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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der
Wahren GeschichteWahre Geschichte. Der Verfasser selbst hat sich in seiner Vorrede über den Geist und Zweck dieses kleinen Romans, des Urbildes aller Voyages imaginaires, so bestimmt erklärt, daß ich nichts hinzuzusetzen habe. Ich bin nicht der Meynung, daß dieses Spiel der Imagination und Laune Lukians viel dadurch verlohren habe, daß wir die Autoren entweder gar nicht oder nur sehr unvollkommen kennen, auf die er hie und da anspielt, um sie ihrer Aufschneidereyen und Lügen wegen lächerlich zu machen. Die Satyre in dieser Schrift hat keines besondern Schlüssels vonnöthen, sondern ist überall verständlich, weil sie überall anwendbar ist. Vermuthlich war Lukians Absicht eben so wohl, sich über die Neigung der meisten Menschen, Wundergeschichten zu glauben, als über die Schellenkappe der Reisebeschreiber, so gern Wunderdinge zu erzählen, lustig zu machen. So viel ist gewiß, daß er in dem Talent abenteuerliche und lächerlich ungereimte Dinge zu erfinden, auch der fruchtbarsten und ausschweiffendsten Imagination keine Hoffnung übrig gelassen hat, ihn nur erreichen, geschweige in dem Sublimen dieser Gattung, d. i. in der witzigen Ungereimtheit der Combinationen übertreffen zu können.
Erstes Buch.

So wie diejenigen, die von der athletischen Kunst Profession machen, und überhaupt alle, die ihrem Körper die möglichste Gesundheit und Stärke zu verschaffen suchen, neben den gymnastischen Übungen auch für gehörige Erhohlungsstunden besorgt sind, und dieses Ausruhen nach der Anstrengung für einen wesentlichen Theil der zu ihrem Zweck erfoderlichen Lebensordnung halten: eben so, glaube ich, ist es den Studierenden zuträglich, ihren Geist, nachdem sie ihn mit ernsthaften und anstrengenden Studien anhaltend beschäftigt haben, ausruhen zu lassen, und durch eine schickliche Erhohlung zu künftigen Arbeiten desto kräftiger und munterer zu machen.

Zu dieser Absicht ist wohl nichts tauglicher, als eine Lectüre, die unter dem Schein, die Seele bloß mit freyen Ergießungen der Laune und des Witzes belustigen zu wollen, irgend einen nützlichen Unterricht verbirgt, und, die Musen gleichsam mit den Grazien spielen läßt. Etwas von dieser Art, hoffe ich, wird man in den gegenwärtigen Aufsätzen finden. Das anziehende, das sie (wie ich mir schmeichle) für die Leser haben werden, liegt nicht bloß in der Abenteuerlichkeit des Inhalts, oder in den drolligten Einfällen und in dem traulichen Ton der Wahrheit, womit ich eine so große Mannichfaltigkeit von Lügen vorbringe: sondern auch darin, daß jede der unglaublichen Begebenheiten, die ich als Thatsachen erzähle, eine komische Anspielung auf diesen oder jenen unserer alten Dichter, Geschichtschreiber und Philosophen enthält, die uns eine Menge ähnlicher Mährchen und Wunderdinge vorgelogen haben; und die ich bloß deßwegen zu nennen unterlasse, weil sie dir unterm Lesen von selbst einfallen werden.

Um aber doch wenigstens ein paar von ihnen zu nennen, so schrieb Ktesias, des Ktesiochus Sohn, von Knidos, in seinem Werke über Indien, Dinge, die er weder selbst gesehen, noch von irgend einem Menschen auf der Welt gehört hatte. Eben so hat ein gewisser Iambulus viel unglaubliches von dem großen Ocean geschrieben, das zu handgreiflich nicht wahr ist um nicht von jedermann für seine eigene Erfindung erkannt zu werden, wiewohl es sich ganz angenehm lesen läßt. Viele andere haben, in eben diesem Geiste, ihre angeblichen Reisen und zufälligen Verirrungen in unbekannte Länder geschrieben, worin sie von ungeheuer großen Thieren, wilden Menschen, und seltsamen Sitten und Lebensweisen unglaubliche Dinge erzählen. Ihr Obermeister und Anführer in dieser kurzweiligen Art die Leute zum Besten zu haben, ist der berühmte Homerische Ulysses, der dem Alcinous und seinen einfältigen Phäaziern eine lange Erzählung vom König Äolus und den Winden, die seine Sclaven sind, von einäugigen Menschenfressern und anderen dergleichen Wilden, von vielköpfigen Thieren, von Verwandlung seiner Gefährten in Thiergestalten, und eine Menge andrer Albernheiten dieses Schlages aufheftet. Ich meines Ortes habe allen diesen wackern Leuten, so viele ihrer mir vorgekommen sind, das Lügen um so weniger übel genommen, da ich sahe daß so gar Männer, welche bloß philosophieren zu wollen vorgeben, es um kein Haar besser machen:Wovon wir im Lügenfreunde auffallende Beyspiele gesehen haben. aber das hat mich immer Wunder genommen, wie sie sich einbilden konnten, ihre Leser würden nicht merken, daß kein wahres Wort an ihren Erzählungen sey. Da ich nun der Eitelkeit nicht widerstehen kann, der Nachwelt auch ein Werkchen von meiner Fasson zu hinterlassen, und wiewohl ich nichts wahres zu erzählen habe, (denn mir ist in meinem Leben nichts denkwürdiges begegnet) nicht sehe warum ich nicht eben so viel Recht zum Fabeln haben sollte als ein andrer: so habe ich mich wenigstens zu einer ehrenfestern Art zu lügen entschlossen als die meiner Herrn Mitbrüder ist; denn ich sage doch wenigstens Eine Wahrheit, indem ich sage daß ich lüge; und hoffe also um so getroster, wegen alles übrigen unangefochten zu bleiben, da mein eignes freywilliges Geständniß ein hinlänglicher Beweis ist, daß ich niemanden zu hintergehen verlange. Ich urkunde also hiemit, daß ich mich hinsetze um Dinge zu erzählen, die mir nicht begegnet sind; Dinge, die ich weder selbst gesehen noch von andern gehört habe, ja, was noch mehr ist, die nicht nur nicht sind, sondern auch nie seyn werden, weil sie – mit Einem Worte – gar nicht möglich sind, und denen also meine Leser (wenn ich anders welche bekommen sollte) nicht den geringsten Glauben beyzumessen haben.

Ich schiffte mich also einsmals zu Cadix ein, und steuerte bey gutem Winde in den hesperischen Ocean. Die Veranlassung und der Zweck meiner Reise war (aufrichtig zu reden) daß ich nichts gescheideres zu denken noch zu thun hatte, und gerne was Neues hätte sehen und dahinter kommen mögen, wo der abendländische Ocean aufhörte, und was wohl für Menschen jenseits desselben wohnten. In dieser Absicht hatte ich dann die zu einer so großen Seefahrt erfoderliche Vorräthe an Lebensmitteln und süßem Wasser an Bord genommen, hatte mir funfzig Cameraden, die gleicher Gesinnung mit mir waren, beygesellt, mich überdieß mit einer großen Menge Waffen versehen, und einen der geschicktesten Piloten unter einem ansehnlichen Gehalt in meine Dienste genommen. Mein Schiff, war eine Art von Jacht, aber doch so groß und stark gebaut als zu einer langen und gefahrvollen Seereise vonnöthen war.

Wir segelten einen Tag und eine Nacht mit günstigem Winde, und wurden, so lange wir noch Land im Gesichte hatten, nicht sehr heftig fortgetrieben: am folgenden Tag aber, mit Sonnenaufgang, wurde der Wind stärker, die See gieng hoch, die Luft verfinsterte sich, und es war uns nicht einmal möglich das Segel einzuziehen. Wir mußten uns also dem Winde überlassen, und wurden neun und siebzig Tage lang vom Sturm herumgetrieben: am achtzigsten aber erblickten wir, mit Anbruch des Morgens, nicht ferne von uns eine hohe und waldichte Insel, an welcher, da der Sturm sich meistens schon gelegt hatte, die Brandung nicht sonderlich heftig war. Wir ländeten also an, stiegen aus, und legten uns, als Leute, die nach so viel ausgestandenem Ungemach froh waren wieder festen Boden unter sich zu fühlen, der Länge nach auf der Erde herum. Endlich, nachdem wir eine ziemliche Zeit ausgerastet hatten, standen wir auf, und wählten dreissig aus unserm Mittel, die beym Schiffe bleiben mußten; die andern zwanzig aber sollten mich tiefer ins Land hinein begleiten, um die Beschaffenheit der Insel zu erkundigen.

Wie wir nun ungefähr zweytausend Schritte vom Ufer durch den Wald fortgegangen waren, wurden wir eine eherne Säule gewahr, auf welcher in halberloschnen und vom Rost ausgefreßnen griechischen Buchstaben diese Aufschrift zu lesen war: Bis hieher sind Bacchus und Herkules gekommen. Auch entdeckten wir nicht weit davon zwey Fußstapfen in dem Felsen, wovon mir der eine einen ganzen Morgen Landes groß, der andere aber etwas kleiner zu seyn schien. Ich vermuthete, daß der kleinere vom Bacchus, und der andere vom Herkules sey. Wir beugten unsre Knie und giengen weiter, waren aber noch nicht lange gegangen, als wir an einen Fluß kamen, der statt Wasser einen Wein führte, den wir an Farbe und Geschmack unserm Chier-Wein sehr ähnlich fanden. Der Fluß war so breit und tief, daß er an manchen Orten sogar schiffbar war. Ein so augenscheinliches Zeichen daß Bacchus einst hier gewesen, diente nicht wenig, unsern Glauben an die vorbesagte Aufschrift zu befestigen. Weil ich aber begierig war zu wissen, wo dieser Fluß entspringe, giengen wir an ihm hinauf, fanden aber keine Quelle, sondern bloß eine Menge großer Weinstöcke, die voller Trauben hiengen, und unten an jedem Stocke rann der Wein in hellen durchsichtigen Tropfen herab, aus deren Zusammenfluß der Strohm entstand. Wir sahen auch eine Menge Fische in demselben, deren Fleisch die Farbe und den Geschmack des Weins, worin sie lebten, hatte. Wir fiengen einige, und schlangen sie so gierig hinunter, daß wir uns einen derben Rausch daran aßen; auch fand sich, wie wir sie aufschnitten, daß sie voller Hefen waren. Doch kamen wir in der Folge auf den Einfall, diese Weinfische mit Wasserfischen zu vermischen; wodurch sie dann den allzustarken Weingeschmack verlohren und ein ganz gutes Gerichte abgaben.

Nachdem wir hierauf den Fluß, an einer Stelle wo er sehr seicht war, durchwadet hatten, stießen wir auf eine wunderbare Art von Reben; von unten auf nehmlich war jeder Stock grünes und knotiges Rebholz; von oben hingegen waren es Frauenzimmer, die bis zum Gürtel herab, alles was sich gebührt in der größten Vollkommenheit hatten; ungefähr so, wie man bey uns die Daphne mahlt, wenn sie in Apollo's Umarmung zum Baume wird. Ihre Finger liefen in Schößlinge aus, die voller Trauben hiengen; auch waren ihre Köpfe statt der Haare mit Ranken, Blättern und Trauben bewachsen. Diese Damen kamen auf uns zu, gaben uns freundlich die Hände, und grüßten uns, einige in Lydischer, andere in Indianischer, die meisten aber in Griechischer Sprache; sie küßten uns auch auf den Mund; aber wer geküßt wurde, war auf der Stelle berauscht und taumelte. Nur ihre Früchte zu lesen wollten sie uns nicht gestatten, und schrien vor Schmerz laut auf, wenn wir ihnen etwa eine Traube abbrachen. Einige von ihnen kam sogar die Lust an, sich mit uns zu begatten; aber ein Paar von meinen Gefährten, die ihnen zu Willen waren, mußten ihre Lüsternheit theuer bezahlen. Denn sie konnten sich nicht wieder loßmachen, sondern wuchsen dergestalt mit ihnen zusammen, daß sie zu einem einzigen Stocke mit gemeinschaftlichen Wurzeln wurden; ihre Finger verwandelten sich in Rebschoße, voll durch einander geschlungner Ranken, und fiengen bereits an Augen zu gewinnen und Früchte zu versprechen.

Wir überließen sie ihrem Schicksal, und eilten was wir konnten unserm Schiffe zu, wo wir unsern zurückgelassnen Cameraden alles erzählten was wir gesehen hatten, besonders auch das Abenteuer der beyden, denen die Umarmung der Reb-Weiber so übel bekommen war. Hierauf füllten wir unsre leeren Fässer theils mit gemeinem Wasser, theils aus dem Weinflusse; und nachdem wir die Nacht nicht weit von dem letzern zugebracht, stachen wir am folgenden Morgen mit einem mäßig frischen Landwinde wieder in die See. Aber um die Mittagszeit, da wir die Insel schon aus den Augen verlohren hatten, faßte ein plötzlicher Wirbelwind unser Schiff, drehte es etlichemal mit entsetzlicher Geschwindigkeit im Kreis herum, und führte es wohl dreytausend Stadien hoch in die Lüfte, setzte es aber nicht wieder auf dem Meere ab, sondern es blieb in der Höhe schweben, und segelte mit vollem Winde über den Wolken daher.

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