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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wir waren bereits sieben Tage und eben so viel Nächte in dieser Luftfahrt begriffen gewesen, als wir am achten Tage eine Art von Erde in der Luft erblickten, gleich einer großen, glänzenden, kugelförmigen Insel, die ein sehr helles Licht um sich her verbreitete. Wir fuhren auf sie zu, legten unser Schiff an, und stiegen ans Land; und als wir uns darin umsahen, fanden wir, daß es bewohnt und angebaut sey. Zwar bey Tage konnten wir nichts unterscheiden: aber sobald die Nacht einbrach, zeigten sich uns noch andere Inseln in der Nähe, einige größer, andere kleiner, und alle feuerfarb; auch wurden wir tief unter uns eine andere Erde gewahr, welche Städte und Flüsse und Meere und Wälder und Berge in sich hatte; woraus wir denn schlossen daß es vermuthlich die unsrige sey.

Da wir nun weiter fortgehen wollten, stießen wir auf eine Anzahl Pferdegeyer, oder Hippogypen, wie sie hier zu Lande heissen, die sich sogleich unsrer Personen bemächtigten. Diese Hippogypen sind Männer, die auf großen Geyern reiten, und sie so gut wie wir die Pferde, zu regieren wissen: die Geyer aber sind meistens dreyköpfig, und wie groß sie sein müssen, kann man daraus abnehmen, daß jede ihrer Schwingfedern länger und dicker ist als der Mast eines großen Kornschiffes. Die Hippogypen haben den Auftrag, überall auf der ganzen Insel herumzureiten, und wofern sie einen Fremden antreffen, ihn vor den König zu führen; welches dann auch wir uns gefallen lassen mußten. Sobald uns der König erblickte, schloß er vermuthlich aus unsrer Kleidung was für Landesleute wir wären; denn das erste Wort, das er uns sagte, war: die Herren sind also Griechen? Da wir dieß nicht in Abrede waren, fuhr er fort: Wie habt ihr es denn gemacht, um die große Strecke Luft zurückzulegen, die zwischen euerer und dieser Erde liegt? Wir erzählten ihm wie es damit zugegangen war, und dieß setzte ihn in die Laune, uns auch von seiner Geschichte etwas mitzutheilen. Er sagte uns: er sey ebenfalls ein Mensch, und der nehmliche Endymion, der einst im Schlafe aus unsrer Erde entführt und in diese hier versetzt worden, wo er nun den König vorstelle, und welche eben die sey, die uns da unten als Mond erscheine. Übrigens hieß er uns gutes Muthes seyn und keine Gefahr besorgen; wir sollten mit allem, was wir nöthig hätten, versehen werden: und wenn ich, setzte er hinzu, den Krieg, womit ich die Einwohner der Sonne zu überziehen im Begriff bin, glücklich geendigt haben werde, sollt ihr das glücklichste Leben, das sich nur immer denken läßt, bey mir haben. Auf unsere Frage, wer denn eigentlich seine Feinde wären und was die Ursache ihrer Mißhelligkeit sey? erwiederte er: es ist schon eine geraume Zeit, daß Phaeton, der König der Sonnenbewohner (denn die Sonne ist nicht weniger bewohnt als der Mond) Krieg mit uns führt, und die Veranlassung dazu war diese. Ich hatte den Entschluß gefaßt, die ärmsten Leute in meinem Reiche als eine Colonie in den Morgenstern zu schicken, der damals noch öde und unbewohnt war. Dieses wollte nun Phaeton aus Mißgunst nicht zugeben, und stellte sich meinen Colonisten mit einem Hauffen Pferdameisen in den Weg. Da wir uns dieses Angriffs nicht versehen hatten und also zur Gegenwehre nicht gefaßt waren, so zogen wir damals den kürzern. Nun aber bin ich entschlossen, noch einen Gang mit ihnen zu thun und die Colonie an Ort und Stelle zu bringen, es koste was es wolle. Wofern ihr also Lust habt an dieser Unternehmung Theil zu nehmen, so will ich euch mit Geyern aus meinen Marställen und mit den benöthigten Waffen versehen lassen; und morgen treten wir den Marsch an. Ich bin dabey, versetzte ich, weil du es für gut befindest.

Der König behielt uns diesen Abend bey der Tafel; am folgenden Morgen aber machten wir uns in aller Frühe auf, und zogen in Schlachtordnung aus, weil unsre Vorposten berichtet hatten daß der Feind schon nahe sey. Unser Kriegsheer bestand (ohne das leichte Fußvolk, die fremden Hülfstruppen, die Artilleristen und den Troß) aus hundert tausend Mann: nehmlich achtzigtausend Pferdegeyer, und zwanzigtausend, die auf Kohlvögeln ritten. Dieß ist eine überaus große Gattung von Vögeln, die statt der Federn dicht mit Kohl bewachsen sind, und eine Art von großen Salatblättern statt der Flügel haben. Unsre Flanken waren mit Hirsenschießern und Knoblauchwerfern besetzt. Überdieß waren aus dem großen Bären dreissigtausend Flohschützen und funfzigtausend Windlaufer zu uns gestoßen. Die ersten sind Bogenschützen, die auf einer Art von Flöhen reiten, die zwölfmal so groß sind als ein Elephant: die Windlaufer hingegen fechten zwar zu Fuß, laufen aber ohne Flügel in der Luft. Dieß bewerkstelligen sie folgendermaßen. Sie tragen weite Röcke, die bis auf die Knöchel reichen; die schürzen sie so auf, daß sie den Wind gleich einem Segel auffassen, und so fahren sie wie Schiffe in der Luft daher. Im Treffen werden sie meistens wie unsre PeltastenEine Art leicht bewaffneter Fußsoldaten, die dem Feinde hauptsächlich durch ihre Behendigkeit Abbruch thaten. gebraucht. Die Rede gieng auch, es würden aus den Sternen über Kappadozien siebzigtausend Sperlingseicheln und fünftausend Pferdekraniche kommen: ich muß aber gestehen daß ich sie nicht gesehen habe, und zwar aus der ganz simpeln Ursache weil sie nicht kamen. Ich habe mich also auch nicht erkühnen wollen sie zu beschreiben; denn man sagte ganz abenteuerliche und unglaubliche Dinge von ihnen.

So war die Kriegsmacht Endymions beschaffen. Rüstung und Waffen waren übrigens bey allen gleich. Statt der Helme trugen sie ausgehöhlte Bohnen, die bey ihnen ausserordentlich groß und dickhäutig sind; ihre Harnische waren aus Häuten von Wickbohnen schuppenförmig zusammengenäht; denn in diesem Lande ist die Hülse der Wickbohne so hart und undurchdringlich wie Horn. Ihre Schilde und Schwerdter waren wie die Griechischen.

Als es nun Zeit war, wurden sie folgendermaßen in Schlachtordnung gestellt. Die Pferdegeyer machten den rechten Flügel aus, und wurden von dem Könige selbst angeführt, der von einer Anzahl der auserlesensten umgeben war, unter welchen auch wir uns befanden: auf dem linken Flügel standen die Kohlvögel, und im Centrum die Hülfstruppen, jede Gattung besonders. Das Fußvolk betrug gegen sechzig Millionen.Immer eine hübsche runde Zahl! und doch setzt Massieu noch eine Nulle dazu und macht sechzigtausend Myriaden, oder 600,000 000 daraus. – Es giebt eine Gattung Spinnen im Monde, von denen die kleinste größer ist als eine der Cykladischen Inseln. Diese bekamen Befehl, den ganzen Luftraum zwischen dem Mond und dem Morgensterne mit einem Gewebe auszufüllen. Das Werk war in wenig Augenblicken fertig und diente zum Boden, worauf sich die Fußvölker in Schlachtordnung stellten, die von Nachtvogel, Schönwetters SohnIm Griechischen: Nykterion und Eudianax., und noch zwey andern Feldherren commandiert wurden.

Auf dem linken Flügel der Feinde standen die Pferdameisen, von Phaeton angeführt. Diese Thiere sind eine Art geflügelter Ameisen, die sich von den unsrigen bloß durch die Größe unterscheiden; denn die größten unter ihnen nahmen nicht weniger als zwey Morgen Landes ein. Auch haben sie das Besondere, daß sie ihren Reitern fechten helfen, hauptsächlich mit ihren Hörnern. Ihre Anzahl wurde auf ungefähr funfzigtausend angegeben. Auf den rechten Flügel wurden im ersten Treffen ungefähr funfzigtausend MückenritterIm Text heissen sie αεροκόρακες, Luftraben (einige lesen κόρδακες, welches gar keinen Sinn giebt.) Aber auch die erste Benennung paßt nicht im geringsten zu dem, was Lukian von ihnen sagt, und ich sehe kein ander Mittel als entweder anzunehmen, daß zwischen αεροκόρακες und ψιλοί eine ziemlich große Lücke in den Handschriften sey (nehmlich daß die Abschreiber alles, was diese Luftraben charakterisierte, und den Nahmen derjenigen die er Rettiche statt der Steine schleudern läßt, ausgelassen hätten) welches mir nicht wahrscheinlich vorkommt: oder daß das Wort αεροκόρακες, welches schon an sich selbst gar zu platt ist (denn alle Raben sind ja Luftraben) verdorben sey. Ich habe mir (in re tam levi) die Freyheit genommen, das letztere vorauszusetzen, und dem zu Folge den Nahmen im Deutschen so zu verändern daß er das bezeichnet, wodurch sie sich von den andern Truppen des Königs Phaeton unterschieden. gestellt, lauter Bogenschützen, die auf ungeheuren Mücken reiten. Hinter ihnen standen die Rettichschleuderer, eine Art leichter Fußsoldaten, die aber dem Feinde großen Schaden zufügten. Denn sie waren mit Schleudern bewaffnet, aus welchen sie von weitem Rettiche von entsetzlicher Größe warfen; wer davon getroffen wurde, starb auf der Stelle, und die Wunde gab sogleich einen unleidlichen Gestank von sich; denn man sagte, sie tauchten die Rettiche in Malvengift. Hinter diesen waren die Stengelschwämme gestellt, schwerbewaffnete Infanteristen, zehentausend an der Zahl, die ihren Nahmen daher haben, daß sie sich einer Art Pilzen statt der Schilde, und großer Spargeln statt der Spieße bedienen. Nicht weit von ihnen standen die Hundeichler, die dem Phaeton von den Bewohnern des Sirius zu Hülfe geschickt worden waren, an der Zahl fünftausend; es waren Menschen mit Hundeköpfen, die auf geflügelten Eicheln, (wie auf Wagen) stritten. Übrigens gieng die Rede, es fehlten noch verschiedene Hülfsvölker, auf welche Phaeton gerechnet hätte, besonders die Schleuderer die aus der Milchstraße erwartet wurden, und die Wolken-Centauren. Die letztern langten gleichwohl noch an, da das Treffen schon entschieden war, und hätten unsertwegen wohl wegbleiben mögen; die Schleuderer aber kamen gar nicht: worüber Phaeton so aufgebracht worden seyn soll, daß er in der Folge ihr Land mit Feuer verwüstete. Dieß war also die Macht, womit er gegen uns anrückte.

Das Zeichen zum Angriff wurde nun, auf beyden Theilen, durch Esel gegeben, deren man sich hier zu Lande statt der Trompeter bedient, und das Treffen hatte kaum angefangen, als der linke Flügel der Heliotenoder Sonnenbewohner., ohne das Einhauen der Pferdegeyer zu erwarten, die Flucht ergriff – wir setzten ihnen also nach und richteten ein großes Blutbad unter ihnen an. Hingegen gewann ihr rechter Flügel anfangs den Vortheil über unsern linken, und die Mückenreiter warfen unsre Kohlvögel mit solcher Gewalt übern Hauffen, und verfolgten sie so hitzig, daß sie bis zu unserm Fußvolk vordrangen: dieses aber that eine so tapfre Gegenwehre, daß die Feinde hinwieder in Unordnung und zum Weichen gebracht wurden, zumal, wie sie merkten, daß ihr linker Flügel geschlagen sey. Ihre Niederlage war nun entschieden; wir machten eine große Menge Gefangener, und der Erschlagenen waren so viele, daß die Wolken von ihrem Blute so roth gefärbt wurden, wie sie uns bey Sonnen-Untergang zu erscheinen pflegen: ja es träufelte sogar häuffig auf die Erde herab; so daß ich auf die Vermuthung kam, eine ehemals in den obern Gegenden vorgefallene ähnliche Begebenheit möchte wohl den Blutregen veranlaßt haben, den Homer seinen Jupiter wegen Sarpedons Tod auf die Erde regnen läßt.Ilias XVI. 458. 59.

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