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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In kurzem kam mir auch der Mond sehr klein vor, und die Erde verbarg sich gänzlich hinter ihm. Ich ließ die Sonne rechter Hand liegen, flog mitten durch die Sterne, und langte am dritten Tage vor der Reede des Himmels an. Weil ich, meines Einen Geyersflügels wegen nicht hoffen durfte für den Adler Jupiters angesehen zu werden, wollte ich es nicht wagen geradezu in die Götterburg hineinzufliegen, und klopfte also an der Pforte an. Sogleich kam Merkur heraus, fragte mich nach meinem Nahmen, und eilte Jupitern die Anzeige zu thun. Es währte nicht lange, so ward ich hineingerufen. Mit Zittern und Beben trat ich in den Audienzsaal, wo ich die Götter alle versammelt, und über meine seltsame Reise selbst ein wenig betroffen fand; vermuthlich aus Besorgnis, daß in kurzem das ganze menschliche Geschlecht auf diese Weise bey ihnen angeflogen kommen möchte. Jupiter aber warf einen fürchterlich grimmen und titanischen Blick auf mich, und sprach:

Sage, wer bist du? dein Vaterland wo? wer deine Erzeuger?Odyss. XI. 170.

Es fehlte wenig, daß ich nicht vor Schrecken über diese Anrede auf der Stelle gestorben wäre. Ich stand verblüft und verstummend da, als ob mich der Donner gerührt hätte: doch nahm ich mich endlich zusammen, und erzählte die ganze Geschichte, von Anfang an: wie groß mein Verlangen gewesen die überirdischen Dinge kennen zu lernen; wie ich mich an die Philosophen gemacht und was für widersprechende Dinge ich von ihnen gehört hätte, wie ich darüber in Verzweiflung gerathen, den seltsamen Einfall auf den ich endlich verfallen und wie ich mir Flügel angesetzt, und meine ganze Reisegeschichte bis hieher. Schließlich fügte ich noch den Auftrag hinzu womit mich Luna beladen hatte. Jetzt ließ Jupiter die Augenbraunen ein wenig sinken, und sagte lächelnd: was soll man nunmehr gegen Otus und EphialtesZwey Giganten, Söhne des Tartarus und der Erde, deren jugendlich-kühne Unternehmung gegen die Götter Apollodor in seiner Mythologischen Bibliothek B. I. Cap. 6. erzählt. sagen, da sogar Menippus die Verwegenheit gehabt hat den Himmel zu ersteigen? Doch für heute, fuhr Se. Majestät fort, bist du unser Gast: Die Geschäfte wegen deren du gekommen bist, wollen wir morgen vornehmen, und dich sofort wieder in Gnaden entlassen. Mit diesem Worte stand er auf, und begab sich nach dem Theile der Himmelsburg, wo er die Gebete der Sterblichen anzuhören pflegt. Im Hingehen fragte er mich, wie es gegenwärtig auf der Erde stehe? Was der Weizen gelte? Ob der letzte Winter hart gewesen sey, und ob das Gemüse etwas mehr Regen vonnöthen habe? Sodann, ob noch jemand von der Nachkommenschaft des Phidias vorhanden sey, und warum die Athenienser, die ehemals alle Jahre gefeyerten DiasiaEin Fest Jupiters, wie der Nahme ausweiset. unterbrochen hätten? Ferner: ob sie denn ihren Olympischen Tempel nicht auszubauen gedächten?Eine alte Sage machte den Deukalion zum Stifter dieses Tempels. Der wahre erste Erbauer war Pisistratus; aber weder er noch seine Söhne konnten das angefangene Werk vollenden. Der Bau blieb mehrere Jahrhunderte liegen, oder wurde doch immer unterbrochen, bis ihn endlich Kayser Hadrianus wieder vornahm und zu Stande brachte. Da Menipp im Jahrhundert Alexanders d. Gr. lebte, so war die Frage Jupiters eben so natürlich, als der Antheil den er an der Nachkommenschaft des Phidias nimmt, der sich durch die Weltberühmte Bildsäule um seine Gottheit so verdient gemacht hatte. und ob die Räuber des Tempels zu Dodona ergriffen worden seyen? – Als ich auf alles dieses geantwortet, fuhr er fort: Nun wohlan, Menippus, sage mir einmal offenherzig, was denken die Menschen von mir? – Was anders, Gnädigster Herr, antwortete ich, als das religiöseste was sie nur immer denken können, daß du der König aller Götter bist. – Das sollst du mir nicht weiß machen, versetzte Jupiter. Ich weiß sehr gut, wenn du mirs gleich verhehlen willst, wie geneigt sie in allen Dingen zu Neuerungen sind. Es war freylich eine Zeit, wo ich ihr Wahrsager, ihr Arzt, ihr Alles in Allem war.

da waren alle Straßen, alle Märkte noch
        voll Jupiters –Anspielung auf die ersten Verse eines astronomischen Gedichtes des Aratus.

Da glänzte noch Dodona und Pisa über alle Tempel der Welt hervor; aller Menschen Augen waren dahin gerichtet, und es wurden mir der Brandopfer so viele gebracht, daß ich vor Rauch kaum die Augen aufthun konnte. Aber seitdem Apollo seine Wahrsagerbude zu Delfi und Äskulap seine Apotheke zu Pergamus errichtet hat; seitdem es einen Tempel der Bendis in Thrazien, des Anubis in Egypten und der Diana zu Ephesus giebt: seitdem läuft alles dahin; die Feste, die man ihnen zu Ehren feyert, und die Hekatomben, die man ihnen schlachtet, nehmen kein Ende; mich betrachtet man als einen alten abgelebten Mann, dem man noch übrig genug Ehre erweist, wenn man ihm in fünf ganzen Jahren ein paar Stiere zu Olympia opfert. Daher wirst du auch finden, daß sogar Platons Gesetze und Chrysipps Syllogismen nicht kälter sind als meine Altäre.Lukian scheint hier einen vorsetzlichen Anachronismus zu machen, und der Zeit des Menippus den Geist seiner eigenen unterzuschieben.

Während dieses Gespräches langten wir an dem Orte an, wo er sich setzen und den Menschen Audienz geben mußte. Es waren da der Ordnung nach eine Anzahl von Öfnungen, der Mündung eines Brunnens ähnlich, angebracht, die mit Deckeln versehen waren, und neben jeder stand ein goldner Lehnstuhl. Jupiter setzte sich nun auf den ersten Stuhl, hob den Deckel auf, und gab den Betenden Gehör. Nun stiegen aus allen Gegenden der Erde der Gebete viel und mancherley empor, die zum Theil unmöglich zugleich gewährt werden konnten. Ich bückte mich ebenfalls von der Seite nach der Öfnung hin, und da hörte ich: O Jupiter, laß mich König werden! O Jupiter, laß meine Zwiebeln und Knoblauch gedeihen! O Jupiter, laß meinen Vater bald von hinnen fahren! – Ein andrer rief: wenn ich doch meine Frau bald beerben könnte! Noch ein andrer: möchte mein Anschlag gegen meinen Bruder wohl von statten gehen! Ein dritter bat um einen glücklichen Ausgang seines Rechtshandels, ein vierter wollte zu Olympia gekrönt seyn. Ein Schiffer bat um Nordwind, ein anderer um Südwind; ein Bauer um Regen, ein Walker um Sonnenschein. – Vater Jupiter hörte alles an, und, nachdem er jede Bitte genau untersucht hatte,

Sprach er zu einigen Ja, und winkte Nein zu den andern.Ilias XVI. 250.

Die gerechten Bitten wurden durch die Öfnung eingelassen und zur rechten Hand gelegt: die ungerechten und vergeblichen aber blies er, ehe sie den Himmel noch erreicht hatten, wieder zurück. Bey einer einzigen sah ich ihn zweifelhaft. Zwey Partheyen verlangten zu gleicher Zeit widersprechende Dinge, und versprachen beyde gleiches Opfer. Da es ihm also an einem Bestimmungsgrunde fehlte, warum er den einen oder den andern hätte erhören sollen: so gieng es ihm wie den Akademikern; er wußte nicht wozu er Ja sagen sollte, und war genöthigt auf gut Pyrrhonisch seine Meynung zurückzuhalten und sich mit einem wir wollen sehen aus der Sache zu ziehen.

Wie er sich mit den Gebeten lange genug beschäftiget hatte, stand er auf und setzte sich auf den zweyten Stuhl zu der zweyten Öfnung, um den Eidschwörenden seine Aufmerksamkeit zu geben. Als er damit fertig war, und bey dieser Gelegenheit den Epikuräer Hermodorus mit einem Donnerkeile zerschmettert hatte, begab er sich auf den dritten Stuhl wo alle Ahnungen, Vorzeichen und Augurien zur Audienz kamen. Von diesen rückte er zur vierten fort, durch welche der Rauch der Opfer aufstieg, und ihm den Nahmen eines jeden Opfernden zuflüsterte. Als auch diese expediert waren, wurden die Winde und Gewitter vorgelassen, und einem jeden Befehl gegeben, was sie zu thun hätten; als: heute soll es bey den Scythen regnen, bey den Africanern blitzen, bey den Griechen schneyen! du, Boreas, blase durch Lydien! du, Südwind, sollst Rasttag haben! der Westwind wird auf dem Adriatischen Meere stürmen! Auf Kappadozien sollen ungefehr tausend Malter Hagel fallen! – und dergleichen.

Wie er alle diese Geschäfte abgethan hatte, war es eben Zeit zur Tafel zu gehen. Merkur, (der den Hofmarschall im Himmel macht) wies mir meinen Platz beym Pan und den KorybantenDiese Korybanten sind nicht die Priester der Cybele, dieses Nahmens, sondern die Kuretes, eine Art von Halbgöttern, die als Knaben dem Jupiter in seiner Kindheit Gesellschaft leisteten, und von welchen, in dieser Rücksicht, allerley gefabelt wurde., zwischen AtysAtys oder Attys, der Liebling der Cybele. S. das 12te der kleinen Göttergespräche. Er wurde blos in Phyrgien als eine Art von Halbgott verehrt. und Sabazius10 Gewöhnlich wird Sabazius für einen in Thrazien üblichen Beynahmen des Bacchus gehalten. es ist aber aus dieser Stelle klar, daß Lukian mit diesem fremden und morgenländisch klingenden Nahmen einen andern Gott von ausländischer Herkunft und zweideutigem Rang bezeichnen will. , als neuangeseßnen Göttern von etwas zweydeutiger Herkunft, an. Ich wurde von der Ceres mit Brodt, vom Bachus mit Wein, vom Herkules mit Fleisch, von der Venus mit Myrten, und vom Neptun mit Sardellen regaliert. Ich kostete aber auch heimlich vom Ambrosia und Nektar: denn der schöne Ganymed war so menschenfreundlich, mir ein paarmal, wenn Jupiter auf eine andere Seite sah, ein Schälchen mit Nektar zuzuschieben. Die Götter aber (wie schon Homer sagt, der vermuthlich, ebenso gut wie ich, mit eignen Augen gesehen hat wie es hier zugeht)

essen kein Brodt, und trinken den purpurnen Wein nicht

sondern nähren sich mit Ambrosia und berauschen sich in Nektar; am liebsten aber schlürfen sie den Rauch von Brandopfern und den warmen Dunst vom Blute der Opferthiere ein, womit die Altäre begossen werden.

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