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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Während der Tafel ließ sich Apollo auf der Zither hören, Silen tanzte den KordaxDer Kordax war ein komischer Tanz, der sich aus der ältesten Epoche der Komödie herschrieb und die ausgelassene Fröhlichkeit trunkner Personen aus den niedrigsten Classen darstellte. Theophrast in seinen Charaktern vollendet das Bild eines schaamlosen Menschen mit dem Zuge: daß er fähig wäre sogar nüchtern den Kordax zu tanzen. und die Musen standen auf und sangen uns die Theogonien des Hesiodus und Pindars ersten Hymnus. Endlich da wir des Guten satt waren, legten wir uns allesammt wohlbeträufelt auf die Ohren

Ruhig schliefen nunmehr die Götter und irdischen Menschen
Alle die Nacht hindurch: nur ich entbehrte des Schlummers
süßen Genuß –Ilias II. von Anfang, parodiert.

so voller Gedanken war ich über alle die Wunderdinge die sich mit mir zugetragen hatten. Besonders lief mir immer im Kopfe herum, warum dem Apollo in so langer Zeit noch kein Bart gewachsen sey, und wie es im Himmelnehmlich, im Homerischen Himmel, wo es Tag und Nacht wird, wie bey uns. Nacht werden könne, da die Sonne doch in Person gegenwärtig war und mit geschmauset hatte. Indessen schlief ich doch zuletzt ein wenig ein. Aber mit dem frühesten Morgen stand Jupiter wieder auf, und befahl dem Herolde den Götterrath zusammen zu rufen: und sobald sie alle beysammen waren, fieng er folgendermaßen an:

Ich war schon lange willens mich mit euch der Philosophen wegen zu berathen: nun aber, da ich noch besonders durch die von Lunen bey uns geführte Beschwerden aufgefodert bin, habe ich beschlossen, die Erörterung dieser Sache nicht länger aufzuschieben. Wisset also, daß seit nicht gar langer Zeit eine Art von Leuten wie Schaum auf der menschlichen Gesellschaft schwimmen, die sich dieses Nahmens anmaßen, wiewohl sie nichts bessers als ein faules, zänkisches, ruhmgieriges, gallsüchtiges, gefräßiges, hoffärtiges und ungezogenes Gesindel, und, um mich eines homerischen Wortes zu bedienen, eine unnütze Last der Erde sind. Diese Leute, die sonst nichts zu thun haben, als Labyrinthe von Schlußreden, worin sie einander zu fangen suchen, auszudenken, haben sich in verschiedene Rotten getheilt, die unter dem Nahmen der Stoiker, Akademiker, Epikuräer, Peripatetiker und unter andern noch viel lächerlichern Benennungenz. B. Eristiker, die Streitsüchtigen, Cyniker, die Hündischen. bekannt sind. In den ehrwürdigen Nahmen der Tugend eingehüllt, wandern sie mit emporgezogenen Augenbraunen und herabhangenden Bärten in der Welt herum, und verstecken die verächtlichsten Sitten hinter einer übertünchten Aussenseite; den tragischen Schauspielern ähnlich, an welchen, sobald man ihnen die Larve und den goldbesetzten Talar abzieht, nichts als ein armseliges Kerlchen übrig bleibt, das um sieben DrachmenAnspielung auf die Salarien, die der Kayser M. Aurelius den Philosophen von den Secten, die er besonders schätzte, ausgeworfen hatte. Diese Leute waren nun dafür bezahlt, Pythagoren, Sokraten, Platonen, u. s. w. vorzustellen, wie ein Schauspieler um sieben Drachmen den Helden machte. Die Vergleichung konnte für die gravitätischen Herren nicht demüthigender seyn. gedungen ist den Helden zu spielen. Und das sind nun die Menschen, die auf alle andern mit Verachtung herabsehen, von den Göttern abgeschmacktes Zeug schwatzen, und ihre Weltberüchtigte Tugend einem zusammengetriebenen Haufen blöder Knaben mit tragischem Prunke vordeclamiren, und sie die heillose Kunst lehren den Menschenverstand durch spitzfündische Trugschlüsse in Verlegenheit zu setzen. Zwar halten sie vor ihren Schülern der Geduld und der Mäßigung die schönsten Lobreden, und sprechen von Reichthum und Wollust als von den verächtlichsten Dingen: aber wer müßte sich nicht schämen öffentlich zu sagen was sie im Verborgenen thun? – Das unerträglichste dabey ist, daß diese Leute, die weder im öffentlichen noch im Privatleben brauchbar, sondern in jeder Rücksicht die entbehrlichsten aller Menschen sind, und, mit Homer zu reden,

– für nichts in der Schlacht für nichts im Felde gerechnetIlias II. 246.

werden, daß solche Leute sage ich, immer die bittersten Tadler ihrer Nebenmenschen sind, und unter dem angemaßten Charakter öffentlicher Sittenrichter, sich die Erlaubnis nehmen der ganzen Welt Sottisen zu sagen; so daß sich derjenige auf seinen Vorzug nicht wenig einbildet, der am lautesten schreyen und am unverschämtesten schimpfen kann. Fragte man aber einen von diesen Schreyern, und was thust denn du? Was in aller Welt trägst du zum gemeinen Besten bey? – so müßte er, wenn er die Wahrheit sagen wollte, antworten: ich finde zwar nicht nöthig, weder das Feld zu bauen, noch Handelschaft zu treiben, noch Kriegsdienste zu thun, noch von irgend einer Kunst Profession zu machen: aber dafür schreye ich alle Menschen an, lebe im Schmutz, bade mich kalt, steige im Winter mit bloßen Füßen herum, und schicanire, wie Momus, alles was die übrigen Menschen thun. Hat etwa einer von den Reichen ein prächtiges Gastmal gegeben oder hält sich eine Maitresse, so ereifere ich mich und mache ein schreckliches Aufheben davon; liegt hingegen einer meiner Freunde krank und bedarf meiner Hülfe, davon nehm' ich keine Kundschaft. – Nun möcht' ich wohl wissen, ihr Götter, wofür wir ein solches Geschmeiß länger füttern sollten? Übrigens sind diejenigen unter ihnen, die sich Epikuräer nennen, unleugbar die leichtfertigsten unter allen; denn sie vergreiffen sich besonders an uns Göttern, indem sie vorgeben, wir bekümmerten uns nichts um die menschlichen Angelegenheiten, und hätten, überhaupt mit allem was in der Welt geschieht, nichts zu thun. Es ist also hohe Zeit, daß wir ihnen das Gegentheil zeigen: denn wenn es ihnen gelingen sollte das Publikum auf ihre Seite zu bringen, so würdet ihr euch bald zu einer sehr magern Diät bequemen müssen. Wer wird euch mehr opfern wollen, wenn er nichts mehr von euch hoffet? Was die Luna klagbar bey uns angebracht, habt ihr gestern von unserm Gaste vernommen. Rathet also nun was ihr glaubet daß im Betreff alles dessen für die Menschen das nützlichste und für uns selbst das sicherste seyn dürfte!

Kaum hatte Jupiter seine Rede geendigt, als die ganze Versammlung sehr laut zu werden anfieng, und alle aus Einem Munde schrien: blitze! verbrenne! vertilge! zerschmettre sie! donnere sie in den Tartarus, wie die Riesen, hinab! – Stille wieder! rief Jupiter: euer Wille soll geschehen, ihr Götter! sie sollen alle an den Spitzen – ihrer eigenen Dialektik zerschmettert werden! Nur muß ich der Vollstreckung des Urtheils noch Anstand geben; denn wir haben, wie ihr wißt, die nächsten vier Monate über, FerienDa bey den Göttern alles so menschlich zugeht, so halten sie auch die auf Erden gewöhnlichen Justizien. Vermuthlich spielt Lukian auf irgend eine damalige ausserordentliche Suspension der Criminalgerichte an, deren nähere Umstände unbekannt sind. und ich habe den Stillstand der Gerichte schon angekündigt. Sie haben also diesen Winter Frist! Aber auf nächstkommendes Frühjahr soll das heilige DonnerwetterKenner des Griechischen werden den bürlesken Ton fühlen, womit Lukian den Jupiter sagen läßt: κακοὶ κακω̃ς απολου̃νται τω̃ σμερδαλέω κεραυνω̃ [die schlimmen Buben werden ein schlimmes Ende finden durch den furchtbaren Donnerkeil]! Es liegt hauptsächlich in dem Homerischen Beyworte des Blitzes, und mußte im Teutschen nothwendig durch eine eben so bürleske Redensart ersetzt werden. die Buben alle in die Erde schlagen!

Also sprach Kronion, und nickte dazu mit den schwarzen
Augenbraunen –Ilias I. 528, wo wir in den drey vorgehenden Versen auch von der Wichtigkeit und unfehlbaren Wirkung dieses Nickens unterrichtet werden.

Was den Menippus betrift, setzte er hinzu, so dünkt mich das beste, wir lassen ihm, damit er nicht einmal wiederkommet, die Flügel stutzen, und Merkur trage ihn heute noch auf die Erde zurück. Mit diesen Worten entließ er den Götterrath. Mich aber packte Cyllenius beym rechten Ohre, und setzte mich gestern Abend im Ceramikus ab. Und so hätte ich dir dann alles erzählt, lieber Nachbar, was ich Neues aus dem Himmel mitgebracht habe. Ich gehe nun, um den Philosophen die dort in der Pözile spatzieren diese gute Botschaft anzukündigen.

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