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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Aber was sie für Augen haben, getraue ich mir kaum zu sagen, es ist so unglaublich, daß ich besorgen muß, man werde denken, ich gebe die Unwahrheit vor. Doch, da ich schon so viel wunderbares erzählt habe, mag das immer auch noch mitgehen. Sie haben nehmlich Augen die sich herausnehmen lassen; wer also die seinigen schonen will, nimmt sie heraus und hebt sie auf; kommt ihm dann etwas vor das er sehen will, so setzt er sein Auge wieder ein, und sieht. Viele, die die ihrigen verlohren haben, sehen mit geborgten; denn was reiche Leute sind, haben deren immer viele vorräthig.

Ihre Ohren sind aus Platanenblättern gemacht, und nur die Dendriten allein haben hölzerne.

Auch sah ich im Palaste des Königs noch ein anderes Wunder, und das ist ein Spiegel von ungeheurer Größe, der auf einem nicht allzutiefen Brunnen liegt. Wer diesen Brunnen hinabsteigt, hört alles was auf unsrer Erde gesprochen wird; und wer in den Spiegel schaut, sieht darin alle Städte und Völker der Erde so genau als ob sie vor ihm stünden. Ich sah bey dieser Gelegenheit meine Familie und mein ganzes Vaterland: ob sie aber auch mich gesehen haben, kann ich nicht für gewiß sagen. Wer mir nicht glauben sollte was ich von der Tugend dieses Spiegels gemeldet habe, wird sich, wenn er einmal selbst hieher kommen wird, mit eigenen Augen überzeugen können, daß ich die Wahrheit sage.

Wir beurlaubten uns nunmehr von dem Könige und seinem Hofe, begaben uns wieder an Bord unsers Schiffes und stießen ab. Endymion beschenkte mich beym Abschied mit zwey gläsernen und fünf ehernen Kleidungen, nebst einer ganzen Rüstung von Wickbohnen: ich mußte aber alles im Wallfisch zurücklassen. Er gab uns auch tausend Hippogypen mit, die uns fünfhundert Stadien weit begleiten mußten.

Nachdem wir bey verschiedenen andern Ländern vorbeygefahren, landeten wir am Morgenstern, der seit kurzem angebaut worden war, an, um frisches Wasser einzunehmen. Von da fuhren wir in den Thierkreis ein, indem wir linker Hand hart an der Sonne vorbey segelten: aber wir stiegen nicht aus, wiewohl meine Gefährten es sehr gewünscht hätten, weil uns der Wind entgegen war. Doch kamen wir ihr nahe genug, um zu sehen, daß die Landschaft mit dem schönsten Grün bedeckt, wohl bewässert, und mit allen Arten von Naturgütern reichlich gesegnet war. Wie uns die Nephelocentauren, die in Phaetons Solde stehen, gewahr wurden, flogen sie auf unsre Barke zu, zogen sich aber wieder zurück, sobald sie vernahmen, daß wir in den Friedenstractat mit eingeschlossen wären.

Nunmehr hatten auch die Hippogypen Abschied von uns genommen, und wir hatten die nächste Nacht und den folgenden Tag unsern Lauf fortgesetzt und immer niederwärts gesteuert, als wir gegen Abend bey der sogenannten LampenstadtLychnopolis. anlangten. Diese Stadt liegt zwischen den Plejaden und Hyaden, aber etwas niedriger als der Zodiakes. Hier stiegen wir ans Land, erblickten aber keinen Menschen; hingegen sahen wir eine große Menge Lampen, die auf den Straßen hin und wieder liefen, und auf dem Markt und am Hafen beschäftigt waren; die meisten waren klein und hatten ein ärmliches Ansehen; einigen wenigen hingegen sahe man's gleich an ihrem Glanz und lebhaften Lichte an, daß sie hier die Großen und Vielvermögenden vorstellten. Jede hatte ihren eigenen Lampenstock, der ihr zur Wohnung diente, und ihren eigenen Nahmen, wie die Menschen. Wir hörten auch daß sie eine Art von Sprache hatten. Ungeachtet sie uns nun nichts zu Leide thaten, und uns vielmehr nach ihrer Weise gastfreundlich zu empfangen schienen, so war uns doch nicht wohl bey ihnen zu Muthe, und keiner von uns getraute sich weder zu essen noch zu schlafen. Mitten in der Stadt haben sie eine Art von Rathhaus, wo ihr Stadtschultheiß die ganze Nacht durch sitzt, und einen nach dem andern bey seinem Nahmen zu sich ruft: wer nicht gehorcht, wird als ein Deserteur behandelt, und mit der Todesstrafe belegt, das heißt, er wird ausgelöscht. Wir hörten auch, während wir herumstanden und sahen was passierte, verschiedene von ihnen, die allerley Ursachen, warum sie so späte gekommen, zur Entschuldigung anführten. Bey dieser Gelegenheit erkannte ich unsre eigene Hauslampe; ich erkundigte mich bey ihr wie es zu Hause stünde, und sie sagte mir alles was sie wußte.

Da wir nicht länger als diese einzige Nacht zu Lychnopolis bleiben wollten, lichteten wir des folgenden Tages den Anker, und fuhren neben den Wolken vorbey, wo wir, unter andern, mit großer Verwunderung, auch die berühmte Stadt Nephelokokkygiadie aus den Vögeln des Aristophanes bekannt ist. sahen, aber wegen widrigen Windes nicht in ihren Hafen einlaufen konnten. Doch erfuhren wir, daß Koronos, Kottyphions Sohn, dermalen daselbst regiere; und ich, meines Orts, bestärkte mich in der Meynung, die ich immer von der Weisheit und Wahrhaftigkeit des Dichters Aristophanes gehegt hatte, dessen Nachrichten von dieser Stadt man mit Unrecht den gebührenden Glauben versagt. Drey Tage darauf bekamen wir den Ocean wieder zu Gesichte; aber die Erde zeigte sich nirgends, die in der Luft schwebenden ausgenommen, die uns überaus feurig und funkelnd vorkamen. Am vierten gegen Mittag setzte uns ein sanft nachgebender Wind allmählich wieder auf dem Meere ab.

Es ist unmöglich das Entzücken zu beschreiben, das uns ergriff als wir uns wieder auf dem Wasser fühlten. Wir gaben der ganzen Schiffsmannschaft einen Schmaus, so gut als es unser Vorrath erlauben wollte, und sprangen dann ins Wasser und badeten uns, nach Herzenslust; denn es herrschte eben eine große Windstille und das Meer war so glatt wie ein Spiegel.

Aber in kurzem erfuhren wir, daß eine plötzliche glückliche Veränderung nicht selten der Anfang größerer Unglücksfälle ist. Denn kaum waren wir zwey Tage auf dem Meere gefahren, als sich gegen Sonnenaufgang eine Menge Wallfische und andere Seeungeheuer sehen ließen. Unter den ersten zeichnete sich besonders einer durch seine Größe aus, denn er war nicht weniger als funfzehnhundert StadienUngefähr fünf und vierzig deutsche Meilen. lang. Dieser kam mit offnem Rachen, und mit einem Ungestüm, der das Meer auf allen Seiten aufbrausen und schäumen machte, auf uns loß, und zeigte uns Zähne, die noch viel größer als unsere kolossalischen PhallusbilderLukian sagt nur: viel größer als die Phalli bey uns; aber wenn die Zähne dieses Ungeheuers nur in einiger Proportion mit seinem ganzen körperlichen Umfang standen, so kann man hier keine kleinere Phallusbilder annehmen, als die kolossalischen, deren in dem Tractat von der Syrischen Göttin Erwähnung gethan wird, welche (nach der billigsten Leseart) dreissig Klafter oder 180 Fuß hoch waren, und mit allem dem gegen die Zähne eines Caschelotten, der 930,000 Fuß lang war, in keine Vergleichung kommen konnten., spitzig wie Zaunpfähle und so weiß wie Elfenbein waren. Wir nahmen also den letzten Abschied von einander, und indem wir ihn einer in des andern Armen erwarteten, war er da und schlang uns zusammt unserm Schiffe auf einen Athemzug hinunter; denn er fand nicht für nöthig uns erst mit seinen Zähnen zu zermalmen, sondern das Schiff glitschte auf Einen Druck durch die Zwischenräume in seinen Schlund hinab.

Wie wir nun drin waren, war es anfangs so dunkel daß wir nicht einen Stich sehen konnten: als er aber, nach einer Weile, den Rachen wieder aufsperrte, sahen wir uns in einer Höhle von so ungeheurer Höhe und Weite, daß sie uns für eine Stadt von zehntausend Einwohnern Raum genug zu haben schien. Überall lagen eine Menge kleiner Fische, zermalmter Thiere, Segel, Anker, Menschengebeinen und ganze Schiffsladungen umher. Weiter hin war, vermuthlich aus dem vielen Schlamm, den dieser Wallfisch schon verschluckt hatte, eine Erde mit Bergen und Thälern entstanden, wovon jene mit allen Arten von Bäumen, diese mit allerley Kräutern und Gemüsen dergestalt bepflanzt waren, daß man es für angebautes Land halten mußte. Diese Insel, wenn ich es so nennen kann, mochte wohl zweyhundert und vierzig StadienBeynahe acht Meilen. im Umkreise haben. Wir sahen auch verschiedene Arten von Seevögeln, Meerschwalben und Eisvögel, die auf den Bäumen umher ihre Nester hatten.

Unser erstes war, daß wir uns hinsetzten und uns recht satt weinten; endlich aber, nachdem ich meinen Reisegefährten Muth zugesprochen hatte, machten wir vor allen Dingen unser Schiff fest, schlugen sodann Feuer, und machten uns, aus den Fischen, die in großer Menge und Mannichfaltigkeit umher lagen, eine Mahlzeit zu recht; Wasser hatten wir noch aus dem Morgenstern am Bord.

Wie wir des folgenden Morgens aufstanden, sahen wir, so oft der Wallfisch Athem hohlte, bald Berge, bald nichts als Himmel, bald auch Inseln, woraus wir dann schlossen, daß er sich mit großer Geschwindigkeit in allen Theilen des Oceans herum bewege.

Als wir nun dieses neuen Aufenthaltes in etwas gewohnt waren, nahm ich sieben meiner Gefährten mit mir, und gieng in den Wald auf weitere Entdeckungen aus. Ich hatte noch nicht fünf volle Stadien zurück gelegt, als ich auf einen Tempel stieß, der laut der Inschrift dem Neptun gewidmet war; bald darauf fanden wir eine große Anzahl Gräber mit Säulen, und nicht weit davon eine Quelle klares Wasser. Überdieß hörten wir Hunde bellen, und sahen in einiger Entfernung Rauch aufsteigen; so daß wir, allem Vermuthen nach, nicht weit von einer Wohnung seyn konnten. Wir verdoppelten nun unsre Aufmerksamkeit, und waren nicht weit fortgegangen, als wir einen alten Mann und einen Jüngling antrafen, die sehr emsig in einem Küchengarten arbeiteten, und eben beschäfftigt waren, Wasser aus der Quelle in denselben zu leiten. Erfreut und erschrocken zugleich blieben wir stehen, und man kann sich leicht einbilden, daß ihnen eben so wie uns zu Muthe war. Sie hielten mitten in ihrer Arbeit ein, und betrachteten uns ohne einen Laut von sich zu geben. Endlich ermannte sich doch der Alte nach einer kleinen Weile, und redete uns an. – Wer seyd ihr, sagte er, Dämonen des Meeres? Oder verunglückte Menschen unsers gleichens? Denn was uns betrifft, wir sind Menschen, und aus Erdesöhnen, die wir waren, zu Meerbewohnern worden, und treiben mit diesem Ungeheuer, in welchem wir eingeschlossen sind, herum, ohne recht zu wissen wie es mit uns steht; denn wir haben alle Ursache zu denken, daß wir gestorben seyen, wiewohl wir noch zu leben glauben. – Auch wir, alter Vater, (antwortete ich ihm) sind Menschen, die sich seit kurzem hier befinden; denn es ist heute erst der dritte Tag, daß wir samt unserm Schiffe verschlungen worden sind; und bloß das Verlangen zu wissen wie es in diesem Walde aussehe, der uns sehr groß und dicht vorkam, hat uns hieher gebracht. Aber ohne Zweifel leitete uns irgend ein guter Genius, daß wir dich fanden, und nun wissen, daß wir nicht allein in diesen Wallfisch eingeschlossen sind. Sage uns denn, wenn ich bitten darf, wer du bist, und wie du hierher gekommen? Aber der gute Alte versicherte uns, daß er unsre Neugier nicht eher befriedigen würde, bis er uns, so gut ers vermochte, bewirthet hätte; und hiemit führte er uns in seine Wohnung, die er sich gemacht hatte. Sie war für seine Bedürfnisse bequem genug, und mit Sitzen und andern Nothwendigkeiten versehen. Nachdem er uns hier Gemüse, Früchte, Fische und Wein vorgesetzt hatte, und wir satt waren, erkundigte er sich nach den Zufällen, die uns begegnet wären, und da erzählte ich ihm alles der Ordnung nach, den Sturm, und was uns auf der Insel begegnet, und unsre Reise in der Luft, und den Krieg, und alles übrige bis zu dem Augenblick unsrer Untertauchung in den Wallfisch.

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