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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als wir endlich vom Nachsetzen der Feinde abließen, richteten wir zwey Tropäen auf, eines für die Infanterie auf der Spinnenwebe, das andere auf den Wolken für diejenige die in der Luft gestritten hatten: aber während wir damit beschäfftiget waren, benachrichtigten uns unsre Vorposten, die Wolken-Centauren seyen im Anzuge, die schon vor der Schlacht zum Phaeton hätten stoßen sollen. Ich muß gestehen, der Aufmarsch einer Armee von Reitern, die halb Menschen und halb geflügelte Pferde waren, und wovon die menschliche Hälfte so groß als das obere halbe Theil des Koloß von Rhodos, die Pferdehälfte aber wie ein großes Lastschiff war, machte ein ganz ausserordentliches Schauspiel. Ihre Anzahl habe ich lieber nicht beysetzen wollen, denn sie war so ungeheuer groß, daß man mir nicht glauben würde. Sie wurden vom Schützen im Thierkreise angeführt. Wie sie nun sahen, daß ihre Freunde geschlagen waren, schickten sie sogleich einen Eilbothen an den Phaeton ab, um ihn ins Treffen zurückzurufen; sie selbst aber drangen in guter Ordnung auf die erschrocknen Seleniten ein, (die, über Verfolgung der Feinde und Theilung der Beute, in größte Unordnung gekommen waren) jagten sie alle in die Flucht, verfolgten den König selbst bis vor die Mauern seiner Hauptstadt, machten den größten Theil seiner Vögel nieder, rissen die Tropäen um, bemächtigten sich des ganzen Schlachtfeldes der Spinnenweben, und machten (unter andern) auch mich und zwey meiner Gefährten zu Kriegsgefangnen. Jetzt erschien auch Phaeton wieder, und nachdem sie andere Tropäen errichtet hatten, wurden wir noch an eben demselben Tage, die Hände mit Stricken von der Spinnenwebe auf den Rücken gebunden, nach der Sonne abgeführt.

Da die Feinde nicht für gut befanden, die Hauptstadt Endymions zu belagern, so begnügten sie sich, eine doppelte Mauer von Wolken zwischen dem Mond und der Sonne aufzuführen, wodurch alle Communication zwischen beyden abgeschnitten, und der Mond alles Sonnenlichts beraubt wurde. Der arme Mond erlitt also von diesem Augenblick an eine totale Finsterniß, und war gänzlich in eine ununterbrochne Nacht eingehüllt. In dieser Noth wußte sich Endymion nicht anders zu retten, als daß er Deputierte nach der Sonne abschickte, welche fußfällig bitten mußten, daß man die Mauer wieder einreissen, und sie nicht so unbarmherzig in der Finsterniß zu leben nöthigen möchte: er machte sich dagegen anheischig, der Sonne Tribut zu entrichten, ihr, wenn sie Krieg hätte, mit Hülfstruppen zuzuziehen, nichts feindliches mehr gegen sie zu unternehmen, und zur Sicherheit dieser Versprechungen Geiseln zu geben. Phaeton hielt dieses Antrags halben zwey Rathsversammlungen: in der ersten war die Erbitterung noch zu groß, um Vorschlägen zur Güte Gehör zu geben: in der zweyten aber kamen sie auf andere Gedanken, und der Friede wurde vermittelst eines Tractats geschlossen, der also lautete:

Zwischen den Helioten und ihren Bundesgenossen am Einen, und den SelenitenMondsbewohnern. und ihren Verbündeten am andern Theile, ist folgender Vergleich errichtet worden: Die Helioten machen sich anheischig die aufgeführte Mauer niederzureissen, nicht wieder feindlich in den Mond einzufallen, und die Gefangenen gegen ein zwischen beyden Theilen ausgemachtes Lösegeld frey zu geben. Die Seleniten hingegen versprechen, die übrigen Sterne bey ihrer Unabhängigkeit zu belassen, die Helioten nie wieder mit Kriege zu überziehen, sondern einander, wofern sie von jemand angegriffen würden, wechselseitige Hülfe zu leisten; nicht weniger macht sich der König der Seleniten verbindlich, dem Könige der Helioten, als einen Tribut jährlich zehentausend Eimer Thau zu entrichten, und zur Sicherheit desselben zehentausend Geiseln zu geben. Die Colonie in den Morgenstern aber betreffend, soll solche von beyden Theilen gemeinschaftlich bewerkstelliget werden, und auch aus andern Völkerschaften wer dazu Lust haben mag Theil daran nehmen dürfen. Dieses Bündniß soll auf eine Denksäule von Bernstein gegraben, und zwischen der Grenze beyder Reiche in freyer Luft aufgestellt werden: und haben dasselbe beschworenDa Lukian es für schicklich hielt, den Herren Bevollmächtigten Sonnen- und Mondmäßige Nahmen zu geben, so schien es aus gleichem Grunde nöthig, sie so gut es gehen wollte, zu verdeutschen. Im Original heissen jene, Pyronides, Therites, Phlogius; diese, Nyktor, Menius, Polylampus.

Von Seiten der Helioten, Von Seiten der Seleniten,
Feuermann.
Sommergluth.
Flammstädt.
Nachtlieb.
Monder.
Wechselschein.

Sobald dieser Friedensschluß unterzeichnet war, wurde die Mauer eingerissen und wir Gefangenen ausgeliefert. Bey unserer Zurückkunft in den Mond kamen uns unsere Cameraden und Endymion selbst entgegen, und umarmten uns mit thränenden Augen. Dieser Fürst hätte uns überaus gerne bey sich behalten; er schlug uns vor, an der neuen Colonie Theil zu nehmen, und erbot sich mir seinen Sohn zur Ehe zu geben (denn es giebt bey ihnen keine Weiber) aber ich ließ mich auf keine Weise überreden, sondern bestand darauf, daß er uns wieder ins Meer herabschicken sollte. Wie er nun sahe, daß es unmöglich war uns auf andere Gedanken zu bringen, so willigte er in unsre Entlassung ein, nachdem er uns eine ganze Woche durch aufs herrlichste bewirthet hatte.

Aber ehe ich den Mond wieder verlasse; muß ich euch doch auch erzählen, was ich während meines dortigen Aufenthalts neues und ausserordentliches bemerkt habe. Das erste ist, daß die Seleniten nicht von Weibern sondern von Männern gebohren werden; denn hier heurathen die Männer einander, und das weibliche Geschlecht ist ihnen etwas so unbekanntes, daß sie nicht einmal einen Nahmen in ihrer Sprache dafür haben. Ihre Einrichtung ist diese; jeder Selenit wird geheurathet bis er fünf und zwanzig Jahre alt ist, von dieser Zeit an aber heurathet er selbst. Ihre Leibesfrucht tragen sie nicht wie die Weiber bey uns, sondern in der Wade. Sobald ein junger Selenit empfangen hat, fängt ihm die Wade an dicker zu werden; einige Zeit darauf wird die Geschwulst aufgeschnitten, und man zieht die Kinder todt heraus: sobald sie aber mit offnem Munde an die freye Luft gebracht werden, fangen sie an zu leben. Ich vermuthe daß das Griechische Wort γαστροκνημία (Beinbauch) sich von diesem Volke herschreibt, und sich auf diese sonderbare Eigenschaft bezieht, ihre Kinder, anstatt im Leibe, in der Wade zu tragen.

Was aber noch viel sonderbarer ist, es giebt eine Art Menschen bey ihnen, Dendriten genannt, die auf folgende Weise entstehen. Man schneidet einem Manne den rechten Hoden aus und pflanzt ihn in die Erde; nach und nach wächst hieraus ein sehr großer fleischerner Baum, der die Gestalt eines Phallus, aber dabey Zweige und Blätter hat, und eine ellenlange Eichelförmige Frucht trägt. Diese werden, wenn sie zeitig sind, abgebrochen, und die Menschen herausgeknackt. Diese Dendriten aber sind von Natur ohne Geschlechtstheile, und also genöthigt sich künstliche anzusetzen, die ihnen eben die Dienste thun als ob sie natürlich wären.Im Griechischen: διὰ τούτων οχεύουσιν [vermittelst dieser begatten sie sich] etc. Ich weiß nicht, wie sich Massieu durch das Wort πρόσθετα hat verleiten lassen können, zu übersetzen: on trouve à ses côtes, dans la même enveloppe des parties genitales etc. [Man findet die Geschlechtsteile an seinen Seiten in derselben Hülle]. πρόσθετος [angesetzt] hat hier wohl schwerlich eine andere Bedeutung als es in πρόσθετοι κόμαι (falsches angesetztes Haar) hat; wenigstens ist keine Spur im Text, daß Lukian an die gedacht habe, die ihm der französ. Übers. andichtet. Die Reichern lassen sich solche von Elfenbein machen, die Armen aber begnügen sich mit hölzernen.

Wenn ein Selenit alt worden ist, so stirbt er nicht wie wir, sondern zerfließt, wie Rauch, in der Luft. Die ganze Nation hat nur einerley Art sich zu nähren: sie braten nehmlich Frösche (die bey ihnen hauffenweis in der Luft herumfliegen) auf Kohlen, setzen sich um den Heerd, wie sie gebraten werden, wie um einen Tisch her, schlurfen den aufsteigenden Dampf ein, und darin besteht ihre ganze Mahlzeit. Wenn sie trinken wollen, so drücken sie Luft in einen Becher aus, der auf diese Weise mit einer dem Thau ähnlichen Feuchtigkeit angefüllt wird.

Bey einer so feinen Nahrung wissen sie nichts von den Excretionen, denen die Erdebewohner unterworfen sind; sie sind auch nicht an eben dem Orte gebort wie wir, sondern haben bloß (zu dem oben angedeuteten Gebrauch) eine Öfnung in der Kniekehle.

Wer bey ihnen für schön gelten will, muß kahl und ohne Haare seyn; lockichte und starkbehaarte Köpfe sind ihnen ein Greuel. In den Kometen hingegen ists just umgekehrt: denn da gelten nur die lockichten für schön, wie uns einige Reisende, die in diesen Sternen zu Hause waren, erzählten. Jedoch haben sie über den Knien etwas Bart. An den Füßen haben sie weder Nägel noch Zehen, sondern der ganze Fuß ist aus Einem Stücke: aber über dem Hintern ist jedem ein großer Kopfkohl, statt eines Schwanzes, gewachsen, der immer grün bleibt und nie abbricht, wenn man auch darauf fällt.

Sie schneutzen eine sehr saure Art von Honig aus, und wenn sie sich, es sey durch Arbeit oder gymnastische Übungen, eine starke Bewegung machen, schwitzen sie am ganzen Leibe Milch, so daß sie, um Käse daraus zu machen, nur ein wenig von dem besagten Honig hineinzuträufeln brauchen.

Sie wissen aus Zwiebeln ein Öl zu machen, das sehr weiß und von so angenehmem Geruch ist, daß sie es zum parfumieren brauchen. Überdieß bringt ihr Land eine große Menge Reben hervor, die, statt Wein, Wassertrauben tragen, deren Beeren Kerne von der Größe unsrer Schloßen haben. Ich weiß mir daher den Hagel bey uns nicht besser zu erklären, als daß es auf der Erde hagelt, so oft ein Sturmwind im Mond diese Reben so stark schüttelt, daß die Wassertrauben davon zerplatzen.

Die Seleniten tragen keine Taschen, sondern stecken alles was sie bey sich tragen wollen, in ihren Bauch, den sie, nach Gefallen, auf- und zuschließen können. Denn von Natur ist er ganz leer, und bloß ringsum mit langen und dichten Zotteln bewachsen, so daß auch ihre neugebohrnen Kinder, wenn sie frieren, ihnen in den Bauch hineinkriechen.Lukian ließ sich, als er diesen seltsamen Einfall hatte, wohl wenig davon träumen, daß ihm die Natur schon darin zuvorgekommen war, und daß es eine Beutelratze giebt, die mit dieser Bequemlichkeit ihre Jungen in ihrem Leibe zu beherbergen, versehen ist.

Was ihre Kleidung betrifft, so tragen die Reichen weiche Kleider aus Glas, der Armen ihre hingegen sind aus Erzt gewebt; denn diese Gegenden sind sehr erzthaltig, und sie verarbeiten es, wenn sie etwas Wasser dazu gießen, wie wir die Wolle.

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