, ist, weil sie vom Meer angespült wird, größtentheils unbewohnt: ich habe mich also mit ihr behelfen müssen, und bezahle den Psettapoden einen jährlichen Tribut von fünfhundert Stück Austern dafür. So ist das Innere dieses Landes beschaffen, und du kannst dir leicht vorstellen daß es für uns keine kleine Sorge ist, wie wir uns gegen so viele Völker wehren und wenigstens das Leben davon bringen wollen.

Wie viele mögen ihrer wohl in allem seyn, fragte ich.

Über tausend.

Was führen sie für Waffen?

Keine als Fischgräthen.

Das Beste ist also, sagte ich, wir nehmen es mit ihnen auf, da wir bewaffnet sind und sie nicht. Haben wir sie ein für allemal überwunden, so können wir dann ohne Sorgen leben.

Dieser Antrag gefiel unserm Wirthe. Wir begaben uns also zu unserm Schiffe zurück, und machten Anstalten. Eine Veranlassung zum Kriege konnte uns nicht fehlen; unser Wirth durfte sich nur weigern den Tribut zu bezahlen, dessen Verfallzeit ganz nahe war: und so erfolgte es auch. Jene schickten und ließen den Tribut einfodern: Er wieß sie mit einer stolzen Antwort ab. Hierüber wurden dann die Psettapoden und Paguriden so aufgebracht, daß sie mit großem Geschrey in die Pflanzung den Skintharus (so hieß unser neuer Freund) einfielen. Da wir uns dessen versehen hatten, so fanden sie uns in guter Verfassung. Ich hatte die Hälfte meiner Mannschaft, fünf und zwanzig an der Zahl, vorausgeschickt, mit dem Befehl sich in einen Hinterhalt zu legen, und den Feinden, wenn sie vorbeygezogen seyn würden, in den Rücken zu fallen; welches sie denn auch mit gutem Erfolge bewerkstelligten. Ich aber mit den übrigen ebenfalls fünf und zwanzig Mann stark, (denn Skintharus und sein Sohn fochten mit) gieng ihnen entgegen, und da wir sie solchergestalt in die Mitte bekamen, wurden sie, nach einem hartnäckigen Gefecht, das nicht ohne Gefahr auf unsrer Seite war, endlich aus dem Felde geschlagen und bis in ihre Hölen verfolgt. Von den Feinden fielen ihrer hundert und siebenzig, von den unsrigen nur ein einziger, mein Steuermann, der mit der Rippe einer Meerbarbe durch die Schulter geschossen wurde.

Wir brachten die Nacht auf dem Wahlfelde zu, nachdem wir den getrockneten Rückgrath eines Delphins als ein Siegeszeichen aufgerichtet hatten. Da sich aber das Gerücht dieses Vorgangs inzwischen verbreitet hatte, fanden wir am folgenden Morgen andere Feinde vor uns: und zwar nahmen die Tarichanen unter Anführung eines gewissen Pelamus den linken Flügel ein, die Thynnokephalen den rechten, die Karkinocheiren das Centrum. Denn die Tritonomendeten, die es mit keinem Theile verderben wollten, hielten sich ruhig. Wir unsrer Seits giengen dem Feinde bis zum Tempel Neptuns entgegen, wo wir unter einem so großen Feldgeschrey, daß der ganze Wallfisch wie ein unermeßliches Gewölbe davon widerhallte, auf einander stießen. Wir wurden aber da unsre Gegner nicht viel besser als nackend und unbewaffnet waren, bald mit ihnen fertig, verfolgten sie bis in den Wald hinein, und behaupteten das Schlachtfeld.

Nicht lange darauf schickten sie Herolde an uns ab, um ihre Todten abzuhohlen und Friedensvorschläge zu thun: aber wir fanden nicht für gut uns darauf einzulassen, sondern zogen des folgenden Tages abermals gegen sie aus, und vertilgten sie alle insgesammt, nur die Tritonomendeten ausgenommen, die, wie sie merkten worauf es abgesehen war, so eilfertig sie konnten zu den Kiemen hinauswischten und ins Meer sprangen.

Wir aber durchsuchten das ganze Land, und da wir es von Feinden gänzlich gereinigt fanden, wohnten wir nun ganz angenehm beysammen, brachten unsre Zeit mit Leibesübungen und Jagen zu, bauten unsern Wein, sammelten die Früchte von den Bäumen, und lebten, mit Einem Wort wie Leute, die sich in einem großen Kerker, aus dem sie nicht heraus konnten, recht wohl seyn ließen. Auf diese Art brachten wir ein Jahr und acht Monate hin.

Aber am funfzehnten Tage des neunten Monats, beym zweyten Maulaufreissen des Wallfisches (denn dieß that er alle Stunden einmal, so daß wir nach diesen periodischen Eröffnungen die Tagsstunden zählten) hörten wir ein großes Geschrey und ein Getöse, wie von Schiffsleuten und Rudern. Da wir darüber in Unruhe geriethen, so krochen wir bis in den Rachen des Ungeheuers hervor, wo wir, zwischen den Zähnen stehend, alles sehen konnten – und in der That, ein Schauspiel zu sehen bekamen, das über alles gieng was mir in meinem ganzen Leben ausserordentliches vorgekommen ist – Menschen nehmlich, die ein halbes Stadium hoch waren, und auf Inseln, wie auf Galeeren, angefahren kamen. – Ich weiß, man wird meine Erzählung unglaublich finden, aber ich kann mir nicht helfen – es muß nun schon heraus. Diese Inseln waren zwar von einer ansehnlichen Länge, eine in die andere ungefähr hundert Stadien im Umfang, aber verhältnismäßig nicht sehr hoch. Auf einer jeden befanden sich gegen acht und zwanzig Bootsleute, die in zwey Reyhen zu beyden Seiten sitzend, mit großen Cypressen, die noch alle Äste und alles Laub hatten, ruderten. Im Hintertheil des Schiffes (wenn ich es so nennen kann) stand der Steuermann auf einem hohen Hügel, an einem ehernen Steuerruder, das wohl sechshundert Fuß lang war. Auf dem Vordertheil aber standen ihrer ungefähr vierzig, die zum Streit bewaffnet waren, und in allem wie Menschen aussahen, ausser daß sie statt des Haupthaars Feuerflammen auf den Köpfen hatten und also keine Helme brauchten. Die Stelle der Segel vertrat auf jeder dieser Inseln ein dichter Wald, in welchen der Wind einfiel, und die Insel trieb und drehte, wie und wohin der Steuermann wollte. Neben den Ruderern stand einer, der die Aufsicht über sie hatte, und so bewegten sich diese Inseln, mit Hülfe der Ruder, wie eben so viele Galeeren, mit großer Geschwindigkeit daher.

Anfangs sahen wir nur zwey bis drey; nach und nach aber kamen ihrer wohl gegen sechshundert zum Vorschein; und nachdem sie sich in Ordnung gestellt, fiengen sie an, einander eine ordentliche Seeschlacht zu liefern. Viele stießen mit den Hintertheilen so gewaltig auf einander, daß nicht wenige von der Heftigkeit des Stoßes umgeworfen wurden und versanken. Andere verwickelten sich in einander, und dann wurde hitzig und tapfer gefochten, und sie ließen nicht leicht wieder von einander ab. Die Krieger auf dem Vordertheile bewiesen allen nur möglichen Muth, sprangen in die feindlichen Schiffe, und machten alles nieder was ihnen in den Wurf kam; denn es wurde kein Quartier gegeben. Statt der eisernen Hacken warfen sie einander an großen Tauen ungeheure Polypen zu, die den Wald mit ihren vielen Armen umschlangen und so die Insel fest hielten. Die Geschosse, deren sie sich bedienten, und womit sie einander schwer verwundeten, waren, Austern, deren jede einen ganzen Wagen ausgefüllt hätte, und MeerschwämmeDüsoul meynt, das Wort σπόγγοις könne hier nicht richtig seyn, wiewohl er nichts bessers vorzuschlagen hat; und auf diesen Zweifel hin hat Massieu diese Schwämme eigenmächtig in Muscheln verwandelt. Aber vermuthlich liegt eben das possierlich-wunderbare der Sache darin, daß unser Abenteurer Schwämme gesehen hat, womit man einander Löcher in den Kopf werfen kann. Sie gehören in die Kategorie der Malven, womit die Schleuderer im Monde ihre Rettiche vergifteten. , wovon einer einen Morgen Landes bedeckte.

Soviel wir aus dem, was sie einander zuriefen, abnehmen konnten, hieß der Anführer der einen Flotte Äolocentaurus, und der andern Thalassopotes, und den Anlaß zu ihrem Kriege hatte, wie es schien, Thalassopotes gegeben, der dem Äolocentaur viele Heerden Delphine geraubt zu haben beschuldigt wurde. Gewiß ist, daß die Äolocentaurische Parthey zuletzt Meister blieb, und ihren Feinden gegen hundert und funfzig Inseln versenkte, drey andere aber mit aller ihrer Mannschaft eroberte: die übrigen drückten sich auf die Seite und entflohen. Die Sieger, nachdem sie ihnen eine Zeitlang nachgesetzt, kehrten gegen Abend wieder zu den versunkenen Schiffen zurück, bekamen die meisten davon in ihre Gewalt, und kriegten auch die ihrigen wieder; denn es waren ihrer im Gefechte nicht weniger als achtzig unter gegangen. Sie nagelten hierauf eine der eroberten Inseln zum Siegesdenkmal an den Kopf des Wallfisches an, und brachten die Nacht auf der Reede des Ungeheuers zu, nachdem sie ihre Schiffe mit Tauen und Hacken daran befestigt und hart dabey vor Anker gelegt hatten; denn sie führten auch sehr große und starke gläserne Anker bey sich. Des folgenden Tages stiegen sie auf dem Rücken des Wallfisches aus, opferten ihren Göttern, begruben ihre Todten auf demselben, und fuhren hierauf mit großem Jubel wieder ab. Dieß ist alles, was ich von der Inselschlacht zu berichten habe.

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